Donnerstag, 13. Dezember 2018

Die 68er-Brise in Technik und Naturwissenschaften








NZZ, 10.12.2018

Aufklärung, jetzt richtig verstanden

Bekanntlich entstieg der „Geist von 68“ primär sozial- und geisteswissenschaftlichen Gründen. Im Zentrum stand dabei der Begriff aus einem der einflussreichsten Bücher – schon fast einer Devotionalie – der Zeit: Dialektik der Aufklärung, geschrieben 1947 von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, den Nestoren der Frankfurter Schule. Sie visierten eine kritische Theorie der Gesellschaft an, das ambitiöse Projekt einer zweiten Aufklärung.

Der erste Aufklärer Kant nahm Mass an einem Unternehmen der Vernunft, das zu seiner Zeit als das erfolgreichste galt: an der Physik Newtons. Nicht so die Kritik der Frankfurter Schule. Während für Kant die Naturwissenschaften uns vom Gängelband der Religion befreiten, sahen nun Horkheimer und Adorno im naturwissenschaftlichen Denken eine neue selbstverschuldete Unmündigkeit sich anbahnen. Technik und Wissenschaft – so die Kernthese -, verdinglichen den Menschen, sie richten ihn ab zur berechenbaren Variablen in Labor, Fabrik, Krieg, Sportarena, Supermarkt: „Aufklärung ist totalitär.“

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Dieses Urteil ist – bei aller partiellen Triftigkeit – kolossal pauschal. Es unterschlägt eine viel wichtigere Kritik aus dem Innern der Naturwissenschaften. Ich nenne sie die 68er-Brise, welche, generell gesagt, eine Auflösung oder Aufweichung von Grenzen herbeiführte und das naturwissenschaftliche Selbstverständnis umkrempelte. Es lohnt sich, nach fünfzig Jahren einen Blick auf einige dieser Grenzauflösungen zu werfen.

Zuerst die Grenze zwischen Altem und Neuem. Die Naturwissenschaften pflegen traditionell eine ahistorische Siegergeschichtsschreibung. Das heisst, Erkenntnisse sind Siege des Neuen über das Alte, der Gang der Erkenntnis wird zelebriert als Überwindung von Unwissenheit und geistiger Umnachtung, als Annäherung an ein „letztes“ objektives Weltverständnis. Ein Buch revolutionierte diese Sicht, geschrieben vom Physiker und Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn. Es trägt bezeichnenderweise den Titel „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962). Der daraus stammende Begriff des Paradigmenwechsels ist im öffentlichen Gebrauch zu warmer Luft dissipiert. In seinem Kerngehalt besagt der Begriff, dass auch die Naturwissenschaften nicht einfach einen neutralen Blick von nirgendwo auf die Welt werfen, sondern diesen Blick von einer dominanten Theorie bestimmen lassen, die eine Zeitlang das ganze Denken und Problemlösen eines Forscherkollektivs „voreinnimmt“. So kann man nicht sagen, dass die mittelalterliche Astronomie falsch und die neuzeitliche richtig sei, sondern dass das Paradigma einer neuen Forschergemeinschaft an die Stelle des alten getreten sei. Ein Paradigmenwechsel ist ein fundamentaler Blickwechsel auf die Welt.

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Wirklich brisant an einer solchen Sicht war (und ist), dass sie die Erkenntnistheorie „politisch“ auflud. „Wie bei politischen Revolutionen gibt es auch bei der Wahl eines Paradigmas keine höhere Norm als die Billigung durch die jeweilige Gemeinschaft,“ schreibt Kuhn. Damit leugnet er eine universelle Bürginstanz – eine „höhere Norm“ - der Wahrheit selbst in den Naturwissenschaften. 1979 erschienen zwei Bücher von Philosophen, welche die Gedanken Kuhns aus den Naturwissenschaften zu einer allgemeinen Erkenntniskritik ausweiteten: Richard Rortys „Der Spiegel der Natur“ und Jean-François Lyotards „Postmodernes Wissen“. Rorty brach mit dem Mythos, dass man naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf einen absoluten Felsengrund von rohen Fakten gründen könne. Lyotard brach mit dem Mythos, dass der Fortschritt der Naturwissenschaften die einzige „Grosserzählung“ der Neuzeit sei. Beide Bücher wirkten als Epizentrum eines philosophischen Erdbebens.

