Montag, 17. April 2017

Das Schimpftier





Gekürzte Fassung in NZZ 13.4.2017


Von der Vershittung und Verfuckung der Sprache


Das Heiliger-Fick-Scheiss-Nigger-Prinzip
Womöglich wird ein Baby schon bald als erstes Wort „shit“ oder „fuck“ von sich geben. DieVershittung und Verfuckung der Sprache ist endemisch. Erleben wir eine Zeit, in welcher der Unterleib zurückschlägt; einen Backlash des Obszönen, nachdem der Neo-Puritanismus einer prüden politischen Korrektheit uns das Lästermaul zu verbieten suchte? Dabei ist das Phänomen der Lalochezie - des “Wörterscheissens“ als emotionalem Ventil  -  durchaus bekannt (lalia: „Rede“; khézō: „defäkieren“).

Aufschlussreich ist schon die Etymologie. Man führt „obszön“ auf „caenum“ (Dreck) zurück, dann aber auch auf „scaena“ (Bühne): Dreck auf der Bühne, Widerwärtiges in der Öffentlichkeit, explizit Dargestelltes also („explicit“ ist im Englischen ein Wort für Pornographie). Grob gesehen kann man vier Gravitationszentren des Obszönen unterscheiden: das Heilige, den Körper, die Reinheit und den Stamm. Daraus leiten sich die Beschimpfungsvarianten ab: Entheiligen, Sexualisieren, Beschmutzen und Verunglimpfen. Der amerikanische Kognitionswissenschafter Benjamin K. Bergen, der gerade ein Buch mit dem aparten Titel „What the F“ veröffentlicht hat, nennt dieses Kategorisierungsschema unzimperlich das „Holy-Fuck-Shit-Nigger-Principle“.[1]

Entheiligen
Das Holy-Prinzip ist auch bekannt als Profanierung. Profan bedeutet ursprünglich „vor dem heiligen Ort“: ausserhalb des Sakralen. Entzieht man also ein geweihtes Wort diesem Schutzbereich, ist das so, als würde man ihn betreten und entweihen. Das Holy-Prinzip funktioniert natürlich nur in religiös geprägten Gesellschaften mit ihren Tabus. Man braucht nicht gleich an den Islam zu denken. Das europäische Mittelalter stand ganz im Zeichen des Heiligen und kaum etwas war schlimmer, als wenn man „Bei Gott“ fluchte. Ganz schlimm: „Bei den Nägeln Gottes!“ Man enthüllte nicht nur Christus’ Körper im Himmel, man fügte ihm auch Schmerzen zu, als risse man seine Nägel aus. „Tear me no more/My wounds are sore/ Leave swearing therefore,“ mahnt ein Gedicht aus dem Jahre 1509 den Fluchenden.


Sexualisieren
Das Obszöne wandelt sich mit der Zeit und dem soziokulturellem Kontext. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts tabuisiert man in Europa nicht den Körper Gottes, sondern jenen des Menschen. An die Stelle der Profanierung treten das Fuck- und das Shit-Prinzip. Darin  spiegelt sich zunächst einmal das ambivalente Faszinosum des Sexuellen: verboten und begehrt, unrein und verehrt, sittsam verhüllt und unsittlich enthüllt – das allgemeine Merkmal tabuisierter Dinge. Schon im alten Rom – nicht gerade bekannt als Ort des Züchtigen – galt die explizite Nennung von Genitalien und entsprechenden sexuellen Akten als schlimme Obszönität. Das obszöne Wort ist „nackt“ - „nuda verba“ - , als ob mit ihm auch die bezeichneten Schamteile sichtbar würden. Das dürfte die Verbreitung des einschlägigen Wortschatzes nur befördert haben. Was „fuck“ heute, war damals „futuo“.

