Mittwoch, 10. Mai 2017

Besser scheitern

NZZ, 28.4.2017






Eine alternative Theorie des Erkenntnisfortschritts

„Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern,“ schreibt Samuel Beckett. Und er trifft damit genau das Wesen des wissenschaftlichen Fortschritts.
Das klingt im Konzert heutiger ruhmrediger Forschungserfolge zunächst einmal völlig dissonant. Projekte trumpfen – nicht selten schon im voraus – mit nie dagewesenen Resultaten, mit Durchbrüchen und Einsichten auf, die ihre Dividenden in neuen Technologien abwerfen und die Menschheit in der - branchenüblichen - nächsten Dekade auf eine neue Entwicklungsstufe heben würden. Oft ist das nicht mehr als Leimausstreichen für Investoren und Politiker. Wissenschaft ist heute oft noch kaum von Wissenschafts-Marketing zu unterscheiden. Umso mehr wäre an eine ihrer Grundtugenden zu erinnern.
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Das Englische kennt den Ausdruck „No-show“: ein erwarteter Flugpassagier, Patient oder Partygast taucht nicht auf. In der Wissenschaft gibt es ebenfalls „No-shows“ in Experimenten. Der erwartete Effekt tritt nicht ein. Die wissenschaftliche Erwartung drückt sich ja in Prognosen aus. Theorien sagen Phänomene voraus, und wenn sich diese Phänomene beobachten lassen, gilt dies in der Regel als ein Erfolg der Theorie, als ein „Ja“ der Natur. Aber viel öfter zeigt sich der erwartete Effekt nicht. Das ist kein Grund zur Resignation. Im Gegenteil.
In einem wissenschaftlichen Experiment schneiden wir ein Stück aus der Welt heraus, das uns besonderen Aufschluss über die Welt geben soll. Das Experiment beruht auf Isolation, auf der grösstmöglichen Ausschaltung von Dreckeffekten oder Störungen. Tatsächlich aber gelingt dies immer nur unvollkommen: die Welt ist alles, was der Störfall ist. In diesem Sinne, könnte man sagen, gehört das Scheitern apriori zum Experiment. Aber es gibt produktives Scheitern. Hier zwei Beispiele, eines aus der Biologie und eines aus der Physik.

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Die sogenannten G-Proteine sind eine Familie von Enzymen, das heisst von biochemischen Vehikeln der Informationsübermittlung zwischen Zellen. Lange wusste man nicht, wie sie aktiviert werden. Bis Alfred G. Gilman und sein Team in den 1990er Jahren entdeckten, dass ein anorganisches Molekül, nämlich Aluminiumfluorid, die Enzymkatalyse bewirkt. Und zwar fiel dies als „Dreckeffekt“ auf: Das Laborgeschirr, mit dem die Experimente durchgeführt wurden, enthielt minime „unreine“ Spuren von Aluminiumfluorid, welches das Protein aktivieren konnte. Der „Dreck“ auf dem Glas entpuppte sich auf einmal als wichtiges „Datum“. Die Entdeckung erhielt den Nobelpreis. Die „Verunreinigung“ Aluminiumfluorid wurde im Jahre 1997 sogar zum „Molekül des Jahres“ gekürt.

Auf ähnliche Weise reissen Störungen plötzlich einen neuen, buchstäblich kosmischen Horizont auf. Arno Penzias und Robert Wilson, zwei Astrophysiker, bauten in den 1960er Jahren in den Bell Laboratories ein supersensibles Teleskop, um schwache Radiosignale aus entfernten Regionen unserer Milchstrasse zu empfangen. Die Apparatur lieferte aber unerwartete, nicht zu beseitigende Störgeräusche. Penzias und Wilson suchten zunächst lokale Ursachen, unter anderem nahes Stadtrauschen New Yorks, atmosphärische Störungen, „weisses dielektrisches Material“ auf der Aussenhülle des Teleskops: vulgo Taubendreck. Aber alle Erklärungsversuche scheiterten. Nach einem Jahr frustrierenden Grübelns stiessen sie durch einen Glücksfall auf die Hypothese des Princeton-Physikers Robert Dicke, wonach exakt ein solches störendes Rauschen als Reststrahlung des Big Bang zu erwarten sei. Die Störung wurde zu einer der wichtigsten Bestätigungen der kosmologischen Urknalltheorie. Auch Penzias und Wilson erhielten den Nobelpreis.

