Samstag, 7. Oktober 2017




Gekürzte Version in NZZ, 26.8.2017

Vorsicht: Feste Überzeugung!

Truthiness
Heute ist viel die Rede vom gefühlten Wissen: Man weiss nicht, aber ist überzeugt, zu wissen; Die NASA Das Englische kennt auch ein Wort dafür: „truthy“; subjektiv als wahr empfunden. Darin manifestiert sich die Rückseite unserer Vernunft. Sie ist, wenn sie an einer Überzeugung festhalten will, zu erstaunlich zäher Rafinesse fähig, sei die Überzeugung noch so irrig oder irrsinnig. „Ausgehend von einem Irrglauben kann uns unerbittliche Logik ins Chaos oder Irrenhaus führen,“ bemerkte einmal der britische Wirtschaftstheoretiker John Maynard Keynes. Als ob er die rezente Ökonomie im Auge gehabt hätte – aber es geht um mehr.

Wir sind schlechte Falsifizierer
Wir alle haben Überzeugungen, die wir nicht oder nur unter grösstem Widerstreben aufzugeben bereit sind. Auch nicht, wenn Fakten gegen sie sprechen. Das sogenannte postfaktische Zeitalter bringt also eigentlich einen tiefverwurzelten renitenten Charakterzug unseres geistigen Lebens zum Vorschein. Wir sind schlechte Falsifizierer. Das ist zumal heute darauf zurückzuführen, dass wir mit dem Wissenswachstum, trotz guter Zugangsmöglichkeiten zum Wissen, nicht Schritt halten. Der Einbau in unser vertrautes Weltbild entpuppt sich als verzwickt, weil das Neue sich oft nicht verträgt mit dem Vertrauten. Und wir können und wollen nicht ständig umbauen. Eher denken wir in der gemütlichen Balance des Vertrauten falsch, als dass wir die Falschheit entdecken und das Vertraute in Schieflage bringen.

Der Schuh der festen Überzeugung   
Ebenfalls im Englischen gibt es den Begriff des „Shoehorning“: Schuhlöffeln. Man bugsiert mit aller Gewalt Fakten in den Schuh der festen Überzeugung, ob sie nun passen oder nicht. Schuhlöffeln ist ein definierendes Merkmal von Verschwörungtheorien. Dieser Typus von Theorie erklärt eigentlich nicht, sondern zementiert eine feste Überzeugung unter der Vorspiegelung, zu erklären. Verschwörungstheorien stehen seit 9/11 in giftiger Blüte. Man muss allerdings sorgfältig differenzieren zwischen Verschwörungstheorien und Theorien von Verschwörungen. Eine seriöse Theorie versucht das Phänomen Verschwörung zu erklären, ohne dass sie den Anspruch auf alternativlose Erklärung erhöbe. Sie rechnet also immer mit andern Schuhen verschiedenster Grösse. Für die Verschwörungstheorie gibt es nur einen einzigen grossen Schuh, und sie operiert meist mit versteckten unausgesprochene Prämissen, die deshalb verschwiegen werden, um immun gegen Widerlegungen zu bleiben. Was man für oder gegen die Theorie ins Treffen führt, verwandelt sie in Evidenz zu ihren Gunsten. Ihr Makel ist nicht, dass sie nicht schlüssig, sondern dass sie zu schlüssig ist. So könnte eine Kurzanleitung für Irrsinn lauten: Halte dein Weltbild konsistent; auf Kosten der Anpassung an die Welt.

Denialism – sich von der Wissenschaft nichts sagen lassen
Heute gehen Verschwörungstheorien eine unheilige Allianz mit einer antiwissenschaftlichen Haltung, dem „Denialismus“, ein. Einer der spektakuläreren jüngsten Fälle ist die Anti-Impf-Bewegung. Quecksilber kann schwere Schäden im Menschen anrichten. In gewissen Impfstoffen ist das quecksilberhaltige Konservierungsmittel Thiomersal enthalten, das bei Kleinkindern neurotoxische Wirkung gezeigt hat. 1998 postulierte der Arzt Andrew Wakefield auf dieser Basis einen kausalen Zusammenhang von MMR-Impfstoff (gegen Masern, Mumps und Röteln) und Autismus. Er ist zwar bis heute nicht nachgewiesen - nachgewiesen wurden Doktor Wakefield vielmehr unlautere Forschungsmethoden. Aber viele Leute haben die Überzeugung zementiert: Quecksilber, also Gefahr.

Das geht so weit, dass Celebritys heute in Fernsehshows ihren ganzen Glamour der Beschränktheit gegen wissenschaftliche Argumentation auffahren. Die Schauspielerin Jenny McCarthy, Mutter eines autistischen Sohns, antwortete 2007 auf die Frage Oprah Winfreys, welche Evidenz sie denn für ihre Anti-Impf-Haltung habe: „Meine Wissenschaft heisst Evans, und er lebt zu Hause. Das ist meine Wissenschaft.“ Und: „Ich habe meinen akademischen Grad von Google.“

