Sonntag, 14. August 2016

Offenbarungsglauben als Wurzel der Gewalt




Das Problem mit der Offenbarung
Wenn junge Muslime einen französischen Priester abschlachten und dabei „Allahu akbar“ schreien, dann vernimmt man regelmässig die Beschwichtigungsformel, es handle sich um Gräueltaten von Verlierern, Irregeleiteten oder psychisch Gestörten, also um eine Anomalie der Religion. So spricht zum Beispiel der mit allen Wassern gewaschene muslimische Meinungsmacher Tariq Ramadan vom „reinen Verrat an unserer Religion“. Man hört die Botschaft wohl, allein es fehlt der Glaube. Die Häufung solcher Taten lässt durchaus die Frage aufkommen: Liegt Gewalt in der „Wurzel“ des Offenbarungsglaubens? Und schiesst sie gerade deshalb im Radikalismus so grässlich hervor?

Die drei grossen monotheistischen Religionen sind Offenbarungsreligionen. Sie beanspruchen, dass ihre Lehren von Gott selbst dem Menschen verkündet worden seien. Und sie verlangen, dass diese Lehren von allen akzeptiert werden. Sie sind intrinsisch missionarisch. Eine Religion aber, die im Auftrag Gottes vermittelt wird, hat zwei fundamentale Probleme. Erstens: Wie wissen wir, dass sie von Gott stammt? Zweitens: Was tun mit jenen, die daran zweifeln; wie mit dem Irrtum und mit den Irrenden umgehen? Kann es überhaupt religiösen Irrtum geben? Alle drei führenden monotheistischen Religionen haben in verschiedenen Stadien ihrer Geschichte diese Frage gestellt und oft mit Gewalt unterdrückt.

Platz für den Irrtum
Die wissenschaftliche Neuzeit ist geprägt und getrieben von einer säkularen Neugier; von etwas also, das im Mittelalter als Vanitas galt. Und in dieser Haltung verharrt ein Grossteil des Islams heute noch. Eine Religion aber, für die alles Wissen bereits in einem geoffenbarten Text steht, kann keinen Fortschritt durch die Entfaltung der Neugier dulden. In ihrer Logik gibt es nur die „richtige“ Auslegung der heiligen Schrift. Alles andere ist bodenloser Irrtum. Und der gehört ausgerottet.

Man muss sich die fundamentale erkenntnistheoretische Differenz klar vor Augen führen. Für die Wissenschaft ist der Irrtum der Grundmotor; für die Religion das Grundübel. Dazwischen spielen sich existenzielle Dramen ab. Wir kennen solche Dramen aus der Geburtstunde der wissenschaftlichen Neuzeit, bei Philosophen wie Montaigne oder Pascal. Montaigne „sprang“, da er sah, dass es keine letztgültige Begründung unseres Wissens gibt, in den Glauben. Ebenso Pascal, von Zweifeln zerrissen. Selbst Descartes berief sich auf Gott, der die Gewissheiten des „natürlichen Lichts“ der Vernunft garantiert. Aber hier zeichnet sich auch eine entscheidende Hinwendung zur Säkularisierung der Vernunft ab. Sie mag ein göttliches Geschenk sein, aber was wir dank ihres methodischen Leitfadens erreichen, muss menschlich prüfbar sein, ist, wie Descartes sagt, von „moralischer“ Gewissheit, also fehlbar. Das war die Geburtstunde des wissenschaftlichen Irrtums. Er sollte bald auch das Studium der heiligen Schriften infizieren, denn ein gewisser Baruch Spinoza stellte die häretische Frage, ob wir uns denn nicht auch in der Textinterpretation irren könnten. Er wurde mit dem „herem“, dem schärfsten jüdischen Bannspruch belegt, der bis zur Stunde nicht aufgehoben ist.

Ambiguitätstoleranz
Die Irrtumsfähigkeit ist nicht auf die europäische Kulturgeschichte beschränkt. In der Tat existierte sie schon länger in der islamischen Tradition. Der deutsche Islamwissenschafter Thomas Bauer spricht in diesem Zusammenhang von Ambiguitätstoleranz. Es gibt nie nur eine einzige Sicht auf ein Phänomen, ein Objekt, eine Norm, eine Lebensform, eine Doktrin, einen heiligen Text. „Im Grunde sind alle wichtigen Bereiche des klassischen Islams das Ergebnis eines Kompromisses zwischen einander widerstreitenden, einander zunächst feindlich gegenüber­stehenden Diskursen,“ schreibt Bauer. Das „Bemühen, Ambiguität zu bändigen, nicht aber zu beseitigen“ charakterisiere die arabisch-islamische Kultur und Wissenschaft der Blütezeit. So betrachtete zum Beispiel der Korangelehrte Ibn al-Dschazari im 15. Jahrhundert die Deutungsoffenheit des Korans als Gnade Gottes. Das heilige Buch, sei „ein gewaltiges Meer, in dem man nie auf Grund stösst und nie durch ein Ufer zum Halten gebracht wird“. Eindeutigkeit im Verständnis erschien ihm weder möglich noch erstrebenswert.

