Donnerstag, 11. Juli 2019





NZZ, 6.7.2019


Evidenzbasierter Rassismus


Wer hat nicht Mühe mit seinem eigenen Rassismus? Uns unterläuft wiederkehrend das, was ich den Fehlschluss der rassistischen Induktion bezeichne: Wir schliessen von der „Evidenz“ der Hautfarbe – oder allgemeiner: der äusseren Erscheinung - eines Menschen auf seine gesellschaftliche Stellung, seinen Beruf, sein Inneres. John Hope Franklin, Geschichtsprofessor an der Duke University in Nord Carolina, gab 1995 ein Abendessen in einem Privatclub in Washington. Seiner schwarzen Hautfarbe wegen hielt ihn eine Angestellte für ein Mitglied des Personals (Franklin wurde übrigens 1962 das erste schwarze Mitglied des Clubs). Man schiebe solche Vorfälle nicht leichthändig ab auf eine „typisch“ amerikanische Mentalität. Ich erinnere mich noch an die 1950er Jahre, als man nicht selten hörte: Aha, Italiener, arbeitest du auf dem Bau? Die ETH-Professorin für Umweltwissenschaft, Nina Buchmann, erzählt jüngst in einem Interview ein aktuelles Müsterchen dieses Fehlschlusses. Sie habe oft darauf hinweisen müssen: „Nein, ich bin nicht die Sekretärin von Professor Buchmann. Ich bin Professor Buchmann.“ Auch hier der Fehlschluss: Aha, eine Frau, also eher Sekretärin als Professorin.

Frau Buchmann nennt dies ein „Missverständnis“. Aber der Fehlschluss ist nicht harmlos. Wer seine Logik allein auf die Basis der Evidenz abstellt, betrachtet den Menschen als „von aussen“ beschreibbares Objekt. Man nimmt ihn nicht als Person wahr, sondern als „Evidenz“ für bestimmtes Verhalten. Natürlich sagen uns die Logiker, dass die Evidenz stets unvollständig bleibt und keinen zwingenden Schluss zulässt; es können zur schwarzen Hautfarbe noch so viele „evidentielle“ Merkmale treten. Das Problem aber ist der Anspruch, ja, die Anmassung, einen Menschen durch induktiven Indizienbeweis als den zu „überführen“, der er ist.

***

Wir kennen diese Anmassung aus der Literatur: die Sherlock-Holmes-Methode. Bei aller Brillanz seiner Gedankenführung erscheint uns der fiktive Meisterdetektiv irgendwie unheimlich: seine kalte Hybris, durch kalkulierende Beobachtung einen Menschen zu kennen. Gewiss, er hat Erfolg damit, wirkt auf seine Mitmenschen aber auch beleidigend durch die Art, wie er seine Urteile über andere bildet. Nicht einfach, weil sie meist negativ sind. Oft basieren sie ja auf ganz banalen Beobachtungen, zum Beispiel, welche Zigarettenmarke jemand raucht, was jemand im Speisewagen isst oder in welchen Schuh jemand am Morgen zuerst schlüpft. Holmes verblüfft uns, wenn er aus solch unscheinbarer Evidenz ein präzises Täterbild zeichnet. Das Beleidigende an seinem Vorgehen reicht allerdings tiefer. Wir finden es anstössig, dass Holmes seine „Opfer“ nicht primär als Personen betrachtet, sondern als Übungsobjekte forensischer Analyse, Prognose und Manipulation.