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Es klingt paradox: Wissenschaft ist erfolgreich, weil sie scheitern kann. Und das erweist sich gerade heute, im „Post-Truth“-Zeitalter, als von unerwarteter Bedeutung. In nicht wenigen Ohren klingt „nach der Wahrheit“ so, als hätten wir die wissenschaftliche Moderne hinter uns gelassen. Aber Wissenschaft ist nie moderner gewesen als heute, weil Wahrheit nie der Grund für ihren enormen Erfolg war. Eine wissenschaftliche Theorie erweist sich normalerweise über kurz oder lang als falsch oder zumindest als revidierbar; umgekehrt lassen sich mit unbefriedigenden Theorien durchaus Erklärungserfolge erzielen. Das Standardmodell der Elementarteilchen gilt bei vielen Physikern als ein solcher theoretischer Behelf. Als das Higgsteilchen entdeckt wurde, welches das Standardmodell vervollständigte, gab es Physiker, die ihre Enttäuschung nicht verhehlten, weil diese „Bastelei“ von wirklich neuen Problemen ablenken würde.

Wahrheit im Sinne unumstösslicher Gewissheit ist ein Hindernis im Forschungsprozess, sie gehört eigentlich gar nicht dahin. Insbesondere sind „letzte“ Theorien buchstäblich das Letzte, was die Wissenschaft braucht. Sie strebt nicht nach Wahrheit in diesem Sinn, sondern nach erfolgreichem, nach besserem Scheitern. Echte wissenschaftliche Ideen sind falsch auf heuristische Weise: sie führen von falsch zu weniger falsch. Das vernichtendste Urteil Wolfgang Paulis über eine Idee lautete: Sie ist nicht einmal falsch. Im Übrigen die treffendste Charakterisierung des Bullshits. Eine Bullshit-Idee kann nicht scheitern. Was wiederum ihre Beliebtheit unter Dummköpfen erklären dürfte.

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In diesen Zusammenhang gehört auch die Revision eines gängigen Bildes des Wissenschafters. Gewöhnlich sehen wir in ihm jemanden, der Probleme löst. Entscheidender am Fortgang der Forschung ist aber das Schaffen von nichttrivialen, unerwarteten, weiterführenden Problemen, das Entdecken von Rätseln. Man sagt von Newton, er habe mit dem Gravitationsgesetz eines der fundamentalen Probleme des Universums gelöst. Das ist aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Er betrat damit auch ein neues Terrain des Unwissens: Was ist das für eine seltsame Kraft, die alle Körper im Universum über ungeheure Distanzen hinweg zusammenhält? Die Physikergenerationen nach Newton scheiterten mit ihren Antwortversuchen, bis Einstein auf einen verblüffenden Gedanken kam: Die Kraft ist nicht etwas im Raum zwischen den Körpern, sie ist die von den Körpermassen erzeugte Raumzeit-Geometrie selbst. Diese Theorie beantwortet die Frage nach der Fernwirkung, stellt nun aber heute die Physiker vor das fundamentale Problem, die Physik der Raumzeit mit der Physik der Quanten zu vereinen. Man könnte sagen: Einstein verbesserte das Scheitern Newtons. Wie es weitergeht, weiss niemand. Wir wissen nicht, was wir nicht wissen.