Beschmutzen
Das Shit-Prinzip zieht uns in den Dreck. Dreckwörter atmen den Geruch des Körperlichen, seiner Ausscheidungen, Ausflüsse, Ausdünstungen. Aber eigentlich ist Dreck im übertragenen Sinn gemeint. Reinheit, so schrieb die britische Anthropologin Mary Douglas, ist nicht primär eine Kategorie der Hygiene, sondern des kulturellen Schutzes. Mit Schmutz verbindet schon der Primitive das, was eine Ordnung gefährdet oder was nicht eindeutig ist. Wer sich zweideutig ausdrückt, hat nicht nur einen schmutzigen Mund, sondern womöglich schmutzige, subversive Absichten. Katholische Priester wurden im protestantischen England des 16. Jahrhunderts der zweideutigen Rede verdächtigt, verfolgt und sogar hingerichtet.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Dreck, so sagt man, ist Materie am falschen Ort. Bewirft man jemanden mit Dreckwörtern, signalisiert man zugleich immer auch, dass er am falschen Ort steht, und zwar aus den diversesten Gründen: ethnische Zugehörigkeit, Religion, Hautfarbe, Nationalität, Alter, politische Gesinnung, Gender, wirtschaftlicher Status, physisches oder intellektuelles Vermögen, und was auch immer. Und hier wird es mulmig.

Verunglimpfen
Das Nigger-Prinzip ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, seit sie in Stämmen den Planeten bevölkert. Mit dem Stamm kommt die Stammeszugehörigkeit, und mit ihr das Beschimpfen des Anderen als Nichtzugehörigen. Einen ersten Höhepunkt der Arroganz fand das Nigger-Prinzip im klassischen antiken Schimpfwort „Barbar“: jener, der nicht die griechische Sprache spricht. Auch hier erkennen wir das Merkmal des Schmutzes, des Fehl-am-Platz-seins. Der Nigger gehört nicht zu uns. Zur Stigmatisierung eignen sich nicht nur rassische Eigenheiten – Schlitzauge, Kanake, Kaffer, Kike (amerikanisch für Jude) -, sondern generell kulturelle Andersartigkeiten wie Esssitten – Tacofresser, Makkaroni, Maiser, Kraut -; soziale Herkunft – Prolo, Fremdarbeiter, Redneck, Cotton Picker -; Randgruppen und Minderheiten – Hartzer, Grufti, Junkie, Penner – ; mentale Defizienz - Mongo, Spasti, Sperg, Tard (englisch, Abkürzung für „asperger“ und „retarded“). Der Stigmakatalog liesse sich bis zum Brechreiz erweitern.

Es geht immer um das gleiche: Grenzen ziehen und ausgrenzen. Grenzenlos ist dagegen die Phantasie, mit der diesem Prinzip gefrönt wird. Das zeigt sich gerade heute, in den kulturell zersplitterten Gesellschaften. Es gibt ja immer mehr „andere“. Und je mehr „andere“ es gibt, desto mehr Kreativität muss in das Abstecken des eigenen Habitats investiert werden. Das Schimpfwort erhält seine Funktion als Waffe im kulturkämpferischen Hauen und Stechen.

Das Kapitän-Haddock-Prinzip
Dennoch: Schimpfen ist gut und gibt eine gute Laune. Psychologen sprechen von der kathartischen und stressabbauenden Wirkung. Jeder hat auch sein Privatvokabular an Invektiven, wie etwa die entsicherte cholerische Granate Kapitän Haddock. Hier eine kleine Auswahl: Vegetarier, Technokrat, Bahnhofspenner, Karnikel, Sandfloh, Rollschwanz­affe, Knastologe, Höllendackel, Pantoffeltierchen, Mückenhirn in Aspik, gummibeiniger Satansbraten.[2]

Soviele Zungen, soviele Flüche. Die meisten von uns tragen wohl die biografische Erbschaft ungoutierter Erfahrungen oder Bekanntschaften mit sich herum, die sich sehr gut als Reservoir für idiosynkratisches Lästern eignet. Ohne hier nun ganze Berufsgruppen in Harnisch bringen zu wollen, erlaube ich mir en passant ein kleines Comingout: Mein privater Schimpfwortschatz umfasst unter anderem „Sekundarlehrer“ und „Betriebsökonom“; nicht besonders originell, ich weiss, aber bei Gelegenheit ganz passend und Erleichterung verschaffend. Grundprinzip: Man reisst das Wort aus seinem Normalgebrauch. Als Ausruf verwendet -  „Du Sekundarlehrer, du!“ – kann es irritieren, ohne dass der Angesprochene eigentlich genau weiss, was gemeint ist und wie ihm geschieht – und ich selber ventiliere meinen psychischen Dampfdruck und habe erst noch Huere-Spass dabei.