Und damit war eine andere Grenzaufweichung schon vorbereitet, nämlich zwischen Faktum und Interpretation. Entgegen einer heute vorherrschenden Vulgärauffassung bedeutet diese Grenzaufweichung nicht, dass uns die Naturwissenschaften „bloss“ Interpretationen liefern, sondern dass hier eine Vielfalt mehr oder weniger robuster Formen der Faktengenerierung existiert. Ohnehin viel wichtiger ist die Auflösung der Grenze zwischen Natur- und Kulturwissenschaften. Die heutigen Lebensformen lassen sich weniger denn je einfach „von der Natur her“ oder „von der Gesellschaft her“ betrachten. Vielmehr konstatieren wir eine wachsende Verflechtung von natürlichen und soziokulturellen Faktoren. Nahezu alles erweist sich als ein „Hybrid“ aus Natur und Gesellschaft, mit dem Begriff des französischen Wissenschaftsforschers Bruno Latour gesprochen.

In diesem Geist wurde in Starnberg 1970 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt gegründet. Die grenzüberwindende Intention zeigte sich allein schon an der Institutsleitung: eine Eminenz der Naturwissenschaften - Carl Friedrich von Weizsäcker – und eine Eminenz der Sozialwissenschaften - Jürgen Habermas. Das Institut überdauerte zwar nur etwas mehr als ein Jahrzehnt, aber wir verdanken ihm eine Reihe von wertvollen Studien und Denkanstössen über die historische und sozio­kulturelle Bedingtheit naturwissenschaftlicher Forschung. Als besonderer „Starnberger“ sei hier der Physiker und Philosoph Gernot Böhme erwähnt. Er verfolgt das Projekt einer kritischen Theorie der Natur, das heisst einer Ökologie, welche das Naturverhältnis immer schon vom historisch-kontingenten Gefüge Mensch-Technik-Umwelt her begreift.

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Denn sagt man heute Kultur oder Gesellschaft, meint man immer auch Technik. Sie imprägniert unseren Alltag. Und dies impliziert die wohl virulenteste Grenzauflösung, jene zwischen Mittel und Zweck. Mit dem Zweck verknüpfen wir die menschliche Vernunft, mit dem Mittel die Technik. Wenn die Technik nun selber in künstlich intelligenten Systemen „vernünftig“ zu werden scheint, dann wird die Unterscheidung tendenziell obsolet. Das deutet Horkheimers kritischer Begriff der instrumentellen Vernunft an. Die menschliche Vernunft adaptiert sich heute an die algorithmisch getakteten Prozeduren der Geräte, sie ordnet sich ein in die übergreifende Gattung „intelligente automatische Systeme“. In diesem Sinn ist Informatik die klarste Ausprägung instrumenteller Vernunft. In seinem Buch „Die Macht des Computers und die Ohnmacht der Vernunft“ (1976) weitete Joseph Weizenbaum Horkheimers These auf die Computertechnologie aus: Wer oder was ist in der Mensch-Technik-Symbiose Zweck, wer oder was ist Mittel? Die Zweck-Mittel-Vermischung wirkt unbemerkt als Entmündigung im vernunftlosen Technikgebrauch. Unmündig ist ein Zustand, sagt Kant, in dem ein Seelsorger den Ort unseres Gewissens einnimmt oder ein Arzt für uns entscheidet, was unsere Diät zu sein hat. Genau dies ist der Zustand vieler Techniknutzer, die ihre Entscheidungen an das „Urteil“ einer App delegieren.

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Der positivistische Geist – den die 68er-Brise wegwehte – scheint zurzeit Wiederauferstehung zu feiern, nunmehr in einer datenversessenen Version, wie sie Steven Pinker im neuen Buch „Aufklärung jetzt“ predigt. Sein Getting-Better-Pauschalismus bildet sozusagen den Gegenpol zum sinistren Fresko der „Dialektik der Aufklärung“. Beide sind entbehrlich. Ziehen wir stattdessen die wichtigste Lektion aus der 68er-Brise: „Die“ Aufklärung gibt es nicht. Es gibt viele Aufklärungen. Es gibt, anders gesagt, viele Formen der Entmündigung. Die europäische Aufklärung war bestenfalls eine Schrittmacherin; weitere und eigene Schritte müssen nun andere tun, zeitadaptiert, in den USA, in Russland, in der Türkei, in Afrika, in China, in Südamerika. Ob diese Schritte konvergieren, wissen wir nicht. Aber sie sind notwendig, wollen wir den aufrechten Gang ohne Gängelbänder weiter pflegen. „Allez en avant, et la foi vous viendra“, forderte der grosse Mathematiker des 18. Jahrhunderts Jean d’Alembert die Skeptiker seiner Infinitesimalrechnung auf: Geht vorwärts, und die Überzeugung folgt nach. Das gilt generell für das aufklärerische Gedankengut. Und so gesehen, hat 1968 noch gar nicht begonnen.