***

Die Praxis von Sherlock Holmes grassiert heute in den neuen Medien, über das Forensische hinaus: möglichst viel Evidenz, viele Daten über eine Person sammeln, damit man aufgrund des Datenprofils zu einem möglichst treuen prädiktiven Modell des Verhaltens gelangt. Nun ist es nicht mehr die Person des Meisterdetektivs, welche die Schlüsse zieht, das tun heute Algorithmen, die auf riesigen Datenwiesen grasen. Die evidenzbasierte Profilierung beginnt zum Beispiel bei der Debit­karte, die im Supermarkt das Erfassen der Ware und das kontaktlose Bezahlen ermöglicht. Diese Technik der sogenannten Nahfeldkommunikation dient aber nicht bloss einem solch speziellen Zweck. Auf der Karte ist ein kleiner Sender eingestanzt, der dauernd Signale ins Netz aussendet. Der Kunde wird schon beim Eintreten in den Supermarkt „erkannt“, seine Laufwege und Warenvorlieben werden aufgezeichnet, gesammelt und von einem Algorithmus verarbeitet. Er berechnet die Wahrscheinlichkeit des künftigen Kundenverhaltens. Und er gleicht die Daten mit anderen Daten im Netz ab, so dass ein immer präziseres „persönliches“ Profil des Kunden entsteht. Anders gesagt: Der Computer „weiss“ mehr über den Kunden als dieser selbst.

***

Und hier nun beobachten wir eine tückische Ironie: Wenn schon die menschliche Intelligenz dem Trugschluss der rassistischen Induktion erliegt, wie soll dann die künstliche Intelligenz dagegen gefeit sein? Tatsächlich können Deep-Learning-Systeme auch Rassismus „lernen“ und zur „Überführung“ von Menschen prädiktiv eingesetzt werden. Die Mathematikerin Cathy O’ Neil zeigt in ihrem Buch „Angriff der Algorithmen“, wie sich rassistische Modellannahmen unbemerkt in Programme einschleichen: „Und wenn aus dem Modell erst einmal eine Überzeugung geworden ist, erstarrt es vollends. Es generiert toxische Annahmen, die kaum jemals überprüft werden, und gibt sich stattdessen mit Daten zufrieden, die diese Annahmen bestätigen und zementieren (..) Folglich ist Rassismus das schlampigste aller prädiktiven Modelle. Es wird durch planloses Datensammeln und falsche Korrelationen angetrieben, verstärkt von institutionellen Ungerechtigkeiten und vergiftet durch den ‚confirmation bias’“.

***

Selbstverständlich beurteilen wir andere Menschen ständig anhand ihrer beobachtbaren Eigenschaften und Verhaltensweisen. Und es ist nicht per se anstössig, festzustellen, dass jemand eine schwarze Hautfarbe hat, homosexuell ist, aus einer Migrantenfamilie stammt oder einen kriminellen Vater hat. Solche Eigenschaften legitimieren nur nicht die „logische“ Konklusion „Also bist du ein...“ Der Schluss ist erstens fehlerhaft. Denn meist schiebt er als Zwischenschritte versteckte Annahmen oder Vorurteile ein (die Logiker sprechen von „Enthymem“). Der Schluss ist zweitens moralisch verwerflich, denn die personale Identität ist immer „mehr“ als eine beliebig lange endliche Aufzählung evidentieller Merkmale „Du bist das, das, das et cetera pp.“.

Das hat im Übrigen keine moderne Philosophie so prägnant zu formulieren gewusst wie der Existenzialismus von Sartre: Menschsein, ein Ich zu sein,  bedeutet, nie erschöpfend beschreibbar zu sein. Das nennt Sartre „Transzendenz des Ego“. Wer diese Beschreibbarkeit beansprucht, ja zu erzwingen sucht – nicht wenge Big-Data-Maulhelden tun das - , verletzt die Menschenwürde. Sartre prägte dafür die berühmte Formel: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Ich interpretiere sie so: Die anderen, das sind die, die mich so beschreiben, wie sie mich haben möchten, und am Ende akzeptiere ich diese Beschreibungen als Wesenszuschreibung meiner selbst. Ich sehe mich selbst immer schon als von anderen gesehen. In unserer verdateten, durchscheinenden Identität, die im Netz zirkuliert, geben wir uns als Personen zugunsten personifizierter Daten auf. Und so gesehen leben wir im Netz in der Sartreschen Hölle.