Blütezeit und Frühling sind vorbei
Es genügt aber heute nicht mehr, stets eine Blütezeit und gute Anlagen in der islamischen Tradition zu beschwören. Tatsache ist, dass diese Zeit längst hinter uns liegt und der Islam gegenwärtig hässliche Sumpfblüten der Gewalt hervortreibt. Mehr denn je zuvor schuldet uns also eine Religion, in deren Namen solche Verbrechen verübt werden, eine auf die Gegenwart, und nicht auf eine goldene Vergangenheit zurückbezogene Erklärung, warum sie immer wieder zur Gewaltrechtfertigung missbraucht wird. Und zum unschönen Teil einer solchen Erklärung gehört meines Erachtens, dass ein Gewaltpotenzial in der Logik der Offenbarungsreligionen steckt. Es fehlt ihnen, um es auf einen provokativen Punkt zu bringen, ein Diskurs, der mit Irrtümern und abweichenden Interpretationen der heiligen Texte umzugehen erlaubte. Ein solcher Diskurs bedeutet, anders gesagt, dass man den Wert der freien Glaubensausübung dem Wert der friedlichen Koexistenz in einem säkularen Rahmen unterordnet. In diesem Rahmen haben geoffenbarte Wahrheiten und Gebote keinen Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit oder Diskurshoheit. Erheben sie ihn, dann sind sie unmissverständlich in der Rahmen des Privaten und Persönliche zu verweisen. Offenbarung hat in der Politik nichts zu suchen.

Ethischer Fortschritt heisst Toleranz für den Irrtum

Das Heimtückische in der Logik jeder Offenbarungsreligion liegt darin, dass sie aufs Ganze geht; und wenn es ums Ganze geht, entscheidet keine neutrale Instanz, kein Drittes. Oder vielmehr: dieses Dritte liegt ausserhalb menschlicher Reichweite, es ist der Gott, an den man glaubt. Ende der Debatte. Und hier manifestiert sich der tiefe Unterschied zwischen Gesellschaften, die ihre Fundamente auf religiösen, und Gesellschaften, die ihre Fundamente auf säkularen Boden setzen. Für Letztere gibt es ein Drittes in menschlicher Reichweite: den Irrtum. Er ist die Quelle der Toleranz. Somit ein Markstein ethischen Fortschritts. Und genau hier hinken Offenbarungsglaube und Unfehlbarkeitsanspruch, seien sie christlich, jüdisch oder islamisch, der Moderne hinterher.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Sind wir jetzt alle Experten?









In der Wissensgesellschaft wimmelt es nur so von Experten. Kein Politiker, kein Konzern, keine Organisation, die auf lokaler oder globaler Bühne ihren Part spielen möchten, können heute noch auf das Expertenurteil verzichten. Das zieht sich mittlerweile bis in unseren Alltag hinein. Die Regale der Buchhandlungen biegen sich unter der Last der Ratgeber. Wie es scheint, gibt es vor, während und selbst nach dem Leben kaum noch etwas, worüber nicht schon Expertenmeinung abgesondert worden wäre.