Von „Nigger“ zu „Nigga“
Umgekehrt funktioniert das Prinzip auch: Man verschafft dem Schimpfwort einen neuen Normalgebrauch, man nimmt es in eigenen Besitz. Schwule nennen sich Schwule und „entschimpfen“ dadurch das Wort; desgleichen die Lesben, englisch „dykes“. Als „Dykes on bikes“ bezeichnen sich Motorradfahrerinnen in den USA jetzt stolz und genderbewusst. Oder Rapper nennen sich „Nigga“. Wie der verstorbene Tupac Shakur, eine Galionsfigur der Rapper-Szene, erklärte: „Nigger waren die, die am Seil von den Bäumen hingen; Nigga sind jene, die goldene Seile am Hals tragen und in den Clubs herumhängen.“ „Nigga“ hat es sogar schon zum Pronomen-Status geschafft: „A nigga proud of myself“ bedeutet „Ich bin stolz auf mich“. Das kann allerdings nur ein Nigga sagen.

Die neue Schmäh-und-Hassrede
Im Schimpfen sagen wir das Unsagbare. Wichtig ist ein gewisser kreativer Imperativ. Heute stellen Sprachforscher – „Malediktologen“ - wie Roland Ris oder Reinhold Aman eine Verarmung fest. Ein Schimpfwort bezieht den Punch aus seiner Tabuisierung. Enttabuisieren wir es, leidet es an invektivem Muskelschwund. So auch die Wörter aus der Fuck-und-Shit-Kategorie.

Das hat eine unliebsame, ja gefährliche Konsequenz. Moderne Gesellschaften bauen auf das „Tabu“ der Unantastbarkeit der Person, des Respekts vor dem Anderen (Immanuel Kant sah sogar etwas säkular Heiliges darin). Das neue Schimpfen bricht mit diesem Tabu. Gegenwärtige Schmäh-und-Hassrede bezieht ihre Energie grösstenteils aus der offensiven Verunglimpfung des Andersartigen. Wenn es früher hiess „On est toujours le juif de quelqu’un“, so wird jetzt Finde-deinen-Nigger nachgerade zum Gesellschaftspiel. Nigger: das können auch Behinderte sein, Alte, Marginalisierte, Verlierer, Migranten, Fans der gegnerischen Mannschaft. Das Nigger-Prinzip eignet sich vorzüglich als verbale Vorschule zu physischer Gewalt. Es sitzt urhirntief in unseren Schädeln. Und mit Verboten entzieht man ihm nicht den Boden, sondern ebnet ihn.

Holy-Fuck-Shit-Nigger-Politician
Möglicherweise böte eine weitere Schimpfkategorie Gelegenheit zum kreativen Dampfablassen: die Politik, vor allem auf Twitter. Der gegenwärtige Präsident der USA twittert ja, als hätten die Nerven ihn und nicht er die Nerven unter Kontrolle. Anlässlich seines Schottlandbesuchs 2016 verlautete er: „Just arrived in Scotland. Place is going wild over the vote. They took their country back, just like we will take America back. No games!“ Worauf ein ganzer Güllentank an Tiraden sich über ihn ergoss, etwa: „Du könntest nicht realitätsfremder sein, als wenn Nessie dich in den Arsch gebissen hätte“; „polyester cockwomble“ (Vollidiot aus Polyester“); „weaselheaded fucknugget“ („wieselköpfiger Fickbrocken“) oder „tiny fingered, cheeto-faced, ferret wearing shitgibbon“ („winzigfingriger, chipsgesichtiger Scheissgibbon mit Frettchen auf dem Kopf“); „bolt ya hamster heedit bampot, away and boil yer napper“ (schottisch für „hau ab, hamsterköpfiger idiotischer Hooligan, und geh deinen Schädel brühen“).[3]

Inzwischen genügt bei vielen Politikern allein die Namensnennung oder Verballhornung. Legendär schon der SPD-Politiker Herbert Wehner, der den CDU-Mann Jürgen Wohlrabe in „Übelkrähe“ umtaufte. „Idi Alpin“ für Franz Josef Strauss ist auch nicht von schlechten Eltern. Oder „Silvio Siliconi“. Heute spricht man von „Angüla Mürkel“, der „Erdo-Gans“. „Erdoganen“: jede Kritik als Terrorismus abtun. Gut möglich, dass „Du Freysinger!“ schon bald zur Beleidigung erblüht, gerade in der „Üsserschwiiz“.