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Wir kennen Standardfloskeln im Stil von „Wie ein Forscherteam herausgefunden hat, tragen menstruierende Frauen vorzugsweise die Farbe Rot“. Häufig handelt es sich um Quark in wissenschaftlicher Verpackung. Aber dahinter verbirgt sich ein ernsthaftes Problem, das auch mit dem Scheitern zu tun hat. Die empirische Forschung kennt einen besonderen Typus von negativen Resultaten: falsche Positive. Man liest aus der Korrelation von Daten einen Zusammenhang heraus, der nicht real, sondern zufällig ist -  Fake-Entdeckungen.
Die Statistik kennt seit 70 Jahren den Signifikanztest. Er beruht auf der Berechnung eines Werts, der angibt, welchen Zufallsanteil – also falsche Positive – eine Datenanalyse aufweist. Er sollte – gemäss Standard - nicht mehr als 5 Prozent betragen. Tatsächlich lässt sich aber relativ einfach zeigen, dass man bei signifikanten Resultaten mit einer viel höheren Zufallsrate als 5 Prozent rechnen muss, die Wahrscheinlichkeit einer Fake-Entdeckung also viel höher liegt. Nichtsdestoweniger gilt der Signifikanzwert - besonders in der psychologischen und pharmakologischen Forschung - als Goldstandard eines erfolgreichen Experiments. Wie Kritiker schon seit zwei Jahrzehnten monieren, hat dies zu einem Anwachsen von Fake-Entdeckungen geführt. Man spricht auch von einer Replikationskrise – also im Grunde von einer Krise der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit.
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Die Idee des besseren Scheiterns könnte vor allem im heutigen Klima des fiebrigen Publish-or-Perish temperierend wirken. Bekanntlich publiziert ein Wissenschafter, der einen Job erhalten und vor allem auch seinen Job behalten will, auf Teufel komm raus. Das hat, wie der britische Biostatistiker David Colquhoun unlängst kritisch bemerkte, zu einer „Sklavenkultur geführt, in der Armeen von Postdoc-Assistenten dazu angehalten werden, immer mehr Papers für den Ruhm ihres Chefs und ihrer Universität zu produzieren, so dass sie nicht mehr Zeit für die elementaren Dinge ihres Geschäfts finden.“ Und dazu gehört das Scheitern.

Es gibt keine Schule des Scheiterns, aber man kann ein Ethos des Scheiterns fördern. In seinem berühmten Vortrag am Caltech rief Richard Feynman den Studenten zu: „Don’t fool yourself!“. Zum Narren kann sich eine Forschung machen, die keine Zeit zum Scheitern hat.






Montag, 17. April 2017

Das Schimpftier





Gekürzte Fassung in NZZ 13.4.2017


Von der Vershittung und Verfuckung der Sprache


Das Heiliger-Fick-Scheiss-Nigger-Prinzip
Womöglich wird ein Baby schon bald als erstes Wort „shit“ oder „fuck“ von sich geben. DieVershittung und Verfuckung der Sprache ist endemisch. Erleben wir eine Zeit, in welcher der Unterleib zurückschlägt; einen Backlash des Obszönen, nachdem der Neo-Puritanismus einer prüden politischen Korrektheit uns das Lästermaul zu verbieten suchte? Dabei ist das Phänomen der Lalochezie - des “Wörterscheissens“ als emotionalem Ventil  -  durchaus bekannt (lalia: „Rede“; khézō: „defäkieren“).

Aufschlussreich ist schon die Etymologie. Man führt „obszön“ auf „caenum“ (Dreck) zurück, dann aber auch auf „scaena“ (Bühne): Dreck auf der Bühne, Widerwärtiges in der Öffentlichkeit, explizit Dargestelltes also („explicit“ ist im Englischen ein Wort für Pornographie). Grob gesehen kann man vier Gravitationszentren des Obszönen unterscheiden: das Heilige, den Körper, die Reinheit und den Stamm. Daraus leiten sich die Beschimpfungsvarianten ab: Entheiligen, Sexualisieren, Beschmutzen und Verunglimpfen. Der amerikanische Kognitionswissenschafter Benjamin K. Bergen, der gerade ein Buch mit dem aparten Titel „What the F“ veröffentlicht hat, nennt dieses Kategorisierungsschema unzimperlich das „Holy-Fuck-Shit-Nigger-Principle“.[1]

Entheiligen
Das Holy-Prinzip ist auch bekannt als Profanierung. Profan bedeutet ursprünglich „vor dem heiligen Ort“: ausserhalb des Sakralen. Entzieht man also ein geweihtes Wort diesem Schutzbereich, ist das so, als würde man ihn betreten und entweihen. Das Holy-Prinzip funktioniert natürlich nur in religiös geprägten Gesellschaften mit ihren Tabus. Man braucht nicht gleich an den Islam zu denken. Das europäische Mittelalter stand ganz im Zeichen des Heiligen und kaum etwas war schlimmer, als wenn man „Bei Gott“ fluchte. Ganz schlimm: „Bei den Nägeln Gottes!“ Man enthüllte nicht nur Christus’ Körper im Himmel, man fügte ihm auch Schmerzen zu, als risse man seine Nägel aus. „Tear me no more/My wounds are sore/ Leave swearing therefore,“ mahnt ein Gedicht aus dem Jahre 1509 den Fluchenden.


