Sonntag, 26. März 2017

Über intelligente Dummheit









NZZ, 23.3.2017




Plötzlich erweisen sich uralte Schriften als brandaktuell. Zum Beispiel der „Grosse Alkibiades“, ein griechischer Dialog, verfasst vor zweieinhalb Jahrtausenden, dem platonischen Kreis zugerechnet. Alkibiades, Spross einer noblen athenischen Familie, ein ehrgeiziger Jüngling mit Drang zum politischen Leben wird von Sokrates in einen Dialog über gute Staatsführung verwickelt. Wie üblich, zerzaust Sokrates die unreife Voreingenommenheit des jungen Mannes, der gestehen muss, dass er eigentlich nichts wisse über die Voraussetzungen guter Politik. An einer entscheidenden Stelle redet Sokrates dann Fraktur.
Sokrates:     Wie nun? Weisst du etwas Wichtigeres zu nennen als Rechtes und Schönes und Gutes und Vorteilhaftes?
Alkibiades: Wohl nicht.
Sokrates:     Und hierüber gestehst du, dass du schwankst.
Alkibiades:  Ja.
Sokrates:     Wenn du aber schwankst, ist es nicht aus dem Vorigen klar, dass du nicht nur das Wichtigste nicht weisst, sondern auch, nicht wissend, es doch zu wissen glaubst?
Alkibiades:  Das mag wohl sein.
Sokrates:     Wehe, o Alkibiades, was ist dir widerfahren (..) Nämlich mit der Torheit hausest du und zwar mit der schimpflichsten (..) Darum also stürzt du dich so eilends in die Staatssachen, ehe du unterrichtet bist. Aber nicht du allein befindest dich in diesem Zustande, sondern die meisten von denen, welche die Angelegenheit dieser Stadt besorgen.

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Im griechischen Original steht das Wort „amathia“ für Torheit. Damit ist nun nicht die normale Dummheit gemeint, sondern eine besondere Form von Ignoranz: die Unwissenheit nämlich der eigenen Unwissenheit. Sokrates gilt ja als philosophischer Diagnostiker dieser speziellen Ignoranz.

Alkibiades ist intelligent, aber er will seine Intelligenz für „törichte“ Ziele einsetzen, für Machtgewinn und Machterhalt, nicht für das gerechte und gute Leben. Robert Musil hat in einem Vortrag von der „intelligenten“ Dummheit gesprochen, um sie von der „ehrlichen“ Dummheit abzuheben: „Die ehrliche Dummheit ist ein wenig schwer von Begriff und hat, was man eine ‚lange Leitung’ nennt. Sie ist arm an Vorstellungen und Worten und ungeschickt in ihrer Anwendung. Sie bevorzugt das Gewöhnliche, weil es sich ihr durch seine öftere Wiederholung fest einprägt, und wenn sie einmal etwas aufgefasst hat, ist sie nicht wieder geneigt, es sich so rasch wieder nehmen zu lassen (..) Zu dieser ehrlichen Dummheit steht nun die anspruchsvolle höhere in einem wahrhaft nur zu oft schreienden Gegensatz. Sie ist nicht sowohl ein Mangel an Intelligenz als vielmehr deren Versagen aus dem Grunde, dass sie sich Leistungen anmasst, die ihr nicht zustehen (..) Sie reicht bis in die höchste Geistigkeit. Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen.“

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Heute ist eine Abart dieser Dummheit zu konstatieren. Es herrscht das Klima der Faktenalternierer, Lügenkostümierer, Gerüchtezwitscherer. Sie sind intelligent, und sie mobilisieren ihre Intelligenz für antidemokratische, ja, faschistische Ziele. Sie wollen allgemeine Konfusion schaffen, um den günstigen Notstand eines Staatsstreichs herbeizuführen, wie der „Leninist“ Steve Bannon: „Ich glaube, wir könnten ein bisschen mehr Chaos in unserer Politik gebrauchen, ein bisschen von diesem faschistischen Geist.“ Oder sie plädieren für eine Säuberung Frankreichs vom Islam, wie die schlaue Putzfrau Marine Le Pen: „Sagen wir ja zum Multikulturalismus auf planetarer Ebene, aber nein zum Multikulturalismus in einem einzigen Land.“ Während Alkibiades tut als ob er wüsste, obschon er nicht weiss, manifestiert sich hier eine andere Form von Dummheit: Man weiss, aber tut so als ob man nicht wüsste. Man weiss durchaus aus der jüngeren Vergangenheit, in welche Zustände eine Destabilisierung des Staates oder eine kulturelle „Reinigung“ der Gesellschaft führen kann. Dieses Wissen unterschlägt man freilich schön hintertrieben.

