Sonntag, 8. September 2013

Schlaflos im Internet





WOZ, 5.9.13


Der 24/7-Mensch



Unser Leben steht unter dem Diktat permanenter Abrufbarkeit, Dienstbarkeit, Vernetztheit : Always On! Im Englischen gebraucht man das Kürzel „24/7“ für den Zustand der Dauerbereitschaft: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Schlaf wir zu einem Hindernis, ja Skandal,  im globalen Hamsterrad der Produktion und Konsumption. Geld schläft nicht.

Unlängst zog eine amerikanische Spatzenart, der Dachs­ammer, die Aufmerksamkeit des Pentagons auf sich. Dieser Zugvogel kommt auf seinem saisonalen Flug von Alaska nach Nordmexiko ohne Schlaf aus, bis zu einer Woche. Die Fähigkeit ermöglicht ihm, während der Nacht zu fliegen und bei Tag Nahrung zu suchen. Die erstaunliche schlaflose Effizienz war für das Militär Anlass, ornithologische Studien in Auftrag zu geben, die herausfinden sollten, wie die Gehirnaktivität des Dachsammers ihm diese langen Wachperioden erlaubt. Mit dem Ziel, die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen zu übertragen. 


Die Wissenschafter beschäftigen sich nun also mit Techniken der Schlaflosigkeit, basierend auf Neurochemikalien, genetischen Eingriffen oder transkranieller Magnetstimulation. Ornithologie wird in den Dienst der nationalen Sicherheit genommen, als Teil eines Grossprojekts der Agentur DARPA („Defence Advanced Research Projects Agency“), deren primäres Ziel die Entwicklng wirksamer neuer Technologien für die Kriegsführung ist. Zu den angestrebten „Produkten“ gehört auch der „Dachsammer“-Soldat, der seinen Auftrag von unbestimmter Zeitdauer effizient ausführt, unbeeinträchtigt durch das Bedürfnis nach Schlaf und Erholung: die perfekte soldatische Maschine.
Der 24/7-Mensch
Das ist nur ein Aspekt eines anschwellenden Mainstreams. Die technisch erzeugte Schlaflosigkeit steht als Emblem für die permanente Abrufbarkeit, Dienstbarkeit, Vernetztheit des heutigen Menschen. Im Englischen gebraucht man das Kürzel „24/7“ für den Zustand der Dauerbereitschaft: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Im Dienstleistungssektor ist dieser Zustand bereits die Norm: Polizei, Feuerwehr, Spitäler, Geheimdienste, Callcenters sind 24/7-Betriebe. Der ganze globale Markt hat eine 24/7-Infrastruktur. Vertriebstrainer führen z.B. ein 24-Stunden-Seminar – ein „Webinar“ – über neue Verkaufsmethoden durch. „Wir sind Umsatz“ lautet das Motto. Wer verkauft, schläft nicht. Und in dem Masse, in dem wir diese Dauerbereitschaft internalisieren, nimmt ein neuer Idealtypus Gestalt an: der  24/7-Mensch. Der Übergriff dieser Lebensform auf den Schlaf lässt sich z.B. an der schwindenden durchschnittlichen Schlafenszeit ablesen. Der normale erwachsene Amerikaner, schreibt der Kunsthistoriker Jonathan Crary in seinem Buch „24/7: Late Capitalism and the End of Sleep“ (2013), schlafe heute etwa sechseinhalb Stunden: eine markante Schlafreduktion gegenüber den acht Stunden vor einer Generation und eine noch markantere gegenüber den zehn Stunden zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Schlafentzug ist Persönlichkeitszerstörung
Hier manifestiert der Schlaf seine paradoxe Doppeldeutigkeit: biologisch nützlich, ökonomisch nutzlos. Seine unprofitable Auszeit kann im Rund-um-die-Uhr-Getriebe der heutigen Lebens- und Arbeitswelt nur als Skandal erscheinen. Er muss minimiert werden. Die Ökonomie verlangt seine Abkopplung von den natürlichen Zyklen. Auch wenn unter Biologen und Neurologen keine Einigkeit herrschen mag über die vitalen Funktionen des Schlafes, so besteht doch kein Zweifel daran, dass Schlafmangel diese Funktionen beeinträchtigt. Schlafentzug weist ex negativo auf die Nützlichkeit des Schlafs hin. Als Foltermethode seit Jahrhunderten eingesetzt, entfaltete der Entzug sein Gewaltpotenzial vor allem durch das elektrische Licht; zum ersten Mal systematisch erprobt von den Häschern Stalins in den 1930er Jahren. Schlafentzug markiert den Beginn des „Förderbands“ – wie dies in einschlägigen Kreisen genannt wird - : einer ausgeklügelten Abfolge von Brutalitäten mit dem Ziel, die Wahrheit ans Licht zu „befördern“ (der zynische Euphemismus der Geheimdienste spricht allerdings vom Schlafentzug als von einer „psychologischen Überzeugungstechnik“). Man kann ein Individuum irreparabel zerbrechen, wenn man ihm den lebenswichtigen Kontakt zur Aussenwelt – sinnliche Wahrnehmung – und zur Innenwelt – Schlaf und Traum – versagt. Mit dem Schlaf treibt man dem Menschen sein Selbst aus.
Die Nacht verschwindet
