Der neue literarische Schund
Textgeneratoren machen nicht nur die Produktion von Text billig. Sie stellen unsere bisherige Vorstellung infrage, dass hinter einem sinnvollen Text notwendig ein menschlicher Autor steht.
KI-Slop
KI-generierter Output überschwemmt das Internet. Werden diese Texte wiederum zum Training von Textgeneratoren verwendet, füttert die Maschine sich zunehmend mit ihren eigenen Erzeugnissen. Der Textgenerator frisst seinen eigenen Müll – und produziert irgendwann nur noch Blahblah: ‹KI-Slop›, KI-Schlabber. Vermüllt sind Daten nicht dann, wenn wir nicht wissen, ob sie von Menschen oder Maschinen stammen. Vermüllt sind sie, wenn wir nicht mehr wissen, ob wir ihnen trauen können.
Der Verdacht, dass ein Text KI-generiert sei, soll - laut Wall Street Journal - die Buchbranche ins Chaos gestürzt haben. Spektakuläre Vertragsbrüche sind die Folge. Umgekehrt lehrt ein detektivisches Tool wie Pangram die Autoren das Fürchten. Sie müssen heute mit dem Lauerblick der Algorithmen rechnen.
Generalverdacht als neue Normalität
Die Lage ist in der Tat unbehaglich, wenn man sich vorstellt, dass irgendwo irgend-welche Spürhunde an Bildschirmen den Tag damit verbringen, das Internet nach Slop zu durchsuchen und mittels neuester technischer Errungenschaften KI-Werte zu berechnen, um Autoren an den Pranger zu stellen. «Beweise» von KI-Detektoren, lese ich, kursieren in den sozialen Medien schon wie Jagdtrophäen. Der Generalverdacht wird zur neuen Normalität. Hinter jedem Satz vermutet man KI.
Es mutet paradox an: Wir fürchten, dass Maschinen die Literatur mit Schund über-schwemmen. Also bauen wir Maschinen, die den Schund aufspüren sollen. Wir fürchten den Verlust menschlicher Autorschaft – und übertragen ausgerechnet die Prü-fung dieser Autorschaft an Algorithmen.
Eine postschriftliche Ära?
Diese ganze Entwicklung zeichnet sich vor einem grösseren Hintergrund ab: Wir treten möglicherweise in eine postschriftliche Ära ein. Das bedeutet nicht, dass die Schrift verschwindet, sondern dass mit dem maschinengenerierten Text ein neues Verhältnis zur Sprache entsteht.
Man erinnert sich in diesem Zusammenhang an Platons Kritik der Schrift. Klassisch ist der Dialog «Phaidros». In ihm wird von Ägyptens König Thamos erzählt, der vor der neuen Technologie der Schrift warnt. Sie würde im Gegensatz zur mündlichen Rede das Gedächtnis schwächen. Tatsächlich veränderte die Schrift die Kulturtechnik des Erinnerns und damit auch des Denkens tiefgreifend. Steht uns nun mit der KI ein ähnlicher Wandel bevor – diesmal von der Schrift zu einem Medium, das den Text selbst überschreitet?
Schund entstand schon durch den Buchdruck
Die Angst vor maschinell vervielfältigtem Schund ist älter als die KI. Schon der Buch-druck weckte sie. Er veränderte kulturelle Kompetenzen und Gewohnheiten grundlegend. In den 1470er-Jahren – rund 30 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks in Europa – appellierte der Benediktinermönch Filippo de Strata an den Dogen von Venedig, die Druckerpresse zu verbieten. Er beklagte, die Drucker würden «schamlos und zu Spottpreisen» Material verbreiten, das leicht beeinflussbare Jugendliche verführen könne, während der «wahre Schriftsteller» verhungere. Er forderte den Dogen auf, die «Plage» des Buchdrucks einzudämmen und die Drucker zu zügeln.
Der grosse automatische Grammatisierer
Der britische Schriftsteller Roald Dahl schrieb 1953 die Geschichte Der grosse automatische Grammatisierer. Adolph Knipe, ein junger Elektroingenieur, hat schriftstellerische Ambitionen, ist aber frustriert, weil die Verlage seine Erzeugnisse immer nur ablehnen. Also baut er einen Automaten, der akzeptable, wenn auch nicht grossartige Werke der Belletristik produziert. Bald wird er zum literarischen Grossindustriellen. Die Maschine spuckt Dutzende mittelmässiger Geschichten aus. Knipe verkauft sie zu Schleuderpreisen. Schliesslich errichtet er nahezu ein Monopol, indem er angehenden Autoren einen «goldenen Vertrag» anbietet: Gegen die Nutzung ihres Namens bezahlt er sie dafür, nicht zu schreiben.
