Die Rückkehr zur Horde
Über den Prozess der Entzivilisierung
Man kann moderne Zivilisiertheit grob auf vier Grundpfeiler stellen: Individualität, Rationalität, Diversität und Universalität. Sie alle gründen in der Achtung vor etwas: der individuellen Person, der Vernunft des Anderen, der Meinungsvielfalt, den universellen Werten. Neuerdings setzt sich allerdings ein politischer Stil durch, der an diesen Pfeilern der Achtung rüttelt. Ihn auf die Psychologie von Charakterlumpen zurückzuführen, trifft sicher auf einige heutige Regierungsführer zu, wäre indes verharmlosend. Der Stil speist sich aus einer tieferen Quelle: der Verachtung fundamentaler geistiger Errungenschaften der aufgeklärten Moderne.
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Beginnen wir mit der Achtung vor der Person. Immanuel Kant unterscheidet scharf zwischen Wert und Würde des Menschen. In der «Metaphysik der Sitten» schreibt er: «Achtung, die ich für andere trage, oder die ein anderer von mir fordern kann, ist die Anerkennung einer Würde an anderen Menschen, d.i. eines Werts, der keinen Preis hat, kein Äquivalent, wogegen das Objekt der Wertschätzung ausgetauscht werden könnte».
Eine Sache hat ihren Wert, eine Person ihre Würde. Eine schändliche Form der Verachtung findet sich in der viszeralen Lust, Schwache, Verletzliche, Minderheiten zu entwürdigen. Verachtung scheint sich in der digitalen Öffentlichkeit geradezu als Hauptkommunikationsmittel zu etablieren: Shitstorming, Bashing, Trolling, Mob-bing. Aber es gibt subtilere Formen, die deswegen nicht weniger übel sind. Eine Per-son kann versachlicht werden. Dann hat sie nicht so sehr eine Würde, als vielmehr einen Wert - einen Unterhaltungs-, Erziehungs-, Trost-, Kampf-, heute vorzugsweise einen Marktwert. In den «Sachzwängen» der heutigen Wirtschaftswelt, im System der Proftmaximierung ist die Würde der Person oft ein vernachlässigbarer Parameter.
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Rationalität bedeutet primär Achtung vor der Vernunft des Anderen. Eine in der De-batte häufig gepflegte, perfide, weil nicht auf ersten Blick erkennbare Form der Verachtung besteht darin, dass man im Denken des Anderen nur den Anderen und nicht sein Denken anspricht. Man sagt: Du bist eine Frau/ ein Schwuler/ ein Schwarzer/ ein Journalist, also kann, was du sagst, nicht stimmen. Man hört in den Aussagen der anderen Person nicht Sätze, sondern Symptome. Man versagt ihr a priori den Status des rationalen Gegenübers und immunisiert sich dadurch gegen mögliche Kritik. Eine Diskursverweigerung, letztlich die schwerste intellektuelle Verachtung des Anderen. Kant wusste von dieser besonderen Spielart der Verachtung, als er den Respekt vor dem Denken des Anderen als Pflicht des vernünftigen Menschen einforderte. «Denn spricht man seinem Gegner (..) allen Verstand ab, wie will man ihn darüber verständigen, dass er geirrt hat?» Die listige Frage sollte man eigentlich ständig mit sich herumtragen.
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Demokratie heisst Achtung vor Meinungsvielfalt - nicht zu verwechseln mit Achtung vor jeder Meinung. Meinungsvielfalt hat vor allem zwei Verächter: Expertokraten und Populisten. Der Expertokrat sagt: Für politische Probleme gibt es eine richtige Lösung, und die kennt der Experte als Vertreter «des» Wissens am besten. Der Populist sagt: Für politische Probleme gibt es eine richtige Lösung, und die kennt der wahre Demokrat als Vertreter «des» Volkes am besten.
Der Expertokrat diagnostiziert das Defizit der modernen Demokratie in der Inkompetenz des Bürgers. Würde dieser nur dem Experten vertrauen, dann wäre alles zum Besseren bestellt. Dahinter steckt die äusserst fragwürdige Annahme, dass mehr Wissen auch automatisch mehr politische Autorität und Kompetenz verleihe.
