Donnerstag, 28. November 2024

 


NZZ; 28.11.24

Das Omelett und die vielen Eier

Der neue Mensch – ein antizivilisatorisches Projekt

Eine der schrecklichsten Ideen der Menschheitsgeschichte ist jene des besseren oder neuen Menschen. Sie verleiht den ungeheuerlichsten Schandtaten die infame Dignität des Befugten, ja, Heroischen. Der Weg zum besseren Menschen fordert seine Opfer. «Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen», lautet die Lenin zugeschriebene Devise. Viele, sehr viele Eier, dafür sorgte Stalin. Dafür sorgten Mao, Pol Pot und all die anderen mörderischen Eierzerschlager. 

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Die Crux der Idee des neuen Menschen lässt sich in zwei Fragen verdichten. Die erste: Wer definiert den neuen Menschen? Und die zweite: Was tut man mit dem alten Menschen? In den revolutionären Entwürfen der Menschenverbesserer manifestiert sich wiederkehrend die Anmassung, zu wissen, wie der Mensch tickt, was er will, welche Lebensform für ihn die beste ist, wie man sie verwirklicht. Ein intellektueller «Radikalismus» sondergleichen, der nur dann harmlos bleibt, wenn er nicht zur praktisch-politischen Durchsetzung drängt – und das tut er leider fast immer. 

Die Geschichte braucht nicht noch einmal erzählt zu werden, welche realen Formen die Idee des neuen Menschen im 20. Jahrhundert annahm. Bisher hat sie ihr Biotop vor allen in totalitären Systemen gefunden. Und es ist durchaus richtig, Nationalsozialismus, Faschismus und Kommu-nismus als Warnbeispiele herbeizuziehen. In ihnen allen trieb der Keimgedanken des neuen Menschen sein Unwesen: des rassenreinen Ariers, des beliebig manövrierbaren Arbeiter-Soldaten, des «neuen Italieners», der vor allem glaubt, gehorcht und kämpft. Natürlich handelt es sich um Konditionierpraktiken. Aber indem man sie desavouiert, verabschiedet man nicht not-wendig den ideellen Kern in ihnen. Der neue Mensch spukt nach wie vor in zahlreichen Köpfen. 

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Das heisst, der totalitäre Charakter steckt schon in der Logik des Gedankens. Der neue Mensch stellt einen Idealtypus dar. Ideale sind immer Abstraktionen. Sie «ziehen» vom Menschen, wie wir ihn kennen, unerwünschte Merkmale «ab». Sie bosseln ihn gedanklich zurecht, und fordern auf, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Die Realisierung des Ideals erfolgt nun freilich nicht in der Reibungslosigkeit des Gedankens. Sie bedeutet realiter stets Homogenisierung der Bevölkerung, durch Propaganda, Manipulation, Erziehung, Dressur, Zwang. Der neue Menschentyp hat sich der Abstraktion zu unterziehen, und wer das nicht tut, spürt deren reale physische Gewalt. Sie bedeutet das Ausmerzen von Abweichlern, Minderheiten, «Feinden» der Gesellschaft. Man tötet nicht Menschen, man tötet Angehörige einer abstrakten Kategorie. 

In der Metapher des Omeletts drückt sich die inhärente Menschenverachtung am ungeschminktesten aus. Sie erreicht die Spitze des Zynismus dann, wenn die Propheten des neuen Menschen eine Bevölkerung als «Experimentiermasse» betrachten, welche die Opferbereitschaft aufzubringen hat, der Idee zum Durchbruch zu verhelfen. So etwa Che Guevara, zur Zeit der Kubakrise und eines drohenden Nuklearkonflikts. Er gebrauchte ein der Omelett-und-Eier-Metapher verwandtes Bild. Er lobte die Fähigkeit des kubanischen Volkes, das sich «geleitet durch einen Führer von historischer Grösse, bis zu einer selten in der Geschichte erlebten Höhe entwickeln konnte. Es ist das fiebererregende Beispiel eines Volkes, das bereit ist, sich im Atomkrieg zu opfern, damit noch seine Asche als Zement diene für eine neue Gesellschaft.» 

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Mit dem Mauerfall 1989 verloren die revolutionären Gesellschaftsentwürfe ihre utopische Strahlkraft. Nun bietet sich neuerdings nicht primär die Gesellschaft, sondern der individuelle Körper als Ansatzpunkt der Verbesserung an - des «Enhancement»: der Erweiterung, Verstärkung, Steigerung. Der menschliche Körper – zumal sein Gehirn - ist, da man seine Komponenten bis in die molekulare Struktur zu erkennen beginnt, beliebig gestaltbar. Die Spielräume, die moderne Digital- und Biotechnologien eröffnen, lassen jene der dystopischen Fiktionen eines Orwell und Huxley hinter sich. Man zerschlägt jetzt die Eier nicht mehr, man baut sie so um, dass sie inhärente Anlagen zum Omelett haben. Ein neuer Totalitarismus entsteht - mit humaner Schminke.  

Eine flagrante Form ist die Verhaltenszurichtung nach chinesischem Modell. Die kommunistische Obrigkeit vertritt eine Art von digitalem Leninismus. Menschen sind lenkungsbedürftige Herdenwesen. Um sie in einer friedfertigen, produktiven, innovativen Gesellschaft zu organisieren, braucht es einen weisen, strengen Grosshirten, sowie servile Unterhirten und abgerichtete Wachhunde. Dazu muss man den Bürger zum Bürger-plus-App umfunktionieren. Die Idee des neuen Menschen findet ihre zeitadaptierte Gestalt im Sozialkreditsystem. Es zielt darauf ab, das Verhalten des Bürgers so zu «zivilisieren», dass es sich ohne äussere Zwänge mit den politischen und ökonomischen Vorgaben der Regierenden verträgt. Kein offen sichtbarer Staatsterror (ausser bei solchen, die nicht mitmachen), sondern innere Disziplin, die man als Beglückung feiert. Es ist doch so schön, über die Scoring-App zu erfahren, wie sehr einen die Obrigkeit schätzt oder wie vertrauenswürdig eine Person ist, der man begegnet. Das eigene Urteilsvermögen kann bleiben, wo es will. 