Intelligente Dummheit bezeichnet nicht eine Unfähigkeit, sondern eine Nicht-Bereitschaft des Verstehens, also den Willen zu historischer Amnesie. Gutes Zureden - will sagen: Lernen – kommt intelligenter Dummheit nicht bei. Sie versagt sich dem Argument, sie weist den Unterricht durch Fakten von sich, die ihr nicht zudienen, sie redet im Argot von Affekt und Ressentiment. Sie bedient eine Art von Borderline-Politik. Wie Musil schreibt, ist sie „keine Geisteskrankheit, und doch ist sie die lebensgefährlichste, die dem Leben selber gefährliche Krankheit des Geistes.“ Musil hielt seinen Vortrag „Über die Dummheit“ 1937, ein Jahr vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland, zu einer Zeit, als die „Krankheit“ in Europa schon endemisch war. Achtzig Jahre später grassiert sie wieder, und nicht nur in Europa.


Freitag, 24. Februar 2017

Fakten - und keine Alternative

NZZ, 17.2.2017




Grimms Wörterbuch zitiert unter „Thatsache“ einen Text Lessings aus dem Jahre 1778: „Das wörtlein ist noch so jung, ich weiss mich der zeit ganz wohl zu erinnern, da es noch in niemands mund war. aber aus wessen munde oder feder es zuerst gekommen, das weiss ich nicht (..) noch weniger weiss ich, wie es gekommen sein mag, dass dieses neue wörtlein ganz wider das gewöhnliche schicksal neuer wörter in kurzer zeit ein so gewaltiges glück gemacht hat; noch wodurch es eine so allgemeine aufnahme verdient hat, da man in gewissen schriften kein blatt umschlagen kann, ohne auf eine thatsache zu stossen.“ Heute müsste Lessing wohl auf ein anderes Wörtlein verweisen, welches das „gewaltige Glück“ gemacht hat, zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden zu sein.

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Wir wären gut beraten, uns wieder einmal auf das Wort „faktisch“ oder „Faktum“ zurückzubesinnen. Zumal Fakten eine neuzeitliche Erfindung sind. Es gibt kein vormodernes Wort für „Faktum“. Die Griechen sprachen von „dem, was ist“ (to hoti); im Lateinischen gibt es die „res“, die Sache; die mittelalterlichen Philosophen bevorzugten den Suspens des Konjunktivs und fragten, „ob etwas sein könnte“ (an sit). In einer typisch vormodernen Bedeutung des Wortes schwingt – wie in der deutschen „Tatsache“ – die Täterschaft mit. „Matter of fact“ ist eine Sache der Tat: Täter-Sache. Das „factum“ benötigt einen Akteur. Sogar im Pflanzenreich.  So beschreibt zum Beispiel ein Autor des 17. Jahrhunderts den Heliotropismus der Sonnenblume als „a thing done“, als „matter of fact“, wie wenn die Pflanze Subjekt ihrer Hinwendung zur Sonne wäre.