Sexualisieren
Das Obszöne wandelt sich mit der Zeit und dem soziokulturellem Kontext. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts tabuisiert man in Europa nicht den Körper Gottes, sondern jenen des Menschen. An die Stelle der Profanierung treten das Fuck- und das Shit-Prinzip. Darin  spiegelt sich zunächst einmal das ambivalente Faszinosum des Sexuellen: verboten und begehrt, unrein und verehrt, sittsam verhüllt und unsittlich enthüllt – das allgemeine Merkmal tabuisierter Dinge. Schon im alten Rom – nicht gerade bekannt als Ort des Züchtigen – galt die explizite Nennung von Genitalien und entsprechenden sexuellen Akten als schlimme Obszönität. Das obszöne Wort ist „nackt“ - „nuda verba“ - , als ob mit ihm auch die bezeichneten Schamteile sichtbar würden. Das dürfte die Verbreitung des einschlägigen Wortschatzes nur befördert haben. Was „fuck“ heute, war damals „futuo“.

Beschmutzen
Das Shit-Prinzip zieht uns in den Dreck. Dreckwörter atmen den Geruch des Körperlichen, seiner Ausscheidungen, Ausflüsse, Ausdünstungen. Aber eigentlich ist Dreck im übertragenen Sinn gemeint. Reinheit, so schrieb die britische Anthropologin Mary Douglas, ist nicht primär eine Kategorie der Hygiene, sondern des kulturellen Schutzes. Mit Schmutz verbindet schon der Primitive das, was eine Ordnung gefährdet oder was nicht eindeutig ist. Wer sich zweideutig ausdrückt, hat nicht nur einen schmutzigen Mund, sondern womöglich schmutzige, subversive Absichten. Katholische Priester wurden im protestantischen England des 16. Jahrhunderts der zweideutigen Rede verdächtigt, verfolgt und sogar hingerichtet.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Dreck, so sagt man, ist Materie am falschen Ort. Bewirft man jemanden mit Dreckwörtern, signalisiert man zugleich immer auch, dass er am falschen Ort steht, und zwar aus den diversesten Gründen: ethnische Zugehörigkeit, Religion, Hautfarbe, Nationalität, Alter, politische Gesinnung, Gender, wirtschaftlicher Status, physisches oder intellektuelles Vermögen, und was auch immer. Und hier wird es mulmig.

Verunglimpfen
Das Nigger-Prinzip ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, seit sie in Stämmen den Planeten bevölkert. Mit dem Stamm kommt die Stammeszugehörigkeit, und mit ihr das Beschimpfen des Anderen als Nichtzugehörigen. Einen ersten Höhepunkt der Arroganz fand das Nigger-Prinzip im klassischen antiken Schimpfwort „Barbar“: jener, der nicht die griechische Sprache spricht. Auch hier erkennen wir das Merkmal des Schmutzes, des Fehl-am-Platz-seins. Der Nigger gehört nicht zu uns. Zur Stigmatisierung eignen sich nicht nur rassische Eigenheiten – Schlitzauge, Kanake, Kaffer, Kike (amerikanisch für Jude) -, sondern generell kulturelle Andersartigkeiten wie Esssitten – Tacofresser, Makkaroni, Maiser, Kraut -; soziale Herkunft – Prolo, Fremdarbeiter, Redneck, Cotton Picker -; Randgruppen und Minderheiten – Hartzer, Grufti, Junkie, Penner – ; mentale Defizienz - Mongo, Spasti, Sperg, Tard (englisch, Abkürzung für „asperger“ und „retarded“). Der Stigmakatalog liesse sich bis zum Brechreiz erweitern.

Es geht immer um das gleiche: Grenzen ziehen und ausgrenzen. Grenzenlos ist dagegen die Phantasie, mit der diesem Prinzip gefrönt wird. Das zeigt sich gerade heute, in den kulturell zersplitterten Gesellschaften. Es gibt ja immer mehr „andere“. Und je mehr „andere“ es gibt, desto mehr Kreativität muss in das Abstecken des eigenen Habitats investiert werden. Das Schimpfwort erhält seine Funktion als Waffe im kulturkämpferischen Hauen und Stechen.