***

Nun beschleicht einen schnell der paradoxe Eindruck, dass proportional zur Expertenschwemme das Vertrauen in die Leute vom Fach schwindet. Ein zentraler Grund liegt darin, dass sich das Verhältnis des kritischen Bürgers zur Wissenschaft generell gewandelt hat. Lange Zeit war dieses Verhältnis geprägt von einem Idealbild des Wissenschafters auf erhöhtem Podest, der – eigentlich gar nicht von dieser Welt – uns sagt, wie die Welt wirklich tickt. Noch Einstein konnte seinesgleichen zu „Tempeldienern“ der reinen Erkenntnissuche hochstilisieren. Uns Heutigen erscheint dieses Bild zunehmend als Augenwischerei, vielleicht aus enttäuschten Erwartungen in ein wissenschaftliches Ethos, das sich regelmässig diskreditiert sieht. Wir sind irritiert, wenn uns die eine Studie Kohlenhydrate empfiehlt, die andere genau das Gegenteil. Wir sind indigniert, wenn ein Mediziner wie Andrew Wakenfield 1998 einen Zusammenhang zwischen Autismus und einem Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln konstruiert, nur um diesen Impfstoff im Auftrag einer Interessengruppe in Misskredit zu bringen.
***
Der englische Wissenschaftssoziologe Harry Collins – ein Veteran der sogenannten „science wars“ - hat kürzlich ein Büchlein mit dem Titel „Are we all scientific experts now?“ veröffentlicht. Die Frage klingt wie das Symptom für ein Zeitalter des Post-Expertismus. Der Ausdruck soll nicht suggerieren, dass der wissenschaftliche Experte abgedankt hätte; vielmehr, dass der einfache Gegensatz zwischen „Experten“ und „Laien“ einer graduellen Abstufung von Expertentum gewichen ist. Nichts exemplifiziert dies deutlicher als das Wissens-Jekami von Wikipedia.  Selbstverständlich zählt nach wie vor  das Wort der wissenschaftlichen Autorität. Aber die Wissenschaft hat in der heutigen Gesellschaft ihren fast-unantastbaren Status verloren, und das macht uns alle zu „Default-Experten“, wie Collins dies nennt: „Default-Expertentum ist jenes Expertentum, das der Bürger zu besitzen verspürt, weil Wissenschaft und Technik fehlbar sind,“ schreibt Collins.
Zu Default-Experten werden wir fallweise, etwa beim Arzt, wenn er eine falsche Diagnose stellt, ein Mittel verschreibt, das man nicht verträgt, oder eine Therapie anordnet, die nicht anschlägt. Dann – so sagt man auch – greifen wir zur Selbsthilfe. Wir beginnen uns selber genauer zu beobachten, werden sensibler für gewisse Körperzeichen.  Chronisch kranke Menschen zum Beispiel entwickeln oft ein ausgeprägtes persönliches Expertentum ihres Körpers, an welches das ärztliche nicht herankommt. Man sollte die Fehlbarkeit nicht generell der Medizin anlasten, sie liegt in der Komplexität des Systems selbst begründet, hier also unseres Körpers (der eben mein Körper ist). Zu Default-Experten können wir auch bei Finanz- oder meteorologischen Systemen werden. Wäre angesichts der schon fast sprichwörtlich dubiosen Prognosen hier nicht der völlig unzynische Ruf angemessen: Wir sind alle Experten?

***

Default-Expertentum ist Expertentum aus Reaktion. Aber wie steht es um das echte Expertentum? Existiert es, und worin besteht es? Die Frage öffnet ein weites Feld. Versuchen wir eine Antwort mit einer „weichen“ Definition. Das lateinische Wort „expertus“ meint „erfahren sein“, oder auch „etwas versucht haben“. Und genau hier müssen wir einhaken. Experten sind wir alle mehr oder weniger, nicht einfach im Default-Sinne, sondern in dem Sinne, dass wir uns auf das Leben einlassen, dass wir uns an ihm versuchen, dass wir durch es belehrt werden. Die Expertise des Alltags, die daraus resultiert, nennen wir Commonsense: gesunden Menschenver­stand, Vertrauen in die eigene Erfahrung und Urteilsfähigkeit, Knowhow. Dieser Commonsense sieht sich allerdings zunehmend abgewertet durch eine Tendenz des Delegierens, die uns auf weiten Gebieten die Handlungsträgerschaft und –ve­r­antwortung entzieht. Ausgelagerte, fremde „Kompetenzen“ ersetzen sie, in Gestalt von Experten und Expertensystemen.

***

Es kommt durchaus vor, dass Laien einen gewissen spezialisierten Expertenstatus gewinnen. Chronisch Kranke können – wie gesagt – quasi zu Experten ihrer Krankheit werden, wie das Beispiel der Aids-Aktivisten in den USA zeigt. Aidskranke Homosexuelle in San Francisco sabotierten in den 1980er Jahren nicht nur die Doppelblindtestes neuer Medikamente, sie zogen auch die traditionellen Testverfahren in Zweifel und rissen dadurch eine Debatte vom Zaun, in deren Verlauf die betroffenen Behandelten und die experimentierenden Behandler zunehmend zu einer neuartigen Forschungsgemeinschaft verschmolzen. Es fand sozusagen eine „Expertifizierung“ der Kranken statt. Sie kann durchaus ein Modell abgeben für entsprechende Kompetenzaneignungen auf anderen Feldern, etwa im Städtebau. Ein Beispiel liefert das Projekt „Stadt (Er)finden“ der Berliner Urbanistin Saskia Hebert. Hier gelten Ortsansässige als Experten, als Kenner lebenswichtiger Orte; sie wissen, wo ein Kiosk, ein Kinderspielplatz, ein Kino hingehören. Planer, Architekten und Studierende dagegen fungieren als „Externe“, die bei bestimmten Fragen beigezogen werden.