Dienstag, 13. November 2018

# MeToo in der Physik






Kleine Einführung in die  Erkenntnistheorie der sexuellen Belästigung

Richard Feynman war einer der brillantesten Physiker des 20. Jahrhunderts. Und einer, der den Frauen notorisch an die Wäsche ging. Lawrence Krauss ist ein Physikstar des frühen 21. Jahrhunderts und Feynman-Fan. Und mutmasslich ein Nachahmungstäter. Im Februar dieses Jahres wurde eine zehnjährige Geschichte seiner sexuellen Belästigungen publik.

Nun ist wahrlich nicht neu, dass die Gattung Physiker die Art des Lustmolchs kennt. Aber der „Fall“ Krauss rückt den Zirkus des #MeToo in einen dringend notwendigen erkenntnistheoretischen Fokus: Was ist Fakt, und was Interpretation? Eine sexuelle Belästigung ist kein physikalisches Ereignis – oder genauer gesagt: nicht „bloss“ ein physikalisches Ereignis. Belästigung ist immer auch eine persönliche, intime Erfahrung der Missachtung. Deshalb beruht ihr Nachweis notwendig auf subjektiver, anekdotischer, erinnerungsabhängiger Evidenz. Es steht immer Interpretation gegen Interpretation. Wir sprechen von persönlichem Zeugnis. „Harte“ Wissenschaftler – Krauss zum Beispiel – haben damit Mühe. In ihren Augen gelten persönliche Zeugnisse nicht als „objektiv“, weil sie nicht auf die gewohnte empirische Weise geprüft werden können. Und wenn sich eine Belästigung nicht im streng wissenschaftlichen Sinn nachweisen lässt, existiert sie eigentlich nicht.

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Es geht um Interpretationsmacht. Sie bestimmt, was als Nachweis und Evidenz zählt. Krauss hat eine prominente mediale Stellung inne, er tritt in der Öffentlichkeit lautstark für das Ideal unvoreingenommenen, „objektiven“ Wissens ein, und er wird nicht müde, unter dem Banner dieses Ideals gegen Religion, Aberglauben und Vorurteil ins Feld zu ziehen. Offenbar ist er der Meinung, dass auch seine Anklägerinnen dem „Glauben“ anhängen würden, er habe sie belästigt. Das heisst, sexuelle Belästigung betrachtet er zuerst einmal als „Hypothese“. Und das heisst: man kann sie in Frage stellen, überprüfen, nach empirischer Evidenz suchen.

Dieses Recht steht natürlich jeder Person zu, die sich Verdächtigungen und Anschuldigungen ausgesetzt sieht, zumal in den gegenwärtigen Kolportagekloaken und Gerüchtesiedereien. Das Problem stellt sich aus einem anderen Grund. Eine Anklage ist eine Behauptung mit Haftung. Wenn ich dich irgendeines Fehlverhaltens bezichtige, dann muss ich dafür mit meiner Glaubwürdigkeit einstehen, genau so wie du für die Gegenbehauptung. Wie es Krauss mit solchem Bürgen hält, zeigt das Beispiel seiner öffentlichen Verteidigung von Jeffrey Epstein, eines Investmentbankers aus Florida, der eine Minderjährige zur Prostitution angehalten hatte: „Als Wissenschaftler beurteile ich die Dinge immer auf der Grundlage empirischer Evidenz. Er (Epstein) hatte stets Frauen zwischen 19 und 23 um sich, ich sah nie etwas anderes, deshalb ist meine Annahme als Wissenschaftler, dass (..) ich eher ihm als anderen Leuten traue.“ Epstein war, nebenbei bemerkt, Sponsor eines von Krauss geleiteten Projekts zur Popularisierung der Wissenschaft.

