Mittwoch, 27. Februar 2019

Im Zeitalter des Techno-Primitivismus

NZZ am Sonntag, 10.2.2019





Wir sind nie aufgeklärt gewesen

Nichts ist hartnäckiger als der Mythos der Aufklärung, der uns einredet, Wissenschaft und Technik hätten uns aus dem Entwicklungsstadium des „Primitiven“ gehoben. Max Weber prägte vor hundert Jahren den Begriff, der die Folgezeit charakterisieren sollte: Entzauberung der Welt. Dabei zeigt schon ein kursorischer Blick: Die Welt ist verzaubert wie nie zuvor – durch Technik. Wir schaffen andauernd technische Wunderwerke. Verwunderlich dabei ist allerdings, wie wenig wir uns wundern. Wir lassen uns von den neuesten Apps und Gadgets durchaus verzaubern, aber diese Verzauberung verläuft in kommerzialisierbaren Bahnen. Sie führt meist kaum weiter als zum reibungslosen Gebrauch und zu einer fiebrigen Erwartung neuer Versionen und Updates; nur nicht zur Frage, wie das Ding funktioniert. Magie und technischer Analpha­betis­mus bedingen einander wechselseitig. Von einem Klassiker der Science-Fiction, Arthur C. Clarke, stammt der vielzitierte Satz: „Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie ununterscheidbar.“

Das iPad wurde als „magisch“ lanciert. Laut dem Chefdesigner von Apple, Jonathan Ive, sei die Aufgabe der Firma, harte, schwierige Probleme zu lösen, ohne die Komplexität der Probleme erscheinen zu lassen. Interface-Design ist „Magifizierung“. Man betrachte das Smartphone: ein glatter, handlicher, undurchsichtiger Kleinmonolith. Mit einer leichten Berührung lässt sich alles herbeizaubern. Aber Hand aufs Herz: Wem ist bewusst, welchen Ausbund an technischer Raffinesse man mit ihm in den Händen hält? Die vertrackte Mikro-Architektur winziger Schaltelemente; die ausgetüftelte physikalisch-chemi­sche Konstruktion des Touch­screens; die verborgenen, schnell getakteten Befehlsketten, die eine leichte Berührung auslöst - Wunder über Wunder. Aber eben auch: Tücke über Tücke.

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Eine besondere Tücke liegt in einer magischen Vorstellung von Technik, welche die Psychologen Frank Keil und Leonid Rozenblit „Illusion der erklärenden Tiefe“ nennen: Man hält das Verwendenkönnen des Geräts für dessen Verständnis. Jede „eingebürgerte“ Technologie tendiert zur Gewohnheit, und damit zu einer solchen Illusion. Sie wiegt uns im falschen Glauben, das Gerät zu kennen. Dabei haben wir uns einfach an es adaptiert. Leicht kann eine solche Adaptation dazu führen, dass nicht wir das Gerät benutzen, sondern es uns. Viele Technikkonsumenten bringen weder den Willen, die Zeit noch das Vermögen für ein tieferes Verständnis der Geräte auf. Noch vor zwanzig Jahren sprach man von der Transparenz des Computers in dem Sinne, dass man ihn bis zu seiner Hardware auseinandernehmen konnte. Bald einmal aber bekam diese Transparenz einen neuen, „oberflächlichen“ Sinn. Die amerikanische Psychologin Sherry Turkle bemerkt zu diesem Bedeutungswandel: „Als die Benutzer des MacIntosh über dessen Transparenz sprachen, (..) meinten (sie) eine Fähigkeit, die Geräte arbeiten zu lassen, ohne die Notwendigkeit, unter die Oberfläche des Bildschirms zu gehen. Heute hat das Wort ‚Transparenz‘ seine Macintosh-Bedeutung im Computer talk wie in der Umgangssprache erhalten. ‚Etwas ist transparent‘ heisst in einer Simulationskultur ‚man sieht, wie man es laufen lassen kann und nicht, wie es läuft‘“.