Das Kapitän-Haddock-Prinzip
Dennoch: Schimpfen ist gut und gibt eine gute Laune. Psychologen sprechen von der kathartischen und stressabbauenden Wirkung. Jeder hat auch sein Privatvokabular an Invektiven, wie etwa die entsicherte cholerische Granate Kapitän Haddock. Hier eine kleine Auswahl: Vegetarier, Technokrat, Bahnhofspenner, Karnikel, Sandfloh, Rollschwanz­affe, Knastologe, Höllendackel, Pantoffeltierchen, Mückenhirn in Aspik, gummibeiniger Satansbraten.[2]

Soviele Zungen, soviele Flüche. Die meisten von uns tragen wohl die biografische Erbschaft ungoutierter Erfahrungen oder Bekanntschaften mit sich herum, die sich sehr gut als Reservoir für idiosynkratisches Lästern eignet. Ohne hier nun ganze Berufsgruppen in Harnisch bringen zu wollen, erlaube ich mir en passant ein kleines Comingout: Mein privater Schimpfwortschatz umfasst unter anderem „Sekundarlehrer“ und „Betriebsökonom“; nicht besonders originell, ich weiss, aber bei Gelegenheit ganz passend und Erleichterung verschaffend. Grundprinzip: Man reisst das Wort aus seinem Normalgebrauch. Als Ausruf verwendet -  „Du Sekundarlehrer, du!“ – kann es irritieren, ohne dass der Angesprochene eigentlich genau weiss, was gemeint ist und wie ihm geschieht – und ich selber ventiliere meinen psychischen Dampfdruck und habe erst noch Huere-Spass dabei.

Von „Nigger“ zu „Nigga“
Umgekehrt funktioniert das Prinzip auch: Man verschafft dem Schimpfwort einen neuen Normalgebrauch, man nimmt es in eigenen Besitz. Schwule nennen sich Schwule und „entschimpfen“ dadurch das Wort; desgleichen die Lesben, englisch „dykes“. Als „Dykes on bikes“ bezeichnen sich Motorradfahrerinnen in den USA jetzt stolz und genderbewusst. Oder Rapper nennen sich „Nigga“. Wie der verstorbene Tupac Shakur, eine Galionsfigur der Rapper-Szene, erklärte: „Nigger waren die, die am Seil von den Bäumen hingen; Nigga sind jene, die goldene Seile am Hals tragen und in den Clubs herumhängen.“ „Nigga“ hat es sogar schon zum Pronomen-Status geschafft: „A nigga proud of myself“ bedeutet „Ich bin stolz auf mich“. Das kann allerdings nur ein Nigga sagen.

Die neue Schmäh-und-Hassrede
Im Schimpfen sagen wir das Unsagbare. Wichtig ist ein gewisser kreativer Imperativ. Heute stellen Sprachforscher – „Malediktologen“ - wie Roland Ris oder Reinhold Aman eine Verarmung fest. Ein Schimpfwort bezieht den Punch aus seiner Tabuisierung. Enttabuisieren wir es, leidet es an invektivem Muskelschwund. So auch die Wörter aus der Fuck-und-Shit-Kategorie.

Das hat eine unliebsame, ja gefährliche Konsequenz. Moderne Gesellschaften bauen auf das „Tabu“ der Unantastbarkeit der Person, des Respekts vor dem Anderen (Immanuel Kant sah sogar etwas säkular Heiliges darin). Das neue Schimpfen bricht mit diesem Tabu. Gegenwärtige Schmäh-und-Hassrede bezieht ihre Energie grösstenteils aus der offensiven Verunglimpfung des Andersartigen. Wenn es früher hiess „On est toujours le juif de quelqu’un“, so wird jetzt Finde-deinen-Nigger nachgerade zum Gesellschaftspiel. Nigger: das können auch Behinderte sein, Alte, Marginalisierte, Verlierer, Migranten, Fans der gegnerischen Mannschaft. Das Nigger-Prinzip eignet sich vorzüglich als verbale Vorschule zu physischer Gewalt. Es sitzt urhirntief in unseren Schädeln. Und mit Verboten entzieht man ihm nicht den Boden, sondern ebnet ihn.