Dank Politikern schlägt die Kreativität des Schmähens Purzelbäume. Man werfe einen Blick in den „Urban Dictionary“[4]; oder in die deutsche „Mund Mische“[5]. Guter Geschmack ist hier natürlich nicht die Leitlinie, wie überhaupt in den Feuchtzonen der Sprache. Nicht selten stösst man auf bloss Widerliches. Wie in der Politik eben.









[1]    Benjamin K. Bergen: What the F, New York, 2016. Historisch ergänzend und sehr instruktiv ist Melissa Mohr: Holy Shit. A Brief History of Swearing, Oxford University Press, 2013.
[2]    Einen amüsanten Einblick in Haddocks Invektivenwortschatz gibt Albert Algoud: Hunderttausend Höllenhunde: Haddocks Einmaleins des Fluchens, Carlsen, 1999.
[3]      https://qz.com/716915/donald-trumps-visit-to-scotland-inspired-some-very-creative-british-profanity/
[4]      http://www.urbandictionary.com
[5]      https://www.mundmische.de/lexikon/

Sonntag, 26. März 2017

Über intelligente Dummheit









NZZ, 23.3.2017




Plötzlich erweisen sich uralte Schriften als brandaktuell. Zum Beispiel der „Grosse Alkibiades“, ein griechischer Dialog, verfasst vor zweieinhalb Jahrtausenden, dem platonischen Kreis zugerechnet. Alkibiades, Spross einer noblen athenischen Familie, ein ehrgeiziger Jüngling mit Drang zum politischen Leben wird von Sokrates in einen Dialog über gute Staatsführung verwickelt. Wie üblich, zerzaust Sokrates die unreife Voreingenommenheit des jungen Mannes, der gestehen muss, dass er eigentlich nichts wisse über die Voraussetzungen guter Politik. An einer entscheidenden Stelle redet Sokrates dann Fraktur.
Sokrates:     Wie nun? Weisst du etwas Wichtigeres zu nennen als Rechtes und Schönes und Gutes und Vorteilhaftes?
Alkibiades: Wohl nicht.
Sokrates:     Und hierüber gestehst du, dass du schwankst.
Alkibiades:  Ja.
Sokrates:     Wenn du aber schwankst, ist es nicht aus dem Vorigen klar, dass du nicht nur das Wichtigste nicht weisst, sondern auch, nicht wissend, es doch zu wissen glaubst?
Alkibiades:  Das mag wohl sein.
Sokrates:     Wehe, o Alkibiades, was ist dir widerfahren (..) Nämlich mit der Torheit hausest du und zwar mit der schimpflichsten (..) Darum also stürzt du dich so eilends in die Staatssachen, ehe du unterrichtet bist. Aber nicht du allein befindest dich in diesem Zustande, sondern die meisten von denen, welche die Angelegenheit dieser Stadt besorgen.

***

Im griechischen Original steht das Wort „amathia“ für Torheit. Damit ist nun nicht die normale Dummheit gemeint, sondern eine besondere Form von Ignoranz: die Unwissenheit nämlich der eigenen Unwissenheit. Sokrates gilt ja als philosophischer Diagnostiker dieser speziellen Ignoranz.

