Samstag, 14. Januar 2012

Denken braucht ein handwerkliches Ethos

Argauer Zeitung, 5.11.11



Vor zwei Jahren gelangte in den USA ein Buch auf die Bestsellerliste der New York Times, das den wunderlich-anachronistischen Titel „Shop Class as Soulcraft“ trägt, also übersetzt etwa mit „Werkunterricht als Seelenbildung“ (auf Deutsch erschienen unter „Ich schraube also bin ich“). Sein Autor, Matthew B. Crawford, verkörpert den Typus des akademischen Aussteigers. Der Doktor der politischen Philosophie arbeitete zunächst in einem Think Tank, wo er Abstracts wissenschaftlicher Artikel verfasste. Zunehmend deprimierter und dieser schalen Geistesarbeit bald überdrüssig geworden, suchte er in der Technik „echte“ Arbeit. Er eröffnete eine Reparaturwerkstatt für Motorräder. Und die Befriedigung, die ihm die Arbeit in der Garage bietet, liege darin, dass sie ihm wieder Kopf und Hand zusammengefügt habe. 

Die breite Aufmerksamkeit, die Crawford mit seinem Thema auf sich zog, deutet an, dass er eine neuralgische Stelle unserer Wissensgesellschaft getroffen hat. Zu ihrem Selbstverständnis gehört ja die „Überwindung“ der Handarbeit. Was im globalisierten Kontext natürlich meist heisst: Wir delegieren sie an Menschen anderer sozialer Klassen, anderer Länder, anderer Kulturen („Made in China“). Selbst Hand anzulegen ist für viele geradezu exotisch geworden. Postindustrielle Arbeit braucht die Hände zum Drücken von Knöpfen und Tasten, zum Hantieren mit Handys und Touchpads. Es ist, als zerrinne die Arbeit in den zunehmend automatisierten und virtuellen Umgebungen zwischen den Händen. Sie wird unwirklich. Und so fragen sich nicht wenige „Werktätige“ heute: Was genau habe ich eigentlich am Ende eines Tages vollbracht – ich meine: selber gemacht?

Meiner Ansicht nach bringt Crawford mit seinem Buch ein Ethos aufs Tapet, das aus der Tradition des Handwerks stammt; ein Qualitätsanspruch, den man an sich selber stellt, sei man nun Bäcker, Coiffeur, Programmierer, Musiker, Arzt oder Physiker. Die Ansprüche mögen berufsspezifisch sehr unterschiedlich sein, eines ist ihnen gemeinsam, eine Art von innerem Imperativ, den der Soziologe Richard Sennett in seinem schönen Buch „Handwerk“ so auf den Punkt gebracht hat: Man will etwas um seiner selbst willen gut machen. Das klingt trivial, läuft aber vielen Strömungen des postin­du­striellen Lebens und Arbeitens diametral ent­gegen. Auch in der Wissenschaft.

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Ein Ethos konkretisiert man am besten durch Tugenden, die es bevorzugt und für förderungswert hält. Ich möchte kurz vier Aspekte handwerklichen Expertentums hervorheben, in denen ich so etwas wie Tugenden geistiger Arbeit sehe: Routine, Kennerschaft, Materialsinn, Scheiternkönnen.

Auf dem Weg zum Expertentum spielt Routine eine wichtige Rolle. Sie hat freilich einen schlechten Ruf. Das heisst, wir assoziieren mit ihr stumpfsinnige Abläufe in Maschinen. Und in diesem Sinne bedeutet „Routine“ einfach „Nicht-Nach­denken“. Dagegen müssten wir – gerade in unserer Welt delegierter Routinen – der menschlichen Routine eine positivere, „geistigere“ Bedeutung beimessen. Routinen sind intellektuelle oder manuelle Tätigkeitsschlaufen, die wir variieren und miteinander verbinden können. Wer etwas von Schreinern verstehen will, muss bei routinemässigen Arbeiten am Holz beginnen. Wer etwas von Mathematik verstehen will, muss mathematische Operationen durchexerzieren. Wer ein Gespür für die Feinheiten einer Sprache entdecken will, muss Wörter büffeln. Im Gegensatz zur Maschine kann der Mensch aus Routinen ausbrechen. Fertigkeiten, die durch eine Praxis eingeübt sind, machen uns nicht notwendig zu engstirnigen Praktikern. Sie können uns im Gegenteil zu Exkursionen ins Nachdenken beflügeln. Und genau darin zeigt sich der „geistige“ Charakter von Routine. Geistige Arbeit liesse sich geradezu so definieren: Die durch Praxis und Routine gesetzten Grenzen überschreiten. Man wird dadurch selbstkritisch, anspruchsvoll, neugierig. Der grosse Geiger Isaac Stern pries die Vorzüge repetitiven Übens einmal  in der Regel: Je besser die Technik des Geigenspiels, desto unerreichbarer die Massstäbe.

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Der Handwerker weiss mehr, als er in Worte fassen kann. Dieses „Schweigen der Könner“ – so die treffende Beschreibung des Erziehungswissenschaftlers Georg Hans Neuweg - ist kein Defekt, sondern eine Besonderheit: Kennerschaft ist grösstenteils im Kenner sedimentiert. Solches Wissen besteht daher primär in seiner Ausübung, nicht in seiner Aufschreibung. Es kann dadurch auch nicht so einfach in Enzyklopädien oder Expertensysteme ausgelagert werden. Den guten Richter wie den guten Chirurgen oder den guten Schreiner zeichnet eine Fachtüchtigkeit aus, die über bloßes Fachwissen hinaus reicht. Nähme man einen Arzt ernst, der uns sagen würde, er wisse alles über Herzchirurgie, habe aber noch nie eine Operation selber durchgeführt?