Holy-Fuck-Shit-Nigger-Politician
Möglicherweise böte eine weitere Schimpfkategorie Gelegenheit zum kreativen Dampfablassen: die Politik, vor allem auf Twitter. Der gegenwärtige Präsident der USA twittert ja, als hätten die Nerven ihn und nicht er die Nerven unter Kontrolle. Anlässlich seines Schottlandbesuchs 2016 verlautete er: „Just arrived in Scotland. Place is going wild over the vote. They took their country back, just like we will take America back. No games!“ Worauf ein ganzer Güllentank an Tiraden sich über ihn ergoss, etwa: „Du könntest nicht realitätsfremder sein, als wenn Nessie dich in den Arsch gebissen hätte“; „polyester cockwomble“ (Vollidiot aus Polyester“); „weaselheaded fucknugget“ („wieselköpfiger Fickbrocken“) oder „tiny fingered, cheeto-faced, ferret wearing shitgibbon“ („winzigfingriger, chipsgesichtiger Scheissgibbon mit Frettchen auf dem Kopf“); „bolt ya hamster heedit bampot, away and boil yer napper“ (schottisch für „hau ab, hamsterköpfiger idiotischer Hooligan, und geh deinen Schädel brühen“).[3]

Inzwischen genügt bei vielen Politikern allein die Namensnennung oder Verballhornung. Legendär schon der SPD-Politiker Herbert Wehner, der den CDU-Mann Jürgen Wohlrabe in „Übelkrähe“ umtaufte. „Idi Alpin“ für Franz Josef Strauss ist auch nicht von schlechten Eltern. Oder „Silvio Siliconi“. Heute spricht man von „Angüla Mürkel“, der „Erdo-Gans“. „Erdoganen“: jede Kritik als Terrorismus abtun. Gut möglich, dass „Du Freysinger!“ schon bald zur Beleidigung erblüht, gerade in der „Üsserschwiiz“.

Dank Politikern schlägt die Kreativität des Schmähens Purzelbäume. Man werfe einen Blick in den „Urban Dictionary“[4]; oder in die deutsche „Mund Mische“[5]. Guter Geschmack ist hier natürlich nicht die Leitlinie, wie überhaupt in den Feuchtzonen der Sprache. Nicht selten stösst man auf bloss Widerliches. Wie in der Politik eben.









[1]    Benjamin K. Bergen: What the F, New York, 2016. Historisch ergänzend und sehr instruktiv ist Melissa Mohr: Holy Shit. A Brief History of Swearing, Oxford University Press, 2013.
[2]    Einen amüsanten Einblick in Haddocks Invektivenwortschatz gibt Albert Algoud: Hunderttausend Höllenhunde: Haddocks Einmaleins des Fluchens, Carlsen, 1999.
[3]      https://qz.com/716915/donald-trumps-visit-to-scotland-inspired-some-very-creative-british-profanity/
[4]      http://www.urbandictionary.com
[5]      https://www.mundmische.de/lexikon/

Sonntag, 26. März 2017

Über intelligente Dummheit









NZZ, 23.3.2017




Plötzlich erweisen sich uralte Schriften als brandaktuell. Zum Beispiel der „Grosse Alkibiades“, ein griechischer Dialog, verfasst vor zweieinhalb Jahrtausenden, dem platonischen Kreis zugerechnet. Alkibiades, Spross einer noblen athenischen Familie, ein ehrgeiziger Jüngling mit Drang zum politischen Leben wird von Sokrates in einen Dialog über gute Staatsführung verwickelt. Wie üblich, zerzaust Sokrates die unreife Voreingenommenheit des jungen Mannes, der gestehen muss, dass er eigentlich nichts wisse über die Voraussetzungen guter Politik. An einer entscheidenden Stelle redet Sokrates dann Fraktur.
Sokrates:     Wie nun? Weisst du etwas Wichtigeres zu nennen als Rechtes und Schönes und Gutes und Vorteilhaftes?
Alkibiades: Wohl nicht.
Sokrates:     Und hierüber gestehst du, dass du schwankst.
Alkibiades:  Ja.
Sokrates:     Wenn du aber schwankst, ist es nicht aus dem Vorigen klar, dass du nicht nur das Wichtigste nicht weisst, sondern auch, nicht wissend, es doch zu wissen glaubst?
Alkibiades:  Das mag wohl sein.
Sokrates:     Wehe, o Alkibiades, was ist dir widerfahren (..) Nämlich mit der Torheit hausest du und zwar mit der schimpflichsten (..) Darum also stürzt du dich so eilends in die Staatssachen, ehe du unterrichtet bist. Aber nicht du allein befindest dich in diesem Zustande, sondern die meisten von denen, welche die Angelegenheit dieser Stadt besorgen.