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Krauss gehört nicht dem üblichen Schlag von Schwerenötern aus der Celebrity-Manege an, sondern dem einst angesehenen Kreis von Leuten, denen man hohe Glaubwürdigkeit zuzugestehen geneigt ist: Wissenschaftlern. Warum ihm denn zahlreiche Frauen unabhängig voneinander Belästigung vorgeworfen hätten, wurde Krauss gefragt. Die Antwort: „Es ist allgemein bekannt, dass Berühmtheit alle Formen negativer Aufmerksamkeit aus unterschiedlichsten Blickwinkeln auf sich zieht. Kein Muster des Unbehagens, das sich mir hier zeigte, legt eine alternative Erklärung nahe.“ Falls Krauss für eine solche schnoddrige und dünne Erklärung Glaubwürdigkeit reklamiert, steht es nicht besonders gut um seine Bürgschaft „als Wissenschaftler“ – gerade, weil er ein Wissenschafler ist.


Der Untersuchungsausschuss der Arizona State University befand einen Teil der Anschuldigungen als stichhaltig. Die Universität verzichtet auf Disziplinarmassnahmen, Krauss tritt im Mai 2019 von seinen Lehrverpflichtungen zurück, da ohnehin im Pensionsalter. Er bestreitet alle Anschuldigungen weiterhin. Und damit sorgt er natürlich für die Erhaltung des Drehimpulses im rasenden #MeToo-Karussell. Auf der Strecke bleibt – einmal mehr – die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Krauss ist kein Einzelfall. Es liegt eine üble Ironie darin, dass er ausgezogen war, das Ideal der Objektivität zu predigen und nun selber dieses Ideal beleidigt. Krauss wird nicht von der Bildfläche verschwinden. Er ist wohlverankert im wissenschaftlich-virilen Verein.  Er schreibt zudem gute Bücher, zum Beispiel „Das Universum aus Nichts“. Vielleicht macht er sich nächstens auch einmal Gedanken darüber, dass Vorwürfe sexueller Belästigung nicht aus dem Nichts entstehen.

Samstag, 10. November 2018

Die Religion der Herde






NZZ, 6.11.2018



Facebook, kurz mit Nietzsche angeschaut


Der Herden-Instinkt greift um sich. Massen in Fussballstadien, Massen an Raves und Festivals, Massen an religiösen Veranstaltungen, Touristenmassen. Neu hinzu kommen Massen in den Social Media. Im Jahre 2015 beglückwünschte sich Facebook, das erste soziale Netzwerk mit einer Milliarde Nutzer pro Tag zu sein. Eine Schwellendimension, welche das Unternehmen in die Liga der Weltreligionen hebt: 2.2 Milliarden Christen, 1.6 Milliarden Muslime, 1 Milliarde Hindus. Facebook ist nicht nur vom Einfluss, sondern auch von der Zielsetzung her gesehen eine Art Religion. Mark Zuckerberg spricht von der „Community“. Diese Community hat eine Mission: Jedem eine Stimme geben, das gegenseitige Verständnis fördern, Teilnahme aller an den Segnungen moderner Technologie. Facebook ist zumindest eine Religion im alten Sinne des Wortes „religio“, des Zusammenkommens durch Rückbindung an Gott. Nur kennt Facebook keinen Gott.  Oder vielmehr: Der Gott ist die Technologie und die Religion bedeutet jetzt Vernetzen durch technische Mittel.

Dem Pfiffikus Zuckerberg ist nicht entgangen, dass viele Menschen heute nicht mehr Zuflucht in traditionellen religiösen Gemeinschaften finden und suchen. Deshalb sieht er in der Community einen, nein, „den“ Ersatz. Facebook nutzen ist wie in die Kirche gehen. Und Zuckerberg scheint der Rolle des Priesters nicht abgeneigt zu sein. Das verraten allein schon die regelmässigen Kommuniqués, die er fast hochamtlich verbreitet: „Leute, die in die Kirche gehen, sind auch eher zu Ehrenämtern bereit – nicht einfach, weil sie religiös sind, sondern Teil einer Gemeinschaft. Eine Kirche ist nicht bloss ein Treffen. Sie hat einen Pfarrer, der für das Wohlergehen der Gemeinde sorgt (..) Führer definieren Kultur, inspirieren uns, geben uns ein Sicherheitsnetz und passen auf uns auf.“