***

Immer wichtiger erscheint in einer zunehmend unübersichtlicheren Wissenslandschaft ein Meta-Expertentum, wie Collins es nennt, das heisst, die Unterscheidungsfähigkeit zwischen echten und unechten, guten und schlechten Experten. Dazu ist kein qualifiziertes Fachwissen nötig, sondern ein Wissen, wie dieses Wissen präsentiert wird. Als relativ unproblematisch erweist sich Meta-Expertentum etwa bei technischen Geräten wie Computer oder Auto. Ich erkenne die Fachperson sehr schnell daran, dass sie den Druckertreiber wieder in Gang bringt bzw. eine gebrochene Nockenwelle repariert. Solche einfachen Funktionskriterien gibt es in der Wissenschaft nicht. Das heisst nicht, dass die Entlarvung wissenschaftliche Trickster oder Bullshitter unmöglich wäre. Meta-Experten können wir werden, indem wir merken, dass etwas faul ist: Zum Beispiel präsentieren Forscher nur Material, das ihren Standpunkt stützt; oder Forscher sagen uns, ein bestimmter Zusammenhang sei kein Faktum, weil kein Konsens unter Experten herrsche. In solchen Fällen genügt eine Art von Whistleblower-Bereitschaft gegenüber der Forschungspraxis. Gerade der Wissenschaftsjournalismus sollte dieses Meta-Expertentum fördern und pflegen. Natürlich braucht es im wirklich „faulen Fall“ spezialisierte Insiderarbeit, die zum Beispiel zeigt, dass die statistischen Methoden eines Arztes nicht zu aussagekräftigen Resultaten führen; oder dass mit Hirnexperimenten die Nichtexistenz des freien Willens nicht zu beweisen ist.   

***

Vor 35 Jahren sprach Ivan Illich von der „Entmündigung durch Experten“. Er warnte vor der „behaglichen Gleichgültigkeit der Bürger, die sich als Klientel dieser Experten einer vielgestaltigen Sklaverei unterwerfen.“ Und er sah damals bereits eine Position zwischen Expertenhörigkeit und Expertenfeindschaft voraus, die er das „postprofessionelle Ethos“ nannte. Man könnte sagen: Im Zeitalter des Post-Expertismus lässt sich ein neues altes Expertentum revalidieren. Wer zählt zu seinem Bekanntenkreis nicht einen Liebhaber-Kenner von Pilzen, Käfern, Lokalgeschichte, alternativen Energieformen oder extraterrestrischem Leben. Käuze und Spinner vielleicht, aber sie verkörpern kaum ausgelotete Ressourcen für eine – wie sie der Wissenschaftsphilosoph Peter Finke in seinem neuen Buch nennt – „Citizen Science“. Man sollte sie freilich weder als eine parawissenschaftliche Konkurrenz noch als eine billige Datenzulieferin der „Professional Science“  missdeuten. Auch nicht als eine genuine Erkenntnissuche „von unten“, ohne „Korsett der Profis“, als die sie Finke ziemlich populistisch zelebriert. Eher artikuliert sich hier ein Expertentum, das wir alle mehr oder weniger für uns reklamieren können und sollen: Experte des eigenen Lebens.


„Es ist so bequem, un­mündig zu sein,“ schrieb Kant über die Medizin, „habe ich (..) einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdriessliche Geschäft schon für mich überneh­men.“ In diesem Sinne stünde uns ein neuer Ausgang aus der Unmündigkeit noch bevor.

