Filosofaxen

Donnerstag, 2. April 2020









NZZ, 28.3.2020

Klopapierpandemie und Krise der Rationalität

Wir kennen Dyslexie, Dyskalkulie, Dysorthographie Dysästhesie: Lese-, Rechen-, Rechtschreibschwäche, Empfindungsstörung. Es gibt daneben auch Dysrationalität: eine „Schwäche“ der Verstandestätigkeit bei ansonsten intelligenter Disposition.  Wir alle erliegen ihr gelegentlich. Zum Beispiel in Zeiten einer Virenpandemie. Wir sehen, wie sich die Regale leeren, und der erste Gedanke ist: Ich muss unbedingt auch noch von dieser Ware haben, handle es sich um Klopapier, Pinzetten oder Fusspilzsalbe – wenn alle sie einkaufen, liegt ja sicher ein Grund dafür vor. Das heisst, zwei Perspektiven sind im Spiel: meine und jene der anderen. Jede Person mag guten Grund haben, sich mit Toilettenpapier einzudecken, aber alle diese individuellen guten Gründe addieren sich nicht zu einem kollektiven guten Grund. Das ist die panische Ansteckung: Wenn der andere Panik hat, muss ich auch Panik haben.

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Wie viele Menschen meiner Generation, bin ich es gewohnt, mit diesem Stoff namens Bargeld zu hantieren. Aber jetzt haftet ein maliziöser Gedankenkeim im Schädel: Der Stoff hat ja seinen Verlauf schon durch viele – womöglich ungewaschene – Hände genommen und trägt eine ganze unsichtbare Armee von Krankheitserregern.  Bargeld ist dreckig, buchstäblich. Also setze ich auf bargeldlosen Verkehr und benutze die Kreditkarte. Aber die muss ich ständig in irgendeinen Schlitz schieben und meinen Code auf der Tastatur eingeben, mit der schon Tausende vor mir Kontakt gehabt haben. Und der Gedanke nimmt Fahrt auf: Alle die Dinge, die ich im Laufe eines Tages berühre, bilden sie nicht eine tückische taktile Kaskade der Kontamination? Wenn man da nicht zwangsneurotisch, sprich: zum  Händealkoholiker wird. Jedenfalls entwickelt man sich in diesen Zeiten zu einem regelrechten Forensiker manueller Gewohnheiten. Man verdächtigt andere und sich selber des „delinquenten“ Handgebrauchs und späht nach entsprechenden Indizien.

Unser Zeitalter nennt sich das digitale: das Zeitalter des Fingers. Und was tut dieser Körperteil die ganze Zeit? Er schaltet ein und aus, er drückt Tasten und Knöpfe. Eine ungeheuer einflussreiche Symbolik umgibt Knopf, Taste und nun Touchpad, und die Asymmetrie zwischen Aufwand und Resultat lädt die Geste des Berührens ambivalent auf. Am Knopf zeigt sich die ganze Dialektik der Technikgeschichte. Die verführerischen Welten, die sich durch den Knopfdruck erschliessen und die unbekannten Gefahren, die sie bergen, bilden eine üppige Wildnis der Phantasie, in der Literatur, Film, Werbung, Propaganda jagen. Und nun erweist sich der Finger, dieses wunderbare Organ der Kreativität,  jäh als Unheilsbringer.

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Für eine Person, die in der letzten Grippeepidemie nicht erkrankt ist, klingt nun plötzlich das ganze Getöse um Corona vielleicht übertrieben bedrohlich. Hier lässt sich eine weitere Dysrationalität feststellen: die Verfügbarkeitsheuristik, wie sie die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky genannt haben. Wir überschätzen oder unterschätzen ein Risiko oft, je nachdem, ob wir einen schweren oder einen leichten Fall in Erinnerung behalten. Ein herausstechendes Ereignis, bleibt leicht im Gedächtnis haften und lässt sich wieder abrufen. Vielzitiert ist das Beispiel der Flugzeugunfälle. Sie sind seltener als Autounfälle, aber man überschätzt das Risiko des Fliegens aufgrund des meist tragischen Unfallausgangs und eines entsprechenden medialen Hypes. Die Erinnerung stellt uns dramatische Fälle zur Verfügung. Umgekehrt liesse sich Ähnliches über die Unterschätzung sagen. An was erinnern wir uns in der Schweiz, wenn wir an Epidemien denken? Nun, an die SARS-Infektion 2003 und an die Schweine-Grippe 2010. In beiden Situationen sind wir glimpflich davongekommen. Wo wir uns nicht zu sorgen brauchen, müssen wir auch nicht vorsorgen. Womöglich verfügt deshalb unser Gedächtnis vor allem über die Kategorie „Verschontwerden“, was im Fall des Coronavirus zunächst zu einer Unterschätzung des Risikos führte.

