Dienstag, 30. Dezember 2014

Forme(l)n des Nicht-Denkens







Es gibt Formen des Nicht-Denkens, die sich mit Floskeln des Denkens tarnen. Beginn einer  kleinen Typologie


„FÜR MICH..“
Zu einer normalen Unsitte des Argumentierens gehört die Personalisierung. Quasi das Gewicht der eigenen Person argumentativ ins Treffen werfen: ICH sehe das so.... ICH interpretiere dieses Zitat anders ... Ein Show-Phänomen mit Unterhaltungswert heute, aber eine Frühform dieser Unsitte fiel schon vor Jahrzehnten auf in der Floskel „Für mich...“. „Für mich ist diese Aussage von Nietzsche...“, „Für mich stellt das keinen Widerspruch dar...“ , „Für mich ist dieser Stil überholt..“ Ich erinnere mich, wie ein Professor im Philosophieseminar jeweils fuchsteufelswild wurde, wenn ein Student anhob „Also für mich...“ „Bitte, reden Sie zu uns!“ wies ihn dann der Professor zurecht. Es brauchte lange, bis mir dämmerte, worin genau das Vergehen lag. Selbstverständlich drückt das „Für mich“ meine Meinung aus, die es dann anderen darzulegen gilt. Oft kaschiert es allerdings ein argumentatives Defizit, macht mich nichtsdestotrotz im Gespräch unangreifbar. Man setze vor irgendeine Aussage „Für mich..“ „Der Mond besteht aus grünem Gorgonzola“: falsch. „Für mich besteht der Mond aus grünem Gorgonzola“: wahr. Denn damit drückt man eigentlich die Tautologie aus: Was ich behaupte, behaupte ICH (natürlich folgt die berechtigte Frage auf dem Fuss, warum dieses Ich einen solchen Stuss behaupten kann). „Für mich..“ ist in diesem Sinne immer wahr. Also redundant. Und deshalb sind viele Diskussionen im Grunde einander hochschaukelnde Redundanzen.

„ICH DENKE..“
Eine Weiterentwicklung stellt die Floskel „ICH DENKE“ dar. Wo ein Mikrophon eingeschaltet ist, vernimmt man über kurz oder lang die Wendung „ICH DENKE..“. Der Verkehrspolitiker: „ICH DENKE, man muss irgendwo im Verkehr aufpassen“. Die Justizdirektorin: „ICH DENKE, dass die Justiz primär dem Recht verpflichtet ist.“ Der Eishockeytrainer: “ ICH DENKE, das Tor mehr hat unserer Mannschaft zum Sieg gereicht“.  Wird heute mehr gedacht als früher? „Nicht wirklich“. Dass eine Person denkt, sollte man ja daran erkennen, was sie sagt. Aber „Ich denke“ ist heute verbales Makeup. Die Logiker haben dafür einen adretten Ausdruck: Performatives Paradox. Man tut gerade das nicht, was man sagt, man tue es. Mit Floskeln solcher Art verschafft man sich hingegen eine Pole-Position im „Diskurs“. Speziell unter Intellektuellen, denn die Floskel ist seit je vorzugsweise in diesen Kreisen endemisch. Ein Klassiker ist z.B. der Optativ wie „Ich würde meinen, dass ...“ oder „Ich würde einmal die These wagen, dass...“ usw. Spitzmündig oder kinnstreichelnd vorgetragen, lassen solche Eröffnungen sofort erahnen, dass da doch grosse Vorräte gut abgehangenen akademischen Wissens im Hinterhalt lauern, die einen davor bewahren, sich einfach so ordinär aufs Behaupten zu verlegen.

„Du sagst das nur, weil du ein ... bist“
Denken ist im Grunde eine soziale Tätigkeit. Ein untrügliches Indiz des Denkens ist deshalb die Beobachtung, dass Andere auch denken. Eine in der Debatte häufig gepflegte, perfidere, weil nicht auf ersten Blick erkennbare, Form des Nicht-Denkens besteht nun darin, dass man im Denken des Anderen nur den Anderen und nicht sein Denken wahrnimmt und anspricht. Personalisierung auch hier. Was du sagst, sagst du nur, weil du ein ... bist. Das Englische kennt den Begriff „Bulverism“ für diese grobfahrlässige Denkvermeidung. Er stammt vom Schriftsteller Clive.S.Lewis, genauer von dessen fiktiver Figur Ezekiel Bulver, der auf den Denkfehler aufmerksam wurde, als er hörte, wie seine Mutter die Beweisführung seines Vaters, die Summe zweier Seiten eines Dreiecks sei grösser als die dritte Seite, mit den Worten abschmetterte: Du sagst das nur, weil du ein Mann bist. Einer ähnlichen Variante dieses Totschlagarguments begegnet man auch oft in Kommentaren, die dem Autoren eines Artikels  insinuieren, er habe das nur geschrieben, weil er frustriert, schwul, ein Secondo-Albaner oder ein alter Mann mit verpasstem Gegenwartsanschluss sei. Personalisierung bedeutet immer, dass man in den Aussagen der anderen Person primär nicht Sätze, sondern Symptome hört, bzw. hören will. Eine Diskursverweigerung: letztlich die tiefste intellektuelle Herabwürdigung – will heissen: Beleidigung - des Anderen.

„Ich denke“ war einmal eine stolze Kampfvokabel, eingesetzt zur Befreiung des Menschen aus der Bevormundung durch fremde Autoritäten. Aber Befreiung ist ein stotziger Hang, wir rutschen auf ihm immer wieder ab. „Es ist unglaublich, wie viel unsere besten Wörter verloren haben, das Wort ‚vernünftig’ hat fast sein ganzes Gepräge verloren,“ schrieb der grosse Aphoristiker der Aufklärung, Georg Christoph Lichtenberg, „man weiss die Bedeutung, aber man fühlt sie nicht mehr wegen der Menge von vernünftigen Männern, die den Titel geführt haben.“ Es ist unglaublich, möch­te man Lichtenberg sekun­dieren, wie viel heute öffentlich „gedacht“ wird und wie das Wort „Denken“ fast sein ganzes Gepräge verloren hat.











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