Donnerstag, 24. November 2016

Computergeneriertes Bauchreden






Wir kennen die Geschichte: Cyrano de Bergerac, verunstaltet durch eine monströse Nase, liebt seine schöne Cousine Roxanne. Roxanne hat nur Augen für einen anderen, Christian de Neuvillette. Cyrano, grossherzig, leiht sein poetisches Talent dem Nebenbuhler: er schreibt in dessen Namen tiefgefühlte Liebesbriefe an die Angebete. Ein Ghostwriter in Herzensangelegenheiten, würde man heute sagen, einer sogar, der die Gefühle noch teilt. Lebte de Neuvillette freilich heute, bräuchte er wahrscheinlich keinen Cyrano mehr. Er hätte Allo von Google, eine neue App: ein neuronales Netzwerk als künstlichen Ghostwriter.

Allo prüft den Inhalt der eintreffenden Messages und Bilder auf dem Handy und empfiehlt schnelle Antworten – „smart replies“ -, die den Gefühlszustand des Adressaten wiedergeben sollen. Erhalte ich zum Beispiel ein Photo meines kleinen Enkels auf der Rutschbahn, dann gibt mir die App eine Palette von Reaktionsmöglichkeiten an die Hand: Emojis, Smileys, Abkürzungen, vorfabrizierte Phrasen „Wie süss!“ oder „Come on!“. Ein Klick entlastet mich also vom Extraaufwand einer passenden Antwort und ihrer Gefühlsarbeit.

Extraaufwand? Warum soll denn die Äusserung einer emotionalen Regung ein Aufwand sein? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens erweist es sich heute in der täglichen, ja stündlichen Überflutung durch E-Mails, Tweets und Messages oft geradezu als Schutzmassnahme, nicht immer selber antworten zu müssen. Und zweitens führt Google eine Künstliche-Intelligenz-Abteilung. Hier interessiert man sich brennend für Algorithmen, die das Gefühlsleben des Nutzers erkennen können; für Module, die mich „persönlich“ nehmen.

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Nun sind automatisch generierte Antworten zunächst einmal Symptom eines entfesselten Softwaremarktes, auf dem sich noch der abgedrehteste Nerd am Bildschirm eine Chance für einen Platz an der Sonne ausrechnen kann. Es herrscht Software-Krieg unter den Technologieunternehmen: Wer bringt es am weitesten mit der Automatisierung menschlichen Verhaltens? Im Jahre 2012 beantragte Google ein Patent für die „automatische Erzeugung von Empfehlungen für personalisierte Reaktionen in einem sozialen Netz“. Bei Geburtstagen oder Firmenjubiläen, so vermerkt die Patentschrift, würde man sich doch oft eine Maschine wünschen, welche eine passende festliche Gratulationsadresse verfassen könnte. „Viele Nutzer verwenden vernetztes Arbeiten online für professionelle und persönliche Zwecke. Jeder Verwendungstypus hat sein implizites Verhaltensprotokoll. Für den Nutzer ist es äusserst wichtig, in den verschiedenen sozialen Netzwerken(..) angemessen zu agieren. Zum Beispiel kann es sehr wichtig sein, einem Freund ‚Ich gratuliere’ zu sagen, wenn er ankündigt, einen neuen Job zu haben. Das ist ein besonderes Problem, da viele Nutzer sich vielen sozialen Netzen anschliessen.“

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Ein besonderes Problem? Ist es nicht normal, dass man einen Freund zu seinem neuen Job beglückwünscht? Nun ja, normal für den, der gewisse Anstandsformen kennt, der „bitte“ und „danke“ und „schön für dich“ zu sagen gelernt hat. Aber man muss genau lesen. Es geht nicht um Etikette. Es findet eine Verschiebung im Blick auf den Menschen statt. Die Patentschrift spricht von Verhaltensprotokollen. Man könnte auch von „Code“ reden. Und es sind primär Maschinen, welche gemäss dem Code von Protokollen – Programmen - laufen. Der Ausdruck verrät also das Bild, das sich die Algorithmentüftler vom Standard-User machen, nämlich das eines Code-determinierten Wesens. Es gibt heute fast für alles Codes: Konversations-Codes, Codes zum Geldverdienen, Aufsteigen im Job, Schreiben von Bestsellern, Finden von Sexpartnern. In diesem Sinn ist der User ja der Maschine sehr verwandt. Vergegenwärtigen wir uns nur, dass der soziale Verkehr schon heute stark abhängig ist von den Geräten, die man mit sich herumträgt. Das soziale Atom ist nicht mehr der Mensch, sondern Mensch-plus-Smartphone.

