Montag, 16. Juli 2018

Über Blösse, Scham und Geheimnis









Andere Version in NZZ, 16.7.2018



Der Online-Exhibitionismus grassiert. Wir entblössen uns in den einschlägigen Social Media ungehemmt und schamlos, und zugleich wissen wir, dass wir uns dadurch umso mehr einem Blick „von aussen“ aussetzen. Vielen scheint das wenig auszumachen. Sich darstellen, ausstellen, blossstellen: einerlei. Die Klagen über unsere digitale Durchsichtigkeit und deren Ausbeutung durch einschlägige Unternehmen sind schon tägliches mediales Ritual, ständig zollen wir Lippenbekenntnisse zur dringenden Datenkontrolle. Aber die Schwemme an digitalem Spielzeug, das eine immer engere „Verbundenheit“ verspricht, lässt den Bereich des Privaten zusehends schrumpfen. In der neuen digitalen „Öffentlichkeit“ verändert sich unser Sinn für Intimität und Scham auf eine tiefgreifende Weise -  zu unserem Schaden?

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Dem Blick „von aussen“ entspricht ein „äusseres“ Selbst: die Person, die wir gegenüber anderen darstellen, eine soziale Maske. Sie ist ein Vehikel der Konformität. Unser zwischenmenschlicher Umgang ist grösstenteils die Begegnung solcher äusseren Selbste. Ich weiss zwar, dass die andere Person, die ich „von aussen“ kenne, nicht die ganze Person ist. Ein Teil von ihr ist mir verborgen, und ich akzeptiere das auch. Nun enthält mir ja die andere Person in der Regel nicht willentlich etwas vor oder täuscht sie mich; vielmehr basiert das soziale Leben zu einem wesentlichen Teil auf dieser Nichtkenntnis der anderen Person. Wir alle tragen ein Stück Undurchsichtigkeit in uns und wir brauchen das. Pointiert: Das Spurenelement Undurchsichtigkeit in dir macht dich für mich im wahrsten Sinn zur eigenständigen Person. Man erinnert sich hier an die Worte von Max Frisch: „Wir lieben ihn (den andern Menschen, Anm.E.K.) einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen, in allen seinen möglichen Entfaltungen.“ Der Anspruch, die andere Person zu sehr zu kennen, erstickt die Liebesbeziehung: „Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose. Der Verrat.“

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Natürlich benötigt der soziale Verkehr eine „glatte“ Oberfläche. Man bekleidet sich quasi mit bestimmten Verhaltensformen, und selbst Porno-Schauspieler sind so gesehen in ihrer „expliziten“ Berufsblösse bekleidet. Wie Richard Sennett in seinem Buch über den Verfall des öffentlichen Lebens schreibt, schützt eine solche Oberfläche die Menschen voreinander und ermöglicht es ihnen zugleich, „an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden“. Das kann immer auch in die Verlogenheit abgleiten, deren zeitgemässe Abart wir in der politischen Korrektheit beobachten. Aber sich „glatt“ zu benehmen verrät nicht einfach Unehrlichkeit oder täuschende Absicht, ebenso wenig, wie uns Kleider unsere Nacktheit „verraten“. Wir wissen, dass die andere Person unter ihren Kleidern nackt ist, und wir wissen, dass sie unter ihrem sozial gezeigten Verhalten ein Innenleben führt, das diesem Verhalten vielleicht widerspricht – aber es geht uns nichts an, oder vielmehr: es geht uns nur insoweit etwas an, als es sich dem Blick „von aussen“ aussetzt. Allein schon das Bewusstsein, dass dieser Blick nicht durch die Oberfläche dringt, ermöglicht uns ein relativ „abgedichtetes“ Innenleben.

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Nun weitet sich allerdings das Gesichtsfeld des Blicks „von aussen“ stetig ins Innere. Das Internet ist ein elektronisches Panoptikum ohne Zentrum. Wir fühlen uns von überall und nirgendwo beobachtet. Die Beobachter können leibliche Menschen sein oder auch Bots. Wir leben online in einem Zustand des permanenten Exponiert­seins.

Der Blick „von aussen“ wird heute technisch gewaltig aufgemöbelt. Es gibt Apps, die mich über meinen aktuellen physischen Zustand informieren; Apps, die eine „Mood“-Analyse durchführen, um festzustellen, in welcher Stimmung ich mich gerade befinde (ich muss das selber gar nicht mehr wissen); Apps, die mich daran hindern, unüberlegte oder beleidigende Mails zu versenden; Apps, die mich zu „vernünftigem“ Ess- und Trinkverhalten anstiften; Apps, die aus meinen Daten ein psychosoziales Profil erstellen, anhand dessen ich dann der Situation entsprechend auftreten kann: in der Prüfung, im Bewerbungsgespräch, in der Vertragsverhandlung, in der politischen Debatte. Arianne Huffington von der „HuffPost“ lancierte vor einigen Jahren das Projekt eines „GPS für die Seele“, eines moralischen Kompasses durchs Leben. Bleibe die Seele, wo sie will.