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Richten wir den Blick nicht exklusiv auf die chinesischen Verhaltensdresseure. Der Trend ist universell: das Zusammenwachsen von Mensch und Technik. Es kennzeichnet die ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts, und man zelebriert es in den einschlägigen Kreisen als ultimative Befreiung des Menschen. Befreiung nun auch von seinem biologischen Erbe. Die traditionelle Prothetik, die der Reparatur und Rehabilitation des Körpers durch künstliche Komponenten dient, wird intelligent. Und es ist abzusehen, dass man den Menschen immer mehr mit Implanta-ten «anreichert», die ihn auf ein posthumanes physisches und kognitives Niveau zu heben versprechen. Die «Strategische gesellschaftliche Initiative 2045» - eine 2011 vom russischen Internetmogul Dimitry Izkow gegründete Non-Profit-Organisation - visiert ausdrücklich die Vervollkommnung der Menschheit mittels Wissenschaft und Technologie an: «den Transfer der Persönlichkeit eines Individuums auf ein anderes nichtbiologisches Trägermedium (..), um so das Leben zu bis hin zum Punkt der Unsterblichkeit zu verlängern.»

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Die unverbesserlichen Menschheitsverbesserer reden gern vom Menschen als Gattung. Sie scheinen nicht viel von der Idee zu halten, dass das Menschliche am Menschen gerade in seiner sperrigen Individualität liegt. Und damit ist ja auch erneut das Grundproblem der Utopie angesprochen: ihr abstrahierender Charakter. Man muss an einem Idealtypus Mass nehmen, um «die» Menschheit zu verbessern. 

Der neue Mensch begründet in der Regel einen Elitismus. Für die bolschewistischen Visionäre waren nicht alle für den neuen kommunistischen Menschen vorgesehen. Der Idealtypus aus Silicon Valley dürfte eine neue Ungleichheit zwischen mehr und weniger «enhancten» Exemplaren unserer Spezies begründen. Von Demokratie hält die Techno-Oligarchie ohnehin nicht viel. Und die Befreiung vom «Diktat» der Biologie liefert die Menschen ja nur umso unausweichlicher einem neuem Diktat aus, nämlich jenem der Daten-Proliferation. Der neue Mensch, das ist jetzt die Internet-Laborratte, die sich einem immerwährenden Upgrading für die aktuellesten KI-Systeme zu unterziehen hat. Wer das nicht freiwillig tut, ist alter Humanschrott, buchstäblich ein Nicht-Nutz(er). Bleibt abzuwarten, was mit ihm geschieht.

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Wir leben heute in einer Welt der Technikfrömmigkeit und Leichtgläubigkeit in alles, was uns angeblich von unseren natürlichen «Fesseln» befreit. Wir haben ein Transzendenzbedürfnis nach dem «erlösten» Zustand. Aber wenn wir ihn in den Horizont des technisch Machbaren hereinholen wollen, dann ebnen  wir dem Gegenteil den Boden. Schlimm genug sind schon Menschen, die wissen, was gut ist für uns. Schlimmer sind «bessere» Menschen. Die Hölle: Das ist der perfekte Mensch.






Donnerstag, 31. Oktober 2024

 


NZZ, 30.10.24


Der Wille zur Rache

Das Erstarken des Vergeltungsgedankens in der Politik

Wir erinnern uns: Anfangs Mai 2011 exekutierte eine Spezialeinheit der US-Navy Osama Bin Laden in dessen Heim in Pakistan. Präsident Obama verkündete dem amerikanischen Volk: «Justice has been done». Und damit bediente er ein vorherrschendes Gefühl, das eine populäre Zeitung so zum Ausdruck brachte: «Wir haben ihn! Endlich wurden wir gerächt!» Solche Wortwahl erinnert an Vendettas. Besonnenere Zeitgenossen wunderten sich, wie Obama, im-merhin ein ausgebildeter Jurist, sich an einer solchen Formulierung vergreifen konnte. Meinte er nun «Gerechtigkeit» als Rache?

Der Terrorismus ist bedrohlich genug. Noch bedrohlicher ist eine allgemeinere Entwicklung: des Wiederauflebens und Erstarkens des Rachegedankens in der Politik. Die Islamisten sind die Pioniere. Ihre Ideologen des modernen Terrors wollen primär keinen Krieg gewinnen, sie wollen Vergeltung als Antwort auf die Erniedrigung und Kränkung der islamischen Kultur durch die Entwicklung der modernen Zivilisation, die ja nun tatsächlich primär in Europa und Nordamerika stattgefunden hat. 

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Dieses Gefühl der Erniedrigung ist die eigentliche Brutstätte des Racheaffekts. Demagogen aller Art verwenden eine Dreischritt-Taktik zur Weckung dieses Affekts. Man redet dem Publikum zunächst ein, wie stark es gedemütigt werde. Dann sucht man nach den Urhebern dieser Erniedrigung. Schliesslich inszeniert man sich als die Figur, die Vergeltung verspricht. 

Ein Schulbeispiel lieferte Donald Trump in seinem Wahlkampf 2016. Er begann auf dem Regis-ter der Erniedrigung und Bedrohtheit: «Unser Land ist in ernsthaften Schwierigkeiten. Wir haben keine Siege mehr (..) (Die Chinesen) lachen über uns als Einfaltspinsel. Sie schlagen uns im Geschäft.» Dann suchte er im zweiten Schritt die Schuldigen: «Wenn Mexiko seine Leute schickt, schickt es nicht die Besten (..) und diese Leute bringen ihre Probleme zu uns. Sie bringen Drogen. Sie bringen Kriminalität. Sie sind Vergewaltiger (..) Und all dies kommt nicht nur von Mexiko, sondern von überall her aus dem Süden (..) und es kommt wahrscheinlich – wahrscheinlich – aus dem Mittleren Osten». Schliesslich öffnete der Überbringer schlechter Nach-richten seinen Wundermittelkoffer: «Nun braucht unser Land (..) einen wirklich grossen Führer (..), einen Führer, der ‘The Art of the Deal’ schrieb, der unsere Jobs zurückbringt, unser Militär». Diesem Niveau bleibt Trump bis heute treu. Er spielt den Rächer der Erniedrigten. An einer Konferenz der Konservativen 2023 sagte er: «Für all die, denen Unrecht getan wurde: Ich bin eure Vergeltung». 

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Es verlockt, zumindest hypothetisch, das Aufleben des Rachegedankens mit der globalen Lage in Zusammenhang zu bringen. Die Welt ist ethnisch-kulturell zersplittert, trotz UNO-Charta. Heute spricht man schon fast abschätzig über eine sogenannte regelbasierte Weltordnung. Wo aber die Fundamente eines internationalen Regelwerks bröckeln, kann der Rachegedanken ungehindert Fuss fassen. 