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Der logische Drive in der ganzen Entwicklung ist unschwer auszumachen. Wenn es schon Autos ohne menschliche Fahrer gibt, warum soll es dann nicht auch Kommunikation ohne menschliche Kommunikatoren geben?  Wie der Blog-Post von Google verkündet: „Allo hält deine Konversation mit einem einzigen leichten Fingerschlag in Gang, indem es Text- und Emoji-Antworten vorschlägt, die auf deine Person abgestimmt sind (..) Je mehr du also Google Allo verwendest, desto mehr ‚du’ werden seine Vorschläge.“ Die Maschine lernt, „mich“ zu sein. Das hat einen gruseligen Einschlag. Wie wenn sich in meiner Person etwas Fremdes einnistete. Gerne werden die neuen Apps als Spielzeuge verharmlost, welche vor allem Afficionados ansprechen. Das mag so sein, aber auf den Absatzmärkten dieser Spielzeuge etabliert sich insgeheim ein neues soziales Verhaltensrepertoire. Wir beobachten es bereits an der Sprache. In der Web-Community bürgert sich ein neuer Umgangston ein, ein auf verbalen Schnellschuss und Schlagabtausch eingestelltes Twitter-Pidgin. Ihm kommen Apps wie Allo zupass.

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Im Hintergrund nimmt ein anderes Problem Gestalt an, jenes des Delegierens. Technik heisst Delegation von menschlichen Fähigkeiten an Artefakte und Maschinen. Bis zur Entwicklung der modernen Computer beschränkte sich diese Delegation primär auf physische Tätigkeiten und Fertigkeiten. Nun rücken immer mehr die geistigen Vermögen in den Fokus der Rechner. Motivierend dabei sind sicher die Fortschritte in der kognitiven Computerforschung. Sie demonstrieren laufend, wie sich vormals allein dem Menschen zugestandene intellektuelle Kompetenzen nunmehr an Algorithmen „outsourcen“ lassen.

Beim Delegieren stellen sich immer die Fragen: Was und wieviel? Welche Fähigkeiten will ich abgeben und bis zu welchem Grad? Was ist mir wichtig? Man kann sich weiter fragen, ob nicht gerade die menschliche Kommunikation an Echtheit und Intimität in dem Masse verliert, in dem wir uns nicht mehr auf die emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse unseres Ansprechpartners einlassen, sondern den Umgang mit ihm der automatisierten Phraseologie lernender Maschinen überlassen. Wir schalten sozial auf den Autopilot-Modus, und die Begegnung von leibhaften Personen verwandelt sich in die „Vergegnung“ von Netz-Phantomen – ein Ausdruck, den der Religionsphilosoph Martin Buber schon vor dem Internet geprägt hat. Das smarte Gerät ist unsere Bauchrednerpuppe.

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Spätestens hier vernimmt man den Einwand: Aber du musst ja nicht auf die computergenerierten Floskeln hören. Sie sind doch einfach ein weiteres Angebot in der technischen Wundertüte! Du hast die Wahl. Und du selbst bist verantwortlich für deine Sprachwahl, stamme sie nun von dir oder von deiner App!

Darauf lässt sich nur antworten: Schön wär’s! – Der Einwand verkennt zwei Punkte. Erstens gibt es ein Trägheitsgesetz menschlichen Verhaltens. Staffiert man eine Verhaltensweise genügend geschickt und häufig mit Anreizen aus, wird sie akzeptiert. Das bedarf eines gewissen psychischen Anschubaufwands. Hat sich aber die Verhaltensweise durchgesetzt, ist der Aufwand, sie zu ändern, grösser. Unser Verhalten zeigt eine Berharrenstendenz. Das weiss das Marketing längst. Es verkauft ja nicht einfach Apps, es verkauft Verhaltensweisen. Und dazu ist es wichtig, unser Urteilsvermögen und unseren Willen zur Veränderung zu sedieren.

Zweitens: Allo dient sich uns an als Mittel zum besseren Zeit-Management im Überfluss der Angebote online. Leicht unterliegen wir dabei dem Fehlschluss, den der Publizist Evgeny Morozov als „Solutionismus“ bezeichnet hat: Wir verwechseln die technische Lösung eines Problems mit dem Problem, das durch Technik überhaupt erst geschaffen worden ist. Es mag durchaus sein, dass automatisierte Kommunikation einen gewissen Schutzwall gegen das Anfluten von Nachrichten auf unseren Handys aufbaut. Aber dieses Anfluten kommt ja überhaupt erst durch den Handygebrauch zustande.