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Die Illusion der erklärenden Tiefe kann sich schädlich auswirken, indem sie die Vorstellung nährt, durch eine geeignete Technologie löse sich ein bestimmtes Problem „von selbst“. Magie heisst nach der Definition des Ethnologen Marcel Mauss: Kurzschluss zwischen Wunsch und Erfüllung; und Techno-Magie heisst: Zwischen Wunsch und Erfüllung operiert der Tastendruck. Man denke an gesellschaftlich hochrelevante Felder wie Finanzen, Energie, Transport, Gesundheit, Bildung, Altersvorsorge – allesamt technisch stark durchsetzte Systeme. Wer versteht sie eigentlich noch? „In einer durch das Internet verbundenen Welt,“ so der Physiker und Computerwissenschafter Daniel Hillis, „ist es fast unmöglich zu verfolgen, wie bestimmte Systeme tatsächlich funktionieren (..) Ihre Flugroute kann von einem Computer oder einem Menschen oder (was am wahrscheinlichsten ist) durch eine Kombination von beiden ausgewählt werden. Machen Sie sich kein Mühe, diese Frage zu stellen, weil jede Antwort (..) wahrscheinlich falsch ist.“ Das liegt nicht allein an unserer Unfähigkeit, gewisse komplexe Phänomene zu erklären; vielmehr muss man die Unerklärbarkeit quasi als „emergente“ Eigenschaft von Systemen betrachten, die einen hinreichend komplexen Grad erreicht haben.

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In der Illusion der erklärenden Tiefe erliegen wir einem generellen Mythos: Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt machen die Welt transparenter und kontrollierbarer. Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten von uns sind zu einem Umgang mit technischen Objekten ohne gründliches Verständnis gezwungen. Magie liesse sich, so gesehen, geradezu neu definieren als Ignoranzmanagement in hochtechnisierten Lebenswelten. Und man kann sich deshalb fragen: Muss der Durchschnittsbürger wissen, wie und warum die ganze Technologie um ihn herum funktioniert? Genügt es nicht, wenn er gegebenenfalls Urteil und Rat des Experten einholt?

Genau das ist der Kernpunkt. Je geringer die Kenntnis eines Gerätes, umso dringlicher die Notwendigkeit einer Meta-Kenntnis, nämlich im heutigen Expertenbasar zu wissen, welchem Wissen wir vertrauen sollen und welchem nicht, handle es sich nun um jenes des Finanzberaters, Arztes, Autohändlers, Softwaredesigners, Lehrers oder Politikers. Diese Meta-Kompetenz ist nicht so sehr eine spezifisch technische, als vielmehr eine soziale, und das heisst auch: Selbsterkenntnis. Erinnern wir uns daran, dass die Kernfrage Kants lautete „Wer bin ich?“ Aufklärung im hochtechnisierten Rahmen betrifft nicht so sehr die Frage „Wie funktioniert das Gerät?“, sondern vielmehr „Wie funktioniere ich mit dem Gerät?“ Unterlassen wir diese Frage, koppeln wir uns wieder an jenes Gängelband, von dem Kant uns gerade befreien wollte.

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Heute wird bekanntlich viel über den „neuen“ posthumanen Menschen schwadroniert, der sich dank Technik auf ein nie dagewesenes Entwicklungsniveau hangelt. Nüchtern betrachtet, nähern wir uns aber eher animistischen früheren Kulturen, die wir doch überwunden zu haben glaubten. Dabei sind wir magiegläubiger denn je. Statt unserem eigenen Verstand vertrauen wir mehr dem „Verstand“ der Maschinen-Software, und in dieser Hinsicht gleichen wir dem „Primitiven“, der seine Baum- und Wassergeister beschwört. Wahrscheinlich ist dieser „Primitive“ uns darin sogar voraus, dass er seine Lebensbedingungen ziemlich gut kennt und im Griff hat. Max Weber fragte seine Zuhörerschaft, ob sie eine grössere Kenntnis ihrer Lebensbedingungen habe, „als ein Indianer oder ein Hottentotte (..) Wie der Wilde es macht, um zu seiner täglichen Nahrung zu kommen, und welche Institutionen ihm dabei dienen, das weiss er.“ Wogegen die zunehmende Technisierung unserer Lebenswelten „nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen (bedeutet), (..) sondern (..) etwas anderes: (..) den Glauben daran: dass man alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne.“ Der Glaube an das „im Prinzip“ wohlgemerkt – er macht uns zu Neo-Primitiven auf technisch avanciertestem Niveau.