Sonntag, 19. Juni 2016

Im neuronalen Wartezimmer des Bewusstseins





Bewusstsein beruht auf Gehirnprozessen. Soweit, so klar. Aber was für Prozesse sind das? Die Hirnforscher winden sich. Nun, eigentlich handelt es sich nicht direkt um Bewusstseinsprozesse, sondern um hirnphysiologische Vorgänge, die sich abspielen, wenn ich etwa einen Wutanfall oder Schmerzen habe, in jemanden verliebt bin, ein Gedicht schreibe oder beabsichtige, im Sommer nicht in die Ferien zu reisen: neuronale Korrelate von Bewusstsein, wie der Fachterminus heisst. Und was genau darf man sich darunter vorstellen? Hier winden sich die Hirnforscher noch mehr: Nun, eigentlich haben wir bloss Vermutungen, und zwar ziemlich viele. Eine kleine Auswahl gefällig? 40-Hertz Oszillationen im zerebralen Cortex, intralaminare Nuklei im Thalamus , wiederverwendbare Schleifen im thalamokortikalen System, erweiterte Aktivität im retikulär-thalamischen System, Neuronen im inferioren temporalen Kortex , Neuronen in der Area striata des visuellen Kortex’, die auf präfrontale Areale projizieren, visuelle Informationsverarbeitung im ventralen System.

Das genügt. Alles klar?  Gewiss nicht. Muss auch nicht.


Es kommt einem mitunter vor, als sässen alle die ausgeklügelten Hypothesen über die neuronalen Korrelate des Bewusstseins in einem Wartezimmer, um Einlass zu bekommen ins Sprechzimmer des Bewusstseins. Die Erwartung ist dabei, dass das Bewusstsein bestimmte Hypothesen gutheissen würde, andere nicht. Idealerweise würde eine Erklärung übrigbleiben, der Hirnschlüssel zum Bewusstsein. - Aber die Türe zum Sprechzimmer öffnet sich nicht, lässt sich nicht öffnen. Die Wissenschaft sitzt nach wie vor geschäftig im Wartezimmer. Viele Forscher harren aus, weil sie dafür Geld kriegen. Einige haben das Wartezimmer freilich schon verlassen. Und ein paar wenige fragen sich, ob es überhaupt eine Türe gibt.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Angst vor Islamophobie





NZZ, 31.5.2016 (Kurzversion)

Einer der Nestoren der linken politischen Philosophie, Michael Walzer, hat letztes Jahr unter dem Titel „Islamism and the Left“ ein unangenehmes Thema aufgebracht.[1] Der Tenor seiner Ausführungen:  Wie es scheint, haben die Linken im Westen mehr Angst vor Islamophobie als vor den Islamisten selbst.

„Vor langer Zeit,“ schreibt Walzer, „sahen wir der ‚Entzauberung der Welt’ entgegen – wir glaubten, dass der Triumph von Wissenschaft und Säkularisierung eine notwendige Bedingung der Moderne sei (..) Heute erfährt jede grosse Weltreligion ein bedeutsames Wiederaufleben, und die wiederbelebte Religion ist kein Opiat, wie wir dachten, sondern ein sehr starkes Stimulans (..) Von Pakistan bis Nigeria, und auch in Teilen Europas ist der Islam eine Religion, die eine grosse Zahl von Männern und Frauen, vor allem Männern, dazu anstiften kann, in ihrem Namen zu töten und zu sterben.“ Ein beunruhigendes Phänomen, vor dem viele Linke zurückschrecken, weil sie, so Walzer, eine „schreckliche Furcht davor (haben), als ‚islamophob’ bezeichnet zu werden.“ Das Buch der unerschrockenen Caroline Fourest „Eloge du blasphème“ (2015) wurde von keinem englischsprachigen Verlag übernommen. Es gibt eine Ausgabe auf Kindle mit dem Untertitel „Why Charlie Hebdo is not islamophobic“.

Was heisst „links“?
Nun muss selbstverständlich vorab geklärt werden, was unter „links“ zu verstehen ist. Auf die Gefahr hin, Walzer vereinfachend zu interpretieren, bezeichne ich damit die Allianz zweier Tendenzen: Anti-Imperialismus und Relativismus. Die erste Tendenz äussert sich auch weithin als Anti-Amerikanismus, als Reaktion auf die oft agressive Verbreitung des American Way of Life, der kapitalistisch dominierten Ökonomie, der Pax Americana, das heisst des Demokratie-Imports und des Nation-building in Drittweltstaaten, im Interesse der USA, das heisst vor allem ihrer Wirtschaftsgiganten. Damit eng verbunden ist die zweite Tendenz, nämlich die Verteidigung „lokaler“ Traditionen und Kulturen, über welche die Walze des Globalismus hinwegrollt; die Bewahrung der Sitten und Bräuche von Völkern und Menschengruppen, die sich dem uniformisierenden „westlichen“ Lebensstil entziehen. Meist wird dabei der postmoderne Anspruch vertreten, dass jede Kultur ihr Recht auf Ausübung ihrer Lebensformen habe und ein neutraler, universeller Standpunkt in der Beurteilung kultureller Praktiken nicht haltbar sei; ja, sich oft nur als verstecktes „postkoloniales“ Streben entwickelter industrieller Nationen entpuppe - als Imperialismus eben. Im Sinne dieser Logik erscheinen dann die Reaktionen „bedrohter“ Kulturen auch als Befreiungsbewegung der Unterprivilegierten und der Verlierer im globalen politisch-ökonomischen Grosskampf: eine Neuauflage der alten Klassenkämpfe. Und in diesem Klima wirkt nun der religiöse Extremismus besonders toxisch.

