Montag, 29. Januar 2018

Der glückliche Barbar







NZZ, 24.1.2018

Das Unbehagen im Anthropozän


Der Mensch erschien im Holozän, und im Anthropozän, dem heutigen Erdzeitalter, hinterlässt er einen derart tiefen historischen Fussabdruck auf dem Planeten, dass viele um unsere ökologische Zukunft bangen. Was verständlicherweise Zivilisationskritik auf den Plan ruft. Man fühlt sich schon fast an die Situation vor 250 Jahren erinnert, als die Académie de Dijon ihre Preisfrage stellte: Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen? - und ein gewisser Jean-Jacques Rousseau sein volltönendes eloquentes Nein zur Antwort gab. Technisierung unserer Lebenswelten bis in die intimsten Nischen, masslose Ausbeutung der Natur, Überwachungsgesellschaft, Überhandnehmen des Fakes, Konsumismus, Aufrüstung – wenn wir solche Phänomene als heute herrschende „Sitten“ verstehen, dann liesse sich ein zivilisatorisches Sündenregister erstellen, das nur darauf wartet, erneut ins Visier einer rousseauistischen Kritik genommen zu werden.

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Solches geschieht. Zum Beispiel vonseiten des Anthropologen und Politologen James C. Scott, oder des Rechtswissenschafters Jedediah Purdy. Scott gilt als unorthodoxer - „anarchistischer“ – Historiograph der frühen Menschheit. „Against the Grain: A Deep History of the Earliest States“ heisst sein neuestes Buch. Der Titel ist geschickt zweideutig. „Grain“ bezieht sich auf Getreideanbau, also auf einen der ersten zivilisierenden Schritte der Menschheit; zugleich bedeutet „Against the Grain“ im Englischen „Wider den Strich“. Und dieses „Wider den Strich“ ist gemünzt auf eine gängige Art von Geschichtsschreibung: die Siegerchronik. Sie beleuchtet die Vergangenheit exklusiv aus der Sicht der Gegenwart. Alles Vergangene, auf welches das „Siegeslicht“ nicht trifft, wird gleichsam ausgelöscht – mit dem typischen und oft erwünschten Filtereffekt, dass der historische Verlauf wie „notwendig“ erscheint: von den Jagdgefilden über die Kornkammern zu den städtischen Metropolen. Siegergeschichte ist eine Fabrikantin von historischen Notwendigkeiten – also immer auch eine Mythenbildnerin.

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Die Mainstream-Fassung der Zivilisationsgeschichte könnte grob geschnitten etwa so lauten: Der Wildbeuter bringt das Feuer unter Kontrolle, zähmt und züchtet Vieh, pflanzt Saatgut an; er wird sesshaft und wohnt in grösseren Ansiedlungen, schliesslich in Städten; endgültig aus dem wilden Stadium tritt er mit der Keilschrift; dann folgen Besitztum, politische Strukturen, soziale Kontrakte, kollektive Identitäten wie Nationen; der technische Fortschritt der Nationen ermöglicht Industrialisierung, freien Handel, globale Politik. Der Mensch wird dank universeller Moral und Kosmopolitismus stets zivilisierter. Der Zug der Zivilisation nimmt rasch Fahrt auf, und einige Völker verpassen ihn. Gewisse Schichten dieser Völker schaffen es gerade noch, von den freundlichen Progressiven aufgenommen zu werden, für andere - ziemlich viele - ist der Zug abgefahren. Und das erweist sich als einigermassen widrig, denn es gibt – siehe Siegergeschichte - nur ein Gleis.

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Scott widerspricht: Dass Sesshaftigkeit dem nomadischen Leben überlegen ist, erweist sich als eine zu wenig überprüfte Annahme.  Zwar beruhten die ältesten Staatengebilde, in Mesopotamien, China oder Amerika, auf Getreideanbau. Aber das Leben in solchen Staaten bestand nicht nur in der Domestizierung von Pflanzen und Tieren, sondern auch des Menschen. So frei und entlastet war die Existenz des Steuerzahlers in der zivilisierten Sesshaftigkeit nicht. Und so stabilisierend war der Einfluss des Staates auf die umliegende Region nicht, als dass nicht zahlreiche Menschen ein „barbarisches“ Leben vorzogen. „Barbar“ ist für Scott primär ein Stigma aus der Perspektive des Steuereintreibers, weshalb er den Begriff des „nicht-staatlichen“ Menschen vorzieht: Wildbeuter, Piraten, Kleinviehnomaden, Wanderfeldbauern. Sie führten ein nicht-domestiziertes Leben, den Staatszugriff auf Armlänge von sich haltend. Dabei war ihr Verhältnis zu den Orten der Zivilisiertheit nicht ausschliesslich ein feindseliges, sie mischten im Handel durchaus mit und profitierten davon. So sehr, dass Scott von einer „goldenen Ära der Barbaren“ spricht, die bis zur Zeit der ersten modernen Staatstheorien im 17. Jahrhundert reicht.