Alkibiades ist intelligent, aber er will seine Intelligenz für „törichte“ Ziele einsetzen, für Machtgewinn und Machterhalt, nicht für das gerechte und gute Leben. Robert Musil hat in einem Vortrag von der „intelligenten“ Dummheit gesprochen, um sie von der „ehrlichen“ Dummheit abzuheben: „Die ehrliche Dummheit ist ein wenig schwer von Begriff und hat, was man eine ‚lange Leitung’ nennt. Sie ist arm an Vorstellungen und Worten und ungeschickt in ihrer Anwendung. Sie bevorzugt das Gewöhnliche, weil es sich ihr durch seine öftere Wiederholung fest einprägt, und wenn sie einmal etwas aufgefasst hat, ist sie nicht wieder geneigt, es sich so rasch wieder nehmen zu lassen (..) Zu dieser ehrlichen Dummheit steht nun die anspruchsvolle höhere in einem wahrhaft nur zu oft schreienden Gegensatz. Sie ist nicht sowohl ein Mangel an Intelligenz als vielmehr deren Versagen aus dem Grunde, dass sie sich Leistungen anmasst, die ihr nicht zustehen (..) Sie reicht bis in die höchste Geistigkeit. Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen.“

***

Heute ist eine Abart dieser Dummheit zu konstatieren. Es herrscht das Klima der Faktenalternierer, Lügenkostümierer, Gerüchtezwitscherer. Sie sind intelligent, und sie mobilisieren ihre Intelligenz für antidemokratische, ja, faschistische Ziele. Sie wollen allgemeine Konfusion schaffen, um den günstigen Notstand eines Staatsstreichs herbeizuführen, wie der „Leninist“ Steve Bannon: „Ich glaube, wir könnten ein bisschen mehr Chaos in unserer Politik gebrauchen, ein bisschen von diesem faschistischen Geist.“ Oder sie plädieren für eine Säuberung Frankreichs vom Islam, wie die schlaue Putzfrau Marine Le Pen: „Sagen wir ja zum Multikulturalismus auf planetarer Ebene, aber nein zum Multikulturalismus in einem einzigen Land.“ Während Alkibiades tut als ob er wüsste, obschon er nicht weiss, manifestiert sich hier eine andere Form von Dummheit: Man weiss, aber tut so als ob man nicht wüsste. Man weiss durchaus aus der jüngeren Vergangenheit, in welche Zustände eine Destabilisierung des Staates oder eine kulturelle „Reinigung“ der Gesellschaft führen kann. Dieses Wissen unterschlägt man freilich schön hintertrieben.

Intelligente Dummheit bezeichnet nicht eine Unfähigkeit, sondern eine Nicht-Bereitschaft des Verstehens, also den Willen zu historischer Amnesie. Gutes Zureden - will sagen: Lernen – kommt intelligenter Dummheit nicht bei. Sie versagt sich dem Argument, sie weist den Unterricht durch Fakten von sich, die ihr nicht zudienen, sie redet im Argot von Affekt und Ressentiment. Sie bedient eine Art von Borderline-Politik. Wie Musil schreibt, ist sie „keine Geisteskrankheit, und doch ist sie die lebensgefährlichste, die dem Leben selber gefährliche Krankheit des Geistes.“ Musil hielt seinen Vortrag „Über die Dummheit“ 1937, ein Jahr vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland, zu einer Zeit, als die „Krankheit“ in Europa schon endemisch war. Achtzig Jahre später grassiert sie wieder, und nicht nur in Europa.


Freitag, 24. Februar 2017

Fakten - und keine Alternative

NZZ, 17.2.2017




Grimms Wörterbuch zitiert unter „Thatsache“ einen Text Lessings aus dem Jahre 1778: „Das wörtlein ist noch so jung, ich weiss mich der zeit ganz wohl zu erinnern, da es noch in niemands mund war. aber aus wessen munde oder feder es zuerst gekommen, das weiss ich nicht (..) noch weniger weiss ich, wie es gekommen sein mag, dass dieses neue wörtlein ganz wider das gewöhnliche schicksal neuer wörter in kurzer zeit ein so gewaltiges glück gemacht hat; noch wodurch es eine so allgemeine aufnahme verdient hat, da man in gewissen schriften kein blatt umschlagen kann, ohne auf eine thatsache zu stossen.“ Heute müsste Lessing wohl auf ein anderes Wörtlein verweisen, welches das „gewaltige Glück“ gemacht hat, zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden zu sein.

