Montag, 6. August 2012

Wein und Wissen



Oder Kritik der schmeckenden Urteilskraft



Wer etwas auf sich hält, gibt sich heute gern als Weinconnaisseur zu erkennen. Die demokratisch-egalitäre Gesellschaft hat zwar die alten Standesunterschiede abgeschafft, aber der Wille zu Noblesse und Dinstinktion ist geblieben und er scheint sich unter Genussbürgern nun im Geschmacklichen zu etablieren. Geschmack, so lehrte uns Pierre Bourdieu in seinem nunmehr klassischen Werk „Die feinen Unterschiede“, ist ein Indikator für kulturelle Schichtung. Klasse misst sich also im Besonderen am Verständnis für klassifiziertes Gewächs. So jedenfalls könnte man den gegenwärtigen Boom der Weinseminarien, Weinmessen, Weinreisen, Weinblogs deuten. In den Buchhandlungen reiht sich die Weinliteratur regalmeterweise. Die Zahl der Fachzeitschriften wächst; auch jene der Önotheken. Im Lifestyleteil der Zeitungen nimmt der Wein eine prominente Stellung ein. Inzwischen schenken auch die Philosophen dem Getränk ihre Aufmerksamkeit. Dem griechischen Symposion nachempfundene Önosophieabende werden veranstaltet. Und auf dem Buchmarkt erscheinen so verheissungsvolle Titel wie „Ich trinke also bin ich“ (Roger Scruton), „Die Philosophie des Weins: Ein Fall von Schönheit, Wahrheit und Vergiftung“ (Cain Todd, englisch) oder auch einfach „Fragen des Geschmacks“ (Barry Smith, englisch). Die Philosophin Gloria Origgi plädiert darin gar für eine „Wein-Epistemologie“, also für eine Untersuchung dessen, was eigentlich die Kennerschaft auf diesem Gebiet  ausmacht.

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Gerade dieses letzte Thema scheint mir einen tieferen Blick ins Glas zu rechtfertigen. Denn jeder Schluck Wein repräsentiert im Grunde ein vertracktes philosophisches Problem. Er ist eine gustatorische, olfaktorische und haptische Gesamterfahrung, er mobilisiert mit Gaumen, Nase und Tastsinn jenen Teil unseres Sensoriums, der „nur“ mein subjektives Empfinden, meine Geschmacks­präferenz ausdrückt. Aber das ist lediglich die eine Hälfte der Weinerfahrung. Ein Weinkenner will selbstverständlich nicht einfach nur sagen: Der Tropfen gefällt oder missfällt mir. Du magst Chateau Lafite, ich mag Crozes-Hermitage, ein Dritter zieht einen Pinot Noir aus dem Nappa Valley vor. Damit hat es sein Bewenden. Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