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Die moderne Bedeutung des Faktums liegt nicht darin, dass es Täterschaften unterstellt, sondern als erkenntnistheoretische Appellationsinstanz, als Zeuge vor dem Tribunal wissenschaftlicher Urteilsbildung fungiert. Das war für eine ideologisch und religiös tief zerrüttete Epoche wie das 17. Jahrhundert revolutionär. Man kann diese Funktion als Appellationsinstanz nicht genug hoch einschätzen. Sie hat den modernen experimentellen Forschungsstil ermöglicht. Und zwar ist für die Geschichte des Faktums nicht so sehr das Experiment das herausragende Merkmal, sondern seine Replikation. Die neuen Naturphilosophen des 17. Jahrhunderts wurden nicht müde, zu betonen, dass weder die Autorität alter Gelehrsamkeit noch der isolierte Augenzeugenbericht hinreichen, um eine Behauptung als Faktum zu legitimieren, sondern die Bestätigung durch andere Zeugen. Obwohl Galilei von „verità del fatto“ sprach, war sein Fallgesetz kein Faktum, als er darüber im „Dialog“ berichtete. Marin Mersenne in Paris versuchte, Galileis Messungen zu wiederholen, scheiterte aber. Grund: Er verwendete andere Masseinheiten als die Elle (braccio); zudem gab es verschiedene Ellen, die Florentinische, die Venezianische und andere. Solange also keine Standardisierung der Einheiten bestand, konnte auch nicht von Fakten gesprochen werden.

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Fakten brauchen Standards, Regeln, Kommunikationsformen. In Anlehnung an Wittgensteins Sprachspiel könnte man sagen: Fakten sind die Elemente eines agonalen Spiels, eines Wettkampfs – „Agon“ - der Argumente. Wir spielen viele solche Spiele, in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Medien, Alltag; und entsprechend vielfältig sind die Fakten. Es gibt stets „schlagende“ Argumente. Gewisse Argumente sind für das Spiel auch unumstösslich, und sie sind es primär, die Fakten begründen und etablieren. Der mathematische Beweis schafft mathematische Fakten. Wir können ihn nicht hintergehen, wenn wir Mathematik betreiben wollen. Wer Kontradiktionen zulässt, gibt das agonale Spiel Mathematik auf, so wie einer das Schachspiel aufgibt, wenn er einem Bauern Schach ansagt. Der empirische „Beweis“ schafft empirische Fakten. Seine Regeln sind weniger strikt. Es gibt ein ganzes Spektrum der Konsolidierung von Fakten, vom Augenzeugenbericht über die geschulte Beobachtung, das Interview mit Probanden, das ausgeklügelte Experiment, die Datenbasis statistischer Tests bis zur Computersimulation komplexer Vorgänge. Die Evidenz und damit der „Zwang“ der Fakten ist aufgrund der Verfahren nicht gleich stark und als entsprechend „hart“ bzw. „weich“ gelten sie.

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Wir sprechen von der „normativen Macht des Faktischen“, von „Sachzwängen“, davon, dass sich gegen Fakten nicht argumentieren lasse. Diese Macht beruht nicht auf irgendeiner mysteriösen Kraft in den Fakten oder Sachen, sondern darauf, dass wir gewisse Regeln und Normen als unumstösslich und „zwingend“ akzeptieren. Ich kann einer Regel folgen wollen. Fakten sind wie Institutionen. Es handelt sich bei ihrem Zwang, um es paradox zu formulieren, um die Freiheit, sich zu unterwerfen.

Wie widerspricht man Fakten? Indem man sie als implizite, nicht hinterfragte Elemente eines agonalen Spiels aufdeckt. Sie verbergen sich oft in der Killer-Formel „Fakt ist...“ Ihr begegnet man, indem man sagt „Dein Fakt ist im Grunde auch blosse Meinung; du trickst“. Widerspruch zu den Fakten wird also da akut, wo Begründungsdefizite sich als vermeintlich „zwingende“ Argumente kaschieren. Deshalb konnte Hannah Arendt vor fünfzig Jahren faktische Wahrheit als Debattenverhinderin und damit als dem politischen Diskurs abträglich zeichnen: „Jede Tatsachenwahrheit (schliesst) jede Debatte (aus), und die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen macht das eigentliche Wesen allen politischen Lebens aus.“

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Es gehört zweifellos zu den Verdiensten postmodernen Denkens – im Besonderen der sogenannten Science Studies - ,  die „Konstruiertheit“ von Fakten in den Fokus wissenschafts­theore­tischen Interesses gerückt zu haben. Allerdings besteht die Tendenz, im Überschwang des „Dekonstruierens“ alle Fakten zu Fetischen zu erklären. Einer der Pioniere der Science Studies, Bruno Latour, lamentierte vor zehn Jahren, dass die Einsicht in die Hergestelltheit von Fakten ihm die „falsche Sorte Verbündeter als Freunde“ zugetragen habe: Lobbyisten, Spindoktoren, Ideologen.