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Es geht letztlich nicht um Apps und anderen elektronischen Schnickschnack. Schauen wir uns die Situation einmal unter dem folgenden Gesichtswinkel an. Die Techno-Riesen reden uns ein: So tickt der Mensch! – Und sie liegen in dem Masse richtig, in dem wir uns dem Ticken ihrer Geräte anpassen. Wir erniedrigen uns selbst, indem wir eine anthropologische Prämisse akzeptieren, die den Menschen, wie wir ihn kannten oder zu kennen glaubten, verabschiedet: Wir sind im Kern repetitive, ergo prognostizierbare, ergo überwachbare Verhaltensapparate. Und wir akzeptieren die Prämisse stillschweigend dadurch, dass wir uns mit den Produkten der Techno-Riesen ausrüsten. Die Algorithmen, die sie entwerfen, dienen nur einem Zweck: dass wir unser Verhalten den Algorithmen unterwerfen. Wir kaufen also mit den Apps und ihren laufenden Updates nicht Technologie, die Technologie kauft uns. Willkommen als Versuchsratten in der weltumspannenden unsichtbaren Skinnerbox namens „Leben online“.



Samstag, 8. Oktober 2016

Zombie-Ideen




NZZ, 30.9.2016

Warum falsche Vorstellungen nicht aussterben

Für viele, sich fortschrittlich dünkende Menschen stellt die Wissenschaftsgeschichte so etwas wie eine Leiter dar, auf der wir immer höher steigen, dabei Aberglauben und Ignoranz hinter uns lassend. Astronomie hat die Astrologie abgeworfen, so wie die klassische Mechanik die aristotelische Bewegungslehre, die Chemie die Alchemie, die Physiologie die paracelsische Pharmakologie oder die Neurologie die Psychologie. Dadurch, dass wir Ideen falsifizieren, kommen wir der Wahrheit ein Stück näher, lehrte der Philosoph Karl Popper.

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Stimmt das? Sofort bietet sich eine Handvoll Gegenbeispiele an: Viele Leute glauben heute noch an eine flache Erde, Exorzismus, Astrologie, Kreationismus, okkulte Heilkräfte der Steine. Man könnte diese Epidemiologie des Aberglaubens fast ad libitum fortsetzen. Soll man einfach sagen, diese Leute seien töricht und unbelehrbar? Das wäre nun selber töricht. Einer der grössten Physiker des letzten Jahrhunderts, Niels Bohr, antwortete einmal auf die Frage, ob er an das Hufeisen über seiner Haustür glaube: „Natürlich nicht. Aber wissen Sie, es soll auch nützen, wenn man nicht daran glaubt.“ Ob er dies ernst meinte, sei dahingestellt. Jedenfalls ist das Beharrungsvermögen alter, überständiger Ideen eine feststellbare Tatsache. Und es hat mehrere Gründe. Zunächst einen kognitiven. Wir leben in einer zunehmend komplexeren Welt. Die wissenschaftlichen Theorien, die uns das Geschehen erklären, wachsen uns über den Kopf in immer abstraktere Höhen. Sie sind selbst für Eingeweihte oft kaum mehr verständlich. Sie gewähren uns keine kognitive Heimat.

Betrachten wir zum Beispiel das Horoskop. Es ist auch im Zeitalter der wissenschaftlichen Prognose weit verbreitet und beliebt. Vielleicht gerade deshalb, weil es einer Epoche entstammt, in der man an die Verknüpfung des menschlichen Schicksals mit dem Gang der Sterne glaubte. Das Universum der Astrologie ist kein physikalisches, sondern ein hermeneutisches: voller deutbarer Zeichen. Der Himmel geht mich hier „persönlich“ etwas an, er „sagt“ mir etwas. Ich fühle mich „zuhause“, anders als im kalten, trost- und sinnlosen Universum der Astrophysik. Wir wissen zwar heute, dass es solche astralen Verknüpfungen nicht gibt, aber wir glauben nicht, was wir wissen! – Ich nenne dies das Wissensparadoxon.