***

Im zwischenmenschlichen Umgang ziehen wir unsere Schlüsse nie allein auf der Grundlage von Evidenz, sondern auf der Grundlage von Kennen und Mögen, von Ahnen und Erwarten: dem Schonraum des Unwissens. Zuviel Wissen über den anderen beschädigt das gute Verhältnis zu ihm, beschädigt ihn selbst. Im Tagebuch 1946-1949 von Max Frisch stehen die gewaltigen Sätze: „Unsere Meinung, dass wir den anderen kennen, ist das Ende der Liebe (..) ‚Du bist nicht’, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: ‚wofür ich Dich gehalten habe.’ Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“

Es geht nicht bloss um Rassismus. Es geht um eine fundamentale – eine ontologische - Vereinnahmung von uns Individuen durch ständiges Kategorisieren. Dieses Kategorisieren ist heute eine monumentale Industrie: Data-Mining. Wir wissen, wo du bist, was du willst, was du denkst - wir wissen, wer du bist! rufen uns die Herren der Algorithmen fortwährend zu: Wir haben die ganze Daten-Evidenz über dich! „Ich bin nicht der, der ich bin!“ muss man ihnen als existenzialistischen Kampfruf entgegenschleudern. Fordern wir ein Menschenrecht auf Nichterkanntsein ein.





Montag, 3. Juni 2019

Der Paternalismus der Künstlichen Intelligenz










NZZ, 29.5.2019

Gesellschaft als Besserungsanstalt

In der Stadt Ampara in Sri Lanka machte 2018 das Gerücht die Runde, ein muslimischer Essbudenbesitzer würze sein Essen auf eine Art, die Buddhisten unfruchtbar machen würde. – Reiner Hafenkäse, aber die Information genügte, und wüste Ausschreitungen eruptierten. Allerdings glich das Klima zwischen Buddhisten und Muslimen schon vorher einer Zunderbüchse. Und Mobausschreitungen sind auch nicht gerade neu. Neu sind dagegen die Brandbeschleuniger im Netz. Die Algorithmen der Social Media sind Supraleiter des leicht brennbaren Bullshits. „EdgeRank“ von Facebook priorisiert Nachrichten aufmerksamkeitserregenden Inhalts, und dazu gehören Videos, die Uremotionen wecken wie Angst oder Zorn.

Gegen solche Unsitten sucht Facebook Remedur zu schaffen: mit Erziehung des Plattformnutzers. Einerseits wurde eine Netiquette des Postings eingeführt, andererseits teilte das Unternehmen 2018 mit, es würde den Newsfeed-Algorithmus justieren („to tweak“: „herumdoktern“, nennt das der Jargon). Was das bei der notorischen Geheimniskrämerei rund um diesen Algorithmus auch heissen mag, jedenfalls wählte man zum Testen Länder wie Sri Lanka aus. Und man kann sich des ironischen Eindrucks nicht erwehren, die srilankischen „Probanden“ hätten es eigens darauf abgesehen, die übelsten Folgen der „Optimierung“ vorzudemonstrieren. Während Facebook Friede, Freude, Eierkuchen verkündet, verlustieren sich die Plattformnutzer mit Konflikt, Krawall und Konfrontation. 

***

Ironie hin oder her, wir bekommen es mit einem Phänomen der modernen elektronischen Polis zu tun, das sich in Zukunft als noch unbehaglicher erweisen könnte. Nennen wir es Techno-Pater­nalismus. Die neuen „smarten“ Geräte, die uns auf Schritt und Tritt begleiten, sind nicht einfach bloss „Helfer“, sie sind „Erzieher“, indem sie uns andauernd empfehlen, beraten, schubsen, bewerten, und all dies zu „unserem Besten“. Das liegt daran, dass die Algorithmen neuestens unsere Verhaltensweisen „lernen“, sie unter Umständen selber verbessern und so auf uns zurückwirken. Wir sind quasi in einen Lern-Loop mit den Maschinen getreten. 

Und das zeitigt unbeabsichtigte Konsequenzen. Die Vertreter der grossen Technokonzerne haben sie bisher kaum genügend ernst genommen. Im Gegenteil, sie reissen verblüfft die Augen auf und tun empört über den „Missbrauch“. Dabei ist der Missbrauch in den Gebrauch eingebaut. Es erstaunt ohnehin, mit welcher Naivität (oder welchem Zynismus) die sich häufenden Netzgarstigkeiten als „Pannen“, „Bugs“ oder „Anomalien“ abgetan werden: Radikalisierung in „Stämmen“ Gleichgesinnter, Mobbing, Trolling, Verschwörungstheorien, Fake News, Filterblasen. Zuckerbergs Glaube an die Facebook-Ökumene ist schon fast religiöser Art: der Glaube an Technologie als heilsbringendem sozialem Universalleim. Ein bodenlos gefährlicher Irrtum.