***

Wir wären gut beraten, uns wieder einmal auf das Wort „faktisch“ oder „Faktum“ zurückzubesinnen. Zumal Fakten eine neuzeitliche Erfindung sind. Es gibt kein vormodernes Wort für „Faktum“. Die Griechen sprachen von „dem, was ist“ (to hoti); im Lateinischen gibt es die „res“, die Sache; die mittelalterlichen Philosophen bevorzugten den Suspens des Konjunktivs und fragten, „ob etwas sein könnte“ (an sit). In einer typisch vormodernen Bedeutung des Wortes schwingt – wie in der deutschen „Tatsache“ – die Täterschaft mit. „Matter of fact“ ist eine Sache der Tat: Täter-Sache. Das „factum“ benötigt einen Akteur. Sogar im Pflanzenreich.  So beschreibt zum Beispiel ein Autor des 17. Jahrhunderts den Heliotropismus der Sonnenblume als „a thing done“, als „matter of fact“, wie wenn die Pflanze Subjekt ihrer Hinwendung zur Sonne wäre.

***

Die moderne Bedeutung des Faktums liegt nicht darin, dass es Täterschaften unterstellt, sondern als erkenntnistheoretische Appellationsinstanz, als Zeuge vor dem Tribunal wissenschaftlicher Urteilsbildung fungiert. Das war für eine ideologisch und religiös tief zerrüttete Epoche wie das 17. Jahrhundert revolutionär. Man kann diese Funktion als Appellationsinstanz nicht genug hoch einschätzen. Sie hat den modernen experimentellen Forschungsstil ermöglicht. Und zwar ist für die Geschichte des Faktums nicht so sehr das Experiment das herausragende Merkmal, sondern seine Replikation. Die neuen Naturphilosophen des 17. Jahrhunderts wurden nicht müde, zu betonen, dass weder die Autorität alter Gelehrsamkeit noch der isolierte Augenzeugenbericht hinreichen, um eine Behauptung als Faktum zu legitimieren, sondern die Bestätigung durch andere Zeugen. Obwohl Galilei von „verità del fatto“ sprach, war sein Fallgesetz kein Faktum, als er darüber im „Dialog“ berichtete. Marin Mersenne in Paris versuchte, Galileis Messungen zu wiederholen, scheiterte aber. Grund: Er verwendete andere Masseinheiten als die Elle (braccio); zudem gab es verschiedene Ellen, die Florentinische, die Venezianische und andere. Solange also keine Standardisierung der Einheiten bestand, konnte auch nicht von Fakten gesprochen werden.

***

Fakten brauchen Standards, Regeln, Kommunikationsformen. In Anlehnung an Wittgensteins Sprachspiel könnte man sagen: Fakten sind die Elemente eines agonalen Spiels, eines Wettkampfs – „Agon“ - der Argumente. Wir spielen viele solche Spiele, in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Medien, Alltag; und entsprechend vielfältig sind die Fakten. Es gibt stets „schlagende“ Argumente. Gewisse Argumente sind für das Spiel auch unumstösslich, und sie sind es primär, die Fakten begründen und etablieren. Der mathematische Beweis schafft mathematische Fakten. Wir können ihn nicht hintergehen, wenn wir Mathematik betreiben wollen. Wer Kontradiktionen zulässt, gibt das agonale Spiel Mathematik auf, so wie einer das Schachspiel aufgibt, wenn er einem Bauern Schach ansagt. Der empirische „Beweis“ schafft empirische Fakten. Seine Regeln sind weniger strikt. Es gibt ein ganzes Spektrum der Konsolidierung von Fakten, vom Augenzeugenbericht über die geschulte Beobachtung, das Interview mit Probanden, das ausgeklügelte Experiment, die Datenbasis statistischer Tests bis zur Computersimulation komplexer Vorgänge. Die Evidenz und damit der „Zwang“ der Fakten ist aufgrund der Verfahren nicht gleich stark und als entsprechend „hart“ bzw. „weich“ gelten sie.