Ganz offensichtlich im Israel-Hamas/Hizbullah-Konflikt. Die Medien gebrauchen gerne das Bild der unaufhaltsamen Eskalationsspirale. Beide Parteien «müssen» vergelten, aber nach unterschiedlicher Logik. Die islamistische Logik sieht im Terror Vergeltungsaktionen gegen die «Kolonialmacht» Israel, letztlich gegen «den Westen». Und die Rache trifft mit wahlloser Grausamkeit Zivilisten. Die israelische Logik sieht sich gezwungen, darauf zu reagieren. Aber wie? Soll man Gleiches mit Gleichem vergelten? Palästinensische und libanesische Zivilisten eben-falls wahllos «bestrafen»? Das kollaterale Leid, das israelische Gegenschläge verursachen, ist entsetzlich, und gewiss spielen auch Rachemotive mit. Aber der Staat Israel steckt in der Zwickmühle. Er hängt von westlicher Unterstützung ab, und er sieht sich im Gegensatz zur Hamas und dem Hizbullah einem Internationalen Gerichtshof verpflichtet. Das Urteil des Genozid-Staates hängt über allen seinen Aktionen.  

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Abgesehen von solcher Rechtfertigungsproblematik vernimmt man in Zeitungskommentaren nun Atavismus-Alarm; die Warnung vor biblischen Zeiten des «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Also letztlich vor kompromisslosen Vergeltungskriegen. Zeigt sich hier das Modell für ähnliche politische Konflikte? Spekulationen über kulturelle Rückschritte sind stets abenteuerlich. Aber mich sucht in diesen Tagen die Erinnerung an Francis Fukujamas These vom Ende der Geschichte heim, die den globalen Siegeszug der liberalen Demokratie – und damit auch der Rechtsstaatlichkeit - verkündete. Man konnte die These als Lob «westlicher» politischer Reife lesen, die das Zeitalter der Vergeltung endlich überwindet, und uns «Aufgeklärten» erlaubt, die Welt dank Recht und Gesetz zu regulieren. 

Nichts gegen Aufklärung, aber hüten wir uns vor leichtfertigem Idealismus. Ressentiment und Rache lassen sich durch Recht und Gesetz nicht überwinden, nur verdrängen. Und gerade im Souterrain des Verdrängten entfaltet der Wille zur Rache seine diabolische Potenz. 

Also potenziell  in uns allen.







Mittwoch, 9. Oktober 2024

 


NZZ,7.10.24

Diagnose: Naturanalphabetismus

Sprachverödung heisst Naturverödung


Das Lamento über das Verschwinden der Arten ist allbekannt. Mit dem Schwund in der Natur korrespondiert allerdings ein anderer, ebenso bedenklicher Schwund, nämlich in der Sprache. Dabei wuchert unser Wortschatz traditionell wohl nirgendwo üppiger und dichter als im Reich von Flora und Fauna. 

Zum Beispiel diese zarte und lustvoll exakte Annäherung an das Gewächs in alten Botanik-schwarten. Linnés „Pflanzensystem“ (deutsch 1787) beschreibt eine Flechtenart (Hunds-flechte) so: „Die Blätter sind zart, breit, flach, eben, einfach oder in ziemlich runde Lappen geteilt. Die Oberfläche derselben ist an der frischen (..) Pflanze braungrünlich oder bleich-bleifärbig, mit einem aschgrauen mehlartigen Staube bedeckt (..) An der aufgerichteten Spitze des Blattes sitzt ein Fingernagel-förmiges, eirundes, oberwärts konvexes, unterwärts konkaves bräunliches oder dunkelrötliches Schildchen, welches an seiner Unterfläche ebenfalls inkarnatrot ist.“ 

Oder dann Vogelbücher wie etwa Petersons „Die Vögel Europas“, wo über den Habichtsadler zu lesen ist: „Länglicher Schwanz mit einem halben Dutzend matter Binden und einer breiten dunklen Endbinde. Von unten gesehen hebt sich die schmal gestreifte, seidenweisse oder rahmfarbene Unterseite von den langen dunklen Flügeln ab. Junge mit rostfarbenem Kopf, dicht röstlichbraun gestreifter Unterseite und eng gebändertem Schwanz.“ Und erst noch die Lautmalerei. Seine Stimme: ein schnatterndes „kai, kai, kikiki.“ 

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Immer, wenn ich solches lese, beschleicht mich eine unbestimmte leise Trauer: Habe ich das je beobachtet, je gehört? Der britische Reiseschriftsteller Robert Macfarlane betreibt eine Art von Archäologie der Landschaftssprache und er macht in seinem neuen Buch „Landmarks“ (2015) auf ein generelles Symptom in unserem Verhältnis zur Natur aufmerksam: Wir verlernen diese Sprache. Auf den Hebriden fand er zum Beispiel ein „Torf-Glossar“, eine Sammlung von über hundert gälischen Ausdrücken für das Moorland. Er stiess auf Wörter für feinen Eisfilm auf Blättern und Zweigen, für den leisen Windhauch auf der Oberfläche eines stillen Gewässers, für den Tunnel am Grund einer Hecke, den kleine Tiere für ihren regelmässigen Durchgang schaffen. „Landspeak“ nennt Macfarlane diese Sprache. Nun wird aber unsere Ökologie zunehmend überformt von technischen Systemen, und das schlägt sich notgedrungen im Sprachgebrauch nieder. Mit Videos auf Youtube brauchen wir kein Vokabular der Landschaftsbeschreibung mehr. Wie der amerikanische Umwelthistoriker William Cronon bemerkt hat, besteht das beste Verständnis der Natur um uns im Verständnis der Natur in uns; und dazu gehört Sprache: „Die Natur in unseren Köpfen ist ebenso wichtig wie die Natur, die uns umgibt, denn die eine gestaltet und filtert ständig die Art und Weise, wie wir die andere wahrnehmen.“ 

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Macfarlane weist auf ein anderes Phänomen hin, das mit dem Sprachverlust für die Natur einhergeht: auf die Kompensation oder vielmehr den Ersatz durch ein neues universelles Technospeak. Der Oxford Junior Dictionary, ein Nachschlagewerk für Kinder, hat eine Vielzahl von Wörtern für die Natur getilgt. Sie seien für ein Leben in den heutigen Umwelten nicht mehr relevant: zum Beispiel Eichel, Kreuzotter, Esche, Buche, Weidenkätzchen, Löwenzahn, Heide, Efeu, Mistel Wiese. An ihrer statt nimmt der Diktionär jetzt Begriffe auf wie Attachment, Block-Graph, Blog, Breitband, Chatroom, Cut-and-Paste, MP3-Player, Voice-Mail. 

Eine fundamentale Verschiebung. Wie Macfarlane schreibt, manifestiert sich darin nicht nur ein Schwinden unseres Gespürs für die Natur, sondern auch der Verlust einer „Art von Wortmagie: einer Kraft, die bestimmte Begriffe besitzen, um unser Verhältnis zur Natur und ihren Orten zu verzaubern.“ Wir vermüllen die Natur nicht zuletzt dadurch, dass wir das Vokabular der Imagination zum Abfall werfen. Wir bemerken nicht, dass Sprachverödung nur die eine Seite der Naturverödung ist. 