Diesen Relativismus des Gaumens straft die Weinwelt Lügen. Es wird sehr wohl gestritten, und zwar heftig und in der höchsten Expertenliga. Einen Sturm im Probierglas verursachten z.B. 2004 der amerikanische Hochleistungstester Robert Parker und die Herausgeberin des Oxford Companion of Wine,  Jancis Robinson, als sie sich über die Qualität des 2003er Jahrgangs von Chateau Pavie aus Saint-Emilion uneinig waren. Für Parker einer der besten Weine überhaupt aus dieser Region, für Robinson ein gebietsuntypischer „lächerlicher“ Tropfen. Parker warf Robinson vor, den Wein gar nicht degustiert zu haben. „Wer meint, dies sei ein guter Wein, braucht ein Hirn- und Gaumentransplat“, legte sich ein anderer Grosskritiker, Michael Broadbent vom Auktionshaus Christie’s, für Robinson ins Zeug. Weitere Kritiker stürzten sich in die Querele. Vorwürfe der Ignoranz, Inkompetenz, Interessenverbandelung flogen mit gezielter Perfidie hin und her.
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Typisch für Pseudo-Expertismus, wird man vielleicht sagen, nur zu bekannt aus all dem aufgeblasenen Bombast der Weinwerbung, bei der man sich oft irritiert fragt, was denn eigentlich Vorrang habe: die  Beschreibung oder der Wein. Aber wie sehr man darüber lachen mag, der Konflikt enthüllt exemplarisch das zentrale Problem. Die „direction of fit“ – wie der Fachterminus in der Sprachphilosophie lautet -  des Weinexperten ist auf das Objekt gerichtet. Er will sagen: Das ist ein guter oder weniger guter Tropfen; Wein von bestimmtem Charakter und von besonderer Qualität. Gewiss, der Wein hat materielle Eigenschaften, die man relativ objektiv untersuchen kann. Das ist Sache der Önologie. Aber gut oder schlecht ist er nicht allein aufgrund dieser Eigenschaften, auch nicht nur, weil er mir gefällt oder missfällt, sondern aufgrund von etwas Drittem, der kollektiven Akzeptanz von Kriterien, z.B. eines Benotungsystems. Die Güte eines Weins ist also ein komplexes, mindestens dreidimensionales „Faktum“, das sich im Koordinatensystem von persönlichem Geschmack, materiellen Eigenschaften und sozialem Kontext einer Kennergemeinschaft verorten lässt.
Deshalb stellt ein Urteil über den Wert eines Weins stillschweigend immer auch die Rückfrage nach dem Wert des Urteils. Und diese Frage wiederum verweist auf eine tiefer liegende:  Was ermächtigt einen Weinkenner wie Parker zu seiner herausragenden Stellung? Zweifellos kann er sich auf seine Erfahrung, sein Wissen und seine Kompetenz berufen; womöglich hebt ihn auch die Exquisitheit seines physiologischen Apparats vom Normaltrinker ab. Der Punkt ist aber nicht, wie der Kenner zu seinem Wissen kommt, sondern wie er es rechtfertigt und verantwortet. Immanuel Kant versah solches Rückfragen mit dem Etikett „quid juris“, also: Woher nimmst du das Recht, so zu urteilen? Geschmack, so Kant, ist eine erworbene Fähigkeit des Unterscheidens und Beurteilens. Und er bezeichnete sein Unternehmen als „Kritik“, weil er mit ihm die Möglichkeiten und Grenzen dessen abzustecken suchte, was wir Menschen aufgrund unserer Vermögen, seien sie intellektuell oder sensorisch, überhaupt können.
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Eine derartige kritische Einschätzung von „Autoritäten“, in deren Namen Wissensansprüche erhoben werden, erscheint dringlicher denn je. Denn die Wissensgesellschaft wird immer „flacher“, d.h. die Grenze zwischen Amateur und Experte verwischt sich zusehends. Heute ist jeder eine Autorität, den wir dafür zu halten bereit sind. Und diese Bereitschaft ist gross. Die neuen Technologien des Wissens – Enzyklopädien wie Wikipedia oder Suchmaschinen wie Google – wiegen uns in einer Art von egalitärem Utopismus, dass im Grunde jeder ein Experte auf jedem beliebigen Gebiet sein oder werden kann. Allfällige natürliche Grenzen oder Defizite lassen sich durch künstliche Aufrüstung überwinden. Wissen ist auf Klick zu haben. Das „Expertentum“ der neuen Wissenstechnologien ist derart omnipräsent und -potent geworden, dass es zu einem virulenten Problem auszuwuchern droht - zu einem Paradox: Je mehr wir unser Wissen an künstliche Experten- und Wissenssysteme „outsourcen“, desto mehr unterminieren wir seine Grundlage: die Vertrauenswürdigkeit.
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Das Meiste, was wir vermeintlich wissen, glauben wir im Grunde. Das heisst, wir vertrauen dem Urteil anderer, vornehmlich von Experten auf dem jeweiligen Gebiet, sei dieses nun Weinkultur, Halbleiterphysik, Psychoanalyse oder christliche Lyrik des 12. Jahrhunderts. Wissen und Vertrauen sind ein intimes Paar. Leonhard Euler, einer der grössten Universalgelehrten der Neuzeit, unterschied in seinen vielgelesenen „Briefen an eine deutsche Prinzessin“ (1773) drei Arten von Glaubwürdigkeit. Alles, was wir wissen, schreibt er, „wissen wir entweder durch die Erfahrung oder durch Vernunftschlüsse oder durch den Bericht eines andern (..) Wenn wir nichts von dem glauben wollten, was uns andere sagen oder was wir in ihren Schriften lesen, (würde) unsere Erkenntnis in einem sehr traurigen Zustand (sein).“
Was also kennzeichnet den Kenner? Sicher Wissen, Erfahrung, Unterscheidungsvermögen, Geschmack für das Objekt seines Interesses und seiner Passion. Es gibt ein aus dem Gebrauch gekommenes Wort dafür: Kunde. Weinkunde. Pflanzenkunde. Erdkunde. Völkerkunde. Das Wort drückt sehr schön die subjektiv-objektive Doppeldeutigkeit des Wissens aus: Ich habe Kunde von etwas und ich bin kundig. Den Kundigen charakterisiert immer auch seine Person. Sie verkörpert den Ankerpunkt der Glaubwürdigkeit. Obwohl es idealerweise zutrifft, dass die wissenschaftliche Diskussion das Sachargument vor Person, Namen und Status stellt, spielt die Person eben durchaus eine Rolle als Bürgin von Qualität.

