Freitag, 12. Oktober 2018

Das Fermi-Paradoxon







NZZ.5.10.2018



Über den Chauvinismus der menschlichen Intelligenz


1950 war in den USA ein besonderes UFO-Jahr. In den Medien häuften sich die Nachrichten über unbekannte Flugobjekte, und auf dem Höhepunkt der Hysterie berichteten New Yorker Zeitungen über das rätselhafte Verschwinden städtischer Abfallkübel. Eine Karikatur im „New Yorker“ zeigte, wie diebische Aliens zuhause aus ihrem Raumschiff steigen, jeder mit einem oder zwei Mülleimern. Verwendungszweck unbekannt.

Das Spekulationsfieber erfasste auch Wissenschaftler wie den berühmten Physiker Enrico Fermi. Die folgende Anekdote wird erzählt. Fermi sass mit einigen andern Physikern beim Mittagessen in Los Alamos. Thema waren die UFOs. Man machte sich lustig über die allgemeine Aufgeregtheit, als Fermi die Gesprächsrunde mit der berühmt gewordenen Frage überraschte: Aber wo sind sie denn alle? Sie ist als Fermi-Paradoxon in die rezente Wissenschaftsgeschichte eingegangen.

***

Fermi besass die legendäre Begabung, aus dem Handgelenk schnelle Berechnungen und Abschätzungen anzustellen. Sein Argument lässt sich in sechs Schritten wiedergeben:
1.     Unsere Galaxie enthält Milliarden von sonnenähnlichen Sternen.
2.     Es ist höchst wahrscheinlich, dass in solchen Sternsystemen erdähnliche Planeten vorkommen.
3.     Wenn wir annehmen, dass die Erde keine kosmische Sonderstellung hat, dann sollte auf anderen Planeten Leben, sogar intelligentes Leben entstehen können.
4.     Einige dieser intelligenten Lebensformen könnten avancierte Raumfahrttechnologien entwickeln, die sogar interstellare Reisen ermöglichen.
5.     Interstellarer Verkehr benötigt viel Zeit. Aber da es viele sonnenartige Sterne gibt, die um Milliarden Jahre älter sind als unsere Sonne, steht für derartigen Verkehr eine Menge Zeit zur Verfügung.
6.     Unter diesen Voraussetzungen könnten durchaus einmal sternenfahrende ausserirdische Spezies unseren Planeten besucht haben. Aber wo sind sie denn alle?


***

Wir sollten solche Gedankenspiele nicht als puren Zahlenkalkül unterschätzen. Sie enthalten oft wichtige Ideenkeime. Tatsächlich wurde Fermis Frage 2001 empirisch angereichert, als der australische Astrophysiker Charles Lineweaver eine genauere Abschätzung der Altersverteilung erdähnlicher Planeten in unserer Galaxie durchführte. Seinen Berechnungen zufolge sind solche Planeten im Mittel ca. 6.4 Milliarden Jahre alt, also deutlich älter als die Erde (4.6 Milliarden). Gesetzt also die Annahme, dass andere Intelligenzen sich auf anderen Planeten in einer anderen Biosphäre zu einer anderen Art von technischer Zivilisation entwickelt haben, könnten solche Zivilisationen wesentlich älter sein als die irdische. Und sie könnten andere Zonen der Galaxie kolonisiert haben.

Das Fermi-Paradoxon verschärft sich zudem im Lichte neuer Evidenz auf der Erde. Geochemische und paläobiologische Befunde lassen vermuten, dass die ältesten irdischen Lebensspuren mindestens 3.8 Milliarden, vielleicht sogar über 4 Milliarden alt sind. Die Erde ist, wie gesagt, etwa 4.6 Milliarden alt. Die Entstehung des Lebens via Abiogenese – durch Bildung organischer Moleküle aus anorganischen – verlief also relativ kurz nach der Bildung des Planeten. Womöglich entwickelten sich auf anderen erdähnlichen Planeten mit längerer Entwicklungszeit gleich komplexe, wenn nicht komplexere biologische Strukturen in einer weitaus „verschrobeneren“ Evolution als auf dem Nachzüglerplanet Erde. Intelligente Lebensformen in der Galaxie kommen vielleicht in ungeahnter Fülle vor, und Fermis Paradoxon sieht dadurch nur noch paradoxer aus: Wo sind sie denn alle?