Die Wissenschaftsforschung war in aufklärerischer Zuversicht ausgezogen, um die Voreingenommenheiten hinter den Fakten aufzudecken, und nun konstatiert sie irritiert, dass es heute gang und gäbe ist, Voreingenommenheiten dreist als Fakten auszugeben. Fakt ist, was in das Schema meiner Voreingenommenheit passt; was nicht hinein passt, ist nicht Fakt. Die Psychologen Troy Campbell und Justin Friesen wiesen 2015, also vor der amerikanischen Präsidentenwahl, in einem Artikel im Scientific American auf das Polarisierungsrisiko dieser Losung hin. Riskant dabei ist, dass zugleich das Vertrauen in die wissenschaftliche Vorgehensweise schwindet und nun Horden von selbsterklärten Experten in dieses Vertrauensvakuum einfallen, sich auf allen Gebieten niederlassend, von der Klimatologie bis zur Krebstherapie. Fatalerweise wird der potenzielle Nutzen von Fakten zur Lösung von Problemen irrelevant. Als sich zum Beispiel in den USA herausstellte, dass Impfen nicht mit Autismus korreliert ist, gab es trotzdem Leute, die argumentierten: Selbst wenn kein Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus besteht, so ist es doch mein persönliches Recht, zu entscheiden, was gut ist für meine Kinder. Facts suck.

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Jeder hat das Recht auf eigene Borniertheit. Selbstverständlich kann man niemanden zu faktenbasierten Meinungen zwingen. Die Macht der Fakten, falsche Meinungen, Vorurteile, Lügen zu entlarven, beruht auf dem agonalen Spiel, das ihnen Bedeutung und Gewicht verleiht. Wir sollten dieses Spiel nicht verlernen. Im gleichen Atemzug, in dem man das sagt, wird einem bewusst, dass man sich damit eine kulturelle, soziale und politische Aufgabe von epochalem Ausmass aufbürdet. Ich würde nicht zögern, sie mit jener im 17. Jahrhundert zu vergleichen, als das Faktum als Kampfmittel gegen Dogma und Voreingenommenheit entdeckt wurde. Fakten mögen konstruiert sein, aber sie bedürfen besonderer Pflege. Unsere moderne Zivilisiertheit – sollten wir das vielleicht noch nicht bemerkt haben? - steht und fällt mit ihnen.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Der Trick des Neuropleonasmus’





Neuromanie herrscht - die Tendenz, allem, was der Mensch tut und denkt, das Präfix „Neuro“ anzuheften: Neuromarketing, Neuroökonomie, Neurokommunikation, Neuroergonomie, Neuroethik, Neuroästhetik, Neurodidaktik, Neurojustiz, Neuropolitik, Neurokriegsführung, Neurotheologie, Neurospiritualität, Neurotelepathie, Neurogastronomie, Neuroönologie, Neuro-Was-auch-immer.

Vordergründig manifestiert sich in diesem „Alles Neuro“ einfach eine gängige Verkaufstatktik. Man bringt ein Buch mit dem Präfix „Neuro“ schnell und leicht auf den Markt. Dahinter steckt aber die wissenschaftliche Zuversicht, jede nur denkbare Tätigkeit des Menschen mit seiner Hirnaktivität in Verbindung zu bringen, also ein Neuro-Materialismus, der das ganze Geistesleben nun endlich auf die robuste Basis von Nervenzellen stellt. Die Zuversicht ist nicht neu, sie äusserte sich bereits im 19. Jahrhundert, etwa in der berüchtigten Analogie des Mediziners Carl Vogt, der Geist verhalte sich zum Gehirn wie der Urin zur Niere.