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Vergessen wir nicht die emotionale Seite, vor allem ihre Inflation. Je mehr die Medien den Emotionen Gelegenheit geben, sich „aufzublasen“, desto mehr verdrängen sie die rationale Seite. Nicht dass wir keine Emotionen haben oder sie gar unterdrücken sollten. Das Problem ist vielmehr der gefährliche Mix aus schlecht geeichten Gefühlen und begrenztem Wissen. Dieser Mix erweist sich selber als höchst ansteckend.

Um hier eine Analogie aus der Physik zu verwenden, das Phänomen der Resonanz. Eine Saite, die zu schwingen beginnt, kann unter Umständen auch eine benachbarte Saite in Schwingung bringen. Die Nachrichten über den Tribut an Toten, den das Virus in China oder auch in Italien fordert, schüren unsere Ängste. Wir beginnen quasi mit kleinen Angstschwingungen und stecken andere an zum Resonieren. Dadurch verstärken wir gegenseitig unsere Ängste über ein Mass hinaus, das durch die Faktenlage nicht notwendig gerechtfertigt ist. Zudem werden wir – heftiger schwingend – auch empfänglicher für „falsche“ Schwingungen – Gerüchte und Fake News -, und so treten wir einen Teufelskreis los. Im Kollektiv steigt die Angst-Amplitude.  In der Physik nennt man dies „Resonanzkatastrophe“. Man kann damit Brücken zum Einsturz bringen. Und man kann analog das rationale Denken kollabieren lassen.

Im Zusammenhang mit der Verfügbarkeitsheuristik steht natürlich ein anderes dysrationales Phänomen: Monothematik, die einseitige thematische Diät. Gerade dieser Tage mästen uns Zeitungen mit einem einzigen Thema, reduzieren den Umfang der Berichterstattung, plausiblerweise, weil nicht viel aus der Welt der Massenveranstaltungen zu hören ist. Dabei öffnete doch gerade die Zeit der Pause, des Werktags-Sabbats, den Raum der Reflexion, des Innehaltens, des Besinnens, also den Raum für „abseitigere“ Themen, die vielleicht schon lange auf der Halde liegen; Themen, die uns in der hektischen Schnelligkeit der News die nötige Langsamkeit beibringen, den Ernst der Lage zu erkennen.

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Apropos Kenntnis der Faktenlage. Sie ist dringend. Aber auch hier erliegen wir leicht einer Dysrationalität. Hyperinformiertheit kann Ignoranz und Ungewissheit verstärken. Wir erleben ein tägliches Bombardement durch Zahlen und Statistiken, das uns in eine Quasihypnose versetzt. Wichtig in diesem Dauerbeschuss wird das, was die Kognitionspsychologen „Frame“ nennen. Die Medien müssen den Fakten einen Bedeutungsrahmen verleihen. Das fängt schon mit der Interpretation von  Statistiken an. Zum Beispiel hören wir ständig Meldungen über den „rasanten“ Anstieg der Infektionsfälle. Diese Rasanz ist bei exponentiellem Wachstum normal, man muss sie nicht eigens hervorheben. Wenn man die Normalität zur Kalamität hochdramatisert, präsentiert man sie in einem irreführenden Frame.

Hüten wir uns auch vor übertriebenen Erwartungen in die Wissenschaft. Wir alle begrüssen Fortschritte in der Virenbekämpfung. Aber Viren bilden die grosse Unbekannte im Gesamtökosystem des Planeten. Nur schon eine virale Krankheit lässt sich meist nicht in einer schönen linearen Geschichte darstellen: Da ist ein Virus – und da bricht die Krankheit aus. Möglicherweise sind andere Viren und weitere Faktoren an der Pathogenese beteiligt. Eine typische wissenschaftliche Aussage hat die Form: Unter diesen und diesen und diesen ... Bedingungen geschieht das und das. Die Pointe ist, dass man alle die Bedingungen in der Regel nicht kennt. Heute erst recht nicht. Wir leben ja nicht in Labors. Und deshalb ist der Spielraum für Skepsis immer da.


Nun gibt es freilich eine ganz andere Art von Skepsis. Zunehmend beunruhigter stellt der Laie einen ungeduldigen Anspruch an den Wissenschafter: Gib mir endlich eine eindeutige Antwort! Wann schwächt sich die Ausbreitung ab? Wann ist ein Impfstoff verfügbar? Und da der Wissenschafter keine eindeutige Antwort geben kann, sucht der Laie oft andere Antwortgeber: inkompetente, betrügerische, aufschneiderische, dumme. Hier kippt Dysrationalität in Irrationalität. Und diese ist gefährlicher als jede Epidemie.