Wie Knipe sagt: «Heutzutage hat das handgefertigte Produkt keine Chance mehr. Es kann unmöglich mit der Massenproduktion konkurrieren … Teppiche, Stühle, Schuhe, Ziegel, Geschirr – alles wird jetzt maschinell hergestellt. Die Qualität mag schlechter sein, aber das spielt keine Rolle. Entscheidend sind die Produktionskosten. Und Geschichten – nun ja – sie sind bloss ein weiteres Produkt.»
Schreibt eine Welle Gedichte?
Die Literaturwissenschaftler Steven Knapp und Walter Benn Michaels ersannen das Gedankenexperiment des Wellengedichts : Wir finden am Strand Verse eines bekannten Dichters in den Sand geschrieben. Wir versuchen sie zu deuten. Dann wäscht eine Welle die Verse aus und hinterlässt mysteriöserweise eine weitere pas-sende Strophe. Wer hat sie geschrieben?
Wellengedichte sind so etwas wie Slop. Textgeneratoren waschen die bedeutungsvollen Texte aus und spülen nun neue Texte ins Netz, die Bedeutung suggerieren. Sie tun dies, weil wir gar nicht anders können als Bedeutung in die Vorgänge hineinzulesen. Und mit der Bedeutung erfinden wir den Autor gleich mit – jemanden mit Intelligenz, wohlgemerkt.
Und das ist eine Zumutung: In der Maschine ist niemand zuhause - auch keine menschliche Intelligenz.
Intelligenz und «Intelligence»
In diesem Zusammenhang erscheint es aufschlussreich, dass «Intelligence» im Englischen nicht nur Intelligenz bedeutet, sondern auch Nachrichtendienst. Die Künstliche Intelligenz trägt diese Doppeldeutigkeit in ihrem Namen. Die Nachkriegsforschung stand im Banne des Kalten Krieges. Zu den vielen Unbekannten gehörte die Frage, wie sich der nächste Zug des Gegners vorhersagen liess. Man setzte Computer zur Signalverarbeitung ein – zur Suche nach geheimen Mustern in Radiosendungen und gedruckten Texten.
Einer Maschine das Lesen beizubringen, war dazu nützlich. Dass sie auch schreiben lernen konnte, war ein Bonus – und einer, der uns heute die viel unangenehmere Frage stellt, ob Lesen und Schreiben überhaupt Intelligenz voraussetzen.
Die «Textpokalypse»
Immer wieder regt sich die grosse Angstlust, die gleich nichts Geringeres als die Apokalypse heraufbeschwört. «Bereitet euch auf die Textpokalypse vor», schrieb der Literaturkritiker Matthew Kirschenbaum 2023: «Was wäre, wenn wir am Ende nicht durch Interkontinentalraketen oder den Klimawandel, nicht durch mikroskopische Krankheitserreger oder einen Meteoriten von der Grösse eines Berges, sondern durch … Text vernichtet würden? Einfacher, schlichter, schmuckloser Text, aber in so im-mensen Mengen, dass er kaum vorstellbar ist – ein Tsunami von Texten, der sich in einen sich selbst verstärkenden Strom von Inhalten verwandelt und eine zuverlässige Kommunikation in jeglicher digitalen Umgebung praktisch unmöglich macht?»
Die «Enthüllung»
Dem ganzen anschwellenden Endzeitgesang, der gerade aus den Medien tönt, müsste man entgegenhalten, dass Apokalypse ursprünglich nicht nur Weltende, sondern Enthüllung bedeutet. Und was die Textgeneratoren uns heute enthüllen, ist ein simpler Sachverhalt: Maschineller Text wird hergestellt. Vielleicht liegt genau darin seine Provokation: Auch menschlicher Text wird hergestellt.
Und daraus leitet sich eine noch simplere Aufforderung an uns selbst her: Wage selber zu schreiben! Ein geradezu kantischer Gestus. Denn beim Schreiben kannst du – wie es Susan Sontag formulierte – herausfinden, was du denkst.

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