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Die ganze Phraseologie, die Zuckerberg hier mobilisiert, könnte aufschlussreicher und heuchlerischer nicht sein: Ehrenamt, Teil der Gemeinschaft, Pfarrer, Wohlergehen, Führer, Sicherheit. Aufschlussreich, weil sie den Herden-Instinkt in uns anspricht; heuchlerisch, weil sie diesen Herden-Instinkt ausbeutet. Und hier finden wir uns unversehens an einen Philosophen erinnert, der genau dies schon vor über 130 Jahren mit seltenem Scharfblick entlarvte: Friedrich Nietzsche.

Nietzsche hatte eine besondere „Herde“ im Auge: das Christentum. Er sah in dieser Herdenbildung die Abwehr einer nihilistischen Heimsuchung - des deprimierenden Gefühls, niemand, nichts zu sein. Daraus resultiert die christliche Moral. In der Streitschrift „Zur Genealogie der Moral“ (1887) schreibt Nietzsche, der Herdeneintritt wecke ein „Gemeinde-Machtgefühl, demzufolge der Verdruss des Einzelnen an sich durch seine Lust am Gedeihen der Gemeinde übertäubt wird (..) Im Wachsen der Gemeinde erstarkt auch für den Einzelnen ein neues Interesse, das ihn oft genug über das Persönlichste seines Missmuths, seine Abneigung gegen sich (..) hinweghebt (..) Wo es Herden gibt, ist es der Schwäche-Instinkt, der die Herde gewollt hat.“  

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Einen solchen „Schwäche-Instinkt“ kann man heute profaner anhand verbreiteter Symptome ausmachen, etwa der Ohnmacht des Bürgers vor der Unberechenbarkeit politischer Entwicklungen, des Gefühls, den Kräften der wirtschaftlichen Globalisierung ausgeliefert zu sein, der Erosion des Gemeinschaftlichen. In den USA stellt man schon seit einiger Zeit eine Tendenz zur Vereinzelung fest, geradezu emblematisch eingefangen im Buchtitel des Soziologen Robert Putnam „Bowling Alone“ (2001).

Diese Ambivalenz der Schwäche-Stärke ist typisch für die Herde. Sich ihr anzuschliessen – einem „Volk“, einer Religionsgemeinschaft, einem Fanclub, einem Raverpulk, einer Online-Clique – kann sowohl als eine Form von Flucht als auch eine Form von Erhöhung interpretiert werden; als Flucht in die kollektive Erhöhung sozusagen. Im „Wir“ bin ich stark, sicher, „erhaben“, finde ich Trost und Lust. Um den Preis des Selbstverlusts.

Denn es macht sich eine andere – gefährlichere - Ambivalenz bemerkbar. In der Herde wird es zunehmend schwieriger, zwischen den Motiven des Individuums und den „Motiven“ des Kollektivs zu unterscheiden. Ich-Identität und Kollektiv-Identität verwickeln sich unentwirrbar. Nietzsche war sich dieser Ambivalenz bewusst: „Mit der Moral wird der Einzelne angeleitet, Funktion der Herde zu sein und nur als Funktion sich Wert zuzuschreiben (..) Moralität ist Herden-Instinkt im Einzelnen.“ Damit aber nicht genug. Dieser Herden-Instinkt im Einzelnen muss zielführend gebändigt werden. Es braucht deshalb die „Priester“ der Herde, die den Instinkt erraten und fördern. „Der Schwäche-Instinkt, der die Herde gewollt hat“, wird von „der Priester-Klugheit (organisiert).“

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Womit wir wiederum bei Facebook gelandet sind. Die „Klugheit“ der Facebook-Priester dient dazu, den Nutzer möglichst lange auf Facebook – in der Herde - zu behalten. In den Worten des Oberpriesters: „Wir wollen einer Milliarde Menschen helfen, sich sinnvollen Gemeinschaften anzuschliessen. Das wird das soziale Gewebe stärken, die Welt enger zusammenschliessen.“ „Menschen sind im Grunde gut. Jeder will eigentlich jedem helfen. Wir werden deshalb ein paar Tools auf den Markt bringen, die es leichter machen, Communities zu bilden.“