***

Um bei der Metapher zu bleiben: Hier geht etwas aus dem Leim - Demokratie. Die eifrigsten Wellenreiter der Informationsrevolution sind heute bezeichnenderweise Autokraten. Der technologische Fortschritt ist horrend. Der politische – sagen wir es deutlich: der demokratische – Fortschritt hechelt hinterher. Anti-Demokraten jeglicher Observanz haben ihren Sitz im Digital-Express bezogen. Der Arabische Frühling liegt schon fast zehn Jahre zurück, als die Herrschenden für einen Moment das Fürchten lernten, weil es den Anschein machte, dass Facebook und Twitter den Bürgern endlich die nötigen Plattformen für den „befreienden“ demokratischen Diskurs ermöglichten. Das war eine verfrühte Zuversicht. Schnell haben die Anti-Demokraten eine ganz andere Lektion gelernt: Russische Trollfarmen beeinflussen die Meinungsbildung im Netz, iranische Behörden verlangsamen oder blockieren den Internetverkehr. Die künstliche Intelligenz entpuppt sich als ein Segen für den  Polizeistaat. Die gleichen Mittel, mit denen wir unsere Ferienphotos taggen, eignen sich bestens als Überwachungsinstrumente. All die schönen smarten Dinge, mit denen wir zusehends unseren Haushalt bestücken, können sich hinterrücks als künstliche „Denunzianten“ erweisen.

***

Promotoren „disruptiver“ Technologien scheinen nicht viel am Hut zu haben mit Demokratie. Vertragen sich avancierte Technologie und Demokratie überhaupt? Schon ertönt aus Kreisen westlicher Kommentatoren ein Verständnis für den chinesischen Weg einer rigorosen „Umerziehung“ des Bürgers mittels Technologie. Gewiss kann man Achtung dafür zollen, dass der Lebenstandard in einer Riesenpopulation gehoben worden ist. Und man hört auch, dass der chinesische Bürger wenig (und ungute) Erfahrung mit der Demokratie gemacht habe, weshalb er sie auch nicht vermisse. Mag sein. Nur sollte man jenen Geschäftemachern, die den Kotau vor den chinesischen Partei-Mandarinen üben, im Klartext zu verstehen geben, dass es immer noch den aufrechten Gang gibt, der den Willen zum Vermissen der Demokratie nicht ganz aufgegeben hat. Damit sei nicht irgendein westliches Demokratiemodell zum universellen Ideal hochstilisiert. Es geht darum, diese politische Lebensform überhaupt erst wieder zu entdecken und zu revalidieren, angesichts technologischer Utopien, die letztlich nur eine erbarmungslose Eindimensionalität kaschieren. Aber viel mehr noch geht es darum, die Technologien der künstlichen Intelligenz in den Dienst der individuellen Menschenrechte zu nehmen, statt die individuellen Menschenrechte der künstlichen Intelligenz zu opfern.

***

Technologie und Ideologie sind aufeinander angewiesen. Damit eine Technologie sich wirkungsvoll durchsetzt, braucht sie eine Werbe-Ideologie. Das ist der „weiche“ Techno-Paternalimus von Silicon Valley, mit seiner Ideologie der „Global Community“. Damit eine Ideologie sich machtvoll durchsetzt, braucht sie eine effektive Technologie. Deshalb waren Faschismus und Stalinismus Techno-Ideologien. So auch der „harte“ Techno-Paternalismus Chinas. Seine Vision lautet zugespitzt: Alle verhalten sich dank Technologie gleich. Auf Kalifornisch heisst das: Alle beziehen die Technologie vom gleichen Unternehmen – totalitäre Tendenzen hüben wie drüben.