Wie es auch um die empirische Evidenz dieser Sicht steht, so hat eine derartige „Tiefengeschichte“ durchaus ihren Reiz. Man könnte sie Was-wäre-wenn(nicht)-Geschichte nennen. Was wäre, wenn die Staatenbildungen dem Menschen nicht jenen zivilisatorischen Segen beschert hätten, welche die Mainstream-Geschichte zelebriert? Gerade in Zeiten wie heute, da wir Bürger zu kontrollierten, datifizierten, domestizierten Elementen des Staatsgetriebes zu mutieren drohen, hat das Gegenbild des „Barbaren“, zweifellos seinen verführerischen Appeal. Und es verleitet zu neuen Fabeln.

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Eine erzählt Jedediah Purdy, Verfasser eines vieldiskutierten Buchs über die Aussichten einer Politik der Natur im Anthropozän: „After Nature“ (2015). Und von ihm erschien kürzlich im Magazin „New Republic“ eine Buchbesprechung von Scott mit dem Titel „Paleo Politics“. Aufhorchen lässt dabei vor allem der Untertitel „Was liess die prähistorischen Jäger und Sammler ihre Freiheit für die Zivilisation aufgeben?“[i] Das erinnert natürlich an den Hammer-Satz, mit dem Rousseau seinen „Gesellschaftsvertrag“ einleitet: „Der Mensch wird frei geboren und überall ist er in Ketten.“ 

Purdy suggeriert die Gleichung:  Ketten = menschliche Zivilisation. Und eine revisionistische Fortschrittsgeschichte genügt ihm nicht. Während in Scotts Rede vom „Barbaren“ durchaus eine gewisse melancholische Ironie anklingt, striegelt Purdy die Scottsche Version der Geschichte so rabiat gegen den Strich, dass daraus eine neue rousseauistische Fabel wird: jene des glücklichen Barbaren. Er lebte ausserhalb der Stadtmauern, „charismatische Figur“, „Jäger am Morgen, Hirte oder Fischer am Nachmittag und Barde am Abend, der am Feuer seine Lieder singt.“

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Das klingt bekannt. Die Fabel vom glücklichen Kommunisten aus „Die deutsche Ideologie“ von Marx und Engels. Wir kennen die moderne Version aus den Geschichten von Asterix und den renitenten Galliern. Sie spricht Urschichten in uns an. Der Zivilisierte und der Barbar sind insgeheim Zwillinge. „Paläopolitisch“ gilt aber: Bewahren wir uns vor dem Barbaren! Relativ harmlos war er ja noch in der Gestalt des Hippies, der in irgendeinem gottverlassenen „autonomen“ Krähwinkel sein glückliches promiskes Dasein zwischen Ziegenmelken und Kiffen verbrachte. Schon etwas agressiver trat er in einem Ökoaktivismus auf, der die Lösung unserer Umweltprobleme in Utopien der Neo-Primitivität ausmalte. Dave Foreman etwa, Mitbegründer der Bewegung „Earth First!“, träumte von einer testosterongesättigten Regression zum Jäger und Sammler. Vermutlich liebäugelte auch der Unabomber Ted Kaczynski mit dem glücklichen Barbaren. Und hier verliert die Gestalt definitiv ihre Fröhlichkeit. Der fischende „Tiefenökologe“ Pentti Linkola zum Beispiel singt am Abendfeuer spezielle Lieder: Er befürwortet alle drastischen Massnahmen zur Reduktion der Weltbevölkerung. Er soll zumal Vorbild des Amokläufers Pekka-Eriv Auvinen gewesen sein, der 2007 mitten im Unterricht acht Mitschüler und anschliessend sich selbst erschoss. Seine Devise: Die Menschheit wird überschätzt.

Nicht zu unterschätzen ist die Idee der libertären Reaktion: des „Paläoanarchismus“. Als Kenner der Ökologiebewegung müsste Purdy eigentlich wissen, dass der Dämon des glücklichen Barbaren, erst einmal der Flasche entwichen, sich nicht mehr zurücksperren lässt. Sein „Charisma“ ist toxisch, seine Freiheit nicht die unserer Zeit. Umso mehr gilt es daher, den glücklichen Barbaren präemptiv als das Phantasma von Verstandesverneblern, Krypto-Rassisten, Misanthropen, Staatsfeinden und Antidemokraten zu erkennen.





[i]    https://newrepublic.com/article/145444/paleo-politics-what-made-prehistoric-hunter-gatherers-give-freedom-civilization

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