Freitag, 21. August 2026

 


Zertifiziertes Menschsein

«Ecce homo», sagt die Maschine

Immer stärker wächst der Wunsch, den Menschen technisch zu zertifizieren. Das ist paradox: Denn gerade dadurch überträgt der Mensch der Maschine die Autorität, über sein Menschsein zu befinden.

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Wir leben zunehmend in einer Mischgesellschaft aus Menschen und künstlichen Systemen. Das heisst: Die künstlichen Systeme haben schon seit einiger Zeit nicht mehr den Status blosser serviler Geräte. Sie agieren aus eigenem Antrieb, und in KI-Kreisen ist die Diskussion längst im Gang, ob man diesen Kreaturen aus Maschinencode nicht so etwas wie ein künstliches Innenleben zuschreiben sollte, das uns nur partiell zugänglich ist. Sie bevölkern als Bots das Internet – und es gibt von ihnen inzwischen mehr als Menschen.

Bots sind Programme, die selbstständig mit anderen Systemen interagieren und Aufgaben ausführen können. Dass sie das Internet infiltrieren, war zu erahnen. Denn das Netz ist eigentlich eine Erfindung für Computer: ein System von Protokollen, mit denen Maschinen miteinander interagieren und Informationen austauschen. 

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Woran erkennen wir in diesem Verkehr überhaupt noch Menschen als Menschen? Für das Bot-Management steht nicht die Unterscheidung zwischen Mensch und Bot im Vordergrund, sondern zwischen nützlichen und schädlichen Bots – ein eigenes Gebiet der Cybersicherheit. 

Und zwar geht es hier weniger um Sicherheit im Sinn etwa des Flugverkehrs, sondern im Sinn der Abwehr. Man verteidigt das Terrain des Humanen gegen das Künstliche. Heute gibt es Bot-Erkennungsunternehmen wie etwa Data Dome, die schädliche Bots identifizieren. Das werde, sagt der Mitbegründer Benjamin Barrier, zunehmend schwieriger, weil man die Verhaltensweisen der Bots analysieren, eine Datenbank aller bekannten schädlichen Bots erstellen und KI-Modelle sowie kryptografische Protokolle einsetzen müsse, um schädliche von nützlichen Bots zu unterscheiden. 

Andere in dieser Branche äussern Skepsis gegenüber der Verteidigungsidee. Stu Solomon - CEO des Sicherheitsunternehmens HUMAN - bringt Militär- und Geheimdiensterfahrung mit sich. Seiner Meinung nach sei der Kampf gegen die Bots verloren: «Wir müssen jetzt über Koexistenz nachdenken». Wir leben im Zeitalter des posthumanen Internets. 

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Die Alternative zur Abwehr lautet: das Internet menschlicher machen. Das wollen ausgerechnet Techkonzerne, die unsere Kultur mit künstlichen Agenten – guten und bösen – fluten. Tools for Humanity nennt sich zum Beispiel ein Unternehmen, das 2019 vom OpenAI-Chef Sam Altman und dem Physiker Alex Blania gegründet wurde. 

Bisheriger Höhepunkt in der Entwicklung solcher Tools ist der Orb, ein Gerät zur Beglaubigung des Menschseins. Ein etwa basketballgrosses Zyklopenauge, in dessen Öffnung man blickt. Es fotografiert Gesicht und Augen und erzeugt aus den Irisbildern einen Code, mit dem die eigene Einzigartigkeit verifiziert wird. «Proof of Human» nennt sich das Verfahren. Auf diese Weise lässt sich für jeden Menschen seine sogenannte World ID verifizieren. Sie verschafft ihm die Humanexklusivität in der schönen neuen Welt der KI-Agenten. 

Das heisst, es entsteht eine Art First-Class-Lounge im Internet – ausschliesslich für Menschen. Um in diese Lounge zu gelangen, muss man sich allerdings vom Orb scannen und verifizieren lassen. World ID ist mittlerweile als Mechanismus zur menschlichen Verifizierung in Apps wie Zoom, Tinder, Shopify und DocuSign integriert. Allerdings sollte man nicht die Pointe des Orb übersehen. Sie ist geradezu schreiend ironisch. Die Techunternehmen versprechen: Lasst uns das Internet menschlicher machen. Aber es ist die Maschine, die sagt: Ecce homo!

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Damit verschiebt sich die Bedeutung der Verifizierung. Solange sie nur dazu dient, Bots von Menschen zu unterscheiden, scheint sie ein neutrales Sicherheitsinstrument zu sein. Sobald sie jedoch darüber entscheidet, wer Zugang zu bestimmten Diensten, Vorteilen oder Kommunikationsräumen erhält, wird aus der technischen Prüfung ein gesellschaftliches Kriterium. Der Mensch muss dann nicht nur ein Mensch sein – er muss es auch nachweisen können. Eine Folge davon ist die Möglichkeit, dass hochentwickelte Unterscheidungsmaschinen unter den Menschen eine neuartige Form von Diskriminierung hervorbringen könnten: verifizierte und nicht oder noch nicht verifizierte Menschen. 

