Sonntag, 18. März 2018

Pflanzenintelligenz





Gekürzte Fassung in NZZ, 14.3.2018

Hellhörige Bäume, warnende Erbsen, wehleidige Tomaten

Wir reden uns heute den Mund fusselig über künstliche Intelligenz. Aber schauen wir uns doch einmal im Garten, Park, Wald, in der Mauerritze, am Bachufer, am Strassenrand um. Wie steht es mit der ganzen vegetativen Intelligenz? Das gängige Bild der Pflanze zeichnet sie als ortsgebundenes Lebewesen, der Fortbewegung weitenteils unfähig, eine bewusstlose, dumpfe Existenz fristend. Selbst ein so natursensibler Philosoph wie Hans Jonas gibt bündig Bescheid: „Drei Merkmale unterscheiden das tierische vom pflanzlichen Leben, Bewegungsfähigkeit, Wahrnehmung, Gefühl.“ Er könnte nicht falscher liegen.

„Hallo!“ - Hört mich die Pflanze?
Pflanzen sind nicht taub. Das heisst, sie reagieren auf akustische Ereignisse in ihren Umwelten. Und diese Umwelten sind meist voller Klänge, Stimmen, Geräusche. Man vergegenwärtige sich nur einen Wald, in dem man zumindest zu gewissen Zeiten einer wahren Kakophonie ausgesetzt ist. Man könnte also argumentieren, dass die Evolution von Pflanzen nicht unbeeinflusst von ihren sonoren Umwelten stattgefunden hat. Nun setzt Hören ein hörendes Subjekt voraus. Ob und wie eine Pflanze „hören“ kann, verlangt also zuallererst nach verbindlichen Standards des Hörens. Und solche Standards finden wir selbstverständlich beim Menschen. Wie aber könnte man diese Redeweise bei der Pflanze plausibel machen?

Die Pflanze am Lügendetektor
Clive Backster von der CIA, ein Spezialist für Abhören, entwickelte den Lügendetektor. Kernbestandteil dieses Apparats ist ein Gerät, das den elektrischen Widerstand der Haut misst. Lügt eine Person, dann schwitzt sie in der Regel ein wenig, und dadurch sinkt der elektrische Widerstand der Haut. Man kann diese Schwankungen aufzeichnen. Backster war offenbar ein sehr besorgter Mensch, in seinen Augen galt es nicht nur Personen abzuhören, sondern auch Pflanzen. Nun schwitzen Pflanzen nicht, wenn sie lügen, weil sie nicht lügen, aber Wasser steigt von den Wurzeln in die Blätter. Backster liess sich davon nicht abbringen, Evidenz für ein Innenleben der Pflanzen zu finden. Könnte man also eine Pflanze zu „Schwitzen“ bringen, wenn man sie wie eine Person durch eine Art Lügentest bedroht? Backster klemmte Elektroden für die galvanische Hautreaktion an das Blatt einer Zimmerpflanze, und begann die Pflanze zu bedrohen; er schrie sie an, tauchte eines ihrer Blätter in heissen Kaffee, aber der Lügendetektor zeichnete keinen nennenswerten Ausschlag auf. Erste als Backster ein Zündholz anzündete und es vor das Blatt mit der Elektrode hielt, schlug der Detektor wie wild aus. Daraus schloss Backster, dass Pflanzen durchaus Absichten von andern Lebewesen wahrnehmen. Die Ergebnisse publizierte er 1968 im International Journal of Parapsychology: „Evidenz für eine Primärwahrnehmung im Leben von Pflanzen.“

Backsters Versuche werden eher ins Kuriositätenkabinett der Forschung gestellt, aber sie scheinen eine verborgene Saite im Menschen zum Schwingen zu bringen: quasi dessen „Seele für die Pflanze“. Seit vier Dekaden, genauer seit der Publikation des Bestsellers „Das geheime Leben der Pflanzen“ (1974) von Peter Thomkins und Christopher Bird biegen sich die Regale unter der Last von einschlägigen Titeln der Pflanzensentimentalität und -esoterik.