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Ein anderer Grund für das Überleben falscher Ideen liegt in der „Provinzialität“ unserer Alltagserfahrung. Unsere Rede von Aufgang und Untergang der Sonne ist „provinziell“. Wir haben ja durchaus die Botschaft des Wissens vernommen, dass dies der Standpunkt eines überwundenen geozentrischen Weltbildes sei, aber uns fehlt der Glaube. Unsere Intuition, die sich vor allem an Alltagssituationen orientiert, teilt uns wenig über die Rotation der Erde oder die Gekrümmtheit der Erdoberfläche mit. Es braucht schon ein bisschen Überlegung und genaue Beobachtungsgabe. Je mehr sich unsere Theorien von diesen Alltags-Intuitionen entfernen, desto mehr verlangen sie eine Adaptation unserer Gehirne an die ungewohnten Situationen.

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Hinzu tritt der Autoritätsglaube. Wir hören das Echo von Max Plancks berühmtem Diktum: „Irrlehren der Wissenschaft brauchen 50 Jahre, bis sie durch neue Erkenntnisse abgelöst werden, weil nicht nur die alten Professoren, sondern auch deren Schüler aussterben müssen.“ Ein schönes Beispiel liefert der Fall der notorischen „Zungenkarte“. Der deutsche Physiologe David Paul Hänig fand zu Beginn des letzten Jahrhunderts heraus, dass die Zunge Geschmackszonen aufweist. Die elementaren Geschmacksqualitäten würden an entsprechenden Stellen mit „geringfügig“ verschiedenen Intensitäten empfunden: süss an der Zungenspitze, bitter an der Zungenwurzel, sauer und salzig seitwärts. Hänigs Buch wurde in den 1940er Jahren vom angesehenen amerikanischen Psychologen Edwin G. Boring ins Englische übersetzt, nur erachtete es dieser als hilfreicher, anstelle von Hänigs Diagrammen eine einfache und eingängige Karte der Geschmackszonen zu erstellen, wobei er verschwieg, dass die Unterschiede eigentlich „geringfügig“ seien. Die Zungenkarte war geboren, ein Bestandteil der Lehrbücher bis in die 1970er Jahre. Boring dixit, ergo verum est!

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Falsche Ideen können auch immun gegenüber der Wirklichkeit sein, weil sie die Wirklichkeit überhaupt erst schaffen helfen. Zum Beispiel die ökonomische. Nach der globalen Finanzkrise listete der australische Wirtschaftswissenschafter John Quiggin fünf „Zombie-Ideen“ auf, die nun eigentlich hätten beerdigt werden müssen. Insbesondere die sogenannte Markteffizienzhypothese, die in einer Version besagt, dass die im Finanzsektor generierten Preise das optimale Kriterium zur Abschätzung einer jeglichen Investition darstellen, weil alle Information bereits in den Preisen enthalten ist. Genau dies wurde durch die Krise falsifiziert. Aber die Hypothese war, so Quiggin, „zu zweckdienlich, um einfach aufgegeben zu werden.“ Too big to fail, auch bei Ideen.

Ein kleines wissenschaftstheoretisches Lehrstück ist zumal die Verteidigungsstrategie der Advokaten der Hypothese. Sie erinnert an das Giftorakel, das der Kulturanthropologe Edward E. Evans-Pritchard in den 1920er Jahren bei den Zande in Zentralafrika beobachtet hatte. Um eine Antwort auf eine schwierige Frage über die Zukunft zu erhalten, gibt der Wahrsager einem Huhn Gift. Je nachdem, ob das Huhn überlebt, trifft die Voraussage zu oder nicht. Die Kraft des Orakels wird nicht angezweifelt. Liegt es falsch, dann greift man zu dem, was Evans-Pritchard „sekundäre Elaboration“ nennt. Man erfindet Zusatzhypothesen, vulgo: Ausreden. Zum Beispiel hat man nicht die richtige Substanz verabreicht, ist sie alt und verdorben, spielt Hexenzauber hinein oder ist der Wahrsager schlicht inkompetent. Durch sekundäre Elaboration behauptet sich letztlich jeder Mumpitz.

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Sind wir aufklärungsresistent? Hier könnten neuere Beobachtungen Aufschluss geben, die von den Kognitionspsychologen Andrew Shtulman und Joshua Valcarel vom Occidental College, Los Angeles, gemacht worden sind. Sie konfrontierten naturwissenschaftlich unterrichtete Studenten mit einer Reihe von Aussagen aus diversen Fächern, deren Wahrheitsgehalt sie möglichst schnell und intuitiv einschätzen mussten. Die Studenten neigten oft zu älteren, überwundenen Ideen, obwohl sie eines „Besseren“ belehrt worden waren. Shtulman und Valcarel kommen zum Schluss: „Wenn Studenten wissenschaftliche Theorien lernen, die früheren, naiven Vorstellungen widersprechen, was geschieht dann mit diesen früheren Ideen? Unsere Resultate legen nahe, dass naive Theorien durch wissenschaftliche Theorien verdrängt, aber nicht ersetzt werden.“ Wir lernen Neues, aber verlernen Altes nicht.