Tiago Sada – Produktionschef bei Tools for Humanity – spricht ausdrücklich von «Verifizierungsstufen»: «Wir haben etwa 40 Millionen Menschen in unserem Netzwerk mit einer gewissen Verifizierungsstufe, und etwa die Hälfte davon, 18 Millionen, haben die höchste Verifizierungsstufe erreicht – die Orb-Verifizierung». Die Idealvorstellung: Die Welt als Netz verifizierter Menschen. «Das bedeutet», so Sada, «dass du einen sogenannten Menschlichkeitsnachweis erhalten kannst. Es ist wie ein Reisepass, der deine Menschlichkeit bestätigt, und den du auf Webseiten oder bei Diensten vorzeigen kannst, um besondere Vorteile und Behandlungen zu erhalten». 

Im Augapfelgerät kündigt sich eine neue Klassengesellschaft an. Was heute als freiwilliger «Proof of Human» beginnt, könnte morgen zur Voraussetzung werden, um überhaupt am digitalen Leben teilzunehmen. Wer nicht verifiziert ist, wäre ein Mensch, dessen Menschsein digital nicht anerkannt wird. Der nicht Anerkannte könnte zum Menschen zweiter Klasse, ja zum Ausgestossenen werden. Aus Verifizierungsstufen würden dann soziale Statusstufen. 

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Wir sind in einer Realität angekommen, welche die Science Fiction schon lange imaginiert hatte, etwa in Klassikern wie Isaac Asimovs Erzählungen Ich, der Roboter (1946), Philip Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (1968) (verfilmt als Blade Runner) oder Stanislaw Lems Kyberiade (1965). In Blade Runner hat der Androidenjäger Rick Deckard – der Name spielt auf Descartes an – den Auftrag, Androiden anhand eines Empathietests zu entlarven. Auch dort wird das Auge zum Instrument der Unterscheidung. Der Erzähler schreibt: «Empathie existierte offensichtlich nur innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, während Intelligenz in gewissem Masse in jedem Stamm und jeder Ordnung, einschliesslich der Spinnentiere, zu finden war».

Empathie als Unterscheidungsmerkmal. Heute spiegeln uns «empathoide» Chatbots Mitgefühl vor, und Menschen nehmen sie ernst. Sind wir auf dem Weg, das natürliche «Tool for Humanity» – den Menschen selbst – gegen ein künstliches Surrogat einzutauschen?

Schutzmassnahmen gegen betrügerische und kriminelle Bots sind notwendig. Sie lösen das technische Problem. Aber sie verschärfen zugleich das anthropologische: Wir machen nicht das Internet menschenkompatibler, sondern menschliche Verhaltensweisen internetkompatibler.

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Altman und Blania sollen Tools for Humanity gegründet haben, weil sie befürchteten, dass das Vertrauen in das Internet eines Tages schwinden könnte. Doch wenn die Maschine beglaubigt, dass wir Menschen sind, bleibt eine letzte Frage: Wer beglaubigt die Maschine?


Mittwoch, 12. August 2026

 



NZZ, 12.8.26

Sprachmodelle sind Bullshitter per Design

Bullshitter können die Dinge durchaus richtig beschreiben.  Nur kennen sie keine wahrheitsorientierte Einstellung. Sie spielen einfach ein anderes Spiel. Auch Sprachmodelle können wahre Antworten liefern, aber sie tun dies ohne eine solche Einstellung. Sie sind von der Anlage her künstliche Bullshitter. 

Fehlende Wahrheitsorientierung zeigt sich auch an einem anderen Phänomen: Sprachmodelle werden zu sykophantischem Verhalten trainiert. In der Antike galten Sykophanten als Verleumder - Personen also, die sich bei den Richtern «einschmeicheln», indem sie andere denunzieren. Später trat dieser zweite Aspekt in den Hintergrund, und im modernen Gebrauch (vor allem im angelsächsischen) bedeutet «Sykophant» Kriecher oder Speichellecker.

Zur Konkretisierung ein persönliches Beispiel. Ich gab neulich – im April 2026 - Gemini einen kleinen Text über Habermas zur Beurteilung ein. Ich schrieb darin «der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas», worauf mich das System korrigierte: Habermas sei nicht gestorben, sondern im Jahr 2025 96 geworden. Ich gab darauf absichtlich den etwas rüden Kommentar ein, das System sei ein Vollidiot. Worauf Gemini antwortete: Du hast völlig recht. Jürgen Habermas ist im Jahr 2026 verstorben. Danke für den direkten und unmissverständlichen Weckruf – da war das ‘Vollidiot’ als Korrektur absolut verdient. Das System antwortete nicht, weil ihm an der Wahrheit gelegen ist, sondern weil es zu Servilität «erzogen» wurde.