***

Zugegeben, das sind ein bisschen viele „Vielleicht“ und „Könnte sein“. Natürlich wollte Fermi aus dem fehlenden Kontakt mit Aliens nicht auf deren Nichtexistenz schliessen. Auch benötigt man für den Nachweis ausserirdischer Intelligenz beträchtlich mehr als ein paar probabilistische Kopfrechnungen. Dennoch erweist sich das Fermi-Paradoxon als ein Problembrocken, der den Astrophysikern und -biologen bis heute keine Ruhe lässt. Ich möchte hier aber noch eine ganz andere Interpretation vorschlagen. Das Fermi-Paradoxon ist quasi ein Indiz für unsere Eingebildetheit. Denn dass wir derart auf den Kontakt mit Intelligenzen insistieren, die wir Menschen verstehen können, ist offensichtlicher Ausdruck der hochfahrenden anthropozentrischen Voreingenommenheit, einer ganz speziellen Spezies im Kosmos anzugehören. Nennen wir sie den Chauvinismus der menschlichen Intelligenz.

Aber warum eigentlich in die Ferne schweifen? „Sind wir intelligent genug, um zu verstehen, wie intelligent Tiere sind?“, betitelte der bekannte Ethologe Frans de Waal sein neuestes Buch (2016). Die Frage klingt wie ein Weckruf in unserer Ära, die ob der künstlichen Intelligenz den Verstand zu verlieren und dabei die natürliche Intelligenz zu vergessen droht. Nicht nur im Tierreich, sondern auch im Pflanzenreich fällt den Forschern allmählich wie Schuppen von den Augen, welch einen atemberaubenden Reichtum an Lebensformen unser Planet aufweist, Lebensformen, die alle mit spezifischer Intelligenz ausgerüstet sind: kognitive Exoten, ja, Aliens. Und es mutet allmählich wie ein abgenutzter Treppenwitz an, wenn der Mensch stets wieder einen „unique selling point“ des Humanen zu finden sucht, und jedes Mal entdeckt, dass irgend eine andere Spezies ebenfalls dieses Merkmal oder zumindest Anlagen dazu mit sich bringt: Emotion, Intelligenz, Selbstbewusstsein, Werkzeuggebrauch, Imagination, Sozialität, Verhaltenserziehung (Kultur), Humor, Altruismus, Todesahnung ... eine fortgesetzte „Enttäuschung“ humaner Einzigartigkeit, dieser hartnäckigen Obsession. Natürlich kann und soll man über das spezifisch Humane an solchen Merkmalen debattieren – speziell darüber, was menschliche Kultur dazu beiträgt - , aber ob wir daraus je ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal gewinnen können, bleibt fraglich. Und was soll’s überhaupt?

***

Es wäre im Übrigen durchwegs reizvoll, die neuere Geschichte der Menschheit als eine Geschichte der verschwindenden Einzigartigkeit des Menschen zu schreiben. Sie beginnt in der frühen Neuzeit mit einer bemerkenswerten Koinzidenz im Jahre 1543. Damals wurden zwei Bücher publiziert, welche das Denken über den Menschen nachhaltig beeinflussen – „revolutionieren“ - sollten: „De humani corporis fabrica“ („Der Aufbau des menschlichen Körpers“) des Arztes Andreas Vesalius, und „De revolutionibus orbium coelestium („Die Drehung der Himmelskreise“) des Astronomen Nikolaus Kopernikus. Beide Bücher trugen die Kernbotschaft an den Menschen: Schau doch nur um dich, du bist nicht einzigartig! Das eine Buch verglich den menschlichen Körper mit dem Körper anderer Tiere; das andere stiess die Erde aus ihrer privilegierten kosmischen Position – mit Nietzsche gesprochen: „Seit Copernicus rollt der Mensch aus dem Centrum ins x“.