Der Psychologe Kevin Dunbar von der University of Maryland untersuchte die intuitiven Physikkenntnisse von Studenten genauer. Dabei stellte er fest, dass viele der Befragten „überwundenen“ Ansichten zuneigten, etwa jener von Aristoteles, wonach schwere Kugeln schneller fallen als leichte. Eine Ansicht, die Galilei in einem berühmten Gedankenexperiment ad absurdum führte. Warum also lassen uns solch „absurde“ Vorstellungen nicht los? It’s the brain, stupid! Die wissenschaftliche „Zurückgebliebenheit“ lokalisierte Dunbar im dorsolateralen präfrontalen Cortex, einem Areal, das sich bei Heranwachsenden erst spät entwickeln soll. Es spiele eine entscheidende Rolle im Verdrängen von ungewollten, ungewohnten Ideen. Physikstudenten müssten, so Dunbar, ihren dorsolateralen präfrontalen Cortex bemühen, um ihre naiven „aristotelischen“ Vorstellungen zu unterdrücken und auf diese Weise zu reifem physikalischen Denken zu gelangen.

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Diese Erkenntnis suggeriert ein anderes Bild als jenes der Leiter. Alles Wissen ist geschichtlich, das heisst, es gleicht einem Stück Erdboden mit seinen sedimentierten Schichten; zuoberst unsere eigene rezente Epoche, darunter frühere Lagen.

In ihnen liegen die Wissens-Residuen aus alter Zeit bewahrt. Wir mögen sie als Überreste eines vorwissenschaftlichen Denkens bezeichnen, aber im Sedimentmodell des Wissens gewinnen sie eine vitalere Bedeutung: Sie bilden den Grund, auf dem unser Wissen in immer luftigere und abstraktere Höhen hinaufwächst. Sie sind der notwendige geistige Humus solchen Wachstums. In ihm stecken gewiss viele Denkleichen, die besser beerdigt blieben; aber aus ihm stossen immer wieder einmal Triebe an die Oberfläche, erwachen zu neuer Blüte. Ideen, welche die Vorsokratiker als reine Denkübung erwogen – die Atomhypothese oder die Viele-Welten-Theorie –, lagen Jahrtausende begraben, bis sie in den Schichten des 20. Und 21. Jahrhunderts zu physikalischer „Seriosität“ erwachten.

Oder betrachten wir das Beispiel der Homöopathie, die schon lange als Disciplina non grata verschrien ist. Besonders die Idee eines „Wassergedächtnisses“ hat in letzter Zeit an Aufmerksamkeit gewonnen vor dem Hintergrund der Tatsache, dass wir mit Wasser eine banale und vitale Substanz vor uns haben, die aber noch lange nicht genügend erforscht ist. Sie manifestiert einen überwältigenden Reichtum von Molekülstrukturen: Cluster. Das hat Chemiker und Informationstheoretiker auf den Gedanken der strukturellen Informationsübertragung gebracht: Wenn nicht die Zusammensetzung, sondern die Struktur einer Substanz ihre Eigenschaften ausmachen, dann könnte es ja sein, dass die homöopathische Lösung quasi die strukturelle Information – den „Geist“ - des Heilmittels „eingeprägt“ erhält, selbst wenn sie kein einziges Molekül der heilenden Materie mehr enthält.


Das ist nun allerdings ein höchst spekulativer und theoretisch nicht ausgeführter Gedanke. Und es bestehen grosse Zweifel, dass er Licht in die Black Box des Schüttelns und Verdünnens von homöopathischen Elixiren bringt. Es hilft hier auch nicht der Hinweis weiter, dass die Wirksamkeit bisher weder endgültig bewiesen noch widerlegt werden konnte. In solchen Fällen dürfte ein durchdachtes Mass an „Orthodoxie“ angebracht sein: Die Wirksamkeit von chemischen Mitteln hat sich auf so vielen Feldern bestätigt, dass es vielleicht doch an der Zeit wäre, die homoöpathische Idee endgültig zu begraben. Eine einfache erkenntnistheoretische Lektion erteilt sie uns dennoch: Sagen wir niemals vorschnell, eine Idee sei gestorben. Totgesagtes lebt vielleicht gerade in der Wissenschaft am längsten.