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Dadurch, dass wir uns völlig dem Blick „von aussen“ ausliefern, riskieren wir, eine bisherige Grundlage der Moral zu unterhöhlen. Scham setzt unser Innenleben quasi unter moralische Spannung. Man könnte die Logik des Schamempfindens auf die Formel bringen: Ich hätte etwas besser wissen können, aber ich habe wider besseres Wissen gehandelt. Ich hätte wissen können, dass das Nachäffen deiner Sprachbehinderung dich kränkt, und trotzdem habe ich es getan. Scham macht den Konflikt zwischen innerem und äusserem Selbst akut: Du hast Mist gebaut!
Scham setzt immer auch einen Commonsense darüber voraus, was man sagt und nicht sagt, was man zeigt und nicht zeigt. Die Grenzen werden durch Anstandsnormen gezogen, sie sind nie scharf, und sie sind stets kulturell abhängig. Die „Kultur“ der Social Media hebt sie zunehmend auf. Anstelle des inneren Beobachters tritt die Crowd. Sie trägt die Scham von aussen an eine Person heran, als öffentliche Beschämung. Riskant daran ist, dass die moralische Spannung zwischen innerem und äusserem Selbst zusammenfällt. Man ist ganz und gar durch den Blick „von aussen“ definiert. Man entblösst sich ohne Scham, weil man nichts zu verbergen hat.

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Michel Foucault beschreibt in seiner Geschichte der Sexualität detailreich, wie unser intimes Leben traditionell in der Sprache des Bekenntnisses verhandelt wurde. Das Busssakrament zum Beispiel fordert den Beichtenden auf, seine Seele zu entblössen, tief in sich einzutauchen, um die Wahrheit in ihrer ganzen oft hässlichen und schmutzigen Nacktheit ans Licht des vergebenden Blicks „von aussen“ zu fördern. Später verschob sich dieses Entblössen vom Religiösen ins Säkulare, in Praktiken wie Bekenntnisliteratur, medizinische Atteste oder Psychoanalyse. Aber immer noch wirkt der kategorische Imperativ: Zeige dich!.

Generell etabliert sich in den Social Media heute eine neue Art von Entblössungszwang –Foucault würde sagen: eine „Diskursifizierung“ der Intimität. Wer sich nicht ständig mitteilt, wer nicht mit anderen teilt, wer nicht „Me too“ hinausposaunt, ist out. In diesem Universum des inkontinenten Sich-äusserns gilt als lichtscheu und suspekt, wer sich zurückhält. Er könnte etwas verbergen, und Verbergen ist die Erzsünde der Netzgemeinschaft. Übrig bleibt der total „entborgene“ Mensch. Mit schamloser Brutalität geilt er sich an der Party öffentlichen Beschämens auf. Andere am Pranger des Shitstorms blosszustellen gehört zur infamen Rückseite des Schamverlusts.

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In einem schlanken Essay aus dem Jahre 1906 gibt der Philosoph und Soziologe Georg Simmel dem „durch positive oder negative Mittel getragene(n) Verbergen von Wirklichkeiten“ einen geläufigen Namen: Geheimnis. Schamlosigkeit und Geheimnislosigkeit gehören zusammen. „Das Geheimnis ist eine der grössten geistigen Errungenschaften des Menschen,“ schreibt Simmel.  Und er spricht vom „kindischen Zustand, in dem jede Vorstellung sofort ausgesprochen wird, jedes Unternehmen allen Blicken zugänglich ist.“ Höchst aktuelle Worte. Wenn wir einmal unsere „schamlose“ Kindheit hinter uns gelassen haben und den Unterschied zwischen Ich und den anderen allmählich in den Griff bekommen, setzt eine subtile Psychodynamik von Öffnen und Verbergen ein. Genau so wie man einen Menschen, der einem etwas sagt, kennen lernen möchte, gehören Grenzen des Kennenwollens zum Kernbestandteil erwachsener persönlicher Beziehungen. Umgekehrt liesse sich daraus folgern, dass eine Lebensform, welche geradezu frenetisch diese Grenzen einzureissen sucht, sich auf dem besten Weg zum „kindischen Zustand“ befindet – also zur Unmündigkeit.












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