Beide Paternalismen zeichnen das Bild des Menschen als eines defizienten, sprich: besserungsbedürftigen Wesens. „Harmonisierung“ heisst dies in China, „Fehlerbeseitigung“ („debugging“) in Silicon Valley. Der Mensch ist (noch) zuwenig technik-konform. Und eine solche Konformität - die Programmierung unserer Wünsche und Entscheide – ist das Ziel des weichen wie des  harten Techno-Paternalismus. Die Methode: Korrektion mittels möglichst präziser Prognostik - Verhaltensökonomik, Predictive Analytics, Habit Engineering. Man achte nur schon auf den Sprachgebrauch. „Debugging“ als Fachterminus bedeutet soviel wie Aufsuchen und Flicken von defekten Programmstücken. Und im pervertierten Menschenbild der Techno-Paternalisten kommt auch der Mensch als kaum mehr denn ein „defektes“ Programm vor. Das alte „Erkenne dich selbst“ lautet nun: Zeig dich uns, wir wollen dich erkennen, um dich umzuprogrammieren!

***


Künstliche Intelligenz ist heute der Schlüssel zur Weltherrschaft. Zu dieser Herrschaft führt nicht mehr die Unterdrückung, sondern die Umerziehung des Menschen. Wir nähern uns der Idee der Gesellschaft als einer Besserungsanstalt. Und hier zeigt sich die wirklich gefährliche Gemeinsamkeit der kalifornischen Verhaltensdesigner und der chinesischen Erziehungspolizisten: das Ersticken von Direktheit, Diversität, Divergenz, Dissens. Damit zersetzt man Demokratie aus ihrem Inneren heraus. Wir haben einen fatalen Hang zum Konformismus. Künstliche Intelligenz verstärkt ihn, indem sie sich der natürlichen aufmoduliert. Am Ende erreichen wir dank algorithmisch kalkuliertem „perfektem“ Verhalten und Social Score den Status des idealen Tölpels totalitärer Herrschaft. So gesehen hat die neue Informationstechnologie der alten Nukleartechnologie den Bedrohungsrang abgelaufen. Die Bedrohung ist jetzt nicht mehr materiell, sondern immateriell. Die Bombe explodiert still, in unseren Hirnen.

Samstag, 20. April 2019

Von Messies und Tidies






NZZ, 16.4.2019

Es gibt das Messie-Syndrom, das zwanghafte Sammeln und Anhäufen von Gegenständen beliebiger Art und Herkunft. Es gibt auch das Gegenstück dazu, die Aufräum-Manie. Man könnte dafür den Zwillingsbegriff „Tidie-Syndrom“ prägen („tidy up“ = aufräumen). Auf jeden Fall boomt das Genre. Dabei geht es in der Regel nicht bloss um die Ordnung im Küchenregal, Kleiderschrank oder Kellergestell, sondern um einen Spiritualismus der Ordentlichkeit. Mit dem Haushalt wird das Selbst aufgeräumt. Hier eine kleine Auswahl an Aufräumliteratur, allein aus dem Jahr 2016.

***

Da wir offensichtlich genug vom Konsummüll eingedeckt werden, liegt es nahe, diesen als das heimliche „Gift“ zu entsorgen, wie uns zum Beispiel Kelly Barber in „The 30 Day Clutter Detox“ rät („Die 30-Tage-Gerümpel-Entgiftung“). Monica Mynk fragt im Brustton gläubiger Rechtschaffenheit: „Ungodly Clutter: How Can a Christian Live a Godly Life in a Messy World?“. Gerümpel steht auch im Zusammenhang mit Dickleibigkeit. Sie kann ja quasi als Unaufgeräumtheit im eigenen Körper betrachtet werden, und Fasten als eine Form physiologischen Entrümpelns. Deshalb empfiehlt Peter Wahl in seinem „Lose the Clutter, Lose the Weight“ ein sechswöchiges gemeinsames „Herunterschlanken“ von Haushalt und Körper, ein „Total-Life Slim Down“. Die Aufräumberaterin Marin Rose spricht von der „Gerümpelkultur“ („Clutter Culture“). Und sie fordert uns auf, unsere „vergiftete Beziehung“ zu dieser Kultur aufzugeben, das heisst, „künftigen Generationen eine gesündere Einstellung beizubringen, so dass unsere Kinder nicht mehr ganze Industrien fordern werden, die sich um die ‚Entrümpelung unseres Lebens’ kümmern.“ Solches Bemühen ist löblich, aber nicht unwidersprüchlich. Frau Roses Buch „Breaking Up With Your Stuff: Emotional Homework to End Your Toxic Relationship With the Clutter Culture“ baut auf genau jene „ganze Industrie“, die sie beseitigen will. 2010 gründete Frau Rose die Beratungsfirma „Libra Organizing“, die, wie die Website verkündet, „Order, Balance, Beauty“ in die Haushalte bringt - vermutlich nicht gratis.

