Donnerstag, 26. Januar 2017

Der Trick des Neuropleonasmus’





Neuromanie herrscht - die Tendenz, allem, was der Mensch tut und denkt, das Präfix „Neuro“ anzuheften: Neuromarketing, Neuroökonomie, Neurokommunikation, Neuroergonomie, Neuroethik, Neuroästhetik, Neurodidaktik, Neurojustiz, Neuropolitik, Neurokriegsführung, Neurotheologie, Neurospiritualität, Neurotelepathie, Neurogastronomie, Neuroönologie, Neuro-Was-auch-immer.

Vordergründig manifestiert sich in diesem „Alles Neuro“ einfach eine gängige Verkaufstatktik. Man bringt ein Buch mit dem Präfix „Neuro“ schnell und leicht auf den Markt. Dahinter steckt aber die wissenschaftliche Zuversicht, jede nur denkbare Tätigkeit des Menschen mit seiner Hirnaktivität in Verbindung zu bringen, also ein Neuro-Materialismus, der das ganze Geistesleben nun endlich auf die robuste Basis von Nervenzellen stellt. Die Zuversicht ist nicht neu, sie äusserte sich bereits im 19. Jahrhundert, etwa in der berüchtigten Analogie des Mediziners Carl Vogt, der Geist verhalte sich zum Gehirn wie der Urin zur Niere.

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Gegenüber einem solch relativ grobschlächtigen Materialismus zeichnet die moderne Hirnforschung ein viel differenzierteres Bild des Geist-Gehirn-Zusammenhangs. Und dennoch bleibt sie dem alten materialistischen Axiom verbunden, das Gehirn sei der eigentliche Lenker des Geistes.

Und zwar bedient sich die Neuromanie eines Tricks, den man nicht so leicht durchschaut. Sie beginnt mit ganz alltäglichen Tätigkeiten wie Entscheiden, Kommunizieren, Lesen, Rechnen, Essen und Trinken, und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Neuroebene, wo hochkomplizierte Vorgänge ablaufen, während wir etwas tun, denken und erleben. Höchst interessant, sagen wir dann höflich beeindruckt, und wollen wieder zu den Alltagsgeschäften zurückkehren, denn letztlich teilt uns die Neurowissenschaft bloss den Pleonasmus mit, dass an all dem, was wir tun, denken und erleben, auch das Gehirn beteiligt ist. Nein, nein, ruft uns die Neuromanie zu, jetzt, da du weisst, was im Hirn passiert, musst du den Pleonasmus umkehren: Was du auch tust, denkst und empfindest, du beteiligst dich immer nur am Hirngeschehen. Im Grunde führen die anderthalb Kilo Materie in deinem Schädel Regie. Es ist nicht so, dass du an alles, was du tust, denkst und empfindest, das Präfix „Neuro“ anhängst, eigentlich bist du selbst ein Präfix deines Gehirns.  Ehe man sich’s also versieht, hat sich der Pleonasmus zum Materialismus gewandelt. 

Montag, 9. Januar 2017

Unsere neurotelepathische Zukunft





Langversion eines Artikel in NZZ, 5.1.2017

Vor kurzem warf sich Mark Zuckerberg anlässlich seines regelmässigen Facebook-Hochamts wieder einmal in die Pose des Propheten: „Ich glaube, eines Tages werden wir fähig sein, uns einander Gedanken direkt zu schicken. Du wirst einfach etwas denken und deine Freunde werden unmittelbar an dieser Erfahrung teilnehmen, wenn du es willst. Das wäre die ultimative Kommunikationstechnologie.“

Zwischenmenschlicher Verkehr nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern von Hirn zu Hirn? Ein Hotspot ist zurzeit das Neuromarketing. Ziel: Man fragt den Kunden gar nicht mehr, man guckt ihm direkt ins Gehirn. „Buyology“ nennt sich das. Ihr Erfinder, der dänische Pfiffikus Martin Lindstrom, hat sie auf eine simple Formel gebracht: „Menschen lügen, Gehirne nicht.“ Daraus ergibt sich die Devise: Was die Leute wirklich fühlen, erkennt man am besten an ihrem Hirn, nicht an dem, was sie so dahin sagen. Also: Halt den Mund und lass dein Hirn scannen.