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Ein Einspruch wie jener Macfarlanes wird heute schnell als pastorales Genre, als „romantisch“ oder „nostalgisch“ abgetan. Aber das verunglimpft die Romantik, die alles andere als rückwärtsgewandt war. Adalbert von Chamisso zum Beispiel schrieb nicht nur „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, er war Botaniker; er entdeckte unter anderen den Goldmohn -  die kalifornische Wappenblume – und nach ihm ist etwa auch eine Heidelbeerart - Vaccinium chamissonis – benannt. Er verfasste ein Lehrbuch mit dem ziemlich un-romantischen Titel: Übersicht über die nutzbarsten und schädlichsten Gewächse, die wild oder angebaut in Norddeutschland vorkommen (1827). 

Chamisso wäre heute wohl am ehesten den Ökologen zuzurechnen - allerdings wäre er ein besonderer Ökologe. Immer hatte er auch die Verschränkung von Natur und Kultur – also Sprache - im Blick. Die Pflanze war für ihn nie nur Forschungsobjekt, sondern ein Natur-subjekt, das „mächtig auf die Geistesrichtung einzelner Individuen, wie die Kulturgeschichte ganzer Völker eingewirkt hat (..) Die Vegetation ist es, die an den Boden gefesselt, den festen Teil der Erdoberfläche mit einem grünen Teppich bekleidend, so mächtig Geist und Gemüt anregt. Sie ist es, die vorzugsweise der Erdoberfläche das Ansehen einer belebten gibt und den Eindruck der allverbreiteten Lebensfülle hervorruft.“ Das gleiche liesse sich auch von der Sprache sagen. Eine Landschaft ist eine  geologische und linguistische Sedimentation.

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Hoffnung besteht allerdings. Die Tilgung der Naturwörter aus dem Oxford Junior Dictiona-ry hat den Protest von – zum Teil bekannten - Autorinnen und Autoren hervorgerufen. Der Schriftsteller und Photograph Tim Robinson stellte das Bedürfnis nach einer Sprache fest, die einer „säkularen Zelebrierung von Orten“ angemessen sei. Ein anderer Photograph, Dominick Tyler, veröffentlichte einen prachtvollen Band über englische Landschaften („Uncommon Grounds“), in dem paarweise 100 Wörter für Naturszenen mit entsprechen-den Bildern zusammengestellt sind. Vom Botaniker Richard Mabey stammt das Buch „The Cabaret of Plants“, in dem er für eine „neue Sprache“ plädiert, welche die Pflanze in ihrer spezifischen Individualität würdigt.

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Dann gibt es natürlich immer noch die Naturlyrik, etwa Marion Poschmanns „Geliehene Landschaften“ (2016). Sie nennt ihre Lyrik „Lehrgedichte und Elegien“. Ihr Blick auf die Natur ist von der Stadt geprägt. Er weiss vom Vordringen des Technischen und Urbanen, zum Beispiel in die ehemals besungene Pracht der Alpen. Die Sprache ist kalt und technisch. Mönch und Jungfrau im Berner Oberland werden da direkt angesprochen:

„Du schläfst in stabiler Seitenlage am Rande

der Alpen, am Rand der Verbreitungskarten 

rotkarierter Lawinengefahr. Thermikzieher

schrauben sich durch die Habitusbilder der Skigebiete,

und Abluft in haushaltsüblichen Mengen verfängt sich 

in Hecken, steigt auf zu den glitzernden Wolken der Welt.“

Die Eroberung der Alpenwelt ist hier längst Banalität. Es mischen sich das Erhabene der „glitzernden Wolken der Welt“ und die „haushaltsüblichen Mengen“ an Abluft. Das Gedicht handelt vom Anthropozän, von der Dominanz des Menschen über die Natur. Aber trotz ihres „elegischen“ Charakters hört man aus dieser Lyrik einen trotzigen Appell heraus: Schaut doch mal hin, in was für einer Umwelt ihr lebt! Und ich liefere euch das Vokabular für die Sichtbarmachung dieser Umwelt! 

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Hoffnung kommt auch von einer anderen Seite. Macfarlane erzählt von einem fünfjährigen Mädchen, das für die weichen Grassamen in seinen Händen eine eigene Bezeichnung aus-heckte: „Honigpelz“ („honeyfur“). Oder, als er seinem kleinen Sohn sagte, dass es keinen Ausdruck für den schimmernden Buckel gibt, der entsteht, wenn Wasser über einen Stein strömt, antwortete der Kleine spontan: Strömungspopo („currentbum“). Wunderschön. Kinder haben diese magische Fähigkeit, die Erde mit Sprache stets wieder neu zu verzaubern. Treiben wir ihnen diese Fähigkeit nicht aus. Die Rettung der Natur liegt nicht zuletzt in der Auswilderung unserer Sprache für die Natur. 


Freitag, 13. September 2024



NZZ, 12.9.24

Rohstoff Wissen – Treibstoff Nichtwissen

Wissenschaft ist nicht Wissensdienst


Warum stecken wir eigentlich so viel Geld in die Wissenschaft? Gängige Antwort: Weil sie uns Wissen liefert. Und damit meinen wir in der Regel Wissen, das sich in Anwendungen umsetzen lässt: Die Quantenphysik in superschnelle Computer, die Chemie in neue synthetische Stoffe, die Molekularbiologie in Nano-Medikamente, die KI-Forschung in intelligente Maschinen, die Neurophysiologie in Hirnimplantate. Gerade die beiden letzten Jahrzehnte haben einer Mentalität zum Aufschwung verholfen, die man als «Muskisierung» der Wissenschaft bezeichnen könnte; also die risikokapitalistische Investition in hochfliegende, ja, grössenwahnsinnige Forschungsprojekte zur Beglückung der Menschheit. 

Diese Mentalität ist eigentlich jüngster Auswuchs eines Mythos, der seinen Ursprung im 17. Jahrhundert beim ersten Propagandisten der neuzeitlichen Forschung Francis Bacon hat. Er lautet kurz und bündig: Wissen ist gut; mehr wissen ist besser. Damit halten wir es bis heute. Dank Wissenschaft wissen wir immer mehr. Und Wissen befreit uns aus dem Dämmerzustand der Ignoranz. Nur vergisst dieser Mythos die andere Hälfte der Geschichte. Wissenschaft schafft auch Nichtwissen. 