Trotz des puerilen philantropischen Gesalbes muss man in Erinnerung behalten, dass Facebook ein knallhartes Technounternehmen ist. Und hier kommt eine dritte Ambivalenz – die gefährlichste, weil scheinheiligste – zum Vorschein. Das Facebook-Schaf ist nämlich vor allem eines: Datenscheisser. Und die Facebook-Hirten wollen vor allem eines: das Geschäft mit der Scheisse, mit dem „Content“. Facebook ist eine Content-Fabrik. Das Selfie ist Content, die Feriengrüsse, Storys, News und Entertainment sind Content, Clicks sind Content, unser ganzer sozialer Austausch wird Content. Content ist der Rohstoff der kommerziellen und politischen Werber, des grössten Kundenkreises von Facebook. Und die Tools, die Facebook baut, dienen einem einzigen Zweck: der möglichst präzisen Prognostik und „Führung“ des Nutzer-Schafs. Auf der Homepage des Herdenaufsehers Cambridge Analytica prangt: „Daten treiben alles an, was Sie tun. Cambridge Analytica verwendet Daten, um das Verhalten der Zielgruppe zu verändern. Besuchen Sie unsere kommerziellen und politischen Abteilungen, um zu sehen, wie wir Ihnen helfen können.“

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Durch die Vernetzung wird der Gott der Technologie omnipräsent, omnipotent. Ein Leben ohne ihn erscheint immer undenkbarer. Auch hier ist eine Ambivalenz der Herden-Existenz zu erkennen. Selbst bei ausgeschalteten Geräten bleiben wir Menschen „eingeschaltet“. Wir sind nach wie vor auf ihren Gebrauch abgerichtet. Die Geräte bleiben uns in ihrer klebrigen Disponibilität intus. Es gibt eigentlich nicht das „Ich“ und die „Technologie“, es gibt ein „Techno-Ich“. Es macht uns zu technologiefrommen Schafen. Mit Nietzsche liesse sich sagen, dass wir „Etwas für den Menschen annähernd zu erreichen (versuchen), was der Winterschlaf für einige Thierarten, der Sommerschlaf für viele Pflanzen der heissen Klimaten ist, ein Minimum von Stoffverbrauch und Stoffwechsel, bei dem das Leben gerade noch besteht, ohne eigentlich noch in's Bewusstsein zu treten. Auf dieses Ziel ist eine erstaunliche Menge menschlicher Energie verwandt worden – umsonst etwa?...“


Es geht nicht darum, ein „böses“ Facebook durch ein „gutes“ zu ersetzen. Facebook bleibt Facebook. Die Steigerungsform von Zuckerberg lautet: Herrschaft! Herrschaft!! Herrschaft!!! - Ein erster Schritt läge vielmehr darin, das expandierende kollektive Unbewusste, das sich im Gebrauch der Geräte formiert, auf das Niveau der Einsicht zu heben, dass Technologie heute weniger unseren Bedürfnissen, als wir den Bedürfnissen der Technologie dienen. Geben wir Nietzsches Zarathustra zum Abschluss das Wort: „Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche. Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.“

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Geistiger Ekel






 NZZ, 8.10.2018

Ekeln tun wir uns alle, und zwar vor vielem. Vor Auswurf, Blut, Würmern, Käfern, altem Camembert, fauligem Fisch, langen Bärten, ungewaschenen Unterhosen; es gibt Menschen, die sich vor den eigenen Füssen ekeln, vor Holzstielen, Knöpfen, Löchern oder vor der Schreibmaschine (Max Frisch). Die Psychologen Paul Rozin und Jonathan Haidt weisen in ihren kulturvergleichenden Studien über den Ekel auf die vorsprachlich erworbenen Muster, auf die „verkörperten Schemata“ (embodied schemata) hin, mit denen wir uns gegen moralisch Verwerfliches wenden. Das Ekelgefühl beginnt in der Regel bei Physischem – Essen oder Tieren -  und weitet sich aus auf das Soziale und Moralische – auf Haltungen und Verhalten. Obwohl sie stark kulturell überformt sind, weist das universelle Vorkommen solcher Reaktionen auf eine gemeinsame menschliche Wurzel hin.