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Das klingt einigermassen hirnrissig, aber die Entwicklung ist ernst zu nehmen. Aus mindestens drei Gründen. Erstens wird fieberhaft an der Entwicklung von „Predictive Analytics“ gearbeitet, das heisst an Techniken, die möglichst präzise Voraussagen treffen, was eine Person (Kunde, Straftäter, Sportgegner, Kriegsfeind) nächstens tun wird, und zwar am besten, bevor sie weiss, dass sie es tun wird. Amazon hat 2013 ein Patent angemeldet namens „antizipatorischer Versand“ - „eine Methode, Pakete zu liefern, bevor der Kunde ‚kaufen’ klickt.“ Die Methode beruht auf einem ausgeklügelten Algorithmus, der errechnet, was als nächstes zu versenden sei. Er durchforstet die Datenmasse vorangegangener Bestellungen, Produktsuchen, Wunschli­sten, Inhalten von Einkaufswagen, Rücksendungen und sogar der Zeitdauer, in der ein Kursor bei einem Artikel im Onlineshop verweilt. Es herrscht Krieg, der Krieg um Kundschaft - und „prädiktive Analyse“ ist eine Wunderwaffe.

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Zweitens wäre es natürlich ideal, die Kundenwünsche direkt aus dem Kundenhirn ablesen zu können. Davon träumen Zuckerberg und Konsorten. Zumal die Hirnforschung die Vision einer nichtverbalen Beeinflussung befeuert. Kürzlich publizierte ein Team von Neurowissenschaftern an der University of Washington die Resultate eines Experiments, in dem verschiedene Probandenpaare miteinander über das Gehirn kommunizieren. Ein Proband fungiert als „Sender“. Er verfolgt auf dem Bildschirm ein Game und kann über ein Touchpad ein virtuelles Gewehr bedienen. Ein Elektroenzephalograph zeichnet die Hirnaktivität des Senders auf und übermittelt sie über das Internet dem 500 Meter entfernten Hirn des „Empfängers“, der ebenfalls ein virtuelles Gewehr über das Touchpad bedienen, aber das Game nicht auf dem Bildschirm verfolgen kann. Die Handbewegung des Senders lässt sich so auf die Handbewegung des Empfängers direkt via Hirn übertragen. Wenn der Sender schiesst, schiesst auch der Empfänger. Die Trefferquote variierte unter den Probandenpaaren zwischen 30 und 80 Prozent.

Es ist sicher zu früh, aus solchen Experimenten auf ein Zeitalter der neuroelektronischen Telepathie zu extrapolieren. Aber die Möglichkeit eines solchen nichtverbalen Kundenfangs lässt Werbemanagern und Marketingstrategen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es gibt bereits das „Affective Computing“, Mustererkennungs-Software, die aus meiner Physiognomie meine Wünsche und Absichten zu erraten sucht. Banal ausgedrückt: die Software will mich verstehen, ohne verbalen Schnickschnack. Ein Programm mit dem sinnigen Namen „Beyond Verbal“ analysiert die Intonation der Stimme. Das Startup „Humanyze“ (man beachte die Subtilität der Namensgebung) benutzt soziometrische Methoden in Kombination mit Wearables, um den Personalbüros von Firmen in der Durchleuchtung der Befindlichkeit ihrer Angestellten zu Hand zu gehen. All diese Technologien sind Beispiele für das, was der britische Medienwissenschafter Andrew Mc Stay als „empathisches Medium“ bezeichnet.

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Drittens zeichnet sich hier – wie schon angedeutet - eine Entwicklung ab, die das Verbalisieren in Zukunft immer entbehrlicher erscheinen lässt. In den Social Media hat sich ja bereits ein symbolischer Verkehr über einen Zeichensatz von Kürzeln eingebürgert. Eine stille Landnahme unserer Kommunikation durch die Sprache der Emoticons und Emojis bereitet sich vor. Linguisten wie Tyler Schnoebelen von der Stanford University sehen in ihnen Vehikel der Vereinfachung: „Sie machen die persönliche Kommunikation eindeutiger und beugen Missverständnissen vor, indem sie zum Beispiel Unhöflichkeiten auffangen. Emojis funktionieren da, wo Worte an ihre Grenzen stossen.“ Deshalb evozieren Autoren, etwa William Davis im amerikanischen Magazin „The Atlantic“, sogar das „Ende der Sprache“. Es beginne damit,  „die Leute dazu anzuhalten, sich nicht über unordentliche Ansammlungen von verschwommen definierten Wörtern auszudrücken, sondern über klare, formale Symbole – Emoticons oder Emojis zum Beispiel. Wenn wir über Emojis miteinander sprechen, sprechen wir ein Sprache, die Computer verstehen.“