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Ich möchte von der moralischen Dimension des Wissens sprechen. Das heisst, neben die Frage: Ist das wahr? tritt die ebenso zentrale Frage: Ist das glaubwürdig? Ihre Bedeutung wächst mit der Dimen­sion des Netzes, in dem sich mittlerweile, wie man hört, Information von der Grössenordnung Zettabyte (1021 Bytes) ansammelt. Eine unvorstellbare (und wachsende) Menge, die zu bewältigen – wenn überhaupt - nur noch mit leistungsfähigen Algorithmen möglich ist. Information kann objektiviert, ausgelagert, gespeichert, verwaltet und insofern auch von einer Maschine verarbeitet werden. Wissen sagt man, ist Information mit Wert. Dieser Wert misst sich allerdings nicht an der Anzahl von Links im dendritischen Labyrinth der Netzverbindungen. Der oberste Wert ist Glaubwürdigkeit. Wissen braucht ein Subjekt, eine Person, die das Wissen verantwortet, die einsteht für dessen Glaubwürdigkeit. Sie lässt sich nicht outsourcen.

Hiezu ein Beispiel. Will ich – sagen wir - etwas über Kakadu-Zwergbunt­barsche wissen, klicke ich den einschlägigen Wikipedia-Artikel an, und ich gehe davon aus, dass er aus vertrauenswürdiger Quelle stammt, die möglicherweise auf weitere vertrauenswürdige Quellen verweist - undsoweiter. Ich delegiere sozusagen die Vertrauenswürdigkeit. Aber dieses Delegieren muss einen Halt haben, irgendwann und irgendwo im Netz muss sich eine Primärquelle finden. Und diese Primärquellen sind kundige Leute, die sozusagen in persona dafür garantieren, dass das Wissen über Zwergbuntbarsche mit der Welt der Zwergbuntbarsche übereinstimmt.

Das Motto einer der ersten neuzeitlichen Forschungsinstitutionen – der Royal Society - lautet „Nullius in Verba“: auf niemandes Worte schwören. Auch wenn man darin eine deutliche Willensbekundung zum experimentell Bewiesenen und gegen das Zitat von Autoritäten sehen kann, muss doch daran erinnert werden, dass es im 17. Jahrhundert noch selbstverständlich war, die Qualität von experimentellen Resultaten an der Vertrauenswürdigkeit der Forscher zu messen. Ihr Anspruch auf wissenschaftliche Dignität basierte auf gegenseitiger Anerkennung. Das heisst, der Wissenschafter war ein Gentleman, ein „Ehrenmann“ des Wissens. Man sollte bei aller Hochhaltung unpersönlicher Objektivität diese eminent wichtige Funktion der wissenschaftlichen Persönlichkeit im Schaffen von Glaubwürdigkeit nicht unterschätzen. Das gilt für jegliche Art von Expertentum.

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Wie für den Wein wäre deshalb heute auch für Wissen so etwas wie eine „Appellation d’Origine Contrôlée“ einzuführen. Von wem, woher stammt es? Wie wurde es „produziert“? Wer garantiert für seine Qualität? So wie die Verlässlichkeit der Wissenschaft letztlich auf dem wachsamen Vertrauen innerhalb der scientific community beruht, so wird es zum dringlichen Erfordernis einer verflachenden Wissensgesellschaft, dass im Basar der Experten der einzelne Wissensbürger sich ein eigenes Urteil zumutet und zutraut. Analog zum Gespür für die Qualität eines Weines, das sich nur entwickelt, wenn man ihn mit seinen eigenen Sinnen prüft und sich selber ein Urteil zutraut, gilt es ein Gespür für die Qualität all dessen zu entwickeln, was uns als Wissen angeboten wird – im alten Sinne des Wortes „expertus“: ich habe es selber erfahren, erprobt, geschmeckt.

