Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken
beim Prompten
Heinrich von Kleist schrieb 1805 einen kleinen Aufsatz, der sich als geradezu emblematisch für das Zeitalter der Large Language Models herausstellt: «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden» (1805). Wenn man etwas wissen wolle und «durch Meditation» nicht finden könne, so rät Kleist, «mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstösst, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen».
Heute bräuchte Kleist keinen «nächsten Bekannten» mehr. Er müsste nur ChatGPT oder Konsorten etwas «erzählen». Könnte man da nicht von der «allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Prompten» sprechen?
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Die Sprachmodelle mischen gerade die Buchbranche auf – womöglich mit einer ähn-lich epochalen Wucht, mit der einst der Buchdruck die Tradition der mittelalterlichen Kopisten erschütterte. Man vernimmt, dass Verlage den Markt mit einem Unflat KI-generierter Texte überschwemmen. Die Lage verschlimmert sich für «ehrliche» Autoren. Der Generalverdacht bei Texten, ein KI-Erzeugnis zu sein, wird zur neuen Normalität.
Nun herrscht in dieser Diskussion der ökonomische Blick vor. Das heisst, er sieht den Wert der Tätigkeit im Erzeugnis, und blendet die entscheidende Frage über uns Er-zeugende aus: Was verlieren wir, wenn wir nicht mehr selber schreiben, sondern die Tätigkeit zunehmend an Maschinen delegieren - und was verrät uns gerade dieser Vorgang über die Bedeutung des Schreibens?
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Auf diese Frage stösst uns Kleist. Er sagt nicht einfach: Reden hilft beim Denken, sondern: Im Reden kommt das Denken erst zustande. Was für das Reden gilt, lässt sich zwangslos auf das Schreiben übertragen: Es ist ein Verfahren, durch das Gedanken überhaupt Gestalt annehmen. Kleist nennt es die «Fabrikation der Idee auf der Werkstätte der Vernunft». Und diese Fabrikation verlangt nach einer Anstrengung.
Anstrengung ist der Schlüsselbegriff. Ein wesentliches Versprechen von Technologien lässt sich – etwas rabiat - mit einem Wort umschreiben: Anstrengungsreduktion. Die Textgeneratoren nehmen uns die Anstrengung des Schreibens ab. Nun könnte es jedoch in der Ära des mühelosen Textgenerierens gerade auf das Gegenteil ankommen: auf die Mühen des Schreibens.
Über James Joyce wird die Anekdote erzählt, ein Freund habe ihn verzweifelt in sei-nem Arbeitszimmer getroffen. Was los sei, fragte der Freund. Joyce gestand, an diesem Tag nur sieben Wörter geschrieben zu haben. Der Freund erwiderte: «Das ist doch gut, zumindest für dein Arbeitstempo». Joyce antwortete: «Ja schon … aber ich weiss nicht, in welcher Reihenfolge».
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Die Anekdote verweist auf etwas Elementares: Schreiben ist Handwerk, in einem erweiterten Sinn des Wortes. So wie der Handwerker sein Können und Wissen im ständigen und geduldigen Umgang mit dem Material lernt, übt und verbessert, so lernt, übt und verbessert der Schriftsteller – der Wortwerker – sein Können und Wissen über die Sprache. Das Produkt des Schreibens ist nicht einfach ein Text, son-dern immer auch der Schreibende selbst.
Auf Anhieb liesse sich sagen, Joyce habe ein ähnliches Problem wie ChatGPT. Auch bei diesem geht es ja um die richtige Anordnung von Wörtern. Aber Joyce ist kein Tool. Oder genauer: Was ihn von einem Tool unterscheidet, ist gerade der Umstand, dass er Mühe mit der Sprache hat. Er muss sich den Satz abringen. Er muss sich mit dem Material auseinandersetzen, das er beherrschen will und das sich ihm zugleich widersetzt. Das fortwährende Sich-abmühen am Widerstand, das Wechselspiel von Gelingen und Scheitern schlägt Funken – Gedankenfunken.
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Hier liegt das anthropologische Problem der Textgeneratoren. Sie automatisieren einen Vorgang, der wesentlich zur Menschenbildung beiträgt. Sie nehmen uns nicht bloss Arbeit ab. Sie verführen uns zur denkerischen Übersprungshandlung. Wir wenden uns an eine Maschine, um schneller zu dem zu gelangen, was wir sagen wollen. Was wir auf diesem Weg überspringen, könnte aber gerade das sein, worauf es beim Schreiben ankommt: nicht der fertige Gedanke, sondern seine allmähliche Verfertigung.
Das ist die eigentümliche Dialektik aller Technik: Dadurch, dass sie uns Anstrengung erspart, kann sie auch zu einem Verlust führen – zum Verlust an Gelegenheiten, unsere Fähigkeiten auszubilden. Natürlich ist nicht jede Anstrengung wertvoll. Aber manche Tätigkeiten erweisen ihren Wert gerade darin, dass er nicht im Ergebnis aufgeht.
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Diese Dialektik manifestiert sich in aller Deutlichkeit im Konflikt zwischen Schreiben und Prompten. Die Bemühungen der KI-Technologie richten sich explizit nach der Logik der Optimierung: Finde ein Tool, das alles einfacher macht, damit man Auf-gaben so effizient wie möglich erledigt. Kulturtechniken aber haben ihren Wert in der Anstrengung, die sie uns abverlangen. Sie sind nicht bloss Mittel zum Zweck, sondern Formen der Übung, in denen sich Fähigkeiten bilden. Sie folgen einer Kultivierungslogik.
Sie ist im Zeitalter des entfesselten KI-Wettlaufs gefährdet. Und sie erinnert an Kant, der am Anfang seines Aufsatzes über die Aufklärung (1784) schreibt: «Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdriessliche Geschäft schon für mich übernehmen.»
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Kleist war ein kritischer Bewunderer Kants. Es liegt daher nahe, seinen Aufsatz in einem erweiterten aufklärerischen Kontext zu lesen. Der bekannte Wahlspruch Sapere aude – «Wage selber zu denken!» – liesse sich um einen Imperativ ergänzen: Scribere aude – wage selber zu schreiben! So entdeckst du das verdriessliche Geschäft des Denkens im Zeitalter seiner Automatisierung wieder.