Montag, 9. März 2020







NZZ, 3.3.2020


Der Mensch ist der Mikrobe egal


Man spricht vom neuen erdgeschichtlichen Zeitalter des Anthropozäns. Der Mensch gestaltet die Erdoberfläche mit einer Wucht um, die man früher allein geologischen Kräften zugemutet hatte. Eigentlich ist das aber eine anthropozentrisch verzerrte Sicht. Seit über drei Milliarden Jahren gibt es das Bakterio- oder Virozän. Die heimlichen Hauptakteurinnen auf dem Planeten sind Mikroben. Sie umgeben uns, sie bewohnen uns. Der Mensch ist quasi eine Galaxie von Bakterien (tatsächlich wohnen in mir mehr Bakterien als es Sterne in unserer Milchstrasse gibt). Wenn ich jemandem die Hand schüttle, setzt sogleich in beiden Richtungen ein Mikrobenfluss ein, und ich weiss nicht, ob die Viecher meine Freunde oder Feinde sind. Ich bin ihnen jedenfalls egal.

Warum ist eine bestimmte Mikrobenart schädlich für den Menschen, eine andere dagegen nicht? Handelt es sich um eine „intrinsische“ Eigenschaft? Die Frage beschäftigt die Biologen seit den Anfängen der Keimtheorie im 19. Jahrhundert. Sie legte das Fundament für das Paradigma der modernen Krankheitslehre: Es gibt eine grundlegende Differenz zwischen pathogenen und nicht-pathogenen Mikroben. Gemäss dieser Sicht ist also Virulenz  – Krankheit erregende Faktoren - ein Merkmal, das der Mikrobe selbst zukommt. Immer aber gab es Gegenbeispiele und im 20. Jahrhundert entdeckten die Forscher zunehmend „Dual-Use“-Mikroben, die dem Menschen sowohl nützen wie schaden können. Offenbar kennt die Natur keinen eindeutigen Unterschied. Angeblich pathogene Mikroben bevölkern unsere Umwelt, ohne uns zu schaden, und scheinbar harmlose Mikroben zeigen plötzlich ihre „böse“ Seite.

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Wir beziehen diese Bösartigkeit fast automatisch auf uns Menschen, den Wirt. Aber das ist – wie gesagt - nichts als verdeckter Anthropozentrismus. Ob uns die Mikroben „wohl oder übel gesinnt“ sind, hängt meist vom Zufall ab. So lautet zumindest eine Hypothese, die immer mehr in den Fokus der Forschung rückt. Der Mikrobiologe Bruce Levin hat für sie die derb-eingängige Bezeichnung „Shit-Happens-Hypothese“ geprägt: Die Virulenz von Mikroben ist nicht spezifisch gegen uns Menschen gerichtet, sie „geschieht“ einfach unter besonderen physikalischen, chemischen und biologischen Bedingungen. Wie Levin bemerkt: „Die Parasitologen lehrten uns Studenten, dass Krankheit ein primitives, unterentwickeltes Stadium im Zusammenleben von Organismen darstelle, und die Evolution schliesslich alles zum Netten richten würde, zu Symbiose und Mutualismus als Endpunkt“. Die Natur kennt aber keine Happyends – oder vielmehr: sie kennt unzählige Happyends, je nach Artengesichtspunkt. Und der Mensch ist nur eine Art. Wenn ihn die Mikroben etwas angehen – was geht die Mikroben der Mensch an?

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Das klingt resignativ: Hat Virulenz denn keine andere Erklärung, ausser dass sie einfach geschieht? Nichts wäre falscher. Natürlich ist Virulenz ein multikausaler mikrobiologischer Prozess und die Forschung nach antiviralen und –bakteriellen Medikamenten könnte nicht dringender sein. Und natürlich lässt sich unter Umständen Virulenz als eine spezielle Eigenschaft erklären, die eine Mikrobenart im Lauf ihrer evolutionären Verstrickung mit ihrem Wirt erworben hat. Dass Mikroben uns befallen können, weil wir gerade zufällig ihren Weg kreuzen, eröffnet aber eine andere Sicht auf sie. Zunächst einmal schreckt sie uns in unserer anthropozentrischen Voreingenommenheit auf. Sie initiiert eine „kopernikanische“ Wende im biologischen Denken. Wir Menschen entdecken jetzt nicht eine neue Welt der Mikroben, wie sie sich erstmals dem holländischen Gerätebauer Antoni van Leeuwenhoek im 17. Jahrhundert unter seinem Mikroskop offenbarte; wir entdecken uns als Teil dieser Welt. Der wichtigste Teil in der Mikrobenwelt sind aber andere Mikroben. Der Mensch, der zufällig in ihr Kreuzfeuer gerät, hat einfach Kollateralpech.