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„Die Götter müssen verrückt sein“ – so war ein Film aus dem Jahre 1980 betitelt. Darin fällt eine aus dem Flugzeug über der Kalahari-Wüste geworfene leere Cola-Fla­sche dem perplexen Stammeshäuptling Xi direkt vor die Füsse. Sie stiftet einige Aufregung unter den Indigenen, die sich zu fragen beginnen, woher dieses Objekt stammt, wie es funktioniert, wozu es gut ist. Die Eingeborenen hielten die Cola-Flasche für ein Geschenk der Götter, das sie nicht verstanden und nicht zu gebrauchen wussten. Deshalb beschlossen sie, die Flasche den Göttern zurückzuerstatten. Wir Indigene technisierter Lebenswelten geben die Geschenke nicht mehr an die Apple- oder Google-„Götter“ zurück, wir benützen sie besinnungslos. Unterbelichtet. Unaufgeklärt.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Am Anfang war das Bit









NZZ, 11.1.2019

Worüber spricht die Quantentheorie eigentlich?

Die moderne Quantenphysik ist ein einziges verstörendes Paradox: Die bisher erfolgreichste Theorie der Materie, aber zugleich die unverständlichste. Sie erklärt eine atemberaubende Phänomenbreite - von den Prozessen zwischen Quarks bis zu Prozessen in weissen Zwergen und schwarzen Löchern –, aber es gibt „Interpretationen“ der Quantentheorie, als ob es sich um Lyrik handelte.

1926 war eine Art Annus mirabilis in der Geschichte der Quanten. Erwin Schrödinger legte eine neue Formulierung vor, die er „Wellenmechanik“ nannte. Darin führte er eine für das damalige Verständnis eher obskure „Wellenfunktion“ ein, die als theoretisches Beschreibungsmittel für das seltsame Zwitterverhalten von Materie und Licht auf atomarer Stufe dienen sollte: Teilchen verhalten sich unter Umständen wellenförmig, und Lichtwellen unter Umständen teilchenförmig. Schrödinger begriff seine Funktion durchaus in einem realistischen Sinn: sie beschreibt ein reales Substrat - „Materiewellen“.

Zur gleichen Zeit entwickelten Werner Heisenberg, Max Born und Pascual Jordan eine andere Version der Quantentheorie, die Matrizen als mathematische Beschreibungsmittel benutzt. Heisenberg und vor allem Niels Bohr interpretierten diese Version nicht-realistisch. Man spricht von der „Kopenhagener Interpretation“. Nach ihr beschreibt die Physik, gemäss einem berühmten Diktum von Bohr, nicht die Natur, sondern „nur“ das, was wir über die Natur sagen können. Beide Versionen erwiesen sich als gleichwertige Beschreibungsmittel quantenphysikalischer Prozesse. Aber über ihrer Interpretation entbrannte eine metaphysische Debatte, die bis heute andauert.

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Sie dreht sich um die Frage: Was beschreibt die Physik eigentlich? Die landläufige Antwort ist einfach: Prozesse „der“ Natur. Aber was ist „die“ Natur? Sich auf die Tautologie „Das, was die Physik beschreibt“ zurückzuziehen, mutet etwas billig an. Und selbstverständlich können wir sagen: Die Natur, das sind „im Grunde“ die Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen. Damit schieben wir aber „im Grunde“ das Problem nur vor uns hin. Was sind Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen? Nun, Manifestationen von Quantenfeldern. Was sind Quantenfelder? Nun, Fluktuationen eines Ur-Vakuums. Was ist dieses Ur-Vakuum? Nun, ... Es sieht so aus,  als suchten wir uns à la Münchhausen am Zopf der Physik aus dem Fragensumpf zu ziehen, aber eigentlich bräuchten wir einen metaphysischen Haken, der uns nach dem Aktions-Reaktions-Prinzip Halt böte.