Und er rollt und rollt. In die kosmische Bedeutungslosigkeit? Im Gegenteil. Das Fermi-Paradoxon lehrt uns einfach, erkenntnistheoretisch tief durchzuatmen. Immerhin brauchte es eine Menge Zufälligkeiten und Sonderbedingungungen, dass ein Leben wie unseres entstanden ist. Das anthropische Prinzip nährt unseren Eigendünkel: Wir sind einzigartig. Das kosmologische Prinzip schafft Distanz dazu: Wir sind „nichtsartig“. In diesen existenziellen Grundwiderspruch bleiben wir eingespannt, und er allein schon dürfte die menschliche Besonderheit herausstreichen. Unsere Sicht des Kosmos ist eine Sicht „von irgendwo“, aus der Perspektive einer speziellen Spezies auf einem speziellen bleichblauen Fleck im Universum. Das versieht uns unvermeidlich mit Scheuklappen, diese Scheuklappen sind sozusagen mit uns verwachsen, wir können sie nicht ablegen, bestenfalls können wir gelegentlich die Blickrichtung wechseln.

Das Gespräch am Mittagstisch in Los Alamos soll übrigens laut einem andern Teilnehmer, dem Physiker Edward Teller, mit der Bemerkung geendet haben: „Was unsere Galaxie betrifft, so leben wir in der Pampa.“ Da kann man nur anfügen: Was unsere Kenntnisse über die terrestrischen Formen von Intelligenz betrifft, ebenfalls.



Freitag, 21. September 2018

Techlash – eine zu seichte Technikkritik





Über das „Bestechende“ der Technologie


NZZ am Sonntag, 16.9.2018

Neuerdings ist vom „Techlash“  die Rede: dem technologischen Backlash – einer Reaktion gegen die hegemoniale Stellung der digitalen Riesen. Ein zunehmend verunsicherterer, beunruhigterer und unzufriedener Teil der Technikkonsumenten verlangt von Unternehmen wie Facebook, Google, Twitter oder Apple Rechenschaft über publik gewordene Nachlässigkeiten, Fahrlässigkeiten, ethische Sorglosigkeiten, manipulative Missbräuche und mögliche gesundheitliche – süchtig machende -  Auswirkungen der Geräte, die unseren Alltag immer mehr invadieren. Zudem scheint jetzt den Designern all des elektronischen Zauberzeugs selbst zu dämmern, was sie eigentlich in die Welt gesetzt haben. Jedenfalls hört man vermehrt Schuldbekenntnisse und Warnrufe von ehemaligen Mitarbeitern der Tech-Firmen.

Wie etwa von James W. Wiliams, dem Ex-Geschäftsstrategen bei Google, der die Industrie als die „umfassendste, normierteste und zentralisierteste Form der Verhaltenskontrolle in der Geschichte der Menschheit“ beschreibt. Williams hat Google verlassen und studiert nun an der Oxford University Ethik der Technologie. Er erinnert sich an so etwas wie ein Erweckungserlebnis, als er eines gewöhnlichen Arbeitstages auf das vielfarbig blinkende Display einer Armaturtafel blickte und sich plötzlich bewusst wurde, welches Ausmass an Aufmerksamkeit Technounternehmen für die Werbung beschlagnahmen: „Ich realisierte: Das sind buchstäblich Millionen von Menschen, die wir sozusagen anstubsen und überreden, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden.“


***

Erwacht die Branche zu moralischer Reife und sozialer Verantwortung? Das darf bezweifelt werden. Zwar haben spätestens Skandale den Schlummer naiver Technikfrömmigkeit gestört. Mit dem Missbrauch von Computeranalysen zu politischen Zwecken bei Cambridge Analytica oder den Experimenten der Stimmungsmanipulation bei Facebook erlebt nun auch die Computerbranche ihren Sündenfall, wie ehedem die Physik mit der Atombombe, die Chemie mit dem Giftgas oder die Biologie mit der Genmanipulation.

Man kann den Techlash als eine Misstrauenskundgebung nicht gegenüber Technik per se, sondern gegenüber globalen Technounternehmen und ihren Führungsriegen interpretieren. Das ist die traditionelle Neutralitätsthese: Technik kann nichts dafür, dass sie missbraucht wird, das verantworten immer die Menschen. Die These dient heute noch als – immer fadenscheinigere – Verteidigungsstrategie einer Art von Technodizee: Technik als Ganzes ist gut, schlecht sind nur ihre „Unfälle“ und  „nichtintendierten Effekte“.