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Das bedarf der Erläuterung. Vergleichen wir der Einfachheit halber eines der zentralen wissenschaftlichen Instrumente, die Theorie,  mit einer Laterne. Heute spricht man auch ruhmredig von «Leuchttürmen». Ihr Lichtkreis erhellt ein Stück Dunkelheit, und in diesem Kreis entdecken und erklären wir viele Dinge. Fortschritt besteht darin, diesen Kreis - und dadurch unser Wissen – zu erweitern. Aber bekanntlich vergrössert sich mit dem Radius des Kreises sein Umfang, das heisst: die Grenze zum Dunkel draussen, zum Nichtwissen. Kreative Geister in der Wissenschaft sind sich dieser Grenze ihres Lichtkreises bewusst, sie betonen oft geradezu mit Pathos die Bedeutung des Nichtwissens. Und das liegt an der inneren Dynamik des Erkenntnisprozesses. Forschende Neugier braucht die Spannung zwischen zwei erkenntnistheoretischen Polen, zwischen dem, was man weiss, und dem, was man nicht weiss. Diese Spannung elektrisiert buchstäblich die Phantasie, die explorative Lust am Dunkel draussen. Der Wert der Wissenschaft liegt ebenso im Nichtwissen wie im Wissen. 

Dieser Slogan leugnet nicht die Bedeutung des Wissens als Produktionsfaktor. Er richtet sich gegen ein eindimensionales «finalisierendes» Forschungsverständnis, das an die Wissenschaft immer mehr «externe» Leistungserwartungen heranträgt. Ein solches Verständnis zersetzt – so meine These - den wissenschaftlichen Geist von innen. Denn Wissenschaft steht nicht im Wissensdienst von Industrie und Wirtschaft. Sie ist kein marktgängiges Unternehmen, das unter Vorgabe von Zielen und Plänen seine problemlösenden Produkte – «silver bullets» - liefert. Und Wissenschaft lässt sich nicht - wie die alte Leier «Rohstoff Wissen» suggeriert - als blosse Res-source für industrielle Anwendung vereinnahmen. Zum Rohstoff Wissen gehört der Treibstoff Nichtwissen. 

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Natürlich profitieren Forscher vom traditionellen Bild des Wissen-Schaffers. Wie sonst sollten sie ihr Tun plausibel machen. Niemand erhält Fördergelder, um das Nichtwissen zu erweitern. Erkenntnissuche aber setzt Nichtwissen voraus, als eigentlichen Beweger der Forschung! Wie der renommierte Biochemiker Erwin Chargaff schrieb: «Es gibt in der wissenschaftlichen Forschung ein Suchen und ein Finden. Sucher sind nicht notwendigerweise auch Finder, aber sie verfassen die wertvolleren Reisebeschreibungen. Die älteren Generationen von Wissenschaftlern (..) gehörten vorwiegend zum Typ des Suchers. Das Suchen enthält auch ein Stück Träumen, und man könnte sagen, dass manch ein grosser Wissenschaftler seinen grossen Fund wie im Traum machte, wobei er übrigens nicht immer das fand, was er suchte. Die heutige Forschung aber misst dem Finden allzu grosse Bedeutung zu und pflügt ihre Abkürzungen mit dem Bulldozer durch die stummen Wiesen der Natur». 

Es wäre ein grosses Missverständnis, aus diesen Worten bloss das Lamento eines Nostalgikers herauszuhören. In der kognitiven Leidenschaft Neugier steckt kreative Anarchie, sie ist die wertvollste Ressource der Wissenschaft. Deshalb stellt das Austrocknen dieser Quelle die grösste Gefahr für eine wissensbasierte Gesellschaft dar. 

Läge es deshalb nicht an den Universitäten, das Ethos des Nichtwissens neben aller Exzellenzhuberei öffentlich zu bekunden? Das heisst, sich nicht einfach als Ausbildungsstätten von Skills zu begreifen? Wie wäre es mit einem Propädeutikum, das sich näher mit dem Im-Dunkeln-tappen beschäftigt? Einem Lehrgang für Formen der Ignoranz? Immerhin: Es gibt in Deutschland eine «Akademie der Wissenschaft vom Nichtwissen».  Sie lobt einen Essaypreis aus für die Förderung des Nichtwissens. Kein Jux, kein Spinnerprojekt. Sondern eine Idee, den Wert der Wissenschaft vor ihren Verwertern zu retten.








Dienstag, 23. Juli 2024

 


NZZ, 8.8.24

Die Aura der athletischen Leistung

Über den Homo sportivus optimus

Angesichts der «übermenschlichen» Performance des Tour-de-France-Siegers Tadej Pogacar spricht der ehemalige Radrenntrainer Antoine Vayer von «Mutanten».  Damit bringt er ein Unbehagen zum Ausdruck, das viele Sportbeobachter schon einmal heimgesucht haben dürfte:  Handelt es sich bei diesen Athleten eigentlich um eine neue Gattung - sind das Hybride zwischen Mensch und Maschine? Und die Frage  stösst uns auf eine hundertjährige Sportgeschichte, die sich eigentlich als eine Technikgeschichte entpuppt. 

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Spitzensport ist das Verlangen nach physiologischer Transzendenz: man will über seinen eigenen Körper hinauswachsen, obwohl ihm natürliche Grenzen gesetzt sind. Noch 1927 schrieb der englische Physiologe und Nobelpreisträger Archibald V. Hill: «Es gibt einen Widerstand, der der Muskelsubstanz inhärent ist und der mit steigender Geschwindigkeit ebenfalls ansteigt. Dieser Widerstand fungiert als automatische Bremse, die ein Tier daran hindert, sich zu schnell fortzubewegen und auf diese Weise derart hohe Geschwindigkeiten seiner Extremitäten zu erreichen, dass diese unter ihren eigenen Trägheitsbelastungen brechen würden».

Als man aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Arenen und auf den Strassen vermehrt beobachtete, wie Athleten diesen «inhärenten» Widerstand überwanden, begann sich die Debatte der Sportmediziner um die «physiologische Pathologie» des Spitzensports zu drehen. In seinem Buch «Edu¬cation physique et la Race» schrieb etwa der französische Pionier der Sportmedizin Philippe Tissié unumwunden, dass «sportbedingte Erschöpfung beim gesunden Menschen so etwas wie eine experimentell verursachte Krankheit hervorruft (..) Der Athlet ist ein Kranker.»

Dabei sollte es freilich nicht bleiben. Mit der wachsenden gesellschaftlichen Anerkenung des Leistungssports wurde auch die Frage laut, was denn «biologische Grenze» der Leistung bedeute. Der Spitzensportler stösst eine herkömmliche Werteordnung um: Nicht die gesunde (normale) Physiologie definiert den Rekord, sondern der Rekord definiert die gesunde Physiologie. Immer gebieterischer begann das Experimentierfeld der Ultraphysiologie das Recht zu verlangen, Normen zu setzen. Wer weiss denn, wie weit man die Leistungsgrenze treiben kann, wenn nicht der Athlet selbst? Spitzensport ist die Freiheit, mit der Gesundheit Missbrauch zu treiben. Ganz nach Brecht: «Der grosse Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein». 