Einstein erkannte das hellsichtig: „Die wirkliche Schwierigkeit liegt in der Tatsache, dass Physik eine Art Metaphysik ist; Physik beschreibt ‚Wirklichkeit’. Aber wir wissen nicht, was die ‚Wirklichkeit’ ist. Wir kennen sie nur durch die physikalische Beschreibung.“ Das klingt, als billigte Einstein die nicht-realistische Interpretation von Bohr. Aber seine Bemerkung ist kritisch gemeint. Er legt damit den Finger exakt auf die neuralgische Stelle: Die moderne Quantentheorie beschreibt etwas, aber sie weiss nicht, was sie beschreibt. Einsteins Abneigung gegen die Bohrsche Interpretation war metaphysisch: Ein Gott, der ein gesetzmässig geordnetes Universum geschaffen hat, kann nicht zulassen, dass letztlich Ungewissheit und Zufall regieren. 

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Das Kernstück der heutigen Quantentheorie ist Schrödingers Wellen- oder Zustandsfunktion. Nach einem breiten Konsens unter Physikern enthält sie die vollständige Information über das betreffende Quantensystem. Sie beschreibt das Spektrum der möglichen Messwerte – etwa Position, Energie, Spin eines Teilchens. Aber im Gegensatz zur klassischen Situation existiert dieses Teilchen erst in einem eindeutigen realen Zustand, wenn wir es gemessen haben.

Das stellt nun den Realismus des klassischen physikalischen Weltbilds von den Füssen auf den Kopf. In diesem Weltbild existieren die physikalischen Systeme unabhängig von den Messinstrumenten, und die Instrumente sind einfach Informationslieferanten. John Archibald Wheeler, einer der phantasievollsten Physiker des 20. Jahrhunderts, hat darin eine der grossen Fragen der modernen Physik geortet. Ein reales physikalisches System bezeichnet er als „It“; die Information in der Zustandsfunktion als „Bit“. Klassisch sagen wir: Da ist ein Teilchen in einem bestimmten Zustand – ein It -, und wir messen an ihm bestimmte Grössen: Bit from It. Quantentheoretisch sagen wir: Wir messen bestimmte Grössen und schliessen daraus, dass sich da ein Teilchen in einem bestimmten Zustand befindet: It from Bit. Ein Lichtpunkt auf dem Bildschirm, ein elektrischer Puls, ein Klick im Detektor: das sind die Antworten des Apparats, die informationellen Atome der Realität.

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„It from Bit“ hat das Zeug zu einer konzeptuellen Revolution. Die Formel dreht die Welt nicht mehr um die materiellen, sondern um ihre informationellen Elemente. Warum ist die Welt quantisiert? „It from Bit“ gibt uns eine trivial-geniale Antwort: Weil unsere Fragen und Antworten letztlich quantisiert sind, sich auf abzählbar viele binäre Entscheide zurückführen lassen: Fliesst ein Strom oder nicht? Handelt es sich um die Spur eines Antiprotons? Unter das Ja-oder-Nein-Niveau kommen wir nicht. Anton Zeilinger, der Quanteninformatiker aus Wien, der heute Wheelers Idee im Labor weiterführt, schreibt, dass „wir bewusst nicht mehr fragen, was ein elementares System eigentlich ist. Sondern wir sprechen letztlich nur über Information. Ein elementares System (..) ist nichts anderes als der Repräsentant dieser Information, ein Konzept, das wir aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Information bilden.“ Zeilinger stellt sogar das radikale Postulat auf: „Wirklichkeit und Information sind dasselbe.“ Man könnte vom Postulat des informationellen Realismus sprechen. Am Anfang war das Bit. Und das Bit war bei Gott?

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Hier wird einem leicht blümerant zumute. Wie schafft man denn eine Welt aus Information? Es stimmt ja durchaus, dass Experimentatoren nicht Elektronen oder Photonen „beobachten“, sondern an Apparaten bestimmte Daten ablesen. Und zweifellos lassen sich solche Daten – zum Beispiel Punkte auf einem Bildschirm -  in Bits übersetzen. Freilich,  was wären Bits ohne Its –  ohne irgendwelche materiellen Träger? Es gibt doch immer Bits-plus-Its. Wenn wir die Punkte auf dem Bildschirm als die „letzten“ immateriellen Informationsatome interpretieren, machen wir die Rechnung buchstäblich ohne die ganze materielle Welt des experimentellen Arrangements, das an der Entstehung der Punkte beteiligt ist. „It from Bit“ in einem radikalen Sinn verstanden, würde eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien der Quantentheorie bedeuten: Als was wollen wir sie verstehen, als eine Theorie der Materie oder eine Theorie der Information?