***

Der technologische Backlash ist aber bereits in die technischen Objekte eingebaut. Wir übersehen das meist, weil uns leicht eine Fehldeutung des Werkzeugs unterläuft. Das heisst, nichts ist natürlicher als ein technisches Objekt als „Zeug zu etwas“ zu betrachten; den Hammer als Zeug, um Nägel einzuschlagen, das Auto als Zeug, um sich schneller fortzubewegen, das Telefon als Zeug, um auf Distanz zu kommunizieren, Facebook als Zeug, um mit anderen Personen verbunden zu sein. Diese Sicht blendet die implizite Rückwirkung des technischen Objekts auf das Subjekt des Techniknutzers aus. Die alte Technikauffassung ging aus vom „klassischen“ Dualismus: Hier der Mensch als souveränes Subjekt der Benutzung – dort das Gerät als serviles Objekt der Benutzung. Diese Trennung ist spätesten dann veraltet, wenn smarte Technologien Aufgaben übernehmen, die man früher allein der menschlichen Intelligenz zutraute: Entscheiden, Prüfen, Bewerten, sogar moralisch Urteilen. Wir leben längst schon in einer Symbiose mit den Geräten, in der oft nicht mehr klar ist, wen oder was man als Subjekt des Entscheidens und Handelns betrachten soll.

***

Man muss also, anders gesagt, Technik bereits ins kritische Visier nehmen, wenn sie funktioniert. Und das Kernproblem liegt in dem, was ich als Unbewusstes der Technik bezeichnen möchte. Die elektronisch vernetzte Welt der smarten Dinge entwickelt sich zum Nervensystem unserer sozialen, moralischen und politischen Infrastruktur. Und die Technounternehmen setzen heute bewusst bei diesem Unbewussten an: unserem Konsumverhalten, unseren Gewohnheiten, Suchtanfälligkeiten, unsteten Aufmerksamkeiten – im subrationalen Kellergeschoss unserer Psyche. Längst hat sich das Verhältnis Mensch-Technik umgekehrt: Der Mensch gebraucht nicht das Werkzeug, das Werkzeug gebraucht ihn. Wir konsumieren nicht Facebook, Facebook konsumiert uns. Die Frage des Unternehmens lautet: „Wie verzehren wir möglichst viel Zeit und Aufmerksamkeit von dir?“

Skandale können uns durchaus aus dem technischen Unbewussten aufschrecken, aber meist ist ihre Wirkung passager. Wie schon der Ausbruch der Empörung über die Manipulations-Experimente bei Facebook 2014 zeigte, sind die Techfirmen resilient genug, um solchen öffentlichen Reaktionen zu begegnen und relativ unbeschadet durch die aufgewühlten Gewässer des Protestes zu steuern. Die wirklich tiefen Abhängigkeiten kommen selten zum Vorschein, geschweige denn ins kritische Visier der Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit wird ja heute weitenteils von den Social Media, also von Techfirmen, definiert.

***

Was heute immer dringlicher wird, ist eine fundamentale Rückbesinnung auf die Technik, also nicht die Frage „Was machen wir mit der Technik?“, sondern „Was macht die Technik mit uns?“ Und ich wähle als generelle Antwort auf die erste Frage die Formel: Technik ist Delegieren von menschlichem Können an Artefakte; als Antwort auf die zweite Frage die Formel: Technik „besticht“ uns. Die Artefakte „bestechen“ auf doppeldeutige Art: in ihren teils übermenschlichen Fähigkeiten einerseits, und in ihrer Verführungskraft andererseits. Heute, im Universum der smarten Dinge, entgehen wir dieser Bestechung kaum noch. Die uns auf Schritt und Tritt begleitenden Gadgets und Apps tun alles für uns. Ich mache das für dich, sagen sie, ich entscheide für dich, ich schaue für dich voraus, ich beurteile die Warenangebote für dich, ich wähle die Informationen für dich aus, ich weiss, was du tun wirst, bevor du es weisst. Dieses allgegenwärtige paternalisierende Etwas-für-mich-tun – „Mikrotargeting“ genannt -  ist „bestechend“ und es kippt unmerklich ins Autoritäre. Wir gleichen dem Frosch, den man lebend brüht, indem man die Temperatur des Wassers in kleinen Schritten erhöht.