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Antoine Vayers Rede von den «Mutanten» weist auf eine andere Grenzauflösung hin. Athlet und Gerät gleichen sich zunehmend an. Der Sportlerkörper ist das Bild, das sich moderne Wissenschaft und Technologie von ihm machen: eine organische Maschine. Der Athlet ist nur zu bereit, die neuesten Errungenschaften der medizinischen und biochemischen Forschung zwecks Leistungssteigerung an sich zu testen. Dadurch liefert er sich – ob er will oder nicht – dem Maschinenbild aus und verhilft ihm gleichzeitig zu gesellschaftlich-kultureller Anerkennung. Er macht sich zum Verbündeten eines hochfahrenden Fortschrittsprojekts, welches die Maschine nicht nur als ebenbürtig zum Menschen betrachtet, sondern als weit leistungsfähiger. Die Entwicklung des Geräts ist nicht an biologische Grenzen gebunden. Wenn man den menschlichen Körper der Kategorie des Technischen zuschlägt, dann gibt man ihn frei zum scheinbar grenzenlosen Umbau. Sport wird Technologiefortsatz. 

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Sport strebt nach Exzellenz, und Exzellenz basiert auf einer Mixtur aus (genetischer) Lotterie und harter Arbeit. Die harte Arbeit wird nun freilich immer mehr unterstützt durch die neuen Mittel der Menschenverbesserung. Und hier liegt der entscheidende Punkt: Bis jetzt verstanden wir unter «menschlich» das, was wir aus dem von der Natur Gegebenen machen. Gewiss, wir ergänzen und verbessern diese Gabe seit alters mit Hilfsmitteln jeder Art. Trotzdem stand bislang unsere «Natur» nicht in Frage. Genau sie aber wird durch das Bio-Enhancement herausgefordert. Die Biologie kann technisch aufgerüstet werden. Menschsein bedeutet nun für eine Avantgarde, das Menschsein hinter sich zu lassen: Transhumanismus. Und in dieser Sicht werden wir uns abgewöhnen zu fragen, was von der Natur und was von der Technik stammt. 

Heute stehen Gentests zur Verfügung, die das Potenzial eines Menschen bestimmen lassen. Das  heisst, dass die Lotterie immer mehr beeinflusst werden kann. Und es gibt Philosophen wie zum Beispiel Julian Savulescu in Oxford, die diese Manipulation des natürlichen Zufalls nachgerade zum sportethischen Gebot der Aufhebung natürlicher Ungleichheit erheben: «Dadurch, dass wir allen leistungssteigernde Mittel erlauben, ebnen wir das Spielfeld». Wer nicht dopt, ist selber schuld.

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Antoine Vayer wünscht sich dagegen einen «wahrhaftigeren» Sport. Was soll man sich darunter vorstellen? Eine Enklave der «puren» sportlichen Leistung? Wenn wir von der tendenziellen Grenzauflösung zwischen Natürlichem – «Reinem» - und Künstlichem – «Gedoptem» - ausgehen, dann mutet der Appell an die Wahrhaftigkeit heute ziemlich nostalgisch  an. Wir bemerken hier eine Parallele zur Kunst. Auch sie wird durch Technologie «gedopt». Die neuesten Systeme der Künstlichen Intelligenz machen sich anheischig, nun selber kreativ zu sein, malerische, musikalische, literarische Werke zu produzieren. Die Künstler befürchten, dass diese Einmischung des Technischen die Wahrhaftigkeit ihrer Werke – ihre Aura - gefährdet. Das muss umso mehr für den Athleten gelten. Er ist Autor und Werk in Person, sein Rekord soll auf einmalige Weise demonstrieren, was er aus sich selbst gemacht hat. Walter Benjamins Feststellung über das Kunstwerk gilt besonders für das «Sportwerk»: Wird es technisch reproduzierbar, verliert es seine Aura.  

Wir wollen im Sport Eigenleistung unter der wachsenden Zudringlichkeit der künstlichen Fremdleistung sehen, Authentizität in zunehmend unauthetischeren Lebensumgebungen. Das Skandalon liegt gar nicht so sehr im Doping, sondern im Umstand, dass man dem wissenschaftlich-industriell-wirtschaftlich-medialen Riesenkomplex Spitzensport nach wie vor den Mantel der «sauberen» athletischen Eigenleistung umhängen möchte; dass man immer wieder so tut, als bekäme man das Hamsterrad unter Kontrolle, das der dopinggeständige Radfahrer Jörg Jaksche mit beissender Lakonie einmal so beschrieben hat: «Nur wer dopt, gewinnt. Nur wer gewinnt, kommt in die Medien. Nur wer in den Medien ist, macht seine Sponsoren glücklich. Nur glückliche Sponsoren geben auch im nächsten Jahr noch frisches Geld.»

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Im Grunde sind wir heute Zeugen eines tiefen und schleichenden Charakterwandels des Sports. Wenn wir bisher - und immer noch - in der sportlichen Leistung unsere natürlichen Gaben bewundern und schätzen, so ist doch festzustellen, dass die Technisierung und in ihrem Gefolge die Ökonomisierung auch das Ziel der sportlichen Aktivität umdefiniert. Die Süssholzraspler der hehren Werte täuschen uns kaum noch darüber hinweg, dass der Sport prioritär an seinem monetarisierbaren Unterhaltungswert gemessen wird. Für Pierre de Coubertin bedeutete das «schneller, höher, stärker» noch die Kultivierung einer «harten, geistig-sittlichen Muskulatur». Heute will das Publikum sich von «mutierten» Athleten faszinieren lassen. Und es zahlt dafür auch wacker. 

Natürlich betreiben wir Sport auch um des Vergnügens willen. Aber die intensive Bewirtschaftung des Vergnügens raubt ihm genau das, was man mit Schiller als sein Ethos definieren könnte: das spielerische Moment. Der Mensch ist nur da ganz Sportler, wo er spielt. Und gerade im Spiel liegt ja der Ansatz der Erziehung zur Freiheit. Heute verhält es sich eher so, dass der Sport diese Freiheit unter dem Zwang der Marktgesetze verliert. Und deshalb ist der technisch aufgerüstete «Homo sportivus optimus» die symptomatische Gestalt einer Gesellschaft, die im Begriff ist, dem Spiel seinen befreienden Charakter auszutreiben.  