***

Die neue Welle des Aufräumens beschäftigt sich nicht einfach damit, betriebsökonomisch alle Tassen im Schrank zu haben, sie zielt ab auf die Transmutation der häuslichen Sauordnung in häusliches Nirwana. Hoch im Kurs befindet sich aktuell Marie Kondo. Die Japanerin reanimiert eine animistische Haltung im Haushalt. Sie empfiehlt, den Dingen eine besondere, „magische“ Aufmerksamkeit zu schenken, sich sozusagen in deren Perspektive zu versetzen. Wenn man also zum Beispiel Socken ordnen will, sollte man dies „um der Socken willen“ tun. Das heisst, man sollte sich innewerden, dass Socken in ihrer alltäglichen Dienstleistung eine „brutale Behandlung“ erleiden, „gefangen zwischen Fuss und Schuh“; dass sie „Druck und Reibung aushalten müssen, um unsere kostbaren Füsse zu schützen.“ Aus diesem Grund sollte man sie liebevoll falten, denn so macht man sie „viel glücklicher“ und sie geben einen „Stossseufzer der Erleichterung“ von sich. Frau Kondo empfiehlt sogar, mit unseren Textilien zu reden: „Wenn wir sie falten, sollten wir unseren Kleidern danken, dass sie unsere Körper beschützen.“ Dank ist auch angesagt, wenn es darum geht, ein Kleidungsstück wegzuwerfen: „Ich danke dir für die Freude, die du mir bereitet hast.“ Derart innerlich entrümpelt kann man dann das Textil getrost auf den Altkleiderhaufen schmeissen.

***

Für wie bescheuert man das halten mag, die „beseelende“ Einstellung zu den Dingen liesse sich als Widerschein eines entseelten Kosmos der Waren interpretieren, in dem die besinnungslose Konsum- und Wegwerfhaltung die Dinge „entweiht“. Das ist nicht unplausibel, vom ganzen New-Age-Klimbim einmal abgesehen. In der Tat drückt sich hier eine Art neue Gebrauchseinstellung zu den Dingen unseres Alltags aus. Nur ein Ding zu besitzen ist weit weniger erfüllend als mit ihm sozusagen in emotionaler, seelischer „Symbiose“ zu leben. Im Übrigen sprach schon Martin Heidegger – wenngleich im unverwechselbaren Cantus firmus der Seinsfeier – von den Dingen, die uns „dingen“.

Hervorzuheben ist überdies, dass der Minimalismus von Marie Kondo nicht Zivilisationsflucht meint. Die Verschlankung des Haushalts, des Körpers, der Umgebung erfolgt in den dichtesten Zentren der Zivilisation. Das ist eine gute Idee, solange sie keine schlechte ist, das heisst ins Extrem abdriftet. „Tidying up“ trägt indes den Keim des Extremismus in sich, was weniger Frau Kondo als dem Buchmarkt anzulasten ist. Er schreit förmlich nach „extremistischen“ Ideen. Wir werden überschwemmt mit Büchern, deren zentrale Mission darin besteht, „den“ Sündenbock für die Sauordnung der Welt zu finden: Islamisten, das chinesische Regime, die römische Kurie, die Banken, überbehütende Eltern, Facebook, Apple, Langeweile, Drogen, Zucker, Fett, Gluten oder eben: Gerümpel. So gesehen bedient natürlich Frau Kondos Botschaft die Bedürfnislage perfekt. Nicht ein bisschen aufräumen, lautet die Devise, sondern total aufräumen. Tabula rasa. Erst dann beginnt das richtige Leben. Drinnen, nota bene. Geschehe mit dem Gerümpel draussen, was will.