Womit wir zum Schluss glücklich wieder zum Weinkenner zurückgekehrt sind. Robert Parker sagt selbst, dass der individuelle Gaumen nicht zu ersetzen sei und keine bessere Weinschulung existiere als das eigene Prüfen des Weins. Das Motto der Aufklärung lautete „sapere aude“. Wage zu wissen. Eingedenk der Etymologie des Wortes „Wissen“, das ursprünglich auch „Schmecken“ bedeutet, müsste heute also eine schmeckende Urteilskraft das Motto „Wage zu schmecken“ in sein Recht setzen. Wissen genügt nicht. Man muss Geschmack an ihm finden. Aufklärung beginnt bei den Geschmacksknospen.


1 Kommentar:

  1. Sebastian Schneider26. August 2012 um 03:49

    Guten Tag Herr Kaeser,

    erst gestern bin ich auf Ihren Artikel zum Thema Religion und Wissenschaft in der 'Zeit' aufmerksam geworden.

    Ehrlich gesagt, ich finde es lächerlich! In den letzten Jahren kommen immer häufiger christliche 'Naturwissenschaftler' aus ihren Löchern und versuchen irgendwo ihren Gott und damit ihre persönliche Privatmeinung in den Naturwissenschaften unterzubringen.

    Ein Beispiel ist auch Anton Zeilinger und sein Quantengott.
    Die Kopenhagener Deutung, die er so vehement vertritt muss nicht notwendigerweise die korrekte Sichtweise sein ! Es gibt beispielsweise auch noch die deBroglie-Bohm-Theorie.

    Des Weiteren steht außer Frage, dass es in den naturwissenschaftlichen Theorien noch viele weiße Flecken oder sogar Fehler gibt, hier könnte man Gott vielleicht noch hinbugsieren, wenn man denn einen braucht.

    Da Sie sich ja als 'Experte' für die Philosophie des Geistes ausweisen, möchte ich Ihnen den folgenden kurzen Überblick über einige psychologische Theorien für die Ursachen eines Gottesglaubens nahelegen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gott#Psychologische_Erklärungsversuche

    Als 'Experte' für die Philosophie des Geistes wissen sie ja sicher auch, dass so etwas wie eine 'Psychophysik' tatsächlich existiert. Starke Hinweise auf diese Tatsache liefern beispielsweise:

    Mondtäuschung

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mondtäuschung

    Wahrnehmungstäuschungen

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Wahrnehmungstäuschung

    Leggett-Garg-Ungleichung

    http://en.wikipedia.org/wiki/Leggett%E2%80%93Garg_inequality



    Wie Sie sehen, der KONSTRUKTIVISMUS ist auf dem Vormarsch !
    Hat Jesus je etwas derartiges gelehrt ?? -- Ups, ich glaube nicht !

    Aus der oben dargelegten Psychophysik, ergibt sich, dass auch Tiere und Pflanzen ihre Umwelt auf ähnlich den Menschen wahrnehmen.

    Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des Vegetarismus/Veganismus und eines schonenden Umgangs mit der Fauna.


    Ihre Artikel über die böse Pop-Wissenschaft und den lieben Gott sind auch deshalb so köstlich, weil sie ein gutes Beispiel für einen Selbstbezug sind:

    Ein bestenfalls auf popularwissenschaftlichem Niveau tätiger Schweizer Physiklehrer (Sie) schreibt in diversen Massenmedien über die böse Popularwissenschaft und zieht dabei noch über die wirklich Großen der Physik her.

    Aber zum Thema Selbstbezüglichkeit habe ich etwas für Sie.
    Auf meiner Wikipedia-Benutzerseite

    http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Basti_Schneider

    schreibe ich an einem kurzen Artikel wie man den Buddhismus (nicht das Christentum oder die anderen abrahamitischen Religionen !!) und die Naturwissenschaften noch näher zusammenbringen kann.

    Es ist aber alles noch relativ ungeordnet und chaotisch.


    Nach all den blauen AUGEN, die die christliche Religion in der Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaften schon kassiert hat (Erde Mittelpunkt des Weltalls etc.), können die Christen wohl auch dieses mal wieder ihre Sachen packen!

    Ich persönlich helfe Euch gerne dabei (beim Packen)!

    Viele Grüße auch an Ihre christlichen und weltoffenen (Minarette) Eidgenossen , beschützt weiter den Ratzinger Seppl so vorbildlich !
    Und nicht vergessen, Gott ist immer anwesend, zumindest in den Wahnvorstellungen der Schweizer.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Schweizerpsalm




    Mit freundlichen Grüßen

    Sebastian Schneider
    Berlin, Deutschland

    P.S. Weinbau ist aufgrund der riesigen Monokulturen ökologisch nicht besonders positiv.
    Aber irgenwie muss man sich ja profilieren, nich..?





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