Der Biologe Arturo Casadevall und sein Team studieren diese – wie er sie etwas akademischer nennt – „akzidentelle Virulenz“. Er braucht eine hilfreiche Analogie: Die Evolution stattet jede Mikrobenart mit einem Satz von Spielkarten aus – adaptive Attribute -, die ihr ermöglichen, zu überleben. Eine Karte schützt zum Beispiel das Bakterium davor, gefressen zu werden; eine andere ermöglicht ihm, sich bei 37 Grad Celsius zu vermehren; aber dann hat es keine Karte, die ihm dies in alkalischer Umgebung gestattet. Es muss also durchaus eine Koinzidenz der „richtigen“ Kombination stattfinden, damit das Bakterium gedeiht. Diese Koinzidenz ist umso wahrscheinlicher, je mehr Mikrobenarten mitspielen. Betrachtet man die ungeheure Mannigfaltigkeit der Mikrobenarten, welche die Evolution im Lauf von Jahrmilliarden produziert hat, erscheint es durchaus wahrscheinlich, eine Kartenkombination zu finden, die eine Mikrobenart aus purem Zufall pathogen für den Menschen werden lässt. Das kann sogar auf Mikroben zutreffen, die bisher mit dem Wirt in Eintracht gelebt haben. Es gibt, so gesehen, pathogene Mikroben, die wir noch gar nicht kennen. Und möglicherweise schafft gerade der Klimawandel gedeihlichere Bedingungen für sie.

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In diesem Sinn vermutet ein Epidemiologe der University of California: „Ich glaube, wir werden mehr Coronaviren auftauchen sehen, weil dies die Folge dessen ist, was wir der Umwelt antun. Es ist unsere Strafe.“ Nun kennt die Natur keine „Strafe“. Aber die Aussage lässt sich in „moralfreie“ Rede übersetzen: Wenn der Mensch im Anthropozän immer tiefer in die natürlichen Ökosysteme eindringt, riskiert er dadurch, auch in den Wirkungsbereich von Mikroben zu gelangen, von denen er bisher verschont blieb. Viele Biologen sind der Meinung, dass sich mit dieser fortgesetzten Ausbreitung des Menschen auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, von anderen Arten infiziert zu werden. Wir kennen längst solche Krankheiten: Schweinegrippe, Tollwut, Ebola, AIDS, Sars, um nur einige zu nennen. Die Familie der Coronaviren ist seit über fünzig Jahren „aktenkundig“. Ihre Angehörigen warteten nur auf eine günstige Gelegenheit wie Wuhan.

Hier erhält das Szenario definitiv einen beängstigenden Anstrich. Da gibt es „draussen in der Natur“ unsichtbare Winzlinge, von denen man nicht weiss, wann sie uns unterstützen und wann sie uns abmurksen. Der Science-Fiction-Autor Herbert G. Wells antizipierte dies bereits in seinem Klassiker „Der Krieg der Welten“ mit genialem Scharfsinn. Eine Invasion vom Mars wurde nicht von Menschen, sondern von Mikroben abgewehrt, und zwar dadurch, dass sich bestimmte irdische Mikroben für die Marsianer „zufällig“ als tödlich erwiesen. Die Erdbakterien konnten nichts „wissen“ von den Marsinvasoren, es gab keine vorgängige Koevolution, durch die sie ihre Virulenz gegen die Aliens hätten ausbilden können. Sie sprangen einfach „akzidentiell“ auf die Invasoren über und vernichteten sie. Könnte nicht ein ähnliches Schicksal auf menschliche Invasoren lauern, die in fremde planetarische Gefilde eindringen und dadurch alte Symbiosen mit den Mikroben zerstören?

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Gewiss, wir verbuchen im Kampf gegen Infektionskrankheiten und deren Verbreitung bemerkenswerte Fortschritte. Deuten wir diese nur nicht falsch als fortschreitende Beherrschung der Mikrobenwelt. Wir tun gut daran, Krankheit als ökologisches Problem zu begreifen. Und man kann es als Dialektik des Anthropozäns betrachten, dass je tiefer der Mensch sich der Erdoberfläche einzeichnet, die Natur sich umso drastischer von ihrer unvorhersehbaren und beschränkt kontrollierbaren Seite her zeigt: makroskopisch, in den Klimaschwankungen, und mikroskopisch, in den Launen der kleinsten Lebewesen. Das ist kein Grund zu Defaitismus oder Fatalismus, sondern zur nüchternen Neueinschätzung unseres Platzes in der Natur. Wie es der Paläontologe Andrew Knoll ausdrückte: „Tiere mögen der Zuckerguss der Evolution sein, aber der eigentliche Kuchen sind die Bakterien.“ – Und wenn wir von der Evolution reden: machen wir die Rechnung ja nicht ohne den Zufall. Lernen wir ihn als die eigentliche Naturmacht kennen.