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Gegenüber einem solch relativ grobschlächtigen Materialismus zeichnet die moderne Hirnforschung ein viel differenzierteres Bild des Geist-Gehirn-Zusammenhangs. Und dennoch bleibt sie dem alten materialistischen Axiom verbunden, das Gehirn sei der eigentliche Lenker des Geistes.

Und zwar bedient sich die Neuromanie eines Tricks, den man nicht so leicht durchschaut. Sie beginnt mit ganz alltäglichen Tätigkeiten wie Entscheiden, Kommunizieren, Lesen, Rechnen, Essen und Trinken, und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Neuroebene, wo hochkomplizierte Vorgänge ablaufen, während wir etwas tun, denken und erleben. Höchst interessant, sagen wir dann höflich beeindruckt, und wollen wieder zu den Alltagsgeschäften zurückkehren, denn letztlich teilt uns die Neurowissenschaft bloss den Pleonasmus mit, dass an all dem, was wir tun, denken und erleben, auch das Gehirn beteiligt ist. Nein, nein, ruft uns die Neuromanie zu, jetzt, da du weisst, was im Hirn passiert, musst du den Pleonasmus umkehren: Was du auch tust, denkst und empfindest, du beteiligst dich immer nur am Hirngeschehen. Im Grunde führen die anderthalb Kilo Materie in deinem Schädel Regie. Es ist nicht so, dass du an alles, was du tust, denkst und empfindest, das Präfix „Neuro“ anhängst, eigentlich bist du selbst ein Präfix deines Gehirns.  Ehe man sich’s also versieht, hat sich der Pleonasmus zum Materialismus gewandelt. 

Montag, 9. Januar 2017

Unsere neurotelepathische Zukunft





Langversion eines Artikel in NZZ, 5.1.2017

Vor kurzem warf sich Mark Zuckerberg anlässlich seines regelmässigen Facebook-Hochamts wieder einmal in die Pose des Propheten: „Ich glaube, eines Tages werden wir fähig sein, uns einander Gedanken direkt zu schicken. Du wirst einfach etwas denken und deine Freunde werden unmittelbar an dieser Erfahrung teilnehmen, wenn du es willst. Das wäre die ultimative Kommunikationstechnologie.“

Zwischenmenschlicher Verkehr nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern von Hirn zu Hirn? Ein Hotspot ist zurzeit das Neuromarketing. Ziel: Man fragt den Kunden gar nicht mehr, man guckt ihm direkt ins Gehirn. „Buyology“ nennt sich das. Ihr Erfinder, der dänische Pfiffikus Martin Lindstrom, hat sie auf eine simple Formel gebracht: „Menschen lügen, Gehirne nicht.“ Daraus ergibt sich die Devise: Was die Leute wirklich fühlen, erkennt man am besten an ihrem Hirn, nicht an dem, was sie so dahin sagen. Also: Halt den Mund und lass dein Hirn scannen.

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Das klingt einigermassen hirnrissig, aber die Entwicklung ist ernst zu nehmen. Aus mindestens drei Gründen. Erstens wird fieberhaft an der Entwicklung von „Predictive Analytics“ gearbeitet, das heisst an Techniken, die möglichst präzise Voraussagen treffen, was eine Person (Kunde, Straftäter, Sportgegner, Kriegsfeind) nächstens tun wird, und zwar am besten, bevor sie weiss, dass sie es tun wird. Amazon hat 2013 ein Patent angemeldet namens „antizipatorischer Versand“ - „eine Methode, Pakete zu liefern, bevor der Kunde ‚kaufen’ klickt.“ Die Methode beruht auf einem ausgeklügelten Algorithmus, der errechnet, was als nächstes zu versenden sei. Er durchforstet die Datenmasse vorangegangener Bestellungen, Produktsuchen, Wunschli­sten, Inhalten von Einkaufswagen, Rücksendungen und sogar der Zeitdauer, in der ein Kursor bei einem Artikel im Onlineshop verweilt. Es herrscht Krieg, der Krieg um Kundschaft - und „prädiktive Analyse“ ist eine Wunderwaffe.