***

Die grösste Gefahr der Entrümpelungsidee steckt in ihrer infektiösen Plausibilität. Wenn schon Gerümpel als Haufen unnützen Zeugs die tückische Tendenz erkennen lässt, sich zu vermehren und auszubreiten, dann auch und vielleicht erst recht Gerümpel als Kategorie. Hat sie sich einmal als fixe Idee in unserem Schädel festgekrallt, kann die Kategorie leicht zur fortschreitenden Verrümpelung der Welt beitragen. Nun nicht in dem Sinn, dass sich immer mehr Gerümpel zusammenläppert, sondern, dass wir nur noch Gerümpel um uns sehen: ausserhalb des Hauses, auf der Strasse, in Parks, im Büro, in anderen Lebensformen, Sprachen, Ideen, anderen Menschen. Dann wird das Gerümpel tatsächlich toxisch.

Denn dann erhält das „Tidying up“ einen garstigen Beiklang. Totalitäre Ideologien haben bekanntlich ein Flair für das Entrümpeln, zum Beispiel von missliebigen Bevölkerungsgruppen. In futurologischen Szenarios ist alle physische Arbeit „entrümpelt“, die Menschen bewegen sich in sauberen, keimfreien Interieurs zwischen transparenten Wänden und Displays. Eigentlich sind sie selbst „entrümpelt“, existieren sie bloss noch als Datenbanken. Ist es ein Zufall, dass der Begründer des Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti, Faschist und glühender Verehrer der neuen Technologien, das grosse Entsorgen alten Kulturgerümpels forderte. Sein „Tidying up“ tönte so: „Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken, (…) Leitet den Lauf der Kanäle um, um die Museen zu überschwemmen! (…) Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reisst nieder, reisst ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!“ Marinetti schrieb sogar ein „Manifest des futuristischen Kochens“, in dem er die italienische Küche „entrümpelte“. Weg mit der Pasta! Sie ruft nur Lethargie, Pessimismus und nostalgische Passivität hervor!

***

Bezeichnend ist übrigens die Entschuldigungsformel, mit der Gastgeber gelegentlich ihre Gäste begrüssen: Achten Sie bitte nicht auf die Unordnung. Wer sagt schon: Entschuldigen Sie bitte die Ordnung? Was implizite auf deren normativen Vorrang hindeutet. Aber warum eigentlich? Der Entropiesatz der Physik lehrt uns: Gerümpel, sich selbst überlassen, nimmt zu. Wir befinden uns in einer Welt des prästabilierten Chaos. Ordnung ist ein viel unwahrscheinlicherer Zustand als Unordnung. Sortieren gehört zu den vertracktesten Knacknüssen der Informatik. Ohne nun zu einer Apologie der Unaufgeräumtheit als Quelle des Glücks anzusetzen, könnte man sagen: Der Tidie in uns ist unwahrscheinlicher als der Messie – und man versuche, damit zu leben. Gut zu leben. Denn wer mit Marie Kondo die Dinge beseelen will, sollte nicht vergessen, dass diese Seele in der Geschichte der Dinge wohnt. Gibt es eine schönere Form der Liebe zu den Dingen als mit ihnen zusammen mehr oder weniger unordentlich zu altern?


Obwohl sie erklärtermassen im Dienst der Sauberkeit und Gesundheit steht, sucht Ordentlichkeit insgeheim alle Spuren der Geschichte, des Nutzens und Abnutzens, des Lebens zu tilgen. Ordentlichkeit definiert einen künstlichen, sterilen Momentzustand, wie er in den Lifestyle-Magazinen eingefroren ist. Der „ordentliche Moment“ kennt keinen Prozess, keine Krankheit, keinen Verfall. Ordentlichkeit ist die Losung ungelebten Lebens.