Montag, 17. Februar 2020









NZZ, 13.2.2020


Die verschlüsselte Gesellschaft und ihre Freunde

Der Mathematiker Charles Seife arbeitete von 1992 bis 1993 als Student bei der National Security Agency (NSA). Im August 2013 publizierte er online einen „Offenen Brief an seine ehemaligen NSA-Kollegen“. Er brachte darin das spezifische „Krypto“- Klima im Innern der Agency zur Sprache, seine verführerische Wirkung auf einen jungen Wissenschafter: „Die Mathematiker und Kryptoanalytiker, die ich bei der NSA traf, (..) schienen sich aus zwei Gründen zur Agency hingezogen zu fühlen. Erstens war Mathematik sexy (..) Bestimmte Probleme verströmen nun mal ein gewisses Etwas – das Gefühl, an etwas besonders Wichtigem mitzuarbeiten; und die Lösung in Griffweite zu wissen.(..) Zweitens motivierte uns – so dachten wir jedenfalls – die idealistische Vision, für unser Land etwas tun zu können. (..) Und wenn man erst einmal im Innern der Agency war, entdeckte man eine Vielzahl von Wegen, der nationalen Sicherheit zu dienen. Sogar als Neuling fühlte ich die Chance, in kleinem Masse etwas zu bewegen.“

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Seifes Brief lässt gerade deshalb aufhorchen, weil er von jemandem stammt, dessen Arbeit die Basis nachrichtendienstlicher Aktivitäten darstellt. Die amerikanische Mathematikerin Cathy O’Neil berichtet in ihrem Blog „mathbabe“, dass Mitarbeiter der NSA in Schulen Ausschau nach vielversprechenden Talenten halten würden, um diese dann für spezielle Sommerkurse der „spooks“ – der Spione/Gespenster – zu rekrutieren. Höchst aufschlussreich ist dabei das Verfahren, mit dem man diese Mathe-Rekruten ködert: „Zuerst wird ein aktuelles Problem ausgewählt, dann wird zweitens daraus die Mathematik extrahiert, und drittens wird es schliesslich so gereinigt, dass niemand mehr wissen kann, was das ursprüngliche Problem eigentlich war.“  - Nun, genau so stellt man sich normalerweise die Arbeit des Mathematikers vor: „gereinigt“ von allen weltlichen und banalen – zwischenmenschlichen, politischen, ethischen -  Kontaminationen. Böser: reines Fachidiotentum im Reich des Abstrakten.

Längst aber ist die Mathematik in geheimdienstliche Machenschaften verstrickt. In der Codierung von Informationen spielt sie buchstäblich eine Schlüsselrolle, von der heute das Wohlergehen der Welt wahrscheinlich stärker abhängt als einem lieb ist. Dass Mathematik zu einer Waffe werden kann, offenbarte sich schon im 2. Weltkrieg, zu dessen Verkürzung Code knackende Genies wie Alan Turing entscheidend beitrugen. Das war die Geburtsstunde der modernen Kryptoanalyse. Und die Ironie ist nicht zu übersehen: Wenn Verschlüsselungsprobleme ein typisches Charakteristikum des Kriegs waren, leben wir dann heute – gemessen an der Bedeutung der Verschlüsselung - nicht auch in kriegsmässigen Zuständen? Auf jeden Fall in einer Zeit, da ein Code womöglich die gleichen – wenn nicht sogar grössere - Verheerungen anrichten kann wie eine Atombombe.

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Seien wir uns dessen bewusst: Das Nervensystem unseres telekommunikativen Lebens ist zutiefst mathematischer Natur. Denken wir an Vernetzung, Information und deren Verschlüsselung, Automatisierung unserer Tätigkeiten, um die wichtigsten Elemente zu nennen. Ein Grossteil des Verkehrs im Internet beruht auf einem Verschlüsselungs-Verfahren, das drei Mathematiker 1977 entwickelten: dem RSA-Algorithmus, benannt nach seinen Erfindern Ronald Rivest, Adi Shamir und Leo Adleman. Eine ausgesuchte mathematische Tüftelei, die eine zeitaufwendige Aufgabe, selbst für Computer, darstellt. Deshalb gilt die RSA-Verschlüsselung als sehr sicher.