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Damit unterstellt Davis implizite, dass wir selber zu Computern mutieren. Natürlich ist das dramatisch überzogen. Klar definierte Symbole und Sprachregelungen sind hilfreich in formalen Systemen – und sie waren es schon vor dem Computer -, aber wir Menschen lassen unser symbolisches Verhalten nie auf diese Weise regulieren. Auch wenn man uns solche Regulierungen aufoktroyieren möchte, so sperren wir uns dagegen mit eigenwilligem, vieldeutigem, kreativem, ja, subversivem Symbolgebrauch (den gibt es auch mit den Emojis). Uneindeutigkeit ist die eminent humane Dimension der Sprache. Das ist die bleibende Lektion von Wittgenstein: Sprache hat kein starres logisches Gerüst, sie ist flexibel wie eine Lebensform. Die Designer von Natural-Language-Processing, d.h. der maschinellen Sprachverarbeitung, können ihr Lied singen von der Schwierigkeit, Computern so sprechen zu lehren, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Das verwundert kaum, wenn man sich vergegenwärtigt, dass natürliche Sprachen (und in Zukunft womöglich auch Emojis) als Teile von Lebensformen in diesem Sinn auch von den Mehrdeutigkeiten, Nuancen und unausformulierten Regeln geprägt sind. Die Sensibiltät dafür erlernt man nur, indem man sich an der Lebensform beteiligt. Das tun Computer (bis dato) nicht.

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Es ist aufschlussreich, einen kurzen Blick auf die Anfänge der Kybernetik in der 1940er Jahren zu werfen. Norbert Wiener, einer ihrer Pioniere, suchte nach einem Konzept von Kommunikation, das auf Maschinen ausweitbar ist. Im Hinterkopf hatte er dabei das Projekt des Baus einer präzisen Flugabwehrkanone. Wiener vermutete, dass Piloten in der Gefahrensituation, ständig beschossen zu werden, durchaus ein regelhaftes und voraussagbares Verhalten zeigen. Das heisst, Schütze und Flieger treten zueinander in eine nichtverbale Kommunikation. Warum dann nicht auch Geschütz und Flieger? Deshalb hatte für die Konstruktion einer Präzisionskanone die Frage höchste Priorität, wie sie dem Verhalten des Fliegers zuvorkommen kann. Also genau jenes Problem, mit dem sich heute die Erben der Kybernetik, die Designer „smarter“ vorausschauender Technologien herumschlagen: Wie lassen sich unsere „Kanonen“ ausrüsten, damit sie den Kunden möglichst präzise „abschiessen“, ohne dass je ein Wort gewechselt worden wäre.

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Aber nicht nur die Präzision, Kundenwünsche zu treffen, wirkt als starkes Motiv. Ein anderes, weit weniger offenkundiges ist natürlich die Frage des Besitzanspruchs. Das ist ein vierter Grund dafür, die Entwicklung mit wachem Auge zu verfolgen. Die natürliche Sprache gehört niemandem. Aber bestimmte Codes, Smileys, Emojis sind urheberrechtlich geschützt. Sie gehören Unternehmen. Es gibt zum Beispiel die Smiley Licensing Corporation, gegründet vom Franzosen Franklin Loufrani. Die Firma floriert. Mittlerweile existieren etwa 400 Smiley-Lizenznehmer in mehr als 100 Ländern der Welt. Die jährlichen Umsätze mit Lizenzprodukten liegen nach Firmenangaben bei etwa 100 Millionen US-Dollar. Man riecht den Braten. In dem Masse, in dem diese „Privatsymbolik“ unsere natürliche Sprache infiltriert, in dem Masse melden auch Privatunternehmen ihre Besitzansprüche auf die Kommunikation an.


