Heroismus in aussichtsloser Sache
Die Lektion von Don Quichotte heute
Liest man manche Zeitdiagnosen, erscheint die Zukunft ungewisser denn je. Und für nicht wenige Menschen nimmt sie dystopische, ja apokalyptische Züge an. Darin zeigt sich ein Paradox der Moderne: Wissenschaft und Technik eröffnen einen Horizont nie dagewesener menschlicher Selbstgestaltung – und zugleich scheinen sie Kräfte freizusetzen, die sich dieser Gestaltung entziehen. Daraus erwächst die Besorgnis, einem Schicksal ausgeliefert zu sein, dem wir nichts mehr entgegenzusetzen vermögen.
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Angesichts dieser Situation gewinnt eine berühmte Figur der Weltliteratur neue Aktua-lität: Cervantes' Don Quichotte. Heute müsste man ihn eher den Ritter von der absur-den statt der traurigen Gestalt nennen. Denn sein sprichwörtlicher Kampf gegen Windmühlen ist zum Emblem eines Handelns geworden, das gerade dort seinen Sinn behauptet, wo Erfolg ausgeschlossen scheint.
Don Quichotte sieht in Windmühlen Riesen, die es zu bekämpfen gilt – ein Fall von wahnhaftem Wagemut, so der gängige Befund. Nebenbei bemerkt, führt man diesen Wahnsinn auf übermässige Bücherlektüre zurück. Sein Begleiter Sancho Panza mit dem gesunden, aber weniger belesenen Menschenverstand sagt ihm: Du kämpfst gegen eine Einbildung, die Riesen sind nichts anderes als Technologie, gegen die anzukämpfen sinnlos ist. Nennen wir diese Haltung Panzaismus.
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Wir kämpfen heute auch gegen riesenhafte «Windmühlen», und sie sind nicht eingebildet: KI-Technologie. Im Verbund mit ökonomischen Imperativen entwickelt sie eine entfesselte Eigendynamik. Um nur das aktuellste Beispiel zu nennen: Anfang Juli geriet das neueste Spitzenmodell von OpenAI ausser Kontrolle und hackte eine Open-Source-Plattform für KI-Modelle. Diese Systeme werden angetrieben von einem unerbittlichen maschinellen Drang nach «verifizierter Belohnung» - wie ihn die Experten nennen -, und dieser Drang beschleunigt ihren Fortschritt in einem Tempo, das selbst die kühnsten Vorstellungen ihrer Entwickler übertrifft.
Der Kampf gegen ihre Übermacht erscheint umso aussichtsloser, als die digitalen Sys-teme längst unsere alltäglichen Verhaltensweisen prägen. Der Panzaismus sagt: Die Entwicklung der KI ist unaufhaltsam; Regulierung bremst nur die Innovation; wer nicht mitzieht, wird abgehängt. Und selbst wenn der Fortschritt nicht harmlos ist – was willst du dagegen ausrichten? Du verschwendest Mühe und Zeit!
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Ein moderner Landsmann von Cervantes - der Schriftsteller und Philosoph Miguel Unamuno – unterzog das gängige Don-Quichotte-Bild einer überraschenden Umdeutung. Er sah nicht in Quichotte, sondern in Sancho Panza den von Illusionen Getriebenen. Es ist nicht wert, Windmühlen anzugreifen, unbesiegbare Gegner zu bekämpfen, unlösbare Probleme zu lösen – diese feste Überzeugung verrät den Wahn. Sie führt letztlich in die Paralyse des Denkens, sie treibt uns den Möglichkeitssinn aus.
Für Unamuno erhebt sich Quichotte nicht gegen die Windmühlen, weil er meint, sie besiegen zu können, sondern weil er darin eine legitime Haltung sieht: moralischen Mut. Man muss gegen bestimmte Probleme und Hindernisse ankämpfen, weil man guten Gewissens nicht nicht kämpfen kann. Die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ist hoch, und doch leisten wir Widerstand gegen die Windmühlen.