***

Technologie ist politisch. Sie ändert die Normen und Werte unseres Zusammenlebens. Sie definiert sie um. Indem wir uns an die Allgegenwart und bestechende Bequemlichkeit der neuen Geräte gewöhnen, gewöhnen wir uns auch an die Art und Weise, wie sie sich unserem Denken und Handeln aufmodulieren. Dabei lenken Verschwörungstheorien über „böse“ Machenschaften von Techgiganten nur vom eigentlichen Problem ab, nämlich zu erkennen, welche Rolle die Technologie im Umdefinieren unserer Weltsicht spielt. Wer sagt, Google, Facebook oder Twitter desinformieren uns, hat ja bereits stillschweigend die Definition von Google, Facebook oder Twitter übernommen: Informieren bedeutet letztlich Google Search und Teilnahme an Social Media. Statt kritisch sich dieser Umdefinition anzunehmen, fragen wir nur noch, ob die Technologien „richtig“ funktionieren.

***

Eine andere Entwicklung nimmt schon deutliche und beunruhigende Konturen an. In gewisser Hinsicht laufen heute das technologische und das demokratische Projekt der Moderne auseinander - wenn sie nicht sogar Kurs auf Kollision nehmen. Die liberal-demokratische Ordnung beruht auf dem Bekenntnis zu einer Pluralität von Ideen und Formen „richtigen“ Lebens. Und in dieser Pluralität schützt sie grundlegende Rechte des Individuums wie freie Meinungsäusserung oder Privatheit. Die technologische Entwicklung unterminiert tendenziell diese Basis der Rechte. Indem sie uns zum Gebrauch all der wunderbaren smarten Geräte „besticht“, führt sie nicht nur zu einer Uniformierung des Verhaltens, sie verleitet uns zu enthemmter „Datifizierung“, das heisst Entblössung, und diese wiederum macht uns zu idealen Versuchsobjekten der Datenanalyse, will sagen: der Manipulation und Überwachung. Und hier offenbart sich die implizite „Bestechung“ der Technologie von ihrer autoritären Seite her. Kein Wunder, dass Führungsriegen autoritärer Regimes, wie etwa des chinesischen, vor solcher Technologie aus dem Häuschen geraten.

***

Wenn uns die neuen Geräte erst einmal wirksam „bestochen“ und wir sie in unser soziales Leben integriert – man müsste schon fast sagen: „eingebürgert“ haben, dann wird es schwierig bis unmöglich, sie wieder „auszubürgern“. Sie sind uns intus, in unsere Psyche eingesunken. Dann nützen auch keine „Delete“-Appelle mehr.

Gewiss, es ist völlig normal, dass uns technische Vorrichtungen die Mühen des Lebens abnehmen. Als tückisch daran erweist sich allerdings, dass mit der wachsenden Palette an technischen Entlastungsmitteln genau diese Normalität fragwürdig wird. Denn die endgültige „Bestechung“ der neuen Geräte lautet immer wieder: Ich nehme dir die Mühe ab. Und die Frage lautet jetzt: Ist mir das noch der Mühe wert oder soll das ein virtueller kleiner Helfer übernehmen?


Das ist eine existenzielle Frage: Wie weit wollen wir die Mühelosigkeit unseres Seins treiben? Oder variierend: Könnten wir in der Mühe, die wir in eine Tätigkeit investieren,  gar einen verlorenen Wert wiederentdecken, den Wert des Selber-tuns? Technologie hilft uns, Erfahrungen zu vermeiden, die wir nicht mögen. Die wirkliche Gefahr liegt paradoxerweise darin, dass sie uns besticht, alles zu vermeiden, was zu einem menschlichen Leben gehört: Entscheiden, Abwägen, Verantworten, das direkte Gespräch, die physische Begegnung. Schliesslich werden uns all die schönen intelligenten Artfefakte überredet haben, auch die Mühe der Intelligenz zu vermeiden. Am Ende entpuppt sich der technische Fortschritt als purer Nihilismus: nichts ist mehr der Mühe wert. - Wann beginnen wir zu begreifen, dass sich der wahre Aufstand genau dagegen richtet?

