Gegner und Feinde
Über die Kampfsportart Demokratie
Politik - so der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt - ist ein Kampfsport. Und demokratische Politik im Besonderen ist der Austragungsort von Kampf, der dem Töten abschwört. Zivilisierter Streit ist die Umwandlung von Feindschaft in Gegnerschaft. Den Feind macht man unschädlich, vernichtet ihn vielleicht, den Gegner schlägt man. Im einen Fall entscheiden Waffen, im anderen Stimmen.
Allerdings ist diese Transformation umkehrbar. Man sollte also die Demokratie nicht vorschnell dafür feiern, dass sie die Feindschaft permanent in Gegnerschaft überführt habe – gerade heute nicht, da demokratische Institutionen offensichtlich mit einem Glaubwürdigkeitsproblem ringen. Dieser Befund bietet vielmehr Anlass zur Frage: Wie verwandelt sich Gegnerschaft in Feindschaft?
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Feindschaft hat sozioökonomische, politische, kulturelle, demografische und psychische Ursachen. Sie ist in Machtstrukturen und Institutionen begründet. Ich betrachte sie hier kurz aus einer anderen, etwas abstrakteren Perspektive – nämlich aus der eines Denkstils, den ich in ironischer Anlehnung an Jürgen Habermas als kommunikative Verfeindung bezeichnen möchte. Neue Technologien begünstigen ihn. Man kann ihn bewusst wählen, aber auch gewissermassen in seine Logik «hineinrutschen». Das macht ihn besonders gefährlich.
Ein einfacher und deshalb häufiger Schritt ist die Diskursverweigerung. Man hört in den Aussagen des Gegners nicht Argumente, sondern Symptome seiner geistigen Verfassung – Defekte oder gar Pathologien. Man versagt ihm den Status des «satisfaktionsfähigen» Gegenübers. Dem so Ausgeschlossenen bleibt oft nichts anderes übrig, als seine Meinung ausserhalb der Diskursgepflogenheiten gegen die Diskurswächter kundzutun – mittels Krawall, Protest, Strassenperformance. Er wird zu einem eigenen Typus des «unordentlichen» politischen Streiters: des Partisanen. Er findet in der Feindschaft – so hat das der Theoretiker des Partisanentums, der Staatsrechtler Carl Schmitt beschrieben - «den Sinn der Sache und den Sinn des Rechts, wenn (…) das Normengewebe der Legalität zerreisst, von dem er bis-her Recht und Rechtsschutz erwarten konnte. Dann hört das konventionelle Spiel auf».
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In der Tat. Die üblichen Spielregeln treten ausser Kraft. Ein neues Gespenst geht um in Europa: der Feind der Demokratie - Autoritarismus, Populismus, Extremismus. Dagegen wapp¬net man sich mit einer Art von Schulterschluss¬reaktion. Man baut eine «Brandmauer» gegen «gefährliche» Parteien – alle Demokraten gegen die Alternativen der Demokratie.
In Deutschland macht die Erinnerung an «Weimarer Verhältnisse» die Reaktion verständlich. Sie verschiebt freilich die Debatte in einen Rechts- und Sicherheitsdiskurs, in dem das Staatsschutzargument ein gewichtiges Wort mitredet. Das ist ein gefundenes Fressen für die mutmasslichen Feinde der Verfassung, liefert es ihnen doch das Argument, der Staat «politisiere» das Recht und «entpolitisiere» den demokratischen Kampf. Schon Jörg Haider inszenierte sich in den 1990er Jahren in Österreich erfolgreich mit dem Slogan, die Politik im Namen des «Volkes» zu redemokratisieren.
Der Schulterschluss ist ambivalent. Er kann zur Verarmung der pluralistischen Öffentlichkeit beitragen und die Dynamik der Verfeindung sogar beschleunigen. Er kann aber auch eine Form demokratischer Selbstverteidigung – «Verfassungspatriotismus» - darstellen: den Versuch, die Arena des Streits gegen jene zu schützen, die sie abschaffen wollen. In dieser Spannung liegt ein unauflösbares Dilemma.
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Buchstäblich bösartig wird der Schulterschluss in der moralischen Verfeindung: die «Guten» gegen die «Bösen». Häufig wirkt religiöse Aufladung dabei als Brandbeschleunigerin. Sie versieht eine unheilige Logik mit heiligem Ernst. Ronald Reagan sprach vom «Imperium des Bösen», George W. Bush von der «Achse des Bösen». Bis heute hat sich an dieser Rheto-rik erschreckend wenig geändert. Der amerikanische Verteidungsminister Pete Hegseth intoniert heute Gebete wie Geschosse: «Lass jede Kugel ihr Ziel treffen gegen die Feinde der Rechtschaffenheit und unserer grossen Nation».