Sonntag, 11. September 2016

Jolly Good Fellows






WOZ, 18.8.2016



Über die Beglückung des Planeten

Glück ist heute ein pharmatechnologisches Produkt, ergo ein bewirtschaftbares Gut. Die Neurochemie rückt dem Unglücklichsein zu Leibe. Damit verwandelt sie vorab die Befindlichkeit einer Person in den Befund eines Organismus. Man sucht nicht primär nach Gründen für das Unglücklichsein, sondern nach Symptomen, die man mit neurochemischen Mitteln bekämpft. Ein solches Verständnis von Depressionen liegt natürlich ganz im Interesse einer mächtigen Industrie, für die der mentale Zustand des Menschen primär eine Quelle der Profitmaximierung darstellt. Nur keine falschen Pietäten! Zum Unglücklichsein gibt es keinen Grund, wenn ein gutes Pharmakon dagegen existiert.

Man kann eine Art von Mittel-Zweck-Umkehr feststellen. Traditionell hatte man es mit einer Krankheit zu tun, und man entwickelte ein Mittel dagegen. Neuerdings ist die Allianz von Wirtschaft und Medizin so mächtig, dass man sich fragen kann, ob Arzneimittel produziert werden, um Krankheiten zu behandeln, oder ob Krankheiten nun von den Arzneimitteln definiert werden, um einen entsprechenden Markt zu etablieren. Antidepressiva zum Beispiel kennt man seit gut einem halben Jahrhundert. Seither beklagen immer mehr Menschen depressive Symptome. In den USA soll es sich um gut einen Drittel der erwachsenen Bevölkerung handeln.

Die normative Macht des Pharmakons
Die Psychopharmaka werden nicht nur ständig verfeinert und verbessert, sie führen auch zu dem, was man die normative Macht des Medikaments nennen kann. Es definiert den Zustand der Normalität. Wenn man also über immer wirksamere Antidepressiva verfügt, dann ist es nicht „normal“, lange in depressivem Zustand zu bleiben. Man schluckt das Mittel, und wer das nicht tut, riskiert, als mental „gestört“ klassifiziert zu werden. Eines der massgebenden medizinischen Klassifikationssysteme – das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) – listet die Symptome solcher Gestörtheit auf. Der Leitfaden wird vom einflussreichen Fachverband der amerikanischen Psychologen -  der „American Psychiatric Association“ (APA) -  herausgegeben, dessen Budget sich zur Hälfte von der Pharmaindustrie speist. Im elfköpfigen Beratungskomitee der neuesten, der fünften Ausgabe des DSM sitzen acht Experten mit engen Beziehungen zur Big Pharma. Sie haben eine nicht unwesentliche Definitionshoheit über psychische Krankheiten. Angesichts immer wirksamerer Antidepressiva wie zum Beispiel Wellbutrin hat die APA befunden, mehr als zwei Wochen Unglücklichsein nach dem Tod eines nahestehenden Menschen sei nicht normal, sondern Symptom eines „gestörten“ Geisteszustands. Trauern wird also zum Gesundheitsrisiko.

Glück als Humankapital
Glück gehört zum Humankapital. Es ist ein Faktor der Selbstoptimierung, wie etwa auch Achtsamkeit (Mindfulness), digitale Entgiftung, kognitive Therapie, Stressreduktionstechniken. Glück kann, wie dies einer der Schöpfer des Begriffs des Humankapitals, der einflussreiche Ökonom Gary Becker, ausdrückte, „augmentiert“ werden. Beckers Theorie lässt sich als eine Art von ökonomischem Existenzialismus betrachten: Der Mensch ist das, was er in sich investiert. Erziehung zum Beispiel ist eine strategische Investition in sich selbst. Persönliche Beziehungen sind Wirtschaftverträge mit Kosten und Nutzen für die Partner. Auch Glück ist eine solche Investition: ein Asset, eine innere Kapitalanlage. Glück, so lautet das Mantra, kann man wählen. Coca Cola verwendet es in seiner Werbung: Open Happiness; mit der Flasche öffnest du das Glück. Nike schlägt die gleiche Richtung ein mit „Just do it“: Kauf es einfach und du wirst glücklich. Solche Botschaften sind branchenüblich scheinheilig. Sie gaukeln dem Konsumenten ein Happy-Go-Lucky-Leben und eine Entscheidungsfreiheit vor, die er im Grunde nicht hat. Ohnehin klingen solche Sprüche in einer Welt zunehmender ökonomischer Machtballung und Ungleichheit nur noch höhnisch: Du hast die Wahl - zwischen verschiedenen Formen von Abhängigkeit.