Freitag, 31. Mai 2024



NZZ, 30.5.24

Das Monster in uns

Der Hang zum Unmenschlichen ist menschlich

Jüngst war in den Medien von den «Hamas-Monstern» die Rede. «Yahia Sinwar – das Monster von Gaza». Solche Dämonisierung – oder genauer «Monsterisierung» -  hat Tradition. Ein Buch über den Massenmörder Anders Breivik trägt den Titel «The Utoya Monster», ein Film über den Inzesttäter Josef Fritzl «Geschichte eines Monsters». Regelmässig bezeichnet man Untaten, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen, als «monströs». Den Titel «Monster» reservieren wir – oft mit heimlichem erotischem Schaudern - für Menschen, deren psychisches und intellektuelles Universum sich unserem Verständnis entzieht. Deshalb ist der Begriff auch eine Warnung; «monstrare» bedeutet zeigen und warnen. 

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Wovor eigentlich? Sicher vor physischer Bedrohung. Monster wollen Böses, sie wollen von uns Besitz ergreifen, uns vergewaltigen, unser Blut saugen, uns töten. Grund genug, sich vor ihnen zu fürchten. Aber physische Gefahr allein genügt nicht, um sie von anderen Bedrohungen zu unterscheiden. Ein Krokodil kann durchaus eine physische Gefahr darstellen, ist aber kein Monster. Und warum nicht? Weil man es einer eindeutigen Kategorie zuschlagen kann. Das Krokodil ist ein Tier. 

Zum Monstersein braucht es eine andere Aura der Gefahr. Man könnte sie die Gefahr der Uneindeutigkeit nennen. Monster passen in kein Kategoriensystem, sei dies natürlich oder kulturell. Sie sind ein Affront gegen die Natur, die Sitte, das Recht. Wir wissen kognitiv nicht, was wir mit diesem uneindeutigen Ding anfangen sollen. Wenn es keine reelle Gefahr anzeigt, so doch eine virtuelle. Und gerade diese Virtualität – das Gerücht, der Verdacht, die Imagination - macht jemanden zum Monster. Als Zwitterkategorie eignet es sich gut zur Dämonisierung des Anderen. Transmenschen werden oft als solche «uneindeutige» Wesen wahrgenommen. 

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Die britische Fernsehserie «Black Mirror» schildert dystopische Zukunftsszenarien einer völlig technisierten Gesellschaft. In einem Szenario ist die menschliche Spezies von monströsen humanoiden Wesen bedroht. Ein spezieller Trupp von Monsterjägern verfolgt und eliminiert sie. Wie sich allerdings herausstellt, ist den Monsterjägern ein Modul ins Gehirn implantiert worden, das sie andere Menschen als Monster wahrnehmen lässt. Beim Helden der Geschichte funktioniert dieses Modul nicht, weshalb er entdeckt, dass er kein tapferer Verteidiger der menschlichen Spezies ist, sondern am Vernichtungsfeldzug einer verachteten Bevölkerungsgruppe teilnimmt. 

Das ist Science Fiction. Freilich brauchen wir gar keine fiktiven Gehirnimplantate, um in anderen Menschen Monster zu sehen. Gewöhnlich nehmen wir Artgenossen spontan als Mitmenschen wahr. Aber immer wieder mischt die Ideologie des «Untermenschentums» mit, die uns suggeriert, gewisse Mitglieder unserer Spezies seien nicht «eigentlich» menschlich. Wir kennen die Ideologie sattsam aus den Traktaten der Nazis oder der weissen Suprematisten. Jüngst auch aus dem Mund des stellvertretenden Bürgermeisters von Jerusalem, Arieh King. Er erklärte angesichts von fast nackten Palästinensern, die in einer Sandgrube festgesetzt worden waren: Könnte er entscheiden hätte er die Gefangenen mit Bulldozern lebendig begraben; sie seien keine Menschen oder menschliche Tiere, sondern Untermenschen.  

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Wie stark und nachhaltig freilich dieses Ideengezücht in unseren Köpfen wuchern mag, es verdrängt den mitmenschlichen Urblick nie völlig. Oder eher, es spaltet ihn auf in zwei Teilblicke, die sich unter Umständen nicht mehr vertragen. Dieser unheimliche Zwiespalt ist in uns allen angelegt. Und er wird in dem Moment zur Monstrosität, in dem die Ideologie unsere Wahrnehmung derart in Bann schlägt, dass wir andere Menschen gegen die Evidenz unserer Sinne und gegen die innere Stimme unserer Empathie nicht mehr als «unseresgleichen» qualifizieren. Dann geschieht etwas, das im Tierreich eine Ausnahme ist: die Gewalthemmung gegenüber Angehörigen der eigenen Spezies verschwindet nahezu total. Die Hamas-Terroristen sahen in ihren Opfern zweifellos Menschen, und gerade weil die Opfer Menschen waren, wurden sie unmenschlich massakriert. Ein japanischer Veteran des Zweiten Weltkriegs sagte in einem Interview: «Wenn wir chinesische Frauen vergewaltigten, dann betrachteten wir sie als Menschen; wenn wir sie töteten, als Schweine». 

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Wir sind offenbar anfällig für diese «normale» Geistesgestörtheit. Es bedarf dazu gar nicht erst der Ideologie. Auch tradierte Vorurteile, Ängste, tiefverwurzelter ethnischer Hass können den Widerspruch am Köcheln halten. 1993 wütete der Mob im rumänischen Dorf Hadareni pogromartig gegen Roma. Zahlreiche Häuser wurden niedergebrannt, drei Roma getötet. Eine Dorfbewohnerin äusserte sich dazu wie folgt: «Wir sind stolz auf unsere Taten. Eigentlich wäre es sogar besser gewesen, wenn wir mehr Leute verbrannt hätten und nicht nur deren Häuser. Wir verübten keinen Mord – wie kann man das Töten von Zigeunern Mord nennen? Zigeuner sind nicht wirkliche Menschen, weisst du. Sie töten einander. Sie sind Kriminelle, untermenschlich, Ungeziefer».   

Das Vokabular des letzten Satzes enthüllt den ganzen monströsen Widerspruch: Roma sind Kriminelle, also Menschen, und gleichzeitig Ungeziefer, also nicht Menschen – eigentlich sind sie weder noch, nämlich untermenschlich. Die Frau lebt mit diesem Widerspruch in Seelenruhe. Sie demonstriert die «einleuchtende» Logik der Unmenschlichkeit, deren Spur sich vom Dorfpogrom in Rumänien bis zum Genozid in Ruanda zieht. Das teuflische Motiv, andere Menschen als Ungeziefer zu behandeln, liegt exakt darin, dass sie kein Ungeziefer sind. 