Tabakkraut, Erbsen, Tomaten
Pflanzen kommunizieren durchaus, biochemisch, und dies oft auf raffinierte Weise. Hier drei Beispiele. Wildes Tabakkraut wehrt sich gegen Räuber mittels einer Überproduktion an Gift in den Blättern: Nikotin. Den Tabakschwärmerraupen kann allerdings Nikotin nichts anhaben. Deshalb muss die Tabakpflanze eine andere Strategie „wählen“, um dem Räuber das Leben schwer zu machen. Statt einer Überproduktion an Nikotin sendet sie duftende „Hilferufe“, die Feinde der Raupe anziehen; und gleichzeitig stellt sie Stoffe her, welche die Verdauung der Raupe beeinträchtigen, wodurch diese geschwächt wird und sich gegen die herbeigerufenen Feinde weniger effizient wehren kann.

Gewöhnliche Erbsen, die man der Dürre aussetzte, konnten benachbarte Artgenossen ihre Stresssituation signalisieren, indem sie über das Wurzelwerk Botenstoffe an sie schickten. Die so „alarmierten“ Pflanzen wurden dadurch zu einer Reaktion veranlasst, als stünden sie selber unter dem Dürrestress. Und interessanterweise vermochten solch alarmierte Pflanzen akuten Dürrebedingungen besser zu trotzen. Wie wenn sie sich auf zellularär Ebene an die empfangene biochemische Nachricht zu „erinnern“ vermöchten, um sie dann in einem Akutfall „abzurufen“.

In einem Experiment liessen Biologen einen Raupenroboter ein Fressmuster ins Blattgewebe von Tomatenpflanzen stanzen und beobachteten die Reaktion darauf. Sie war erstaunlich. Die Nachricht von der Fressattacke verbreitet sich sehr schnell über die ganze Pflanze, bis zu den Wurzeln. Die Tomate setzte hormonähnliche Substanzen frei, ähnlich zu den schmerzauslösende Gewebehormonen beim Menschen, die bei Entzündungen in Aktion treten. Man auch schon von „Pflanzenkopfschmerzen“ gesprochen. 

Vorsicht mit Analogien
Sobald man von botanischen Erinnerungen, Warn- und Hilferufen, Schmerzreaktionen und dergleichen spricht, sind ein paar Gänsefüsschen zu setzen. Denn das Risiko, unter der Hand irreführende anthro­pomorphe Analogien in die Sprache über die Pflanzen einzuschmuggeln, ist gross. Dass Leute mit Hortensien und Begonien auf Du und Du stehen, ist sattsam bekannt. Als ebenso riskant erscheint allerdings eine Gegenreaktion von seiten der Wissenschaft, die nun das pflanzliche Leben auf reine Physiologie oder Biochemie reduziert. Diese Sicht hat eine lange Tradition, die der Biologe Hans Werner Ingensiep als Geschichte der „Entseelung“ der Pflanze beschrieben hat – eines Vorgangs, der sich heute in der intensiv vorangetriebenen Technisierung und Industrialisierung der Pflanze nur allzu augenfällig fortsetzt. Ironischer- und eher unerwarteter Weise erhält nun dabei im gleichen Zug, in dem die Biologie die Pflanze entseelt, im Kontext der Artificial Intelligence der Gedanke Auftrieb, dass Maschinen beseelt sein können, das heisst, dass als Träger mentaler Vorgänge andere Substrate als die bekannten Nervensysteme denkbar sind. Was auch als Symptom einer zeittypischen Obsession für das Künstliche gedeutet werden könnte.

Die Pflanze in „aufgeklärter“ Sicht
In einem Vortrag über Moralphilosophie im Jahre 1989 überraschte die britische Philosophin Philippa Foot ihre Zuhörerschaft mit der Bemerkung, dass es in der Diskussion um Tugenden und Laster wichtig sei, über Pflanzen nachzudenken. Das grenzte zumindest in philosophischen Kreisen an Ketzerei, denn Frau Foot rüttelte damit an den Grundfesten moderner Moralauffassung. So galt schon fast als kanonisch, dass Ethik und Natur voneinander zu trennen sind. Es gibt – mit Kant gesprochen – Natur als das Reich der Notwendigkeit und Moral als Reich der Freiheit. Nur letzteres ist dem Menschen vorbehalten.