Was nicht bedeutet, dass sie nicht knackbar wäre. Ein Code ist „sexy“ in dem Masse, in dem er sich in die Aura der Unknackbarkeit hüllt. Zumal den Geheimdienst kann so etwas nicht gleichgültig lassen, deshalb setzt er „seine“ Mathematiker auf das Problem an. Ein Schnüffler-Hirn kann verschiedene Wege zum Geheimnis aushecken. Zum Beispiel die Infiltration. 1982 gründeten Rivest, Shamir und Adleman – ganz im Geiste des neoliberalen Forscher-Unternehmertums – die Sicherheitsfirma RSA Security. Dank Snowden wissen wir, dass die NSA und RSA Security vereinbarten, deren Zufallszahlen-Generator für den Geheimdienst entzifferbar zu machen. Auf ähnliche Weise nimmt die NSA Firmen und Behörden in die Pflicht, sogenannte „Hintertüren“ in ihre Produkte einzubauen, durch welche die Abhörer in die geheimen Gewirke gelangen können. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde die „Kooperationswilligkeit“ des Kommunikationsriesen AT&T bekannt. Es ist, wie wenn ein fremdes Nervennetz stetig seine Dendriten in mein Gehirn einspeiste und allmählich zu meinem eigenen würde. Solche Machenschaften als „Orwellsch“ zu bezeichnen, wäre schiere Untertreibung.

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Ein anderer Weg ist natürlich „mehr Forschung“. Von grosser Bedeutung erweisen sich leistungsstarke Algorithmen, welche die Zeit des Codeknackens erheblich verkürzen. Speziell grosse Hoffnung wird in Quanten-Algorithmen gesetzt, Verfahren, die auf der Manipulation von spezifischen, sogenannt verschränkten Zuständen von Atomverbänden beruhen. Damit überschreitet man die Schwelle zu einer völlig neuartigen, nicht-digitalen Datenverarbeitung. Dass die NSA grösstes Interesse daran hat, ist evident. So forscht sie einerseits in ihren eigenen Top-Secret-Abteilungen; andererseits sucht sie quasi nach Affiliationen, nach „Pentagon-Töchtern“, an Universitäten. Google unterhält ein Forschungslabor über Quantencomputing, an dem sich auch die NASA beteiligt. Der militärisch-industrielle Kryptokomplex formiert sich unaufhaltsam.

Wenn sich aber Kryptoanalyse stetig verbessert, kann dann eine immer verschlüsseltere Gesellschaft überhaupt noch offen sein? Wir verschränken uns zunehmend mit automatischen Systemen. Und ihre wachsenden Leistungsfähigkeit verstrickt uns in ein beunruhigendes Dilemma: Einerseits sollen effizientere Verschlüsselungstechniken die Sicherheit und Privatheit unserer Kommunikationskanäle garantieren – andererseits ist der Staat dadurch umso mehr auf entsprechend effiziente Entschlüsselungstechniken angewiesen, die notfalls das Eindringen in diese Kanäle gestatten. Höchst aufschlussreich erscheint mir die Anekdote, die der Quantenphysiker Seth Lloyd erzählte. Er wollte Larry Page und Sergey Brin von Google das Projekt einer Quanten-Suchmaschine – „Quoogle“ - schmackhaft machen. Sie sei absolut unknackbar. Page und Brin lehnten ab: „Wir können nicht in eine Technologie investieren, die uns daran hindert, alles über jeden zu wissen. Das ist gegen unser Geschäftsmodell.“

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Ist das nun Zynismus oder grenzenlose Naivität? Jedenfalls zeigt sich die Ideologie des Internetgiganten nirgends „unverschlüsselter“ als in diesem Zitat. Hinter dem Geschäftsgeheimnis machen die grossen Internetfirmen ihre Geschäfte mit dem Geheimnis. Wahrscheinlich bezog sich der Algebraiker Tom Leinster von der Universität Edinburgh darauf, als er in der Aprilausgabe 2014 des „New Scientist“ unter dem Titel „Ethical Calculus“ seine Kollegen aufrief, wachsamer zu werden und nicht mehr als Kopflanger dubioser Projekte zu arbeiten. Pointiert könnte man sagen: Es gibt kein „reines“ mathematisches Wissen, das nicht irgendwann von irgendjemandem zu irgendwelchen „unreinen“ Zwecken benutzt werden könnte. Das Rhizom der Schnüffler breitet sich aus, weltweit.

Worauf wir uns in einer verschlüsselten Gesellschaft zubewegen, ist offen. Zumindest dürfte eines klar sein: Wir müssen die Feinde der offenen Gesellschaft nicht bloss bei den Terroristen, Geheimdiensten, den dubios agierenden Internetriesen oder Finanzinstituten orten, sondern auch in uns: das heisst in unserer Trägheit und Sorglosigkeit gegenüber einer ausser Rand und Band geratenen digitalisierten Lebensform, in deren Adern exklusive – will sagen: geheime - Informationen fliessen. Früher hiess es: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Es geht heute nicht um Räder, auch nicht um starke Arme, wohl aber um eine „starke“ menschliche Intelligenz, die erkennt, worauf sie sich einlässt, wenn sie der künstlichen Intelligenz nicht Einhalt gebietet.