Das Ende der Sprache, wie wir sie kannten? Nospeak, als Fortentwicklung von Orwells Newspeak? Ich möchte nicht dramatisieren, aber eine stillschweigende und schleichende Sprachverschiebung ist im Gang. Der industrielle Kapitalismus privatisierte die Produktionsmittel; der digitale Kapitalismus sucht die Kommunikationsmittel zu privatisieren. Genau das steckt hinter der „ultimativen Kommunikation“ der Menschheitsbeglücker aus Silicon Valley. Und das Glück, das sie verheissen, kennt kein Erbarmen.

Freitag, 16. Dezember 2016

Wieviel Dummheit verträgt Demokratie?






Etwas andere Version erschienen in NZZ, 10.12.2016

Demokratie ist recht besehen ein überaus erstaunliches Phänomen, schon fast ein Wunder. Es erinnert an das, was man in der Komplexitätsforschung Emergenz nennt. In meinem Hirn sind Millionen von Neuronen aktiviert und tanzen nach einer undurchschaubaren Choreografie, und – bing – „emergiert“ daraus mein Zorn über einen bestimmten Politiker. Millionen von Stimmbürgern entscheiden sich individuell für eine politische Sache, oft aus undurchsichtigen und eigennützigen Gründen, meist auch, ohne ausreichend über die Sache informiert zu sein, und – bing – aus der Kakophonie der Einzelstimmen „emergiert“ die Vox populi. Und was wirklich verblüfft: Oft resultiert ein recht vernünftiger Kollektiventscheid, wie xenophob, sexistisch, rassistisch, wutgetrieben oder schlicht dumm der individuelle Entscheid auch sein mag. Wie kann das so vertrackte und schwerfällige Gebilde Demokratie „vernünftig“ sein? Politiker nehmen dies gern zum Anlass, vom „weisen Volkswillen“ zu schwadronieren. Unter Ökonomen ist auch die „Schwarmintelligenz“ ziemlich in.

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Aber das ist bestenfalls Metaphorik, schlimmstenfalls populistische Metaphysik. Sie erzeugt nur den Schein einer Erklärung. Tatsächlich stellen Sozial- und Politikwissenschafter heute vermehrt die Frage, ob denn die Demokratie das passende politische System zur Lösung der akuten Probleme bereithalte. Und zwar setzt die Frage direkt beim Bürger an: Gibt es den wohlüberlegenden, wohlinformierten - den rationalen Wähler? Und wenn nicht, ist dann eine demokratische Wahl oder Abstimmung wirklich etwas anderes als ein mehr oder minder gut beratenes Multiple Choice? Und Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon auf diese Weise gewählt?

Es gibt ja durchaus spektakuläre Gegenbeispiele zur „Weisheit“ des Volkswillens, etwa den Brexit-Entscheid oder die Wahl des neuen Präsidenten der USA. Sie scheinen die These des Ökonomen Bryan Caplan zu bestätigen: Der „rationale Wähler“ ist ein Mythos (Bryan Caplan: The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies, 2007). Gewiss ist es ein stolzes Recht, seinen Stimmzettel in die Urne zu werfen. Aber mit diesem Recht kontrastiert die Macht des Durschnittswählers, den Gang der Dinge zu beeinflussen. Und die erweist sich auch in einer Demokratie als gering. Und gerade aufgrund der extrem kleinen Chance sehen nicht wenige Wähler in der Stimmabgabe vor allem die Gelegenheit, ihrer Ohnmacht und Frustration Ausdruck zu verleihen. Die Ohnmacht des Wut-Wählers ist der ideale Brennstoff für den Machtwillen des politischen Hitz- und Hetzkopfs.

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Wenn es den „rationalen Wähler“ nicht gibt, dann gibt es zumindest den „rationalen Lenker“. Zumindest ist das die Meinung des politischen Philosophen Jason Brennan, der gerade ein Buch mit dem sprechenden Titel „Against Democracy“ publiziert hat. Das Brexit-Referendum war „undemokratisch“, so Brennan, weil es den Bürger mit seinem Wissensstand – mehrheitlich - überforderte. Brennan sieht hier allgemein ein Defizit von Demokratien: Sie setzen eine nicht existente Kompetenz beim Durchschnittsbürger voraus. Und mit dieser These befindet er sich in langer Tradition, die zurückreicht bis zu Platons „Staat“. Der Durchschnittsathener, so Platon, ist träge, lasterhaft, zerstreut. Der demokratische Bürger lässt sich in seiner Freiheit von so vielen Einflüssen treiben, dass seine politische Stimme eigentlich eine Zufallsstimme ist. Platon zeichnet geradezu eine Psychopathologie der demokratischen Freiheit, in welcher der Bürger in seiner Orientierungslosigkeit und Verwöhntheit zwangsläufig „reif“ wird für die Tyrannis. Die Lösung sieht Platon in einer Herrschaft der wissenden Elite – damals der Philosophen - : in einer Epistokratie. Und eine solche epistokratische Therapie verschreibt Brennan den heutigen Demokratien.

