Montag, 28. September 2026

 


Liebe den Roboter wie dich selbst

Frankenstein im KI-Zeitalter

Frankensteins Monster ist eine der dankbarsten Fiktionen der Moderne. Von Mary Shelley zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden, belächeln wir das Monster heute eher als ein romantisches Aufbegehren gegen den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt, als frühe schwarze Science Fiction. Wir schauen aus avancierter Entwicklungshöhe auf dieses zusammengeschnipselte Leichenteilpatchwork herab und bestenfalls befällt uns noch ein überlegenes Wohlgruseln.

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Und dennoch, selbst wenn sich technisch ungeheuer viel verändert hat, ist thematisch nahezu alles gleichgeblieben. Mary Shelley ahnte, dass der Mensch mit der Erschaffung künstlichen Lebens eine psychische Mine entsichert, die sein Selbstverständnis explodieren lassen könnte. Für ihren fiktiven Wissenschaftler Viktor Frankenstein waren Elektrizität und Biochemie der Schlüssel zum künstlichen Leben. Für die modernen Frankensteins in den KI-Labors sind dieser Schlüssel elektrische Schaltkreise und Algorithmik. Sie doktern an cleveren Programmen, so clever, dass sie den Programmierern über den Kopf wachsen. 

Das ist der Humus, auf dem Horrorszenarien wuchern. Ist die Angst begründet? Zunächst lässt sich sagen, dass sich bereits in Frankensteins Kreatur durchaus Züge der neuesten künstlich intelligenten Systeme finden: die Fähigkeit, visuelle und sprachliche Muster zu erkennen, Sprachen zu übersetzen, Handschriften zu lesen, strategische Spiele zu spielen und Prothesen autonom zu steuern.

Anders als Viktor Frankenstein bauen die Computeringenieure Artefakte, die das, was wir unter Menschen Leben und Intelligenz nennen, computerspezifisch simulieren. Diese Simulationen werden auf vielen Gebieten zweifellos immer lebensnäher. Aber lebensnah heisst nicht lebend. Zugegeben, wer hat sich nicht schon des Eindrucks erwehren müs-sen, bei den synthetisierten Antworten von Bots handle es sich um Antworten einer lebenden Person.

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Aber warum sollte ein «Personoid» – eine künstliche Person – etwas Bedrohliches dar-stellen? Die Frage wirft ein Problem der gegenwärtigen KI auf, dessen Wichtigkeit im Grunde heute noch den wenigsten bewusst ist. Mary Shelley hatte es erkannt. Das Bedrohliche liegt nicht im Artefakt, sondern im Erbauer des Artefakts.

Ende der 1990er Jahre sorgte Kismet, die von der Robotikerin Cynthia Breazeal am Massachusetts Institute of Technology entwickelte Roboterkreatur, für einiges Aufsehen. Kismet war darauf ausgelegt, mit Menschen sozial zu interagieren. Das System verfügte über Module für Sensorik, Aufmerksamkeit, «Motivation», Gesichtsausdrücke, Haltung, Kopf- und Augenorientierung sowie stimmliche Äusserungen. Es konnte im Umgang mit Menschen lernen.

Im Klartext: Kismet ist ein Maschinenkind. Man spricht auch vom «Nesthocker-Nestflüchter-Spektrum» der Roboter («altricial-precocial spectrum»), also der Aus-sicht, dass die Roboterkinder einmal so weit sein werden, ihre «Eltern» zu verlassen und zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft heranzureifen.

Und genau diese Aussicht ist es, die Mary Shelley tief verstörte. Versagen Eltern ihren Kindern die empathische Zuwendung, können sich Kinder zu Monstern entwickeln. Frankensteins Verfehlung liegt darin, dass er sein «Kind» nicht akzeptiert, es ausstösst, allein lässt. 

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Hier stossen wir auf ein Kernproblem der neuesten KI. Deren Entwicklung ist ja bereits so weit gediehen, dass man eine allgemeine KI (General Artificial Intelligence) ins Auge fasst. Sie würde nahezu alle Probleme lösen, die der Mensch löst. Im Besonderen sucht man zum Beispiel auch empathiefähige – «tugendhafte» - Roboter zu konstruieren, die lernen, menschliche Gefühlslagen zu erkennen und darauf zu reagieren. Der Neuroro-botiker Manfred Hild, der an einem solchen Roboter - Myon – arbeitet, sagt ausdrück-lich: «Myon ist mein Kind». 