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Zweitens wäre es natürlich ideal, die Kundenwünsche direkt aus dem Kundenhirn ablesen zu können. Davon träumen Zuckerberg und Konsorten. Zumal die Hirnforschung die Vision einer nichtverbalen Beeinflussung befeuert. Kürzlich publizierte ein Team von Neurowissenschaftern an der University of Washington die Resultate eines Experiments, in dem verschiedene Probandenpaare miteinander über das Gehirn kommunizieren. Ein Proband fungiert als „Sender“. Er verfolgt auf dem Bildschirm ein Game und kann über ein Touchpad ein virtuelles Gewehr bedienen. Ein Elektroenzephalograph zeichnet die Hirnaktivität des Senders auf und übermittelt sie über das Internet dem 500 Meter entfernten Hirn des „Empfängers“, der ebenfalls ein virtuelles Gewehr über das Touchpad bedienen, aber das Game nicht auf dem Bildschirm verfolgen kann. Die Handbewegung des Senders lässt sich so auf die Handbewegung des Empfängers direkt via Hirn übertragen. Wenn der Sender schiesst, schiesst auch der Empfänger. Die Trefferquote variierte unter den Probandenpaaren zwischen 30 und 80 Prozent.

Es ist sicher zu früh, aus solchen Experimenten auf ein Zeitalter der neuroelektronischen Telepathie zu extrapolieren. Aber die Möglichkeit eines solchen nichtverbalen Kundenfangs lässt Werbemanagern und Marketingstrategen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es gibt bereits das „Affective Computing“, Mustererkennungs-Software, die aus meiner Physiognomie meine Wünsche und Absichten zu erraten sucht. Banal ausgedrückt: die Software will mich verstehen, ohne verbalen Schnickschnack. Ein Programm mit dem sinnigen Namen „Beyond Verbal“ analysiert die Intonation der Stimme. Das Startup „Humanyze“ (man beachte die Subtilität der Namensgebung) benutzt soziometrische Methoden in Kombination mit Wearables, um den Personalbüros von Firmen in der Durchleuchtung der Befindlichkeit ihrer Angestellten zu Hand zu gehen. All diese Technologien sind Beispiele für das, was der britische Medienwissenschafter Andrew Mc Stay als „empathisches Medium“ bezeichnet.

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Drittens zeichnet sich hier – wie schon angedeutet - eine Entwicklung ab, die das Verbalisieren in Zukunft immer entbehrlicher erscheinen lässt. In den Social Media hat sich ja bereits ein symbolischer Verkehr über einen Zeichensatz von Kürzeln eingebürgert. Eine stille Landnahme unserer Kommunikation durch die Sprache der Emoticons und Emojis bereitet sich vor. Linguisten wie Tyler Schnoebelen von der Stanford University sehen in ihnen Vehikel der Vereinfachung: „Sie machen die persönliche Kommunikation eindeutiger und beugen Missverständnissen vor, indem sie zum Beispiel Unhöflichkeiten auffangen. Emojis funktionieren da, wo Worte an ihre Grenzen stossen.“ Deshalb evozieren Autoren, etwa William Davis im amerikanischen Magazin „The Atlantic“, sogar das „Ende der Sprache“. Es beginne damit,  „die Leute dazu anzuhalten, sich nicht über unordentliche Ansammlungen von verschwommen definierten Wörtern auszudrücken, sondern über klare, formale Symbole – Emoticons oder Emojis zum Beispiel. Wenn wir über Emojis miteinander sprechen, sprechen wir ein Sprache, die Computer verstehen.“