Der islamophobe Muslim
Die Ironie will es, dass nun schon muslimische Kritiker des Islam unter die Keule der Islamophobie geraten. Der algerische Autor Kamel Daoud, der kürzlich mit einer Neuversion von Albert Camus’ „Der Fremde“ für literarisches Aufsehen sorgte, hat die Ereignisse der Kölner Silvesternacht zum Anlass genommen, sich über das Frauenbild der Muslime zu äussern.[2] Eine Phalanx von Sozial- und Kulturwissenschaftern erhob daraufhin unter dem Banner „Gerechtigkeit für Muslime“ den alten Vorwurf des „Orientalismus“, also des eurozentrischen, verzerrenden Islamverständnisses – ein typisch postmodern-relativistischer Vorwurf. Damit insinuiert man leicht „Islamophobie“. Liest man Daouds Artikel, stellt sich freilich schnell der Eindruck ein, er bemühe sich, gerade aus „dem Innern“ des islamischen Körper- und Frauenverständnises heraus, die Nöte – „das sexuelle Elend“ - eines jungen Muslims zu erklären; im Besonderen die Verachtung des Körperlichen, das ja ohnehin eine blosse Passage ins ewige Leben sei. Das Leben selbst werde in einer solchen Weltanschauung zum „Verbrechen“. Von daher auch der Todeskult der Dschihadisten. Eine zentrale Herausforderung für Europäer, so Daoud, sei deshalb, dass sie sich in der Begegnung mit muslimischen Migranten auch selbst wieder mit dem säkularen Weltverständnis und seinen Werten auseinanderzusetzen beginnen und sich bewusst werden, was sie eigentlich an diesem Weltverständnis haben. Obwohl Daoud in seiner Darstellung des „gestörten“ Verhältnisses zur Frau nicht gerade zimperlich ist, vermag man aus seiner Lektüre keineswegs jenen „Kulturkampf“, den „Essenzialismus“, „Kulturalismus“ und „Psychologismus“ zu erkennen, den ihm die postmodernen Kämpen zu attestieren suchen. Ist es so schrecklich, wenn man dem Islam Massstäbe anlegt, die ihm fremd sind, zum Beispiel jenen der Gleichberechtigung der Frau?

Entislamisierung der Konflikte
Eine gebräuchliche Taktik ist die Entreligionisierung der Konflikte. Sie gehört zum klassisch-marxistischen Repertoire: man erklärt das religiöse Phänomen weg. Es handelt sich, so der Tenor, „im Grunde“ gar nicht um religiöse Streitigkeiten, der Glaube werde vielmehr zu ganz säkularen und machtpolitischen Zwecken, zu lokalen und regionalen Hegemonialansprüchen, missbraucht.

Ein Beispiel liefert der Fall der Schulmädchenentführung durch die islamistische Terrorgang Boko Haram in Nigeria. Die pakistanisch-amerikanische Publizistin Rafia Zakaria bezichtigt die westliche Medienberichterstattung der Sensationsgeilheit und Scharfmacherei gegen den Islam. In einer Kolumne von Al Jazeera America[3] unter dem alles sagenden Titel „Die Fallen des Schulmädchen-Feminismus“ meldet sie Zweifel am feministischen amerikanischen Engagement „Bring back our girls“ an, das sich anti-islamisch instrumentalisieren lasse. Aber dann lässt sie ihre Skepsis abrutschen in eine kulturalistische Schwadronade: „Indem man strategische Anreize in feministische Motive verpackt und gutmeinende Weststaatler als Retter der Eingeborenenkinder zeichnet, vertritt man eine alte Taktik. Diese kolonialen Tropen wurden schon während der mehr als zehn Jahre dauernden Präsenz der USA in Afghanistan breit diskutiert.“ Vor diesem Hintergrund weise das „Auftauchen des Schulmädchen-Paradigmas“ als Basis eines feministischen Aktivismus - in dem „eine Seite so sichtbar ungleich, jünger und einfacher sei“ -, genügend Ähnlichkeiten mit der Vergangenheit auf, um mit Skepsis betrachtet zu werden.