Dabei gehen die Roboterbauer von der Grundannahme aus, dass Intelligenz – speziell emotionale Intelligenz - sich nicht einfach als Modul in ein Artefakt einbauen lässt. Vielmehr entwickelt sie sich adaptiv in entsprechenden Umwelten. Intelligenz sitzt nicht im Hirn – sei es organisch oder anorganisch - , sondern ist externalisiert in sozialen und kulturellen Praktiken, in Sprache, Umgangs- und Argumentationsformen, in Kunst und Ritual. Die ganze menschliche Zivilisation erweist sich so gesehen als eine grosse künstliche Intelligenz. Und darin sitzen auch unsere Hirne. 

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Diese Zivilisation bewegt sich in Richtung einer Homo-Robo-Gesellschaft, einer Koevolution von Mensch und Maschine. Wir bekommen es im Roboterbau mit einer «pädagogischen» Aufgabe zu tun. Wir erziehen die Maschine – aber die Maschine erzieht gleichzeitig uns. Das hat seine Tücken. 

Shelleys Monster warnte uns: Ich werde böse, wenn du mich nicht zu deinesgleichen machst. Die Lektion Frankensteins müsste heute lauten: Hüten wir uns davor, dass die Roboter uns zu ihresgleichen machen. 

Das heisst, wir sind viel formbarer als die Maschinen, wir passen uns kontinuierlich den Kreationen der KI-Labors an, und schon heute prägt der Duktus der Systeme unsere Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Die Maschine lernt schnell und unglaublich viel aus menschlichen Voreingenommenheiten und Entscheidungen. Die tiefe Ironie ist dabei unverkennbar: Die Aussicht besteht, dass der Roboter nicht menschenähnlicher, sondern der Mensch roboterähnlicher wird. Am Ende übernimmt er selbst die Sprache der Maschine: Wenn er mit ihr Schritt halten will, muss er sich «upgraden».

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Soweit ist es noch nicht gekommen. Aber Shelleys Warnung erhält aus dieser Perspektive eine höchst akute Bedeutung. Wenn künstliche Systeme allmählich das Menschsein lernen, dann sollten wir selbst dieses Menschsein nicht verlernen. Indem wir zunehmend smartere Systeme erfinden, arbeiten wir tendenziell an unserer Entbehrlichkeit. Frankensteins Kreatur ist eine organische Lernmaschine mit übermenschlichen Fähigkeiten. Sie entspringt dem einäugigen Blick des Naturwissenschaftlers, der im Lebewesen nichts als einen materiellen Baukasten sieht. Und nicht wenige Roboterbauer rufen uns heute zu: Der Mensch ist ja selbst ein von der Evolution gebastelter Computer aus Fleisch. Wo soll denn der Unterschied zwischen ihm und einem synthetischen Roboter liegen? 

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Genau diese Frage ist «monströs» - eine Warnung. Das lateinische Wort monere bedeutet «warnen». Es geht nicht um die Warnung vor den künstlich intelligenten Kreaturen, sondern vor einer Denkweise, die Mensch und Maschine über einen Leisten schlägt. Was unser Denken in den nächsten Jahrzehnten intensiv beschäftigen muss, ist die Frage nach der menschlichen Autonomie, Urteilsfähigkeit, Entscheidungskraft, Kreativität, Subjektivität, Moralität im neuen Kontext der quasiintelligenten Geräte. Lauter philosophische Fragen – Erbfragen der Aufklärung nota bene. 

Die Computerwissenschaften sind also auch philosophisch gefordert. Sie haben heute eine Schwelle erreicht, auf der sie wie Viktor Frankenstein im Begriff sind, ihre «Unschuld» zu verlieren. Und die eigentliche Frankenstein-Warnung des KI-Zeitalters be-steht nicht darin, dass wir Maschinen erschaffen, die uns gleichen. Sondern darin, dass wir uns selbst so lange an sie gewöhnen, bis wir ihnen gleichen.


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