Dienstag, 4. September 2018

Prolog: Die Symbiose von Mensch und Technik






Aus meinem neuesten Buch: Trojanische Pferde unserer Zeit, Schwabe Verlag Basel, Reflexe 55


Holozän, Anthropozän, Technozän
Das Holozän ist die jüngste erdgeschichtliche Epoche, fast zwölftausend Jahre alt. In diesem Zeitraum hat sich die Natur in die Erdoberfläche eingezeichnet. Die Tektonik schob die Kontinente etwas auseinander, im frühen Holozän fand ein Klimawandel statt, das Land warf die Last der Eisschilder ab, der Spiegel der Meere erhöhte sich markant, aus den wärmer werdenden Ozeanen stieg das Kohlendioxid in die Atmosphäre, die „Sintflut“ suchte das Land heim. Aber das einschneidendste Ereignis war das Erscheinen des Menschen, wie wir ihn heute kennen. Schätzungen gemäss sollen zu Beginn des Holozäns zwischen einer und zehn Millionen Menschen den Planeten bewohnt haben. Seither ist diese Population auf über sieben Milliarden angewachsen, und diese besondere Art von Primaten ist im Begriff, die Oberfläche des Planeten mit  einer Wucht umzugestalten, die vordem allein geologischen Kräften zugemutet wurde. Deshalb hat es sich eingebürgert, von einem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter zu sprechen, in dem die Natur dem Mensch gewissermassen den Stab der Gestaltungsmacht übergibt: das Anthropozän.

Dieser Begriff wurde vom Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen in einem Artikel der Zeitschrift „Nature“ geprägt.[i] Er datierte den Beginn dieses Zeitalters auf die Mitte des letzten Jahrhunderts, die Zeit also des Plutonium-Fallouts von Atomtests, des starken Anstiegs von fossilem Brennstofverbrauch, dem Ausstoss von CO2 und vieler anderer Stoffe. Am 29. August 2016 präsentierte die Anthropocene Working Group, eine fachlich hochkarätige Untergruppe der International Commission on Stratigraphy, in Kapstadt offiziell den Vorschlag, „Holozän“ in „Anthropozän“ umzubenennen.

Da aber vor allem Technik und Wissenschaft die eigentlichen Faktoren dieser Wirkmacht darstellen, sollte eigentlich präziser vom Technozän die Rede sein. Und dies nicht zuletzt auch, um darauf hinzuweisen, dass der „Anthropos“ sich nicht in allen Erdteilen auf der gleichen technischen Entwicklungshöhe befindet. Es sind vielmehr ganz bestimmte, stark technik-abhängige Lebensformen, Wirtschaftssysteme und politische Strategien, die heute weite Teile des Planeten dominieren, und somit transportiert der Begriff des Technozäns implizit ein kritische Sicht auf die ungleiche globale Entwicklung der Technik.

Die vorliegenden Essays sind durchaus in einem solch kritischen Geist verfasst. Sie handeln aber in erster Linie nicht von den globalen Folgen der neuen Technologien und ihrer Wirkmächtigkeit, sondern vielmehr von der Art und Weise, wie der Mensch mit den Geräten eine neue Symbiose eingeht. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat wiederholt auf dieses spezielle Verhältnis des Menschen zu Dingen hingewiesen:
„Die Gegenstände gehen (..) mit dem Menschen ein oft symbiotisches Verhältnis ein (..) Angesichts der Verflechtung zwischen unserem Uberleben und dem der Dinge, die wir herstellen, empfiehlt es sich, die Beziehungen, die wir mit den Objekten eingehen, etwas genauer zu untersuchen. Denn wenn wir nicht zu einem besseren Verständnis der Dinge gelangen, laufen wir Gefahr, und ihnen mit Haut und Haar auszuliefern. Ich möchte (..) betonen, dass wir nicht nur physisch, sondern, was viel wichtiger ist, auch psychisch von den Dingen abhängig sind.“ [ii]

Man kann statt von Dingen auch von Artefakten sprechen. In der Symbiose mit ihnen mit ihnen stösst unser Selbstverständnis an vielen Stellen auf Herausforderungen, und entsprechend ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer Neubestimmung des Humanen in den Umwelten des Künstlichen. Die Herausforderungen sind häufig nicht sichtbar, sie manifestieren sich als nichtintendierte Konsequenzen des Technikgebrauchs. Und aus diesem Grund gewinnt an Bedeutung, was ich das „Unbewusste der Technik“ nennen möchte.