***

Wir sprechen von der „normativen Macht des Faktischen“, von „Sachzwängen“, davon, dass sich gegen Fakten nicht argumentieren lasse. Diese Macht beruht nicht auf irgendeiner mysteriösen Kraft in den Fakten oder Sachen, sondern darauf, dass wir gewisse Regeln und Normen als unumstösslich und „zwingend“ akzeptieren. Ich kann einer Regel folgen wollen. Fakten sind wie Institutionen. Es handelt sich bei ihrem Zwang, um es paradox zu formulieren, um die Freiheit, sich zu unterwerfen.

Wie widerspricht man Fakten? Indem man sie als implizite, nicht hinterfragte Elemente eines agonalen Spiels aufdeckt. Sie verbergen sich oft in der Killer-Formel „Fakt ist...“ Ihr begegnet man, indem man sagt „Dein Fakt ist im Grunde auch blosse Meinung; du trickst“. Widerspruch zu den Fakten wird also da akut, wo Begründungsdefizite sich als vermeintlich „zwingende“ Argumente kaschieren. Deshalb konnte Hannah Arendt vor fünfzig Jahren faktische Wahrheit als Debattenverhinderin und damit als dem politischen Diskurs abträglich zeichnen: „Jede Tatsachenwahrheit (schliesst) jede Debatte (aus), und die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen macht das eigentliche Wesen allen politischen Lebens aus.“

***

Es gehört zweifellos zu den Verdiensten postmodernen Denkens – im Besonderen der sogenannten Science Studies - ,  die „Konstruiertheit“ von Fakten in den Fokus wissenschafts­theore­tischen Interesses gerückt zu haben. Allerdings besteht die Tendenz, im Überschwang des „Dekonstruierens“ alle Fakten zu Fetischen zu erklären. Einer der Pioniere der Science Studies, Bruno Latour, lamentierte vor zehn Jahren, dass die Einsicht in die Hergestelltheit von Fakten ihm die „falsche Sorte Verbündeter als Freunde“ zugetragen habe: Lobbyisten, Spindoktoren, Ideologen.

Die Wissenschaftsforschung war in aufklärerischer Zuversicht ausgezogen, um die Voreingenommenheiten hinter den Fakten aufzudecken, und nun konstatiert sie irritiert, dass es heute gang und gäbe ist, Voreingenommenheiten dreist als Fakten auszugeben. Fakt ist, was in das Schema meiner Voreingenommenheit passt; was nicht hinein passt, ist nicht Fakt. Die Psychologen Troy Campbell und Justin Friesen wiesen 2015, also vor der amerikanischen Präsidentenwahl, in einem Artikel im Scientific American auf das Polarisierungsrisiko dieser Losung hin. Riskant dabei ist, dass zugleich das Vertrauen in die wissenschaftliche Vorgehensweise schwindet und nun Horden von selbsterklärten Experten in dieses Vertrauensvakuum einfallen, sich auf allen Gebieten niederlassend, von der Klimatologie bis zur Krebstherapie. Fatalerweise wird der potenzielle Nutzen von Fakten zur Lösung von Problemen irrelevant. Als sich zum Beispiel in den USA herausstellte, dass Impfen nicht mit Autismus korreliert ist, gab es trotzdem Leute, die argumentierten: Selbst wenn kein Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus besteht, so ist es doch mein persönliches Recht, zu entscheiden, was gut ist für meine Kinder. Facts suck.

***


Jeder hat das Recht auf eigene Borniertheit. Selbstverständlich kann man niemanden zu faktenbasierten Meinungen zwingen. Die Macht der Fakten, falsche Meinungen, Vorurteile, Lügen zu entlarven, beruht auf dem agonalen Spiel, das ihnen Bedeutung und Gewicht verleiht. Wir sollten dieses Spiel nicht verlernen. Im gleichen Atemzug, in dem man das sagt, wird einem bewusst, dass man sich damit eine kulturelle, soziale und politische Aufgabe von epochalem Ausmass aufbürdet. Ich würde nicht zögern, sie mit jener im 17. Jahrhundert zu vergleichen, als das Faktum als Kampfmittel gegen Dogma und Voreingenommenheit entdeckt wurde. Fakten mögen konstruiert sein, aber sie bedürfen besonderer Pflege. Unsere moderne Zivilisiertheit – sollten wir das vielleicht noch nicht bemerkt haben? - steht und fällt mit ihnen.