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Entmenschlichung beginnt im Kopf. Im Denken und Reden über andere, nicht im Behandeln an-derer, obwohl beides untrennbar zusammenhängt. Der Hang zur Unmenschlichkeit ist menschlich, und ihm wohnt oft eine mörderische logische Stringenz inne. Wir sollten also Humanität auch, nein, vor allem von ihrem entgegengesetzten Pol - der Monstrosität - her denken. Adorno nannte diesen Pol «Auschwitz» und schrieb: «Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung». Aber zu dieser Erziehung gehört notwendig das Memento, dass Ansätze zu Auschwitz immer möglich sind. 

Das forderte Susan Sontag eindringlich: «Wer sich ständig davon überraschen lässt, dass es Verderbtheit gibt, wer immer wieder mit erstaunter Enttäuschung (oder gar Unglauben) reagiert, wenn ihm vor Augen geführt wird, welche Grausamkeiten Menschen einander antun können, der ist moralisch oder psychologisch nicht erwachsen geworden. Von einem gewissen Alter an hat niemand mehr ein Recht auf solche Unschuld oder Oberflächlichkeit, auf soviel Unwissenheit oder Vergesslichkeit». 

Moralische Reife erlangen wir also, indem wir das Monster in den Horizont des Menschenmöglichen einbeziehen. Dann können wir ihm ins Auge sehen – in uns selbst. Fürchten müssen wir es immer. 

Freitag, 24. Mai 2024

 


Der Frosch im Kochtopf


Wenn sich die Dinge langsam und unmerklich verändern, ist man sich der Drastik der Entwicklung kaum bewusst. Man gebraucht hiezu oft das warnende Bild des Frosches im Kochtopf. Er springt aus dem siedenden Wasser, aber lässt sich zu Tode kochen, wenn man die Wassertemperatur stetig leicht erhöht. Die Analogie ist ein Slippery-Slope-Argument. Sie warnt uns vor Trägheit oder Widerwillen gegenüber nötigen Massnahmen und Verhaltensänderungen. Wir seien zum Beispiel angesichts der graduellen Umweltverschlechterungen wie Frösche im Topf, hört man, wir würden erst herausspringen, wenn es zu spät ist – sofern wir das dann noch können. Oder wir seien zuwenig wachsam gegenüber antidemokratischen Bewegungen in gegenwärtigen liberalen Gesellschaften, und wir würden dies erst merken, wenn die Diktatur sich etabliert hat. 

Was sagt die Biologie dazu?

Frösche sind Amphibien. Sie sind Kaltblütler, das heisst, sie produzieren nicht selbst ihre Körpertemperatur wie wir Säuger. Sie zapfen externe Energiequellen an, am häufigsten Sonnenlicht. Vom Gesichtspunkt der Effizienz aus betrachtet ist das sehr klug. Wir Warmblütler müssen viel essen, um die nötige Körpertemperatur zu erhalten. Kaltblütler brauchen viel weniger Nahrung als Energiezufuhr. 

Natürlich merken Frösche, wenn ihre Umgebung zu kalt oder zu heiss ist. Sie  regulieren ihren internen Temperaturhaushalt, indem sie Sonnenlicht suchen, wenn ihnen kalt ist. Wenn ihnen zu warm ist, verdunsten sie Wasser, um dem Körper Wärme zu entziehen, auf die Art und Weise, wie wir Menschen schwitzen. Jede Spezies hat ihr eigenes kritisches Temperaturmaximum. Bei Menschen beträgt es etwa 42 Grad; bei Fröschen zwischen 25 bis 30 Grad. Ein Frosch kann während einer bestimmten Zeit in einer Umgebung mit Temperatur über dem Maximum aushalten, bis er aus der Umgebung flüchtet. Im Übrigen sitzen Frösche nicht einfach so herum, sie sind bewegungsfreudig, was ja auch in der Redensart «Sei kein Frosch!» zum Ausdruck kommt: Lauf nicht davon, wenn die Situation brenzlig ist. 

Lobotomisierte Frösche

Seit Galvanis Experimenten mit Froschschenkeln ist der Frosch ein probates Versuchstier – ein «Präparat» - in der medizinischen Forschung. Hunderttausende dieser Tiere verendeten verstümmelt und verstückelt auf Labortischen. Und mussten auch in den Kochtopf springen. Im späten 19. Jahrhundert stand vor allem das Nervensystem des Froschs im Fokus des Interesses. Der deutsche Mediziner Friedrich Leopold Goltz - entschiedener Befürworter der Vivisektion - führte sogenannte «Ausschaltungsversuche» am Zentralnervensystem des Frosches durch, um Aufschlüsse über die Reflexvorgänge zu erhalten. Er verglich dabei Frösche, die er lobotomisiert – Teile ihres Gehirns entfernt – hatte, mit normalen Fröschen. Goltz erhöhte die Wassertemperatur auf 56 Grad innerhalb von zehn Minuten. Und er stellte fest, dass die hirnlosen Tiere im heissen Wasser blieben, während die behirnten heraussprangen. Natürlich betrachten wir aus heutiger Sicht solche Experimente mit eigentlich trivialem Ausgang als grausam. Aber wir müssen beden-ken, dass die Kenntnis über Vorgänge im Nervensystem – verglichen mit heute - noch dürftig war. Im Übrigen bezweifeln moderne Biologen die Aussagekraft des Experiments. 

Das Haufen-Paradox

Trotzdem ist die Metapher nützlich. Einmal als die Frage, wie wir auf fein abgestufte, kaum bemerkte Weise in gefährliche Situationen hineinrutschen können. Wann ist es zu spät? Das ist ein uraltes philosophisches Problem, bekannt als das «Haufen-Paradox» (Sorites-Paradox). Es hat zu tun mit den sukzessiven kleinen Veränderungen eines Zustands bis zu jenem Punkt, wo der Zustand sich in einen neuen verwandelt. Wir beginnen mit einem Sandkorn und fügen ein weiteres hinzu. Haben wir nun einen Sandhaufen vor uns? Nein. Dann fügen wir ein weiteres Korn hinzu. Immer noch kein Haufen. Wenn wir die Prozedur weiter führen, sagen wir bis zu einer Million Körnern, können wir immer noch argumentieren: Bisher war das kein Haufen, also auch jetzt nicht. Paradox, wir kommen nach dieser Logik nie zu einem Sandhaufen. 

Nun ja, das ist eher etwas für philosophisch geneigte Naturelle. Für gewöhnlichere ist die Metapher ein Hinweis darauf, wie wir Menschen quasi als «selbst-lobotomisierte» Frösche auf bestimmte, offensichtliche Gefahren nicht reagieren. Die Welt ist nämlich voller Kochtöpfe. 





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