Überzeugtheit übertrumpft Argument
Frau McCarthy mag nicht gerade mit den Voraussetzungen intelligenter Wissenschaftskritik gesegnet sein. Aber sie ist Symptom eines bedenklichen Phänomens: Überzeugtheit übertrumpft Argument. Selbst ein Robert Kennedy junior, der immerhin einen anderen Abschluss als jenen der Google-Universität vorweisen kann, versteigt sich zum Verdacht, der offizielle Bericht über den Zusammenhang zwischen Impfstoff und Autismus sei ein „Versuch, die Risiken von Thiomersal weisszuwaschen“. Sieht man die verschwörungstheoretischen Nebelschwaden aufsteigen? Doktor Wakefield hat die Zeichen des postfaktischen Zeitalters jedenfalls erkannt. Im Propagandafilm „Vaxxed: From Cover-up to Catastrophe“ (deutsch: „Vaxxed: Die schockierende Wahrheit“) aus dem Jahre 2016 bereitet er nun die ganze Story wieder auf. Was macht also einer, der mit seiner festen Überzeugung wissenschaftlich nicht reüssiert? Er erzählt die eingängige Geschichte von David gegen Goliath. Wenn er schon keinen Kausalzusammenhang zwischen Impfen und Autismus nachweisen konnte, dann immerhin einen Verschwörungszusammenhang zwischen seinem Scheitern und der Industrie. Damit reüssiert er sicher „beim Volk“.
Hirngeschichten
Da ja heute die Neurobiologen zu allem ihren Senf beigeben, dürfte es vielleicht interessieren, was sie zu dieser intellektuellen Aberration zu sagen wissen. In ihrem Buch „Denying to the Grave“ schreiben Sara und Jack Gorman: „Wenn in uns eine Idee das Gefühl der Belohnung weckt, dann suchen wir dieses Gefühl immer wieder. Und jedesmal wird das Belohnungszentrum – das ventrale Striatum, spezifischer: der Nucleus accumbus – aktiviert, worauf die anderen instinktiven Teile des Hirns lernen, die Idee zu einer fixen Idee zu verfestigen. Versuchen wir, unsere Meinung zu ändern, warnt uns ein Angstzentrum wie die anteriore Insula vor anstehender Gefahr. Der mächtige dorsolaterale präfrontale Cortex kann diese primitive Reaktion ausschalten und Vernunft und Logik zu ihrer Geltung verhelfen, aber es handelt sich um eine langsame Aktion, und sie verlangt ein erhebliches Mass an Entschlossenheit und Anstrengung. Deshalb ist es unnatürlich und unangenehm, unsere Überzeugungen zu ändern, und darin spiegelt sich die Arbeitsweise unseres Hirns.“

Die Ironie der Postmoderne
Hübsch, nicht? Jedenfalls scheint es, dass wir, indem wir gegen festes Überzeugtsein ankämpfen, eigentlich immer auch gegen unsere Biologie kämpfen: Geist gegen Gehirn sozusagen. Man muss sich freilich hüten, daraus eine biologische Apologie des festen Überzeugtseins herauszulesen. Im Gegenteil wird nun erst recht die kulturelle Aufgabe sichtbar, dagegen anzutreten. Zumal in einem Zeitalter der Serienlügner und Berufs-Konfabulierer, die allesamt ihren Bullshit mit dem Stempel der Überzeugtheit verzetteln.

Darin liegt die tiefe Ironie unseres Zeitalters. Das postmoderne Denken machte der Wissenschaft ihren Status als Statthalterin der Wahrheit streitig. Was eine „arrogante“ Geschichtsschreibung als überwundenen Aberglauben abtat, sah sich auf einmal zu einer „alternativen“ Wissensform geadelt: das Wissen nichtwestlicher Kulturen, Naturmagie, Astrologie oder Intelligent Design traten neben Kosmologie, Quantentheorie, Mikrobiologie oder statistische Prognose. Damit verflachte die herkömmliche erkenntnistheoretische Wissenshierarchie, indem nun alles im Grunde als „Meinung“ galt. Die Ironie liegt darin, dass umgekehrt jede Weltanschauung im Basar der Meinungen ihre eigene „Gewissheit“ reklamieren konnte. Die Wissenschaften sollen sich nur gar nichts auf ihr „elitäres“ Wissen einbilden, jede hergelaufene Absolventin der Google-Universität hat das Recht auf Wissen. Hauptsache, sie ist überzeugt davon.

Der Irrsinn wird gesellschaftsfähig
Nicht Lügen oder bewusste Faktenfälschungen stellen im Grunde die erkenntnistheoretische Gefahr dar, sondern Unbeirrbarkeit. „Truthiness“ zersetzt den eminenten sozialen Wert der Wahrheit. Denn Wahrheit hat immer auch die Funktion einer vermittelnden Bürginstanz innegehabt, an der wir unsere Überzeugungen eichen und messen. Deshalb konnte man Leute, die unbeirrbar ihre festen Überzeugungen verzapfen, immer mal an den Pranger der Lächerlichkeit, Blödheit oder des Irrsinns stellen. Das ist heute nicht mehr so ohne weiteres möglich. Verschwindet die Bürginstanz oder verliert sie an Bedeutung, verliert auch der Pranger seine Funktion. Und dann kommt es so weit, dass der Irrsinn gesellschaftsfähig wird: dass ein verquaster rechter „Leninist“ mit Namen Steve Bannon zum Berater im Oval Office avanciert; oder ein Paranoiker wie Alex Jones, der auf seiner Website Infowars.com übelste Verschwörungstheorien kolportiert, das geneigte Ohr des Obersten Befehlshabers der amerikanischen Armee findet. Die Realität hat definitiv das Gepräge einer Dürrenmatt-Groteske angenommen. Ja, sie übertrifft sie eigentlich.





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