Mit dem Schlaf korrespondiert die Nacht, die Dunkelheit, der Schatten. Jeremy Benthams „Panoptikum“, das architektonische Überwachungsmodell für Gefängnisse, Fabriken, Spitäler und Schulen des 19. Jahrhunderts, funktioniert nur optimal bei permanenter Helligkeit. Der lichtdurchflutete Raum eliminiert die dunkeln Schlupfwinkel. So wie die gnadenlose Datenhelligkeit des Netzes und seiner Social Media heute das Zwielicht abschafft, das Privatheit und Intimität brauchen. Bereits vor der digitalen Durchleuchtung gab es in den späten 1990er Jahren den Plan eines Systems von spiegelnden Satelliten, welche das Sonnenlicht auf die Erde reflektieren würden. Ursprünglich gedacht als elektrizitätssparende Beleuchtungsanlage für die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in Gebieten mit langen Polarnächten, wuchs sich die Idee aus zu einem Illuminationsprojekt planetarischen Ausmasses, durch das der Globus buchstäblich in eine immerwährende Mittagshelle getaucht worden wäre. Es scheiterte an der Opposition von Umweltverbänden und aufgrund zu vieler Zufälligkeiten. Aber die Ambition dahinter - „Tageslicht die ganze Nacht hindurch“ lautete die Devise - bleibt aktuell und beunruhigend. Hier liegt das Endresultet der Abkopplung aus natürlichen Zyklen vor uns, um das Laufrad des globalen Marktes Tag und Nacht auf Touren zu halten. Geld schläft bekanntlich nicht. Und es definiert zunehmend die Bedingungen des  Homo oeconomicus insomnians.
Der Maschinen-Schlaf
Unter diesen Bedingungen beobachten wir nicht nur eine Verwischung der Grenze zwischen Wachen und Schlaf, Tag und Nacht, sondern generell zwischen Maschine und Mensch. Selbst Maschinen schlafen heute. Benütze ich meinen Drucker gerade nicht oder schliesse ich meinen Laptop, dann verabschieden sie sich in den „Sleep“-Modus. Apple führte in sein Betriebsssystem das sogenannte „Power Nap” ein – das Energienickerchen zwischendurch -, einen Zustand, in dem der Computer immer noch wichtige Aufgaben erfüllt, z.B. E-Mails empfängt, Software-Updates herunterlädt, Backups erstellt.  Die Maschine, die selbst im Schlaf arbeitet – wird sie zum Vorbild des Werktätigen im digitalen Zeitalter? In der Tat führen Firmen und Behörden Power-Napping bereits als regeneratives Mittel ein, selbstverständlich unter der normativen Vorgabe der Leistungssteigerung.
Der Sleep Hacker
Hier wird uns die Neurobiologie wahrscheinlich noch viel über die „Maschine“ Gehirn und die Bedeutung und Nützlichkeit des Schlafes zu sagen haben. In einem gerade erschienenen Buch – „Autopilot .The Art and Science of Doing Nothing“ (2013) – berichtet der Autor Andrew Smart von erstaunlichen „intrinsischen“ Aktivitäten bestimmter Hirnregionen, die sich im Ruhezustand abspielen, dann also, wenn wir scheinbar nichts tun. Und er macht daraus – wie heute üblich -  auch gleich ein neurobasiertes Vademekum: Nichtstun und Tagträumen als unentbehrliches „Enhancement“ unserer mentalen Fähigkeiten. Allerdings werden wir uns gleichzeitg darauf gefasst machen müssen, dass die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse dazu prädisponiert sind, die verborgene Produktivität des Schlafs zu exploitieren und so die letzte Bastion des inneren Rückzugs auch dem Eingriff von aussen zu öffnen – ein Taylorismus des Unbewussten. Schon gibt es „Sleep hacking“, eine Form der neuen Selbst-Überwachung, des „self tracking“. Ein Blogger führt beispielsweise minutiös Bilanz: Von 7.27 Stunden Schlaf seien 52% leichter, 29% REM- und 19% tiefer Schlaf gewesen; was er aufs Ganze gesehen als „viel vergeudete Zeit“ taxiert. Unlängst beschrieb Eric Schmidt von Google die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts als eine „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Gewinner würden jene sein, die möglichst viele „Augäpfel“ auf sich ziehen und kontrollieren könnten. Selbstredend steht der Schlaf einer solchen Augapfelmaximierung im Weg. Und vielleicht werden wir künftig ohnehin in ihn tauchen wie in einen Film, den wir vom Schlaf-Programm auswählen. Im Vorspann läuft unvermeidlich der Hinweis „Gesponsert von Google“.
Homo compensator
Womöglich sensibilisiert uns gerade eine Zeit der totalen Transparenz für eine Neuentdeckung dieses grossen dunklen Kontinents in uns, der – es ist zu wünschen -  in dem Masse unkolonisierbar bleibt, in dem man ihn zu kolonisieren sucht. Der Schlaf ist eine der letzten, wenn nicht die letzte Zone des inneren Rückzugs in einer Gesellschaft, die den Zustand der Dauerwachheit und Dauerverknüpftheit zur Norm erhebt. Gegen sie und das Ideal des perfekten 24/7-Menschen müsste ein anthropologischer Gegentypus an Bedeutung gewinnen. Ich denke an Odo Marquards „Homo compensator“, der gerade hier an Aktualität gewinnt: an den Menschen des Ausgleichs, welcher den Off-Modus des Schlafs nicht nur als Quelle der Regeneration versteht, sondern als renitentes Definiens seiner selbst: Mein Schlaf gehört mir!
Und in diesem Zusammenhang könnte auch der Dachsammer zu einem anderen Vorbild werden. Man gibt seinen Ruf lautmalerisch so wieder:  „You can’t come to catch me!“ – „Du wirst mich nicht fangen!“ Ein wunderbar passender Ausdruck für die Dissidenz des Schlafs. Für die Dissidenz des Menschen gegenüber dem Affront seiner totalen Überwachbarkeit. 

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