Chief Happiness Officer
Das Glück ist jedenfalls zu wichtig, um dem Zufall überlassen zu werden. Schlechte Stimmung schadet dem Geschäft. Ein glücklicher Arbeiter ist ein produktiver Arbeiter. Ein ganzer Berufsfächer von pfiffigen Glücksvermehrern hat sich geöffnet, die uns in jedem Weiterbildungskurs und Managementseminar aufzeigen, welch Glückspotenzial und -kapital in uns liegt und zu fördern wäre, koste es, was es wolle. Da ist zum Beispiel der Glückschef oder Chief Happiness Officer, kurz: CHO. Eine wachsende Zahl von Unternehmen beschäftigt solche professionelle „Jolly Good Fellows“, welche die Bude spirituell auf Vordermann bringen sollen. Bei Google war es bis vor kurzem der Software-Designer Chade-Meng Tan. Er bietet den Angestellten ein „mindfullness training“ an, das hilft, inneren Frieden und klaren Geist zu finden, um dadurch Stress und Negativität zu entgehen. Herr Tan hat sogar eine Suchmaschine für innere Zustände entwickelt: Search Inside Yourself (SIY).  Man findet mit ihr vor allem einen Rezepte-Mix aus Fernostweisheit und Resultaten aus der Forschung über emotionale Intelligenz. Einsichten aus dem Repertoire eines Grüssaugusts wie: Wann immer du jemandem begegnest, sollte dein erster Gedanke sein: Ich möchte, dass diese Person glücklich ist! Herr Tans Kurse erfreuten sich unter Google-Leuten einer solchen Beliebtheit, dass er sich nun einem höheren Ziel zuwendet. Für ihn ist SIY nicht weniger als ein Mittel, den Weltfrieden herbeizuführen. Wer will es ihm verargen, dass er auch auf den Nobelpreis schielt.

World-Happiness-Index
In den letzten Dekaden lag die menschliche Kognition im Fokus der Psychologen und Hirnforscher. Nun gewinnt die menschliche Emotionalität zunehmend an Bedeutung. Es ist die Rede von Bruttonationalglück oder vom World-Happiness-Index (auf dem die Schweiz nota bene den zweiten Platz hinter Dänemark einnimmt[i]). In dieser Bedeutungsverschiebung spiegelt sich durchaus auch ein Interesse am Wissen über die Manipulierbarkeit der Kunden, Patienten, Wähler, Sportler, Arbeitnehmer. Wie es scheint, lässt sich der Mensch über das Gefühl besser „anschubsen“ als über den Verstand. Wie also ihn beeinflussen, damit er das Gewünschte tut, ohne es zu merken? Das ist die Zentralfrage der „Schubser“: der Marktforscher, Politstrategen, Betriebspsychologen, ökonomischen Behavioristen. Für sie ist Glück der geschäftsfördernde Faktor par excllence, der Schlüssel zu Macht, Geld, Status. Und hier bricht ein tiefer Widerspruch auf.

Prekäre Arbeitsverhältnisse
Es ist kaum wegzudiskutieren, dass die globale ökonomische Dynamik auch weltweit zu einem psychischen Malaise führt. Millionen von Arbeitenden unter prekären Verhältnissen in den sogenannt entwickelten Gesellschaften fühlen sich unwohl, und sie möchten sich von „gutmeinenden“ Beratern und Glückstechnologen auch nicht zum Wohlfühlen überreden lassen. Wenn Frauen und Männer unter bestimmten Arbeits- und Lebensbedingungen nicht aufblühen, dann tun sie dies wahrscheinlich auch nicht, wenn man sie mit den wirksamsten Therapien und Pharmaka traktiert und vollpumpt. Dann stellt sich die Frage, ob wirklich das Individuum krank ist oder nicht vielmehr die Gesellschaft, in der es lebt und arbeitet. Anders gesagt: Mit dem psychologischen und psychotherapeutischen Blick auf das Glück riskiert man eine Aufmerksamkeitsverschiebung weg vom Sozialen und Politischen, und damit weg von wichtigen äusseren Mitursachen einer inneren Krise. Immerhin kennt man ja durchaus einige Arbeitsbedingungen, die das Glück nicht notwendig fördern. Man weiss zum Beispiel,  dass Arbeit, über die man keine Kontrolle hat, ziemlich unwohl macht und auch das Risiko zu Herzattacken erhöht. Unter solchen Bedingungen nimmt die Arbeitsmoral Schaden. Und auch die Wirtschaft. In den USA verursachen Krankheiten, häufiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz (Absentismus) oder auch unnötig langes Verharren am Arbeitsplatz (Präsentismus) Gesundheitskosten in der Höhe von 550 Milliarden Dollar.