Daran ist durchaus etwas. So berechtigt aber die Kritik an der Instrumentalisierung von Schicksalen afrikanischer Schulmädchen ist, so sollte sie doch nicht vom eigentlichen Tatbestand ablenken. Das Kidnappen, das physische und psychische Vergewaltigen von Minderjährigen, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, kein „Paradigma“. Und gegenüber solchen Widerlichkeiten gibt es keine verblasene postmoderne Phraseologie und Skepsis.

Sündenbock-Monismus
Bereits widmen sich einschlägige Organe dem Phänomen Islamophobie, etwa das halbjährlich erscheinende „Islamophobia Studies Journal“. Im Editorial der zweiten Ausgabe stehen folgende Sätze: „Einige erklären das aufkommende anti-muslimische Ressentiment weg als ‚natürliches’ Resultat der vielen brutalen Ereignisse in der islamischen Welt im Besonderen und des ‚Terrorismus’ im Allgemeinen. Dagegen behaupten wir, dass die wachsenden negativen Gefühle mit der Gegenwart einer gut organisierten und gut unterstützten Islamophobie-Industrie zu tun haben könnten, der es gelungen ist, in (..) den öffentlichen Diskurs einzudringen und ihn zu kapern, ohne ernsthaften Widerspruch. Bisher haben es antirassistische und progressive Stimmen nicht geschafft, diese Industrie herauszufordern und die nötigen Ressourcen zu beschaffen, um regionale und nationale Gegenmassnahmen zu treffen.“[4]

Einmal abgesehen davon, dass der Zeitschrift mit einer solchen Diagnose ein hübsches Stück Eigenwerbung gelingt, exemplifiziert das Editorial ein typisches argumentatives Manöver: Sündenbock-Monismus. Im vorliegenden Fall die „ Islamophobie-Industrie“. Ein Agens im Unter- oder Hintergrund. In dieses Horn stösst zum Beispiel  auch die Journalistin Margaret Kimberley. Boko Haram würde sich „nur“ rächen für die Gewalttaten der Regierung, die Rebellen gefangen genommen hätte. „Die Entführungen sind ein direktes Resultat der Misshandlung der Bevölkerung durch die Regierung und der fehlgeschlagenen Versuche, Boko Haram zu bekämpfen (..) Der amerikanische Durchschnittsbürger kann nichts dazu beitragen, die Mädchen zu befreien, und jene, die etwas tun könnten, sind nicht sonderlich interessiert am mörderischen internen Kriegsgeschehen in Nigeria. Ihre Machenschaften schufen diese und viele andere Tragödien in der ganzen Welt.“[5]

Die anti-imperialistische Erzählung braucht eine Ergänzung
Nun gibt es gewiss „Machenschaften“, und zwar ganz böse, etwa jene der Ölunternehmen. Der anti-imperialistischen Erzählung, dass Boko Haram das Gesicht einer Rebellion gegen Armut, Leiden und Vernachlässigung sei, treten aber Einheimische mit einer andern Geschichte entgegen. Wie etwa der nigerianische Menschenrechtsaktivist Leo Igwe erklärt, ist die Tragödie in Nigeria auch hausgemacht, und zwar gerade durch die religiösen Zwiste innerhalb des Landes: „Man sagt, dass die lange leidende Resignation der Muslime sich in Wut und Verzweiflung verkehrt habe; und dass Boko Haram das Gesicht dieses gerechten und begründeten Zorns sei (..) Jedes intelligente Mitglied der nigerianischen Gesellschaft weiss, dass nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte.“

Seit Jahrzehnten zerrütten Nigeria Kämpfe um die Durchsetzung und Vorherrschaft der Scharia. Sie haben, so Igwe, die Bedingungen geschaffen, unter denen Boko Haram auftreten konnte. Kein edler Befreiungskrieg und Aufstand gegen „den Westen“. „Junge Muslime unterziehen sich einer Gehirnwäsche durch Geistliche in Moscheen und ‚Gelehrte’ in Koranschulen (..) Ihr Geist wird mit dogmatischer und absolutistischer Lehre vergiftet. Man lässt sie glauben, sie würden für die Sache Allahs kämpfen (..) und das Paradies erwartete sie. Die Botschaft von Boko Haram ist die nihilistische Ideologie des Islamismus, nicht Armut, Leiden und Vernachlässigung (..) Ich kann verstehen, warum einige  Segmente der europäischen und amerikanischen Presse die islamistische Komponente in diesem ‚heiligen Krieg’ lieber übersehen und die Situation anders interpretieren. Sie wollen vermeiden, als ‚islamophob’ angeklagt zu werden.“[6]