Dienstag, 11. Februar 2020








NZZ, 7.2.2020

Wir treten ins Zeitalter des „hässlichen“ Wissens
Für anwaltschaftliche Objektivität

Im Oktober 2016 erschien im „Scientific American“ ein Artikel des Wissenschaftspublizisten Shawn Otto mit dem Titel „A Plan to Defend against the War on Science“. Er mutete an wie ein Fanal. Als hätte Otto vorausgeahnt, dass im November gleichen Jahres ein Präsident der USA gewählt würde, der mit Wissenschaft nichts am Hut hat. Der Physiker Michael Lubell, Sprecher der American Physical Society, twitterte in der Wahlnacht, dass mit dem neuen Präsidenten die Wissenschaft im Keller sein würde – wörtlich: „science will be in the toilet.“ Er verlor seinen Posten.

Nun begann dieser „Krieg“ nicht erst mit der amerikanischen Präsidentenwahl. Ein Lackmustest für die antiwissenschaftliche Haltung war schon vorher die Frage: Wie hast du’s mit dem Klimawandel? Erinnert sei etwa an Lamar Smith, den republikanischen Kongressabgeordneten. Er sass von 2013 bis 2018 dem Wissenschaftsausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses vor („House Committee on Science, Space and Technology“). Smith, Erdöl-Lobbyist, erklärter Skeptiker des Klimawandels, überführter Faktenfrisierer, benutzte seine Position, um im McCarthy-Stil „verdächtige“ Wissenschafter, Beamte oder Juristen vorzuladen, welche den anthropogenen Klimawandel als Tatsache betrachten und die grossen Energieunternehmen beschuldigen, Zweifel über diese Tatsache zu sähen. Smith, Anhänger der Christlichen Wissenschaft, schien Gefallen an seiner Rolle als Subversivenjäger zu finden. Er stand nicht allein auf dem Schlachtfeld. Leugnung des Klimawandels war und ist das Panier vieler republikanischer Klimakrieger.

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Das politische Klima ist heute zweifellos polarisiert. Aber vom „Krieg gegen die Wissenschaft“ zu sprechen, führt gefährlich in die Irre. Faktenleugner gab und gibt es immer, aus Ignoranz, Arroganz, Dummheit, Verlogenheit. Die politische Oberfläche verdeckt ein tieferes Problem, eine erkenntnistheoretische Krise. Sie hob in den 1990er Jahren an, als die postmoderne Kritik wissenschaftlicher Fakten diese als „gemacht“ dekonstruierte. Das war für praktizierende Wissenschafter eigentlich kalter Kaffee, denn entscheidend ist, gut von schlecht „gemachten“ Fakten zu unterscheiden. Aber die Kritik stiess ins Herz einer herrschenden Wissenschaftsphilosophie, die den Objektivitätsanspruch auf unumstössliche „gegebene“ Fakten gegründet sah. „Wenn es keine objektive Evidenz gibt, die letztgültige Glaubwürdigkeit hat, wie soll man den Streit zwischen Wahrheitsansprüchen regeln?“ fragte Shawn Otto theatralisch. Fehlt eine objektive Schiedsinstanz, gewinnt der Appell an die Autorität an Gewicht. Das Szenario der Wahrheit weicht dem Szenario der Meinungsoligarchie.

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Man kann 1979 als das Stichjahr der postmodernen Kritik an der Legitimität der Wissenschaft betrachten, als Jean-François Lyotards Bericht „La Condition postmoderne“ erschien. Aber ist die „condition“ wirklich so schlecht, wenn Wissenschaft nicht mehr im Namen der Objektivität sprechen kann? Auf diese Frage gibt es eine kurze Antwort: Nein. Und es gibt eine etwas längere Antwort: Kommt darauf an, wie man Objektivität versteht. Ich versuche, die zweite Antwort ein bisschen zu tranchieren.

Zunächst einmal stellen wir heute fest, dass die Forschung es mit zunehmend komplexeren Systemen zu tun bekommt, in den Natur- und Sozialwissenschaften. Das Klima ist nur eines davon, ein zugegebenermassen vitales. Und ziemlich sicher steht mit ihm die lebbare Zukunft unseres Planeten auf dem Spiel. So gesehen kann auch der neutrale und objektive Wissenschafter nicht indifferent bleiben. Sicher, es existiert weder eine linke noch rechte Atmosphärenphysik. Aber die Atmosphäre ist eben auch kein „rein“ physikalisches Phänomen mehr. Und so werden sich die Naturwissenschaften künftig vermehrt mit „Natur“-Ereignissen beschäftigen müssen, die sie nicht einfach aus objektiver Distanz und unter idealen Experimentalbedingungen studieren können. Es verhält sich sogar so, dass wissenschaftliche Aussagen ein Gerichtsurteil riskieren, wie im Fall des Erdbebens von Aquila.