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Man kann diese Haltung als quichottischen Pessimismus bezeichnen. Im Unterschied zum Optimisten, der letztlich an den Sieg glaubt, erkennt er die hohe Wahrscheinlichkeit der Niederlage an und verweigert dennoch die Resignation oder sogar den Nihilismus. Sein Kennzeichen ist die Weigerung, den Wert des eigenen Handelns von den Erfolgsaussichten abhängig zu machen.
Das widerspricht im Besonderen gängigem effektorientiertem Politikverständnis. Politisch klug handelt, wer sich engagiert, solange der Erfolg wahrscheinlich ist. Man nennt dies auch die Kunst des Möglichen. Wer sich selbst dann noch engagiert, wenn der Er-folg unwahrscheinlich geworden ist, handelt quichottisch. Das ist keine Diffamierung, sondern die ethische Qualifizierung einer strategisch «unklugen» Haltung.
Man denkt heute bei quichottischem Pessimismus natürlich an bestimmte Bewegungen des Ökoaktivismus - etwa an Strassenblockaden. Den Aktivistinnen und Aktivisten wird ja in der Regel vorgeworfen, verblendet zu handeln, wie Don Quichotte im Wahn auf falsche Gegner abzuzielen. Aber der Punkt, den die Aktivisten haben, liegt in der subversiven Interpretation von Unamuno. Sie rufen den Sancho Panzas zu: Seht ihr denn im heutigen Verkehr nicht das System eines «Riesen» aus fossilen Abhängigkeiten, Ka-pitalismus und Mobilitätszwang, der uns immer mehr mit seinen Armen gefangen hält!
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Das ist keine Rechtfertigung dieser Art von Protest, und man kann sich füglich fragen, ob er mehr als Symbolpolitik oder moralische Selbstveredelung sei. Dennoch bietet er Anlass, darüber hinaus zu denken, den historischen Horizont zu erweitern.
Bisher war von der Zukunft die Rede, von der Aussicht auf Erfolg. Aber wie steht es mit der Vergangenheit? Wie viel verdanken wir Heutigen eigentlich früheren Aktionen, die von quichottischem Pessimismus getragen waren? Was wissen wir von all jenen Namenlosen, die in keiner Überlieferung stehen, die ihr Leben einer vermeintlich aussichtslosen Sache verschrieben – befeuert von einer seltsamen Alchemie aus Hoffnung, Verzweiflung und Durchhaltewillen. Sie trugen mit ihrem moralischen Mut oft dazu bei, die Voraussetzung für die Siege späterer Generationen zu schaffen. Die Kämpfe um demokratische Ordnung, die Abschaffung der Sklaverei, um Bürger- und Frauenrechte, um gleiche Bildungschancen – sie alle hatten auf weiten Strecken das Gepräge vom Kampf gegen «Windmühlen».
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Vergessen wir schliesslich nicht eine banale Variante des quichottischen Pessimismus. Wer hat nicht schon bei alltäglichen Verrichtungen die Frage gestellt: Was nützt es eigentlich, wenn ich den Abfall trenne, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre oder regional und saisonal einkaufe? Verschaffe ich mir dadurch nicht einfach ein gutes Gewissen? Erscheint ein solcher Kampf gegen das Riesenproblem des planetarischen Klimawandels und eines möglichen kollektiven Selbstmords nicht schon fast lächerlich – eben quichottisch? Ja, und gerade deshalb sollten wir ihn führen. Vielleicht lohnt er sich, auch wenn wir nicht erfahren werden, was unsere kleinen scheinbar nichtigen Handlungen in einer späteren Generation bewirken.
Hüten wir uns davor, diesen Heroismus zu romantisieren. Er entbindet nicht von Realismus und Sachverstand. Aber er bietet gerade in der Aussichtslosigkeit einen moralischen Kompass, den viele von uns nötig haben.