Kennerschaft erwarb man früher im Meister-Lehrling-Verhältnis. Der Erfahrene zeigte dem Novizen, „wie es geht“. Man sollte sich hüten, dies als  veraltet zu betrachten. Kennerschaft findet sich nach wie vor in allen Bereichen der Kopf- und Handarbeit. Sie hebt eine weitere Tugend hervor: Sinn und Sorge für das Material. Ein Schreiner weiss Bescheid über Holzarten, weil er mit ihnen gearbeitet, mit dem Material einen „Dialog“ geführt hat. Seine Hände verkörpern quasi das hantierende Gedächtnis früherer Arbeiten und Erfahrungen. Fragt man ihn etwa nach der Art eines Holzes, kann man unter Umständen mit einer regelrecht poetisch anmutenden Terminologie überhäuft werden, ist die Rede von streifiger, geriegelter, geflammter, geäderter, gefladerter, gemaserter, flirrender, pom­melierter Textur der Holzart. Solche Adjektive vermitteln den Eindruck einer präzisen Lust am Stoff, eines hand- oder sinnennahen Umgangs mit ihm. Sie ist nicht auf das Schreinern beschränkt. Über James Joyce gibt es die Anekdote, ein Freund habe ihn in seinem Arbeitszimmer getroffen, den Kopf auf die Schreibtischplatte gelegt. Was los sei, fragte der Besucher. Er käme mit der Arbeit nicht voran, antwortete Beckett.  Wie viel er denn geschrieben habe, fragte der Freund. „Zwei Wörter,“ sagte Joyce. „Aber James“, meinte der Freund, „da kannst du doch zufrieden sein .. gemessen an deinem Arbeitstempo.“ „Ja, schon,“ erwiderte Joyce schon fast verzweifelt,“ aber ich weiss nicht, in welcher Reihenfolge ich sie schreiben soll.“ Die Verzweiflung des Schriftstellers bringt sehr schön das handwerkliche Bewusstsein seiner Arbeit – des „Wortwerks“ – auf den Punkt. Von dieser Tugend her betrachtet, lassen sich umgekehrt auch sogenannte intellektuelle Berufe wie Arzt, Ingenieur, Jurist, Schriftsteller, Lehrer durchaus als „Handwerk“ verstehen. Aus ihrem Materialbewusstsein wächst nicht nur Sinn und Sorge, sondern auch Verantwortung für ihr besonderes „Holz“: den Organismus,  die Brücke, das Gesetzeswerk, die Sprache, die Schüler. Gerade an diesem Bewusstsein haben es die Wirtschaftswissenschafter in den letzten Jahren fehlen lassen.

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Damit zusammen hängt auch der letzte Punkt: Scheiternkönnen. In der Atemlosigkeit heutigen Forschungswettrennens, wo man den Mund nicht voll genug nehmen kann mit Verheissungen über Durchbrüche an der Front, wären gelegentlich Marschpausen nötig. Sie erinnerten uns vielleicht an das Wesen wissenschaftlichen Vorgehens, das man am treffendsten in den Worten Samuel Becketts beschreibt: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Jeder seriöse Forscher weiss: Die Welt tickt nie genauso, wie er sich das vorstellt. Er hat ein professionelles Bewusstsein für die Unzulänglichkeit, das Scheiternkönnen seiner Denkarbeit. In dieser Einstellung gleichen sich Wissenschaftler und Handwerker. Auch der versierte Handwerker weiss: Die Dinge laufen meist nicht so, wie er das will. Er zeichnet sich aus durch ein Gespür, oder sollte man vielleicht sogar sagen: eine Demut vor den Eigenheiten, Widerspenstigkeiten, Unvorhersehbarkeiten, Un­voll­kommen­heiten des Mediums, mit und an dem er sich abmüht. Das Scheitern ist sein treuester Gehilfe, sein bester Lehrer.

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Mit der These, dass Wissenschaft ein handwerkliches Ethos braucht, würdige ich weder die intellektuelle Arbeit herab noch romantisiere ich manuelle Traditionen. Wir brauchen beides, Kopf und Hand. Nur begünstigen die gegenwärtigen wirtschaftlichen, technischen und politischen Bedingungen ein anderes Ethos, das in Wissen und Bildung primär Instrumente der Marktpositionierung und Best Practice sieht. Das universitäre Studium verschreibt sich ihm heute in weiten Bereichen. Die Industrialisierung hat auch die Kopfarbeit ergriffen. Vorzugsweise bilden sich die Studenten zu „Wissensarbeitern“ aus, munitionieren sich mit lego-artig zusammenfügbaren Modulen für die freie Wildbahn des Arbeitsmarktes. Ist bekannt, dass der Begriff des Moduls aus dem Maschinenbau stammt?

Natürlich plädiere ich nicht für eine Rückkehr zur Werkbank. Zu denken gibt aber die schleichende Aushöhlung jenes Imperativs, der die innere Bindung an die Arbeit honoriert. Und genau das ist das tiefe Paradox einer Gesellschaft, die einem grossen Teil heutiger Arbeit – auch der wissenschaftlichen - mit der Hand zugleich die Seele austreibt. 


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