Schauen wir ein Zuckerstück an. Statt zu sagen, es bestehe aus einer Riesenzahl von Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Wasserstoffatomen, könnten wir gemäss Wheeler auch sagen, diese Atome und ihre Zustände seien durch Ja-oder-Nein-Fragen bestimmt. Gewiss, die Zahl derartiger binärer Fragen erreicht astronomische Höhen, aber bei „It from Bit“ geht es um die konzeptuelle Möglichkeit der Übersetzung eines Aggregats von materiellen Atomen in ein Aggregat von immateriellen Atomen. Die Welt der klassischen Physik ist die Welt der Körper, wie wir sie auch im Alltag erfahren: Ein Zuckerstück ist ein Zuckerstück ist ein Zuckerstück. Die Quantenphysik hat dieses Stück so sehr von seiner Materialität „gereinigt“, dass sie in ihm nur noch eine ungeheuer lange Kette von Bits sieht. Hat sie sich hier womöglich verrannt? Woraus besteht die Welt, aus Quanten, Feldern, Energie, Information, einem mysteriösen letzten kosmischen Substrat? Vielleicht fragen wir falsch. Vielleicht gibt es keine Endantwort – oder sagen wir genauer: keine physikalische Endantwort. Kurz vor seinem Tod 1954 schrieb Einstein in einem Brief an David Bohm: „Falls Gott die Welt erschaffen hat, dann war sein erstes Anliegen sicher nicht, ihr Verständnis leicht für uns zu machen.“

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Die 68er-Brise in Technik und Naturwissenschaften








NZZ, 10.12.2018

Aufklärung, jetzt richtig verstanden

Bekanntlich entstieg der „Geist von 68“ primär sozial- und geisteswissenschaftlichen Gründen. Im Zentrum stand dabei der Begriff aus einem der einflussreichsten Bücher – schon fast einer Devotionalie – der Zeit: Dialektik der Aufklärung, geschrieben 1947 von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, den Nestoren der Frankfurter Schule. Sie visierten eine kritische Theorie der Gesellschaft an, das ambitiöse Projekt einer zweiten Aufklärung.

Der erste Aufklärer Kant nahm Mass an einem Unternehmen der Vernunft, das zu seiner Zeit als das erfolgreichste galt: an der Physik Newtons. Nicht so die Kritik der Frankfurter Schule. Während für Kant die Naturwissenschaften uns vom Gängelband der Religion befreiten, sahen nun Horkheimer und Adorno im naturwissenschaftlichen Denken eine neue selbstverschuldete Unmündigkeit sich anbahnen. Technik und Wissenschaft – so die Kernthese -, verdinglichen den Menschen, sie richten ihn ab zur berechenbaren Variablen in Labor, Fabrik, Krieg, Sportarena, Supermarkt: „Aufklärung ist totalitär.“

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Dieses Urteil ist – bei aller partiellen Triftigkeit – kolossal pauschal. Es unterschlägt eine viel wichtigere Kritik aus dem Innern der Naturwissenschaften. Ich nenne sie die 68er-Brise, welche, generell gesagt, eine Auflösung oder Aufweichung von Grenzen herbeiführte und das naturwissenschaftliche Selbstverständnis umkrempelte. Es lohnt sich, nach fünfzig Jahren einen Blick auf einige dieser Grenzauflösungen zu werfen.