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Die Wissenschafter studieren häufiger „verunreinigte“ Phänomene. Natur, Gesellschaft und Technik bilden „Hybride“, um den Terminus des Wissenschaftssoziologen Bruno Latour zu verwenden. Nahezu alle virulenten Fragen betreffen solche Hybride - etwa die Frage nach Treibstoffen aus Biomasse, nach dem Einfluss von Pestiziden auf Insekten, nach Umwelthormonen oder Schiefergasfracking. Sie erweisen sich als vertrackte „tückische“ Problemknoten, die sich nicht einfach mehr in einzelne disziplinäre Fragen aufdröseln lassen.

Der Stil der Forschung wandelt sich angesichts solcher Hybridisierung, und mit ihm auch das Objektivitätskonzept. Die Philosophen Jerome Ravetz und Silvio Funtowizc prägten den Begriff „postnormale Wissenschaft“. Postnormalität bedeutet, grob formuliert: die Probleme sind wertgeladen, die Werte widerstreitend, Lösungen sind dringend, aber meist suboptimal, die Fakten ungewiss, uneindeutig oder umstritten, und viel steht auf dem Spiel. Der „normale“ Ansatz der Forschung, komplexe Probleme in fachinterne, disziplinäre „Rätsel“ zu übersetzen und sie dergestalt behandelbar und lösbar zu machen, greift  heute auf vielen neuralgischen Gebieten zu kurz. Oft läuft er Gefahr, in den Reduktionismus „purifizierter“ Fakten abzugleiten.

Postnormalität bedeutet nicht Abschied von der Objektivität. Die Wissenschafter führen ihre Forschungen mit den besten verfügbaren Mitteln weiter. Sie entwerfen Modelle, entwickeln Lösungen, simulieren Szenarien und zeigen deren Vorteile und Risiken auf. Sie tun dies aber nunmehr im Ethos anwaltschaftlicher Objektivität, das heisst, sowohl um der Wahrheit wie um der Erde willen. Sie spannen wünschbare realistische – „futurable“ - Erwartungshorizonte auf. Sie ergreifen Partei für ein Ziel, das alle betrifft: die Erde als Wohnstätte für die kommenden Generationen – die menschlichen und nichtmenschlichen - zu erhalten. Die Festellung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre ist also quasi ein postnormales Faktum, das etwas über die reale Lage aussagt  und zugleich zum Handeln anhält.

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Die Psycholinguistik spricht von „Hypokognition“: uns fehlt eine Begrifflichkeit für die neue Situation. Dabei wäre der Diskurs über sie dringend nötig. Denn ironischerweise messen viele Skeptiker des Klimawandels den wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch nach wie vor an einem unmöglichen Objektivitätsideal: Einhelligkeit unter Wissenschaftern. Man beobachtet dies zum Beispiel an der im Journalismus gängigen Praxis, die Meinung eines repräsentativen Wissenschafters mit der widersprechenden Ansicht eines Aussenseiters zu konterkarieren. Durch einen solchen Meinungsmix erweckt man nicht nur den Eindruck einer „ausbalancierteren“ Berichterstattung, sondern warnt das Publikum zugleich: Seht Leute, auch unter Wissenschaftern herrscht alles andere als Einigkeit! Die Lage, wie sie sie beschreiben, ist deshalb halb so schlimm! Dabei gehörte gerade zu einer äusserst wichtigen erkenntnistheoretischen Aufgabe des Journalismus, zu informieren, welches Gewicht denn der Aussenseiter in der Meinungsvielfalt hat, was Klimamodelle eigentlich leisten und wie überhaupt so etwas wie „unumstrittene“ Tatsachen zustande kommen.

Es geht also mit der Zukunft unseres Planeten ebenfalls um die Zukunft unseres Wissens – genauer: es geht darum, dem „hässlichen“ Wissen über unseren Planeten deutlich Gehör zu verschaffen, damit man realistische Erwartungshorizonte aufspannen kann. Darauf zielt anwaltschaftliche Objektivität ab. Sie obliegt nicht der Wissenschaft allein, vielmehr muss sie getragen werden von einer erweiterten „Peer-Gemeinschaft“ aus Experten, investigativen Journalisten, wachsamen Faktencheckern und engagierten Bürgern, sozusagen von einer „Allianz der Wissenswilligen“, die den Fakten-Fabrikanten und Konfabulierern – überhaupt dem ganzen zeitgeistigen Geschwafel über das Ende der Fakten ein faktisches Ende setzt.