Wir kennen schon lange den Ruf nach Politikmanagern, welche die akuten Probleme effizient lösen. Aber dahinter steckt natürlich die nun selbst äusserst fragwürdige Annahme, dass mehr Wissen auch automatisch mehr politische Autorität und Kompetenz verleihe. Die Idee, das Geschick einer Gesellschaft einer Elite zu überantworten, die „weiss“, was gut ist, und nur das Beste für uns will, führt geradewegs in eine Despotie der Wohlmeinenden.  „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." – (Der Spiegel, 27. Dezember 1999). Aber schon Immanuel Kant meinte, eine Regierung, die ihr Volk so behandelt wie ein Vater seine unmündigen Kinder, die nicht wüssten, was für sie nützlich oder schädlich sei, wäre „der größte denkbare Despotismus” (Über den Gemeinspruch).

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Zentral in einer digitalisierten Demokratie ist die Informationsbeschaffung. Von ihren Techniken hängt die Meinungsbildung wesentlich ab. Aber die politische Entscheidungsfindung hinkt dem Kurs und Tempo des technischen Fortschritts hinterher. Im gegenwärtigen Big-Data-Boom beginnt auch die Wissenschaft den politischen Entscheidungsprozess zunehmend als Informationsverarbeitung zu konzipieren. Die Differenz der politischen Systeme erscheint in dieser Optik als Differenz der Sammel- und Analyseprozeduren von Daten. Diktaturen favorisieren zentralisierte Prozeduren, Demokratien verteilte. Der Historiker Yuval Noah Harari vertritt in seinem neuen Buch „Homo deus“ (2016)  die These, der Kalte Krieg sei vom Kapitalismus gerade deshalb gewonnen worden, weil dieser den Technologien der verteilten Informationsverarbeitung zum Durchbruch verholfen habe. Das erscheint dick aufgetragen, aber richtig daran ist immerhin so viel, dass man den Vorgang der Demokratisierung einer Gesellschaft durchaus als Schritt in Richtung der Informatonsverteilung charakterisieren könnte.

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Genau in diesem Schritt steckt allerdings eine Tücke der Demokratisierung. Wieviel Verteilung der Information verträgt sie? Die Frage erhält im Kontext der Social Media einen geradezu dramatischen Unterton. Information wird ja nicht bloss verteilt, sie wird ausgegossen in einer nie dagewesenen Flut, in der wir uns kaum noch zu orientieren vermögen. Gerade die amerikanischen Präsidentschaftswahlen haben uns demonstriert, wie das Netz überspült wird von viralem Bullshit. Es gibt eine regelrechte Industrie von „hoax news“, also von Jux- und Falschnachrichten. Wie unterscheiden wir zwischen wahren und falschen News? Wir unterscheiden nicht. Wir filtern. Wir tendieren im Netzdiskurs dazu, Nachrichtenströme durch den Passevite unsere Voreingenommenheiten zu drehen. Und nichts verbreitet sich im Netz so effizient wie Geschichten, welche die eigene Voreingenommenheit bestätigen. Übrig bleibt, was wir „immer schon wussten“, will sagen: eigentlich nicht wissen oder wissen wollen.

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Ist das ein Argument gegen die Demokratie? Im Gegenteil, ein Appell, Demokratie, ja, Politik neu zu denken. Demokratieverdruss ist Verdruss über eine politische Realität, die eigentlich nicht mehr viel mit der Res publica zu tun hat; in der suprastaatliche Akteure wie Globalkonzerne, Banken, Investoren, Rating-Agenturen immer mehr partikulare Handlungs- und Entscheidungsmacht an sich reissen und Regierungen nicht selten zu Erfüllungsgehilfen degradieren. „Postdemokratie“ nannte der englische Soziologe Colin Crouch dieses Szenario schon vor über zehn Jahren.