Zuerst die Grenze zwischen Altem und Neuem. Die Naturwissenschaften pflegen traditionell eine ahistorische Siegergeschichtsschreibung. Das heisst, Erkenntnisse sind Siege des Neuen über das Alte, der Gang der Erkenntnis wird zelebriert als Überwindung von Unwissenheit und geistiger Umnachtung, als Annäherung an ein „letztes“ objektives Weltverständnis. Ein Buch revolutionierte diese Sicht, geschrieben vom Physiker und Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn. Es trägt bezeichnenderweise den Titel „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962). Der daraus stammende Begriff des Paradigmenwechsels ist im öffentlichen Gebrauch zu warmer Luft dissipiert. In seinem Kerngehalt besagt der Begriff, dass auch die Naturwissenschaften nicht einfach einen neutralen Blick von nirgendwo auf die Welt werfen, sondern diesen Blick von einer dominanten Theorie bestimmen lassen, die eine Zeitlang das ganze Denken und Problemlösen eines Forscherkollektivs „voreinnimmt“. So kann man nicht sagen, dass die mittelalterliche Astronomie falsch und die neuzeitliche richtig sei, sondern dass das Paradigma einer neuen Forschergemeinschaft an die Stelle des alten getreten sei. Ein Paradigmenwechsel ist ein fundamentaler Blickwechsel auf die Welt.

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Wirklich brisant an einer solchen Sicht war (und ist), dass sie die Erkenntnistheorie „politisch“ auflud. „Wie bei politischen Revolutionen gibt es auch bei der Wahl eines Paradigmas keine höhere Norm als die Billigung durch die jeweilige Gemeinschaft,“ schreibt Kuhn. Damit leugnet er eine universelle Bürginstanz – eine „höhere Norm“ - der Wahrheit selbst in den Naturwissenschaften. 1979 erschienen zwei Bücher von Philosophen, welche die Gedanken Kuhns aus den Naturwissenschaften zu einer allgemeinen Erkenntniskritik ausweiteten: Richard Rortys „Der Spiegel der Natur“ und Jean-François Lyotards „Postmodernes Wissen“. Rorty brach mit dem Mythos, dass man naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf einen absoluten Felsengrund von rohen Fakten gründen könne. Lyotard brach mit dem Mythos, dass der Fortschritt der Naturwissenschaften die einzige „Grosserzählung“ der Neuzeit sei. Beide Bücher wirkten als Epizentrum eines philosophischen Erdbebens.

Und damit war eine andere Grenzaufweichung schon vorbereitet, nämlich zwischen Faktum und Interpretation. Entgegen einer heute vorherrschenden Vulgärauffassung bedeutet diese Grenzaufweichung nicht, dass uns die Naturwissenschaften „bloss“ Interpretationen liefern, sondern dass hier eine Vielfalt mehr oder weniger robuster Formen der Faktengenerierung existiert. Ohnehin viel wichtiger ist die Auflösung der Grenze zwischen Natur- und Kulturwissenschaften. Die heutigen Lebensformen lassen sich weniger denn je einfach „von der Natur her“ oder „von der Gesellschaft her“ betrachten. Vielmehr konstatieren wir eine wachsende Verflechtung von natürlichen und soziokulturellen Faktoren. Nahezu alles erweist sich als ein „Hybrid“ aus Natur und Gesellschaft, mit dem Begriff des französischen Wissenschaftsforschers Bruno Latour gesprochen.

In diesem Geist wurde in Starnberg 1970 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt gegründet. Die grenzüberwindende Intention zeigte sich allein schon an der Institutsleitung: eine Eminenz der Naturwissenschaften - Carl Friedrich von Weizsäcker – und eine Eminenz der Sozialwissenschaften - Jürgen Habermas. Das Institut überdauerte zwar nur etwas mehr als ein Jahrzehnt, aber wir verdanken ihm eine Reihe von wertvollen Studien und Denkanstössen über die historische und sozio­kulturelle Bedingtheit naturwissenschaftlicher Forschung. Als besonderer „Starnberger“ sei hier der Physiker und Philosoph Gernot Böhme erwähnt. Er verfolgt das Projekt einer kritischen Theorie der Natur, das heisst einer Ökologie, welche das Naturverhältnis immer schon vom historisch-kontingenten Gefüge Mensch-Technik-Umwelt her begreift.