Der Populist tut sich auf seine eigene Weise schwer mit der Meinungsvielfalt. Seinem Ideal gemäss besteht eine Demokratie ja im Grunde aus einer einzigen grossen homogenen Mehrheit: dem «Volk», dessen Meinung er vertritt. Aber in der Realität ist die moderne Demokratie ein Konglomerat aus diversen Interessengruppen, in dem sich «das Volk» nicht finden lässt. Deshalb greift der Populist zum Pars-pro-toto-Trick: Er erklärt jenen Bevölkerungsteil, den er repräsentiert, schlicht zum «Volk» und legitimiert seine Meinung in dessen Namen. Die Unlogik pumpt den Anspruch «Wir sind auch das Volk» zum «Wir allein sind das Volk» auf. Genau in dem Moment verwandelt sich der Anspruch in einen antidemokratischen Spaltpilz.
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Zivilisiertheit meint Achtung vor universellen Normen und Werten. Dazu gehören Völker- und Menschenrechte. Sie sind von der Idee motiviert, dass wir Menschen uns aus der Provinzialität des Denkens und Handelns heraus entwickeln, indem wir uns einem bestimmten Satz von gemeinsamen Leitlinien verpflichten. Natürlich handelt es sich um Ideale. Und es war und bleibt das grosse Problem des aufklärerischen Universalismus, dass die Ideale leichter zu definieren als zu praktizieren sind. Zudem hat die postkoloniale Kritik aufgezeigt, dass diese Ideale oft als Deckmantel für partikulare Interessen fungieren. Die Menschenrechte würden nicht die Universalität, sondern die «Westlichkeit» der Werte verkünden. Die Kritik ist alt. Schon Marx warf den Menschenrechten der Französischen Revolution Doppelzüngigkeit vor - sie seien nicht allgemein, sondern jene der Bourgeoisie.
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Der Prozess der Zivilisation ist umkehrbar. Und diese Umkehrbarkeit legt eigentlich die Dialektik der Globalisierung offen. Sie hat in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten viele Menschen aus der Verankerung ihrer lokalen Habitate – ihrer Sitten, Traditionen, Lebensformen – gerissen. Man läge falsch, wollte man in der Reaktion dieser Menschen – im Beharren auf Verwurzelung und Zugehörigkeit - bloss Rückständigkeit diagnostizieren. Eher trifft zu, was einer der grossen liberalen Denker, Friedrich von Hayek, in seinem Buch Recht, Gesetz und Freiheit feststellt. Der Mensch habe sich nicht in Freiheit entwickelt, sondern als Mitglied einer kleinen überschaubaren Gruppe. Vor allem ihr schuldet er seine Loyalität. Die «Abstraktionen» der Zivilisation empfindet er als kalt und fremd. Seine moralischen Intuitionen wurzeln tief in der Hordenmentalität – und sie scheinen sich für die Ordnung der modernen Gesellschaft als weitgehend inkompatibel zu erweisen.
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Und hier liegt der Kern des Problems. Die vier Grundpfeiler der Zivilisertheit sind Errrungenschaften der Moderne – sie postulieren den Vorrang der abstrakten Gesellschaft vor der konkreten Gemeinschaft. Aber sie sind nicht selbstverständlich. Man muss sie verteidigen. Vielleicht liegt das Problem sogar darin, dass ein bestimmter Teil der Menschheit sie als zu selbstverständlich betrachtet. Der früh verstorbene amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hielt 2005 eine Rede vor Universitätsabsolventen: «This is Water». Darin erzählt er die Fabel von zwei jungen Fischen. Sie begegnen einem älteren Fisch, der sie begrüsst mit «Hallo, Jungs, wie ist das Wasser heute?». Worauf der eine junge Fisch nach einigem Überlegen den andern fragt: «Was ist Wasser?»
Genau diese Frage sollten wir auch an die liberal-demokratische Ordnung stellen. Wenn man in ihr lebt, kommt sie einem wie «Wasser» vor, selbstverständlicher als sie es eigentlich ist. Dass sie in der gegenwärtig aufgewühlten Zeit in Frage gestellt wird, muss man als Appell auffassen - nicht zur Gegenaufklärung, sondern zu einer Aufklärung, die aus ihrem Schlummer aufwacht.