Immer mehr Bürger demokratischer Staaten nehmen ein elementares Defizit wahr: sie wählen Vertreter, welche ihre Interessen nicht vertreten. Der Schluss daraus ist einfach: Wir vertreten uns selber! – Das muss nicht die Abschaffung der Institutionen der repräsentativen Demokratie bedeuten, vielmehr ein Aufbrechen ihrer Selbstverständlichkeiten. Dazu gehört zum Beispiel der „blinde Glaube auf den Urnengang“. Die Formulierung stammt aus dem kürzlich erschienenen Buch des belgischen Schriftstellers David Van Reybroeck „Gegen Wahlen“ (2016). Seine Idee: Erweiterung des herkömmlichen repräsentativen Systems zu einem „birepräsentativen“, in dem die Bürgerinitiative und ähnliche „Bottom-up“-Bewegungen ein stärkeres Gewicht in den politischen Entscheidungsprozessen erhielten.

Neu ist diese Idee ja nicht – auch nicht unumstritten. Denn damit lässt sich das Gebräu im populistischen Giftkessel famos am Köcheln halten. Aber den Kerngedanken darin sollten wir ernst nehmen: Demokratie braucht den Glauben an die lokale Wirkung, weniger abstrakt: an Das-Leben-in-die-eigene-Hand-nehmen. In einer Zeit globaler Unübersichtlichkeit will man sehen, was die eigene Entscheidung bewirkt, und das geschieht im Kreis von Bekannten, Nachbarn, Quartierbewohnern, in der urbanen Umgebung, kurz: im Lokalen. Eignung für Demokratie ist das eine, Lust an der Demokratie das andere. Und diese wächst auf dem Boden der lokalen „Polis“.

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Das hat nichts mit dem Volk zu tun. „Das“ Volk gibt es nicht, es gibt Menschen und Menschengruppen, einheimische und fremde, gebildete und weniger gebildete, junge und alte, intergrierte und marginalisierte – Menschen, die ihre bestimmten Interessen vertreten und im friedlichen Widerstreit eines heterogenen Miteinanders leben. Ein Ideal, zugegeben. Aber diesem Ideal nachzuleben, gehört zur Essenz der Demokratie. Demokratie ist eine Fiktion, die wir zu realisieren suchen, sagt der Philosoph Charles Taylor. Vom „Volk“ oder gar von „Volksnähe“ zu reden ist dagegen unbekömmliche Metaphysik, die mit der Demokratie nur Schindluder treibt.


Donnerstag, 24. November 2016

Computergeneriertes Bauchreden






Wir kennen die Geschichte: Cyrano de Bergerac, verunstaltet durch eine monströse Nase, liebt seine schöne Cousine Roxanne. Roxanne hat nur Augen für einen anderen, Christian de Neuvillette. Cyrano, grossherzig, leiht sein poetisches Talent dem Nebenbuhler: er schreibt in dessen Namen tiefgefühlte Liebesbriefe an die Angebete. Ein Ghostwriter in Herzensangelegenheiten, würde man heute sagen, einer sogar, der die Gefühle noch teilt. Lebte de Neuvillette freilich heute, bräuchte er wahrscheinlich keinen Cyrano mehr. Er hätte Allo von Google, eine neue App: ein neuronales Netzwerk als künstlichen Ghostwriter.

Allo prüft den Inhalt der eintreffenden Messages und Bilder auf dem Handy und empfiehlt schnelle Antworten – „smart replies“ -, die den Gefühlszustand des Adressaten wiedergeben sollen. Erhalte ich zum Beispiel ein Photo meines kleinen Enkels auf der Rutschbahn, dann gibt mir die App eine Palette von Reaktionsmöglichkeiten an die Hand: Emojis, Smileys, Abkürzungen, vorfabrizierte Phrasen „Wie süss!“ oder „Come on!“. Ein Klick entlastet mich also vom Extraaufwand einer passenden Antwort und ihrer Gefühlsarbeit.