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Denn sagt man heute Kultur oder Gesellschaft, meint man immer auch Technik. Sie imprägniert unseren Alltag. Und dies impliziert die wohl virulenteste Grenzauflösung, jene zwischen Mittel und Zweck. Mit dem Zweck verknüpfen wir die menschliche Vernunft, mit dem Mittel die Technik. Wenn die Technik nun selber in künstlich intelligenten Systemen „vernünftig“ zu werden scheint, dann wird die Unterscheidung tendenziell obsolet. Das deutet Horkheimers kritischer Begriff der instrumentellen Vernunft an. Die menschliche Vernunft adaptiert sich heute an die algorithmisch getakteten Prozeduren der Geräte, sie ordnet sich ein in die übergreifende Gattung „intelligente automatische Systeme“. In diesem Sinn ist Informatik die klarste Ausprägung instrumenteller Vernunft. In seinem Buch „Die Macht des Computers und die Ohnmacht der Vernunft“ (1976) weitete Joseph Weizenbaum Horkheimers These auf die Computertechnologie aus: Wer oder was ist in der Mensch-Technik-Symbiose Zweck, wer oder was ist Mittel? Die Zweck-Mittel-Vermischung wirkt unbemerkt als Entmündigung im vernunftlosen Technikgebrauch. Unmündig ist ein Zustand, sagt Kant, in dem ein Seelsorger den Ort unseres Gewissens einnimmt oder ein Arzt für uns entscheidet, was unsere Diät zu sein hat. Genau dies ist der Zustand vieler Techniknutzer, die ihre Entscheidungen an das „Urteil“ einer App delegieren.

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Der positivistische Geist – den die 68er-Brise wegwehte – scheint zurzeit Wiederauferstehung zu feiern, nunmehr in einer datenversessenen Version, wie sie Steven Pinker im neuen Buch „Aufklärung jetzt“ predigt. Sein Getting-Better-Pauschalismus bildet sozusagen den Gegenpol zum sinistren Fresko der „Dialektik der Aufklärung“. Beide sind entbehrlich. Ziehen wir stattdessen die wichtigste Lektion aus der 68er-Brise: „Die“ Aufklärung gibt es nicht. Es gibt viele Aufklärungen. Es gibt, anders gesagt, viele Formen der Entmündigung. Die europäische Aufklärung war bestenfalls eine Schrittmacherin; weitere und eigene Schritte müssen nun andere tun, zeitadaptiert, in den USA, in Russland, in der Türkei, in Afrika, in China, in Südamerika. Ob diese Schritte konvergieren, wissen wir nicht. Aber sie sind notwendig, wollen wir den aufrechten Gang ohne Gängelbänder weiter pflegen. „Allez en avant, et la foi vous viendra“, forderte der grosse Mathematiker des 18. Jahrhunderts Jean d’Alembert die Skeptiker seiner Infinitesimalrechnung auf: Geht vorwärts, und die Überzeugung folgt nach. Das gilt generell für das aufklärerische Gedankengut. Und so gesehen, hat 1968 noch gar nicht begonnen.

Dienstag, 13. November 2018

# MeToo in der Physik






Kleine Einführung in die  Erkenntnistheorie der sexuellen Belästigung

Richard Feynman war einer der brillantesten Physiker des 20. Jahrhunderts. Und einer, der den Frauen notorisch an die Wäsche ging. Lawrence Krauss ist ein Physikstar des frühen 21. Jahrhunderts und Feynman-Fan. Und mutmasslich ein Nachahmungstäter. Im Februar dieses Jahres wurde eine zehnjährige Geschichte seiner sexuellen Belästigungen publik.

Nun ist wahrlich nicht neu, dass die Gattung Physiker die Art des Lustmolchs kennt. Aber der „Fall“ Krauss rückt den Zirkus des #MeToo in einen dringend notwendigen erkenntnistheoretischen Fokus: Was ist Fakt, und was Interpretation? Eine sexuelle Belästigung ist kein physikalisches Ereignis – oder genauer gesagt: nicht „bloss“ ein physikalisches Ereignis. Belästigung ist immer auch eine persönliche, intime Erfahrung der Missachtung. Deshalb beruht ihr Nachweis notwendig auf subjektiver, anekdotischer, erinnerungsabhängiger Evidenz. Es steht immer Interpretation gegen Interpretation. Wir sprechen von persönlichem Zeugnis. „Harte“ Wissenschaftler – Krauss zum Beispiel – haben damit Mühe. In ihren Augen gelten persönliche Zeugnisse nicht als „objektiv“, weil sie nicht auf die gewohnte empirische Weise geprüft werden können. Und wenn sich eine Belästigung nicht im streng wissenschaftlichen Sinn nachweisen lässt, existiert sie eigentlich nicht.