Kant gestand den Pflanzen durchaus eine moralisch erbauliche Funktion zu. Er sprach von der „Stimmung der Sittlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich auch etwas ohne Absicht auf Nutzen zu lieben z.B. (..) das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreichs“. Aber all dies erfolgt, wie Kant sagt, „in Ansehung“ von Tier und Pflanze. „In Ansehung“ heisst indes noch nicht „Tier und Pflanze gegenüber“. Kant ging es letztlich um den Menschen, nicht um die anderen Lebenwesen. Tier und Pflanze waren ihm quasi Anschauungsmaterial für moralische Freiübungen.

Bachkresse und Philosoph sind Verkörperungen von „Seele“
Der Schritt muss weitergehen, über Kant hinaus, zurück zu Aristoteles. Es gibt das Schmerzempfinden und Leiden der Tiere; es gibt das Irritiertsein und den Stress der Pflanzen. Gemäss Aristoteles’ Seelenlehre weist alles Lebende drei Seelenschichten auf: die vegetative oder Nährseele der Pflanzen, die sensorische oder Empfindungsseele der Tiere und die rationale oder Denkseele der Menschen. Wir alle, von der Bachkresse bis zum Philosophen, sind Verkörperungen von „Seele“. Insofern der Mensch sich ernährt, wächst, sich fortpflanzt, ist er also „Pflanze“. Im Lichte moderner Forschung ist diese Dreiteilung komplizierter. Es handelt sich beim Vegetativen, Sensorischen und Rationalen nicht um trennscharfe Schichten, sondern eher um ein Geflecht von vitalen Funktionen. Aufs Ganze gesehen zeichnet uns die Pflanzenwissenschaft aber durchaus ein Bild, das in seinen Grundzügen der aristotelischen „Dreiheit“ ähnelt. So wie wir Menschen ein ganz spezifischer Komplex von Vegetativem, Sensorischem und Rationalem sind, so auch das Gewächs.

Eine „diätetische Revolution“?
Das ist selbstverständlich kein Grund und Anlass zu überschwänglichem botanischen Spiritualismus. Der Stress der Pflanze ist nicht das Leiden des Tieres, und schon gar nicht des Menschen. Wir dürfen nach wie vor getrost Kohlrabi weichkochen, mit unseren Zähnen das Rübchen malträtieren und das Salatblatt in Öl und Essig ertränken. Wenn wir von einer „diätetischen Revolution“ im moralischen Verhalten gegenüber der Pflanze sprechen wollten, dann wäre damit primär ein Perspektivenwechsel im Denken gemeint. Eine Art von Memento, Pflanzen nicht auf organische Maschinen zu reduzieren, auf materielle Lager von Kohlehydraten und Vitaminen oder neuerdings auch auf Biotreibstoff. Der Kampf um die „Befreiung der Pflanze“ wäre so gesehen letztlich ein Kampf um die Befreiung unserer selbst von einem ausschliesslich wirtschafts- und technikdiktierten Tunnelblick auf alles Lebende. In den Gesichtskreis dieses Blicks geraten nämlich früher oder später auch wir selbst.

Essen auf philosophischer Problemhöhe

Die Prinzessin auf der Erbse in Hans Christian Andersens gleichnamigem Märchen konnte anhand ihrer Erbsenempfindlichkeit erkannt werden: Sie schlief auf etlichen übereinandergeschichteten Matratzen und wurde dennoch in ihrem Schlaf durch eine Erbse gestört, die zuunterst lag. Wir Bürger von Konsumgesellschaften werden, auf die „Schichten“ unserer Essgewohnheiten gebettet, kaum gestört durch die Erbsen, generell durch die Pflanzen, die wir zu uns nehmen. Es schlüge uns aber vielleicht gut an, moralisch etwas empfindlicher zu werden, wenn wir Pflanzen oder Tiere essen. Man wird mir jetzt vermutlich entgegenhalten, das seien doch „Luxusprobleme“ von Leuten, die ihre Mägen à discretion füllen können. Richtig. Aber gerade dieses „Luxusproblem“ versetzt Leute, die neben ihrem Magen noch einen Verstand haben, in die Lage, über das Alimentäre hinaus zu denken – seien sie nun Rohköstler, Trennköstler, Urköstler, Sonnenköstler, Steinzeitköstler, Veganer, Vegetarier, Pescetarier, Frutarier, Flexitarier, Freeganer oder was auch immer für eine Fresskategorie. Philosophie beginnt beim Menu.

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