Das Unbewusste der Technik
Auf die Alltäglichkeit eines Geräts folgt seine Unsichtbarkeit. Und Unsichtbarkeit gehört zum Signum der Macht. So verhält es sich auch mit der Macht von Geräten. Sie sinken ab in Routine, Gewohnheit, Selbstverständlichkeit. Das ist in mancherlei Hinsicht von Vorteil. Ich kann mich, um mich zu waschen, auf eine funktionierende Wasserzuleitung verlassen; die Elektrizitätsversorgung garantiert mir den Steckdosenkomfort im Haushalt; eine effiziente Entsorgungsanlage nimmt mir die „Sorge“ um den Abfall ab; die Transportsysteme gestatten mir eine Beweglichkeit weit über das Lokale hinaus; zu schweigen von den neuen Kommunikationsoptionen der elektronischen Medien.

Technik sedimentiert in unserem Habitus, und dies hat in technisch avancierten Gesellschaften dazu geführt, dass die Geräte meist nur dann aus dem „Unbewussten“ auftauchen, wenn sie nicht funktionieren. Und selbst dann stellt sich meist bloss ein besonderes Problem der Reparatur und Wartung, nicht ein allgemeineres der Conditio humana. Gewiss, eine kaputte Wasserleitung flicken wir nicht durch philosophische Reflexion. Aber in dem Masse, in dem Technik einsinkt in unsere Gewohnheiten, in dem Masse macht sie sich als ein unumgängliches Thema der Anthropologie bemerkbar. Technik wird invasiver, intimer, „persönlicher“. Ein banales Beispiel: In Diskussionen über Gadgets und Apps fällt ein neuerdings erhobener persönlicher Ton auf. Was hast du gegen Google+? bedeutet so viel wie: Was hast du gegen mich? Das Gerät scheint zu einem Identitätshalter (wenn nicht gar zu einer Identitätsprothese) zu werden. Bereits die Rede vom Technik-„Nutzer“ ist deshalb eigentlich irreführend. Sie suggeriert eine Dualität: Hier der Mensch, dort die Technik. Aber längst sind wir nicht mehr die souveränen menschlichen Subjekte, die einfach technische Objekte benutzen. Die Geräte „benutzen“ auch uns. Wir bilden mit ihnen „symbiotische“ Einheiten aus Mensch-plus-Gerät.

Conditio techno-humana
Mit dieser Conditio techno-humana verknüpfen sich Risiken, deren zeitliche Fernwirkung wir kaum abschätzen können. Natürlich gibt es das Technology Assessment, aber ohne an dessen Wert zu zweifeln, möchte ich behaupten, dass es eine Dimension viel zu wenig berücksichtigt. Wie uns schon die Psychoanalyse lehrte, ist das Unbewusste schwer kontrollierbar, und gerade dadurch übt es seine Macht auf uns aus. Jede Technik schafft Anreize zu einem bestimmten Verhalten und zu bestimmten Haltungen, und diese Anreize können sich in Abhängigkeiten verwandeln. „Sach“-Zwänge sind grösstenteils auf die Sache projizierte „Selbst“-Zwänge, die sich über Gewohnheiten in uns eingeschliffen haben.