Das gute Leben – eine Frage der Neurochemie?
Arbeitsmoral aber lässt sich nicht einflössen wie ein Aufputschmittel. Nach dem Börsencrash 2008 postulierten Psychologen, nicht das Finanzsystem sei das Problem gewesen, sondern die Gehirne der Börsianer. Die Wall Street soll unter den falschen Neurochemikalien kollabiert sein; zuviel Testosteron in zuvielen Traderhirnen, zuviel Koks in zuvielen Bankerhirnen. Angeblich hatte man auf der Basis von Hirnscans von Börsenmaklern ein Psychopharmakon entwickelt, welches zu effizienterer Entscheidungsfindung verhelfen sollte. Und dieses Mittel habe nicht richtig funktoniert. Man kann an einer solchen Vermutung zweifeln, ja, sie lächerlich finden, jedenfalls drückt sie die implizite Mentalität aus, dass sich auch elende soziale und politische Zustände durchstehen lassen, wenn man nur richtig gedopt ist. Und dahinter verbirgt sich die verführerische Tendenz unseres Zeitalters, die Frage nach dem guten Leben durch die Frage nach der richtigen Neurochemie zu ersetzen. Davor spannt man die zynische Logik: Wenn die herrschende Form des Kapitalismus den Bedürfnissen vieler Menschen nicht entspricht, dann muss man diese Menschen halt ändern, um den Bedürfnissen dieses Kapitalismus’ zu entsprechen. -

Etwas ist faul an der Weltbeglückung
Vielleicht sollte man vor dem Hintergrund der Weltbeglückung einen zweiten Blick auf die Frage werfen, ob denn Unglücklichsein immer als Krankheit oder Störung zu betrachten sei. Im Unglücklichsein steckt ja auch der Keim der Kritik, also eines Denkanlasses. Man fragt nach Ursachen, Gründen, nach Verantwortlichen, ja, Malefikanten. Unglücklichsein kann sich durchaus in kritischem Diskurs artikulieren, statt als Symptom wegbehandelt zu werden. Dazu muss eine Sprache entwickelt werden, die sich nicht in verhaltensökonomischer und neurochemischer Konditionierung erschöpft; die einem „Diskurs des Unglücklichseins“ Vorschub leistet: Analyse durch Denken, nicht Paralyse durch Wohlfühlen und Liken. Es gibt eine Menge von Autorinnen und Autoren, die an einer solchen Sprache arbeiten. Um hier nur ein paar zu nennen: Joseph Stiglitz mit „Der Preis der Ungleichheit“; Richard Wilkinson und Kate Pickett mit „Gleichheit ist Glück“, Tim Kasser mit „The Price of Materialism“ und neuerdings Will Davies mit „The Happiness Industry“.

There is no alternative – wirklich?
Das herrschende Wirtschaftssystem kann Unglücklichsein nicht dulden. Die Ausmerzung dieses Zustands gehört deshalb zur systemerhaltenden Aufgabe. Mit der Bewirtschaftung des Glücks absorbiert der Kapitalismus gleich auch die Kritik an ihm. Im Kern haben wir es also mit einem fundamentalen Problem zu tun. Für nicht wenige Verfechter des vorherrschenden Wirtschaftssystems – nennen wir es der Einfachheit halber das neoliberale - sind alle entscheidenden Fragen bereits beantwortet. Die Regeln des ökonomischen Spiels werden als Quasi-Naturgesetze interpretiert. Das erinnert an die Lage vor fünfzig Jahren, als Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch“ schrieb. Diese Eindimensionalität hat sich nunmehr verfestigt zum Axiom: Es gibt kein anderes System – there is no alternative. Wirtschaftsleute und Politiker beten unablässig dieses Mantra herunter, wie einen Gegenzauber, der sie vor dem schützt, was sie am meisten befürchten: dass nämlich die Menschen ihr Unglücklichsein nicht als Geistesstörung begreifen, sondern als Gestörtheit des ökonomischen und politischen Systems. Unter dem Glücksimperativ – sei er kapitalistisch oder wie auch immer geartet – missglückt uns jedenfalls das Leben.




[i]    http://www.sciencealert.com/the-world-happiness-index-2016-just-ranked-the-happiest-countries-on-earth