„Rien-à-voirisme“
Zu sagen, Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun, wäre etwa dasselbe, wie zu sagen, die Inquisition habe nichts mit dem Katholizismus zu tun. Der Chef von „Le Monde des livres“, Jean Birnbaum, bezeichnet dies als „Rien-à-voirisme“. Aber statt nun wie das Kaninchen die Schlange Dschihadismus anzustarren, wäre es angezeigter, ein anderes Phänomen oder Syndrom nicht aus den Augen zu verlieren. Schauen wir auf ein paar auffällige Symptome. Karikaturisten werden verfolgt und ermordet. Jean-Marie Le Pen erklärt im Putin-Blatt „Komolskaia Pravda“, dass dies den Leuten von „Charlie Hebdo“ zu Recht widerfahren sei, denn es handle sich um anarchistische und unmoralische Feinde des Front National. Putin verfolgt regierungskritische Bewegungen wie Pussy Riot. Sie machen ihn zur lächerlichen Figur. Der kaukasische Despot Kadyrow, eine Puppe Putins, pöbelt an einem Massenanlass in Grosny: „Wir werden einen entschiedenen Protest gegen die Vulgarität, Unmoral, den Mangel an Kultur und die Schamlosigkeit jener lancieren, welche die Karikaturen des Propheten zeichneten.“ In der Türkei rennt ein Staatspräsident fast jeder Satire und Kritik an seiner Person als einer Majestätsbeleidigung hinterher.

Mafiosifizierung der Politik
Man muss nun keineswegs den Humor von „Charlie Hebdo“ oder von Böhmermann goutieren. Aber wir sollten den Blick weiten. Die sogenannte Wiederkehr des Religiösen ist die Facette einer umfassenderen Entwicklung: der Erstarkung eines grimmigen Autoritarismus. Sie lassen ein Gespenst aus der Vergangenheit wiederaufleben, vor dem man sich wirklich zu fürchten hat. Diesem Gespenst ist nichts so zuwider wie Meinungsfreiheit und Freiheit der Selbstdarstellung, Kritik, Ironie, Witz, Sinn für Mehrdeutigkeit, Toleranz für Andersartiges. Ständig posaunt es „Respekt vor der Religion“, „Respekt vor dem Türkentum“, „Respekt vor dem neuen Russland“, und meint: Duck dich und halt den Mund! „Respekt“ ist ein Lieblingswort der Mafia, und mit ihm leistet man einer Mafiosifizierung der Politik Vorschub. – Und dadurch wird der politische Giftschrank grösser. Er beinhaltet jetzt nicht nur Dschihadisten und Möchtegernkalifen, sondern auch die Jean Marie Le Pens, Putins, Erdogans dieser Welt, zudem die Prozession bigotter Frommbacken mit ihrem Dekadenzvorwurf, die wüste Horde von Provinzdespoten und Hinterwäldlerwarlords. An ihnen zeigt sich die Fratze des zynischen, ruchlosen, heuchlerischen, verbohrten, verblendeten oder bloss verblödeten Verächters modernen Menschseins, politisch gewendet: der liberalen und demokratischen Gesellschaft. Und als solcher gehört er an den Pranger der Weltlächerlichkeit gestellt. Wann und wo auch immer.








[2]      Kamel Daoud: Das sexuelle Elend der arabischen Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.2.2016; http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/islam-und-koerper-das-sexuelle-elend-der-arabischen-welt-14075502.html . Der Artikel erschien zuerst in Le Monde unter dem Titel „Cologne, lieu des phantasmes“, 31.1.2016.
[5]      Nikolas Kozloff: A Tale of Boko Haram, Political Correctness, Feminism and the Left, The Worldpost, 30. 7. 2014; http://www.huffingtonpost.com/nikolas-kozloff/a-tale-of-boko-haram-poli_b_5421960.html
[6]      Leo Igwe: Is the Boko Haram menace rooted in poverty or fanaticism?, Leftfootforward, 12.5.2014,  http://leftfootforward.org/2014/05/is-the-boko-haram-menace-rooted-in-poverty-or-fanaticism/