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Gibt es geistigen Ekel? Können Gedanken widerlich sein? Kein Geringerer als Immanuel Kant lässt sich hier zurate ziehen. Ihm zufolge kann man nicht nur Materielles, sondern auch Immaterielles, also Gedanken, geniessen. Wenn es aber Gedankengenuss gibt, dann auch Gedankenekel. Kant schreibt, „dass es auch einen Geistesgenuss giebt, der in der Mitteilung der Gedanken besteht, das Gemüth aber diesen, wenn er uns aufgedrungen wird und doch als Geistes-Nahrung für uns nicht gedeihlich ist, widerlich findet (...), so wird der Instinct der Natur, seiner los zu werden, der Analogie wegen gleichfalls Ekel genannt, obgleich er zum inneren Sinn gehört.“

Das charakterisiert geistigen Ekel recht treffend, und erweist sich als höchst aktuell obendrein. Man halte sich nur für einen Moment vor Augen, mit welch einem Unflat an Informationen uns die traditionellen und neuen Medien täglich zudecken. Ohnehin herrscht in manchen Feuchtbiotopen der Social Media eine Latrinensprache vor. Da wird „angekotzt“, „angerotzt“, „angeschissen“, „angepisst“. Muss man hier nicht eine innere Abwehr mobilisieren, die dem Ekel ähnelt?

Philosophie- und Literaturgeschichte kennen den geistigen Ekel durchaus, etwa Nietzsches Ekel vor dem lebensverneinenden Christentum, Heideggers Abscheu vor dem uneigentlichen Leben im „Man“, Sartres Ekel vor der Absurdität der blossen Existenz, Kafkas Ekel vor sich selbst, neuerdings Houellebecqs kokett-versifften oder Strauss’ elegisch-preziösen Postmodernitätsekel. Immer noch am erhellendsten ist aber eine Arbeit des fast völlig in Vergessenheit geratenen Philosophen Aurel Kolnai, mit dem Titel „Ekel, Hochmut, Hass“ (1927). Sie stellt eine Typologie des Ekels auf, aus der ich kurz drei Beispiele nennen möchte.

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Erstens der Überdrussekel. Das „Unlustgefühl, das durch eine lästige Gleichförmigkeit erweckt wird, (kann) ekelähnliche Färbung annehmen (..) Der Überdruss im engeren Sinne tritt nur ein, wenn jenes immerwährende Erlebnis ursprünglich (..) lustbetont war. Nicht so sehr der Gegenstand als die Lust an ihm selbst wird ekelhaft.“ Zum Beispiel der übermässige Genuss von Schokolade. Wie Kolnai konstatiert: „Gastronomisch ekelhaft können vor allem (..) Süssigkeiten (..) werden, da gerade Süss den Grundton eines sozusagen widerspruchslosen, ungebrochenen, grenzen- und gestaltlosen, ‚faden’ Wohlgeschmacks bilden.“

Kennen wir diesen „faden Wohlgeschmack“ nicht zur Genüge vom klebrigen Schoko-Guss her, mit dem Politiker und andere öffentliche Figuren oft ihre Statements vor Mikrophon und Kamera überziehen? Die adäquateste Reaktion darauf wäre oft: Bäh! - Oder denken wir an die Verheissungen technisch hergestellter Paradiese. Mark Zuckerberg zum Beispiel wird in seinen puerilen Prophetien nicht müde, die „Global Community“ von Facebook in den brechreizendsten Tönen zu beschwören. Dabei mischt sich in diese aufdringliche Übersüssung ein unangenehmer, ein ekliger Nebengeschmack, wenn man sich die tribalisierenden Tendenzen von gleichgesinnten Followers vor Augen hält, die im Gedankensud ihrer eigenen Weltanschauung köcheln und ihren übelriechenden Filterblasen kaum noch entfliehen.