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Im griechischen Original steht das Wort „amathia“ für Torheit. Damit ist nun nicht die normale Dummheit gemeint, sondern eine besondere Form von Ignoranz: die Unwissenheit nämlich der eigenen Unwissenheit. Sokrates gilt ja als philosophischer Diagnostiker dieser speziellen Ignoranz.

Alkibiades ist intelligent, aber er will seine Intelligenz für „törichte“ Ziele einsetzen, für Machtgewinn und Machterhalt, nicht für das gerechte und gute Leben. Robert Musil hat in einem Vortrag von der „intelligenten“ Dummheit gesprochen, um sie von der „ehrlichen“ Dummheit abzuheben: „Die ehrliche Dummheit ist ein wenig schwer von Begriff und hat, was man eine ‚lange Leitung’ nennt. Sie ist arm an Vorstellungen und Worten und ungeschickt in ihrer Anwendung. Sie bevorzugt das Gewöhnliche, weil es sich ihr durch seine öftere Wiederholung fest einprägt, und wenn sie einmal etwas aufgefasst hat, ist sie nicht wieder geneigt, es sich so rasch wieder nehmen zu lassen (..) Zu dieser ehrlichen Dummheit steht nun die anspruchsvolle höhere in einem wahrhaft nur zu oft schreienden Gegensatz. Sie ist nicht sowohl ein Mangel an Intelligenz als vielmehr deren Versagen aus dem Grunde, dass sie sich Leistungen anmasst, die ihr nicht zustehen (..) Sie reicht bis in die höchste Geistigkeit. Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen.“

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Heute ist eine Abart dieser Dummheit zu konstatieren. Es herrscht das Klima der Faktenalternierer, Lügenkostümierer, Gerüchtezwitscherer. Sie sind intelligent, und sie mobilisieren ihre Intelligenz für antidemokratische, ja, faschistische Ziele. Sie wollen allgemeine Konfusion schaffen, um den günstigen Notstand eines Staatsstreichs herbeizuführen, wie der „Leninist“ Steve Bannon: „Ich glaube, wir könnten ein bisschen mehr Chaos in unserer Politik gebrauchen, ein bisschen von diesem faschistischen Geist.“ Oder sie plädieren für eine Säuberung Frankreichs vom Islam, wie die schlaue Putzfrau Marine Le Pen: „Sagen wir ja zum Multikulturalismus auf planetarer Ebene, aber nein zum Multikulturalismus in einem einzigen Land.“ Während Alkibiades tut als ob er wüsste, obschon er nicht weiss, manifestiert sich hier eine andere Form von Dummheit: Man weiss, aber tut so als ob man nicht wüsste. Man weiss durchaus aus der jüngeren Vergangenheit, in welche Zustände eine Destabilisierung des Staates oder eine kulturelle „Reinigung“ der Gesellschaft führen kann. Dieses Wissen unterschlägt man freilich schön hintertrieben.

Intelligente Dummheit bezeichnet nicht eine Unfähigkeit, sondern eine Nicht-Bereitschaft des Verstehens, also den Willen zu historischer Amnesie. Gutes Zureden - will sagen: Lernen – kommt intelligenter Dummheit nicht bei. Sie versagt sich dem Argument, sie weist den Unterricht durch Fakten von sich, die ihr nicht zudienen, sie redet im Argot von Affekt und Ressentiment. Sie bedient eine Art von Borderline-Politik. Wie Musil schreibt, ist sie „keine Geisteskrankheit, und doch ist sie die lebensgefährlichste, die dem Leben selber gefährliche Krankheit des Geistes.“ Musil hielt seinen Vortrag „Über die Dummheit“ 1937, ein Jahr vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland, zu einer Zeit, als die „Krankheit“ in Europa schon endemisch war. Achtzig Jahre später grassiert sie wieder, und nicht nur in Europa.