Extraaufwand? Warum soll denn die Äusserung einer emotionalen Regung ein Aufwand sein? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens erweist es sich heute in der täglichen, ja stündlichen Überflutung durch E-Mails, Tweets und Messages oft geradezu als Schutzmassnahme, nicht immer selber antworten zu müssen. Und zweitens führt Google eine Künstliche-Intelligenz-Abteilung. Hier interessiert man sich brennend für Algorithmen, die das Gefühlsleben des Nutzers erkennen können; für Module, die mich „persönlich“ nehmen.

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Nun sind automatisch generierte Antworten zunächst einmal Symptom eines entfesselten Softwaremarktes, auf dem sich noch der abgedrehteste Nerd am Bildschirm eine Chance für einen Platz an der Sonne ausrechnen kann. Es herrscht Software-Krieg unter den Technologieunternehmen: Wer bringt es am weitesten mit der Automatisierung menschlichen Verhaltens? Im Jahre 2012 beantragte Google ein Patent für die „automatische Erzeugung von Empfehlungen für personalisierte Reaktionen in einem sozialen Netz“. Bei Geburtstagen oder Firmenjubiläen, so vermerkt die Patentschrift, würde man sich doch oft eine Maschine wünschen, welche eine passende festliche Gratulationsadresse verfassen könnte. „Viele Nutzer verwenden vernetztes Arbeiten online für professionelle und persönliche Zwecke. Jeder Verwendungstypus hat sein implizites Verhaltensprotokoll. Für den Nutzer ist es äusserst wichtig, in den verschiedenen sozialen Netzwerken(..) angemessen zu agieren. Zum Beispiel kann es sehr wichtig sein, einem Freund ‚Ich gratuliere’ zu sagen, wenn er ankündigt, einen neuen Job zu haben. Das ist ein besonderes Problem, da viele Nutzer sich vielen sozialen Netzen anschliessen.“

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Ein besonderes Problem? Ist es nicht normal, dass man einen Freund zu seinem neuen Job beglückwünscht? Nun ja, normal für den, der gewisse Anstandsformen kennt, der „bitte“ und „danke“ und „schön für dich“ zu sagen gelernt hat. Aber man muss genau lesen. Es geht nicht um Etikette. Es findet eine Verschiebung im Blick auf den Menschen statt. Die Patentschrift spricht von Verhaltensprotokollen. Man könnte auch von „Code“ reden. Und es sind primär Maschinen, welche gemäss dem Code von Protokollen – Programmen - laufen. Der Ausdruck verrät also das Bild, das sich die Algorithmentüftler vom Standard-User machen, nämlich das eines Code-determinierten Wesens. Es gibt heute fast für alles Codes: Konversations-Codes, Codes zum Geldverdienen, Aufsteigen im Job, Schreiben von Bestsellern, Finden von Sexpartnern. In diesem Sinn ist der User ja der Maschine sehr verwandt. Vergegenwärtigen wir uns nur, dass der soziale Verkehr schon heute stark abhängig ist von den Geräten, die man mit sich herumträgt. Das soziale Atom ist nicht mehr der Mensch, sondern Mensch-plus-Smartphone.

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Der logische Drive in der ganzen Entwicklung ist unschwer auszumachen. Wenn es schon Autos ohne menschliche Fahrer gibt, warum soll es dann nicht auch Kommunikation ohne menschliche Kommunikatoren geben?  Wie der Blog-Post von Google verkündet: „Allo hält deine Konversation mit einem einzigen leichten Fingerschlag in Gang, indem es Text- und Emoji-Antworten vorschlägt, die auf deine Person abgestimmt sind (..) Je mehr du also Google Allo verwendest, desto mehr ‚du’ werden seine Vorschläge.“ Die Maschine lernt, „mich“ zu sein. Das hat einen gruseligen Einschlag. Wie wenn sich in meiner Person etwas Fremdes einnistete. Gerne werden die neuen Apps als Spielzeuge verharmlost, welche vor allem Afficionados ansprechen. Das mag so sein, aber auf den Absatzmärkten dieser Spielzeuge etabliert sich insgeheim ein neues soziales Verhaltensrepertoire. Wir beobachten es bereits an der Sprache. In der Web-Community bürgert sich ein neuer Umgangston ein, ein auf verbalen Schnellschuss und Schlagabtausch eingestelltes Twitter-Pidgin. Ihm kommen Apps wie Allo zupass.