Technik ist politisch. Die meisten von uns haben sich irgendeinmal relativ frei entschieden, ein Auto, einen Computer, ein Fernsehgerät, ein Handy anzuschaffen. Wirft man aus geringer Höhe einen Blick zurück auf die jüngere Technikgeschichte, erscheint diese als eine Parade grandioser Erfindungen, die uns ununterbrochen einreden, unser Leben sei dank ihnen anders, besser, schöner, leichter geworden. Das verwundert eigentlich auch kaum, denn die Geschichte von neuen Medien und Geräten ist in ihrer Anfangsphase kaum von deren Promotion zu unterscheiden; sie wird vorzugsweise von Designern und Marktschreiern geschrieben, die ihre Produkte an die Frau und an den Mann bringen wollen. Sie wollen uns Alternativlosigkeit einreden: Es gibt nichts Anderes, nichts Besseres! In diesem Sinn gleichen technische Innovationen gesetzgeberischen Akten. Ihre Macht beruht darauf, dass sie die Bedingungen des öffentlichen, beruflichen und privaten Lebens mitdefinieren und auf Generationen hinaus festlegen können. Technische Innovationen werden immer mehr im Schosse von global agierenden Konzernen mit ihren eigenen korporativen Interessen und Geheimnissen ausgeheckt, und das lädt sie mit besonderer politischer Brisanz auf. Die Rede von der Conditio techno-humana ist gerade hier angemessen und angezeigt.
Technik ist „trojanisch“
Wie jede Macht schmückt sich auch technische mit Mythen. Zum Kernbestand dieser Mythologie gehören heute: Souveränität, Sicherheit, Entlastung, Voraussicht. Technik macht uns frei und stark; sie macht unser Leben sicher; sie entlässt uns aus den Mühlen der Routine; sie erlaubt uns einen klaren Blick in die Zukunft. Ich ziehe nicht die Fortschritte in Zweifel, die wir dank diesen Errungenschaften erzielt haben. Wir sollten nur hellsichtiger gegenüber der Dialektik des Fortschritts werden, die uns auch neue Abhängigkeiten, Unsicherheiten, Belastungen und Unübersichtlichkeiten beschert. In diesem Sinn erweist sich Technik von ihrem Wesen her als „trojanisch“. Ihr Nutzen ist stets von unbeabsichtigten verborgenen Nebeneffekten begleitet.

Besonders ein Trend verlangt nach Wachsamkeit: die quasi-religiöse Erwartung. Vermehrt umgeben sich die neuen Geräte auf dem Markt mit der Aura, von einem „Gott“ geschaffen worden zu sein – „machinae ex deo“. Die Kundenbindung von Apple zum Beispiel funktioniert nur deshalb so effizient, weil die globale Nutzerherde inzwischen durch die Liturgie der Werbung dermassen in Stimmung versetzt ist, dass sie jedes Jahr die neueste Generation von iProdukten zu sich nimmt wie Gläubige die Oblate in der Kirche. Die Entwicklung ist hier nicht zu Ende. Die Technikverehrung nimmt sektiererische Züge an. Nun beginnt man der Gottheit in der künstlichen Intelligenz – „deus in machina“ – zu huldigen.

Nicht zuletzt gibt aber das Unbewusste der Technik noch aus einem anderen Grund zu denken. Zwar leugnet niemand die Imprägniertheit unseres Lebens durch die Technik. Aber das Thema wird kaum auf ein kritisches Reflexionsniveau gehoben. Unüberhörbar sind aus dem Lager der „Technorati“ beschwipste Töne zu vernehmen, die das Paradies dank „Enhancement“ des Menschen durch Geräte versprechen und eigentlich immer nur eines meinen: die Absatzmärkte neuer Tools und Apps. Dass damit das Bild des autonomen, selber entscheidenden menschlichen Individuums Zug um Zug ausradiert wird, manifestiert eine geradezu Orwellsche Paradoxie: Technik macht den Menschen in dem Masse freier, in dem er sich unter ihre Herrschaft begibt.

Noch eine Bemerkung zum Titel. „Digitalisierung“ bezieht sich auf die neuesten Technologien, die unser soziales Leben immer mehr bestimmen. Die meisten Essays handeln auch vom Einfluss dieser Technologien auf den Menschen. Trotzdem ist die Horizontlinie weiter gezogen. Die Digitalisierung ist nur die vorläufig letzte Etappe einer Symbiose von Mensch und Technik, die stets von der latenten Gefahr begleitet ist, dass sich der Mensch zu sehr an die Geräte adaptiert. Die generellere Frage stellt sich also, ob und inwieweit der Mensch einen Platz zu behaupten vermag, der ihm mehr zusichert als die Existenz eines blossen Geräte-Fortsatzes.




[i]    Paul Crutzen: Geology of Mankind, Nature, 415, 3.1.2002.
[ii]   Mihaly Csikszentmihalyi: Warum wir Dinge brauchen, in Anke Ortlepp&Christoph Ribbat (Hg.): Mit den Dingen leben, Stuttgart, 2010, S.21-32.