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Es geht um Interpretationsmacht. Sie bestimmt, was als Nachweis und Evidenz zählt. Krauss hat eine prominente mediale Stellung inne, er tritt in der Öffentlichkeit lautstark für das Ideal unvoreingenommenen, „objektiven“ Wissens ein, und er wird nicht müde, unter dem Banner dieses Ideals gegen Religion, Aberglauben und Vorurteil ins Feld zu ziehen. Offenbar ist er der Meinung, dass auch seine Anklägerinnen dem „Glauben“ anhängen würden, er habe sie belästigt. Das heisst, sexuelle Belästigung betrachtet er zuerst einmal als „Hypothese“. Und das heisst: man kann sie in Frage stellen, überprüfen, nach empirischer Evidenz suchen.

Dieses Recht steht natürlich jeder Person zu, die sich Verdächtigungen und Anschuldigungen ausgesetzt sieht, zumal in den gegenwärtigen Kolportagekloaken und Gerüchtesiedereien. Das Problem stellt sich aus einem anderen Grund. Eine Anklage ist eine Behauptung mit Haftung. Wenn ich dich irgendeines Fehlverhaltens bezichtige, dann muss ich dafür mit meiner Glaubwürdigkeit einstehen, genau so wie du für die Gegenbehauptung. Wie es Krauss mit solchem Bürgen hält, zeigt das Beispiel seiner öffentlichen Verteidigung von Jeffrey Epstein, eines Investmentbankers aus Florida, der eine Minderjährige zur Prostitution angehalten hatte: „Als Wissenschaftler beurteile ich die Dinge immer auf der Grundlage empirischer Evidenz. Er (Epstein) hatte stets Frauen zwischen 19 und 23 um sich, ich sah nie etwas anderes, deshalb ist meine Annahme als Wissenschaftler, dass (..) ich eher ihm als anderen Leuten traue.“ Epstein war, nebenbei bemerkt, Sponsor eines von Krauss geleiteten Projekts zur Popularisierung der Wissenschaft.

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Krauss gehört nicht dem üblichen Schlag von Schwerenötern aus der Celebrity-Manege an, sondern dem einst angesehenen Kreis von Leuten, denen man hohe Glaubwürdigkeit zuzugestehen geneigt ist: Wissenschaftlern. Warum ihm denn zahlreiche Frauen unabhängig voneinander Belästigung vorgeworfen hätten, wurde Krauss gefragt. Die Antwort: „Es ist allgemein bekannt, dass Berühmtheit alle Formen negativer Aufmerksamkeit aus unterschiedlichsten Blickwinkeln auf sich zieht. Kein Muster des Unbehagens, das sich mir hier zeigte, legt eine alternative Erklärung nahe.“ Falls Krauss für eine solche schnoddrige und dünne Erklärung Glaubwürdigkeit reklamiert, steht es nicht besonders gut um seine Bürgschaft „als Wissenschaftler“ – gerade, weil er ein Wissenschafler ist.


Der Untersuchungsausschuss der Arizona State University befand einen Teil der Anschuldigungen als stichhaltig. Die Universität verzichtet auf Disziplinarmassnahmen, Krauss tritt im Mai 2019 von seinen Lehrverpflichtungen zurück, da ohnehin im Pensionsalter. Er bestreitet alle Anschuldigungen weiterhin. Und damit sorgt er natürlich für die Erhaltung des Drehimpulses im rasenden #MeToo-Karussell. Auf der Strecke bleibt – einmal mehr – die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Krauss ist kein Einzelfall. Es liegt eine üble Ironie darin, dass er ausgezogen war, das Ideal der Objektivität zu predigen und nun selber dieses Ideal beleidigt. Krauss wird nicht von der Bildfläche verschwinden. Er ist wohlverankert im wissenschaftlich-virilen Verein.  Er schreibt zudem gute Bücher, zum Beispiel „Das Universum aus Nichts“. Vielleicht macht er sich nächstens auch einmal Gedanken darüber, dass Vorwürfe sexueller Belästigung nicht aus dem Nichts entstehen.