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Im Hintergrund nimmt ein anderes Problem Gestalt an, jenes des Delegierens. Technik heisst Delegation von menschlichen Fähigkeiten an Artefakte und Maschinen. Bis zur Entwicklung der modernen Computer beschränkte sich diese Delegation primär auf physische Tätigkeiten und Fertigkeiten. Nun rücken immer mehr die geistigen Vermögen in den Fokus der Rechner. Motivierend dabei sind sicher die Fortschritte in der kognitiven Computerforschung. Sie demonstrieren laufend, wie sich vormals allein dem Menschen zugestandene intellektuelle Kompetenzen nunmehr an Algorithmen „outsourcen“ lassen.

Beim Delegieren stellen sich immer die Fragen: Was und wieviel? Welche Fähigkeiten will ich abgeben und bis zu welchem Grad? Was ist mir wichtig? Man kann sich weiter fragen, ob nicht gerade die menschliche Kommunikation an Echtheit und Intimität in dem Masse verliert, in dem wir uns nicht mehr auf die emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse unseres Ansprechpartners einlassen, sondern den Umgang mit ihm der automatisierten Phraseologie lernender Maschinen überlassen. Wir schalten sozial auf den Autopilot-Modus, und die Begegnung von leibhaften Personen verwandelt sich in die „Vergegnung“ von Netz-Phantomen – ein Ausdruck, den der Religionsphilosoph Martin Buber schon vor dem Internet geprägt hat. Das smarte Gerät ist unsere Bauchrednerpuppe.

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Spätestens hier vernimmt man den Einwand: Aber du musst ja nicht auf die computergenerierten Floskeln hören. Sie sind doch einfach ein weiteres Angebot in der technischen Wundertüte! Du hast die Wahl. Und du selbst bist verantwortlich für deine Sprachwahl, stamme sie nun von dir oder von deiner App!

Darauf lässt sich nur antworten: Schön wär’s! – Der Einwand verkennt zwei Punkte. Erstens gibt es ein Trägheitsgesetz menschlichen Verhaltens. Staffiert man eine Verhaltensweise genügend geschickt und häufig mit Anreizen aus, wird sie akzeptiert. Das bedarf eines gewissen psychischen Anschubaufwands. Hat sich aber die Verhaltensweise durchgesetzt, ist der Aufwand, sie zu ändern, grösser. Unser Verhalten zeigt eine Berharrenstendenz. Das weiss das Marketing längst. Es verkauft ja nicht einfach Apps, es verkauft Verhaltensweisen. Und dazu ist es wichtig, unser Urteilsvermögen und unseren Willen zur Veränderung zu sedieren.

Zweitens: Allo dient sich uns an als Mittel zum besseren Zeit-Management im Überfluss der Angebote online. Leicht unterliegen wir dabei dem Fehlschluss, den der Publizist Evgeny Morozov als „Solutionismus“ bezeichnet hat: Wir verwechseln die technische Lösung eines Problems mit dem Problem, das durch Technik überhaupt erst geschaffen worden ist. Es mag durchaus sein, dass automatisierte Kommunikation einen gewissen Schutzwall gegen das Anfluten von Nachrichten auf unseren Handys aufbaut. Aber dieses Anfluten kommt ja überhaupt erst durch den Handygebrauch zustande.

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Es geht letztlich nicht um Apps und anderen elektronischen Schnickschnack. Schauen wir uns die Situation einmal unter dem folgenden Gesichtswinkel an. Die Techno-Riesen reden uns ein: So tickt der Mensch! – Und sie liegen in dem Masse richtig, in dem wir uns dem Ticken ihrer Geräte anpassen. Wir erniedrigen uns selbst, indem wir eine anthropologische Prämisse akzeptieren, die den Menschen, wie wir ihn kannten oder zu kennen glaubten, verabschiedet: Wir sind im Kern repetitive, ergo prognostizierbare, ergo überwachbare Verhaltensapparate. Und wir akzeptieren die Prämisse stillschweigend dadurch, dass wir uns mit den Produkten der Techno-Riesen ausrüsten. Die Algorithmen, die sie entwerfen, dienen nur einem Zweck: dass wir unser Verhalten den Algorithmen unterwerfen. Wir kaufen also mit den Apps und ihren laufenden Updates nicht Technologie, die Technologie kauft uns. Willkommen als Versuchsratten in der weltumspannenden unsichtbaren Skinnerbox namens „Leben online“.