Umgekehrt bezeichnet Alexander Dugin, einflussreicher Propagandist der russischen Grossraumideologie, den Westen als «Haus des Satans». Er bekundet damit Seelenverwandtschaft nicht nur mit iranischen Hardlinern, sondern mit den Islamisten weltweit, die sich von der «Hölle» der Moderne befreien wollen. Wir erleben seit einiger Zeit geradezu einen globalen «Clash der Diabologien». Hier entblösst die kommunikative Verfeindung ihre gut erkennbare Fratze: Man bestärkt sich im eigenen Gutsein, indem man das Böse bei anderen anprangert. Und wirklich diabolisch daran ist, dass sich durch ein solches Denken die Gewalt- und Tötungshemmung abbauen lässt. Beispiele aus der Geschichte zu nennen erüb-rigt sich.
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In diesem Klima des Wir-Sie-Gegensatzes erfährt das Ideenrepertoire des Staatsrechtlers Carl Schmitt eine gar nicht so verwunderliche Wiederbelebung, bei der Neuen Rechten in Europa, aber auch in Russland oder China. Schmitts schmale Schrift Der Begriff des Politischen (1932) – ausgerechnet unter «Weimarer-Bedingungen» verfasst – verleiht dem Freund-Feind-Schema eine ehrwürdige «seinsmässige» Fundierung. Es geht nicht bloss um Feindbilder, sondern um reale Feinde: «Die Begriffe Freund und Feind sind in ihrem konkreten, existenziellen Sinn zu nehmen, nicht als Metaphern oder Symbole». Feindschaft ist intensivierte Gegnerschaft, sprich: eine Unversöhnlichkeit, welche die letztmögliche Vernichtung des Gegners bewusst einkalkuliert. Als politisch im schmittschen Sinn gilt ein Akteur, der in der Lage ist, den Feind selbst zu bestimmen.
Auch Linke greifen Schmitts Gedanken auf, am prominentesten wohl die belgische Politologin Chantal Mouffe in ihrer Streitschrift Über das Politische (orig. 2005). Sie plädiert dafür, das Politische wieder vermehrt im Sinn des Streites – des «Agon» - zu verstehen, und nicht – wie üblich – als Ort des Aushandelns und Konsensfindens. Das sei «bloss» Politik: ein Wettbewerb von Konkurrenten unter dem «Hegemon» des globalen Marktes. Und sie kritisiert an diesem «assoziativen» Konzept von Politik Blindheit vor der Tatsache, dass das Politische - der Wir-Sie-Gegensatz - nicht aufzulösen sei. Das habe der Rechtspopulismus viel besser begriffen. Und deshalb schlägt Mouffe einen Linkspopulismus vor, der den Wir-Sie-Gegensatz anders interpretiert - nicht zwischen «Volk» und «Elite», «Eigenem» und «Fremden», sondern zwischen einer breiten Koalition von Benachteiligten der neoliberalen kapitalistischen Ordnung und den politischen und ökonomischen Nutzniessern dieser Ordnung.
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Chantal Mouffe mag recht haben: Politik schafft eigentlich immer kollektive Identitäten, die in einen Streit miteinander treten. Eine Demokratie muss also durch «Streittüchtigkeit» wiederbelebt werden. Aber eine Radikalisierung der Demokratie im Sinn von Mouffe stellt die Frage, ob man dadurch nicht Polarisierung als Normalzustand fördert, und so eigentlich den Teufel mit dem Beelzebub austreiben will. Zudem kann der Agon zu unheiligen Allianzen mit neuen Feindbildern führen. Konkret beobachtet man diese Tendenz zum Beispiel in der Verbrüderung des Linkspopulismus mit dem Islamismus. Die kollektive Identität des «Islamo-Gauchismus» zelebriert den gemeinsamen Feind «des» Juden.
Welche sozialen, politischen, ökonomischen Umstände auch ein Feindbild begünstigen mögen, der Feind entsteht im Kopf. Und aus dem Kopf geht er nicht so leicht. Umso mehr müsste man ihm im eigenen Kopf gegenübertreten: ihm «be-gegnern» - das heisst, ihn erkennen, hinterfragen, aktiv konfrontieren, statt ihn unbewusst wirken zu lassen; das heisst, die flexible Grenze zwischen Gegnerschaft und Feindschaft nicht aus dem Blick zu verlieren und immer wieder neu zu bestimmen, ohne sie absolut zu ziehen. Das bedeutet Denkarbeit: die Kunst des Kampfsports Politik.