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Damit unterstellt Davis implizite, dass wir selber zu Computern mutieren. Natürlich ist das dramatisch überzogen. Klar definierte Symbole und Sprachregelungen sind hilfreich in formalen Systemen – und sie waren es schon vor dem Computer -, aber wir Menschen lassen unser symbolisches Verhalten nie auf diese Weise regulieren. Auch wenn man uns solche Regulierungen aufoktroyieren möchte, so sperren wir uns dagegen mit eigenwilligem, vieldeutigem, kreativem, ja, subversivem Symbolgebrauch (den gibt es auch mit den Emojis). Uneindeutigkeit ist die eminent humane Dimension der Sprache. Das ist die bleibende Lektion von Wittgenstein: Sprache hat kein starres logisches Gerüst, sie ist flexibel wie eine Lebensform. Die Designer von Natural-Language-Processing, d.h. der maschinellen Sprachverarbeitung, können ihr Lied singen von der Schwierigkeit, Computern so sprechen zu lehren, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Das verwundert kaum, wenn man sich vergegenwärtigt, dass natürliche Sprachen (und in Zukunft womöglich auch Emojis) als Teile von Lebensformen in diesem Sinn auch von den Mehrdeutigkeiten, Nuancen und unausformulierten Regeln geprägt sind. Die Sensibiltät dafür erlernt man nur, indem man sich an der Lebensform beteiligt. Das tun Computer (bis dato) nicht.

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Es ist aufschlussreich, einen kurzen Blick auf die Anfänge der Kybernetik in der 1940er Jahren zu werfen. Norbert Wiener, einer ihrer Pioniere, suchte nach einem Konzept von Kommunikation, das auf Maschinen ausweitbar ist. Im Hinterkopf hatte er dabei das Projekt des Baus einer präzisen Flugabwehrkanone. Wiener vermutete, dass Piloten in der Gefahrensituation, ständig beschossen zu werden, durchaus ein regelhaftes und voraussagbares Verhalten zeigen. Das heisst, Schütze und Flieger treten zueinander in eine nichtverbale Kommunikation. Warum dann nicht auch Geschütz und Flieger? Deshalb hatte für die Konstruktion einer Präzisionskanone die Frage höchste Priorität, wie sie dem Verhalten des Fliegers zuvorkommen kann. Also genau jenes Problem, mit dem sich heute die Erben der Kybernetik, die Designer „smarter“ vorausschauender Technologien herumschlagen: Wie lassen sich unsere „Kanonen“ ausrüsten, damit sie den Kunden möglichst präzise „abschiessen“, ohne dass je ein Wort gewechselt worden wäre.

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Aber nicht nur die Präzision, Kundenwünsche zu treffen, wirkt als starkes Motiv. Ein anderes, weit weniger offenkundiges ist natürlich die Frage des Besitzanspruchs. Das ist ein vierter Grund dafür, die Entwicklung mit wachem Auge zu verfolgen. Die natürliche Sprache gehört niemandem. Aber bestimmte Codes, Smileys, Emojis sind urheberrechtlich geschützt. Sie gehören Unternehmen. Es gibt zum Beispiel die Smiley Licensing Corporation, gegründet vom Franzosen Franklin Loufrani. Die Firma floriert. Mittlerweile existieren etwa 400 Smiley-Lizenznehmer in mehr als 100 Ländern der Welt. Die jährlichen Umsätze mit Lizenzprodukten liegen nach Firmenangaben bei etwa 100 Millionen US-Dollar. Man riecht den Braten. In dem Masse, in dem diese „Privatsymbolik“ unsere natürliche Sprache infiltriert, in dem Masse melden auch Privatunternehmen ihre Besitzansprüche auf die Kommunikation an.


Das Ende der Sprache, wie wir sie kannten? Nospeak, als Fortentwicklung von Orwells Newspeak? Ich möchte nicht dramatisieren, aber eine stillschweigende und schleichende Sprachverschiebung ist im Gang. Der industrielle Kapitalismus privatisierte die Produktionsmittel; der digitale Kapitalismus sucht die Kommunikationsmittel zu privatisieren. Genau das steckt hinter der „ultimativen Kommunikation“ der Menschheitsbeglücker aus Silicon Valley. Und das Glück, das sie verheissen, kennt kein Erbarmen.