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Zweitens der Ekel vor Schwulst. Schon die Etymologie des Wortes suggeriert das Schwellen, Quellen, Blähen, Ballen, also: die geistige Flatulenz, die nicht selten streng riecht. Kolnai nennt sie „Geistigkeit am falschen Orte“. Das erinnert natürlich sofort an den Schmutz: Materie am falschen Ort. Und die Parallele von Schwulst und Schmutz lässt auch das Ekeln plausibel erscheinen, die Reaktion gegen einen „ungerichteten ‚Gedankenreichtum’, den man besser die Geilheit des Geistes nennen würde (..) Oder nennen wir es so: Geistigkeit, Geistreichheit ohne Härte und Rückgrat (..) Mit einem Wort: wo das Flackern und Qualmen des Geistes die intentionale Beziehung, das schlichte Sagenwollen verdunkelt und erstickt.“ Wem kämen hier nicht spontan gewisse Meisterdenker unserer Zeit in den Sinn? „Das Streben nach Erleuchtung bringt naturgemäss die völlige Verdunkelung,“ verkündet uns der Philosoph Sloterdijk. Er muss es wissen.

Von hier aus ist es drittens nicht mehr weit zum Ekel vor Verlogenheit. „Verlogenheit ist weder ein blosses ‚Vorkommen’ von Lügen bei einem Menschen; noch weniger ein Hang zur Selbsttäuschung oder pathologisches Lügenreden, sondern eine innere Gleichgültigkeit gegen Wahr und Unwahr, kraft welcher man wohl auch sich selber belügt, mit sich selber nicht ins Reine zu kommen müht, aber auch, bei Vorhandensein irgendeines inhaltlichen Motivs, ohne jede innere Erschütterung bewusst Falsches aussagt. Was der Lüge die Note des Ekelhaften einträgt, ist zunächst ihre gleichsam wurm- oder schlangenartige, versteckte Agressivität.“ Gibt es eine trefflichere Beschreibung von Fake News, vor nahezu einem Jahrhundert?

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Helfen saubere Gedanken gegen eklige? Das hiesse, den Teufel mit Beelezebub austreiben. Reinheit ist ähnlich schwer belastet wie Ekel. Reinheit, so schrieb die britische Anthropologin Mary Douglas, ist primär keine Kategorie der Hygiene, sondern des kulturellen Schutzes. Mit Unreinheit und Schmutz verbindet schon der Primitive das, was eine Ordnung gefährdet oder was nicht eindeutig ist. Schmutz ist relativ. Sauce an den Spaghettis ist in Ordnung, auf meinem Hemd fehl am Platz.

Reinheit bedeutet eine Ausgrenzung dessen, was in meinem Weltbild keinen Platz hat - und es deshalb besudelt. Dieses Besudelnde kann ein Mensch sein: Jude, Türke, Migrant, Schwuler, Arbeitsloser, Frau. Und wie wir wissen, kann die oder der Ausgegrenzte in extremis nicht nur fehl am Platz, sondern nichts wert sein. Hier wird die Lage ernst. Wir sind von einem Reinheits- und korrelativ dazu von einem Putzgedanken besessen. Je „reiner“, sprich: radikaler oder fundamentalistischer ein Gedankengut, desto eher wird es Abweichungen mit Ekel begegnen.

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Mit geistigem Ekel bekämpft man „widerliche“ Ideen nicht, man stärkt sie. Ernstzunehmen ist der Ekel allerdings als das Zivilität zersetzende Gefühl schlechthin. Man höre sich um: Die Sprache des Abscheus greift Platz. Ein Wortführer der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, spricht von der „denkfaulen und phrasigen Lässigkeit“ der etablierten Politik: „Es gibt einen durchaus verbreiteten intellektuellen Ekel vor dem allzu unbemühten Denken.“ „Disgusting“ ist ein favorisiertes Schimpfwort des amtierenden US-Präsidenten. Zur Verteufelung des Andersdenkenden gesellt sich der Ekel. Der Andere könnte einen ja anstecken. „Mysophobie“ nennen die Psychologen diese Zwangsstörung. Mysophobe Menschen „haben ein ausgeprägtes Moralverständnis, sind sensibel und leicht kränkbar und neigen dazu, sich schnell zu ekeln“, schreibt die klinische Psychologin Claudia Carraresi.

Richtig agressiv wird geistiger Ekel in Allianz mit der Verachtung. Verachtung des Individuums und seiner Rechte, des rationalen Gesprächs, der Minderheit, der verbindlichen Normen und Gesetze. Das Übelste aber ist die entmenschlichende Tendenz. Wir kennen sie vom „Ungeziefer“-Vokabular der Nazis her. Beglückwünschen wir uns nur ja nicht, dieses gruselige Unmenschentum überwunden zu haben. Wir stehen auf der rutschigen Schwelle zu einem neuen Stadium.