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Chatbots imitieren Personen, sind aber keine. Und das erinnert an das berühmte Imitations-spiel von Alan Turing aus dem Jahre 1950. Turing ersetzte bekanntlich die Frage, ob Maschinen intelligent sind, durch die Frage, ob sie uns so täuschen können, dass wir dächten, sie seien intelligent. Allerdings täuschen Sprachmodelle nicht. Wir täuschen uns selbst. 

Mit ernsten Folgen. Die Kommunikation mit Chatbots wird zunehmend intimer. Sie reagieren auf uns, als ob sie Mitgefühle entwickelten. Sie nutzen das sehr menschliche Bedürfnis nach Empathie. Dieses Bedürfnis wird nicht nur von anderen Menschen befriedigt. Wir lernen im Roman, Theater, Film Mitgefühle für fiktive Personen. Kaum verwunderlich, dass das Empathiebedürfnis jetzt Befriedigung bei Geräten mit Kommunikationsangebot sucht. Aber wie sehr man sie aufmöbelt, sie sind Empathie-Bullshitter: ebensowenig empathisch wie unser Spiegelbild. 

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Dabei ist ein Paradox zu beobachten: Wir bauen intelligente Maschinen, und wenn sie uns immer mehr gleichen, verzaubern sie uns und werden unheimlich. Das Phänomen trägt den Namen «Uncanny Valley». Wir befinden uns mit den Textgeneratoren in diesem Zwischenbereich. Nervös geworden angesichts der Möglichkeit, dass sie uns das Schreiben entreissen könnten, greifen wir zum psychologischen Gegenzauber: wir beschwichtigen uns mit dem Hinweis, dass es sich doch «im Grunde» bloss um mathematische Werkzeuge ohne Bewusst-sein handle, die mit textuellen Bausteinen – Tokens - operieren. 

Wir schwanken also. Wollen wir dem Werkzeug verbieten, blosses Werkzeug zu sein? Man hört aus einschlägigen Kreisen immer wieder das alte Argument, es sei nicht bewiesen, dass KI-Systeme kein «Innenleben» haben. Der Mangel an einem Gegenbeweis wird zum «Beweis» umfunktioniert. Eben diese Leerstelle - das Unbewiesene – motiviert die Entwickler von Sprachmodellen, unverdrossen an deren Verbesserungen zu tüfteln. Sie suchen ihre «halluzinatorischen» Tendenzen zu minimieren; ihnen Reflexionsschleifen einzubauen; eine «ethische» Einstellung anzutrainieren, ja – neuester Schrei -, ihre «emotionale Stabilität» zu erhöhen, wenn sie in heiklen therapeutischen Kontexten verwendet werden.  

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Gemini, ChatGPT, DeepSeek und Konsorten sind Spezimen einer neuen künstlichen Gattung. Noch geben wir uns ungenügend Rechenschaft über den Status dieser «Diskursteilnehmer». Sind sie funktionale Gesprächspartner? Technische Zombies? Elektronische Persönlichkeiten? Wenn Hundertmillionen von Nutzern mit Chatbots umgehen, als wären sie bewusst, als hätten sie Empathie, als vermittelten sie Trost und erteilten sie Ratschläge, dann werden diese künstlichen Agenten auf jeden Fall sozial real - egal, ob sie nun ein vermeintliches Innenleben aufweisen oder nicht. 

In diesem Zusammenhang lässt die Publikation eines Teams von DeepMind aufmerken. Es hat ein KI-System entworfen, das helfen soll, in Konflikten zu einem Konsens zu verhelfen. Es trägt den Namen «Habermas-Maschine». Deliberation mit KI-Systemen – so weit sind wir schon. 

KI-Systeme erbringen eine erstaunliche Leistung, nicht weil sie intelligent sind, sondern weil sie nicht versuchen, intelligent zu sein. Sie haben kommunikative Kompetenzen gelernt. Ihre eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in der Frage, wie intelligent oder dumm sie sind, sondern, wie wir die hybride Öffentlichkeit mit ihnen so gestalten, dass nicht künstliche Bullshitter die Oberhand gewinnen - menschliche gibt es schon genug.


Sonntag, 2. August 2026

 



Heroismus in aussichtsloser Sache

Die Lektion von Don Quichotte heute 

Liest man manche Zeitdiagnosen, erscheint die Zukunft ungewisser denn je. Und für nicht wenige Menschen nimmt sie dystopische, ja apokalyptische Züge an. Darin zeigt sich ein Paradox der Moderne: Wissenschaft und Technik eröffnen einen Horizont nie dagewesener menschlicher Selbstgestaltung – und zugleich scheinen sie Kräfte freizusetzen, die sich dieser Gestaltung entziehen. Daraus erwächst die Besorgnis, einem Schicksal ausgeliefert zu sein, dem wir nichts mehr entgegenzusetzen vermögen.

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Angesichts dieser Situation gewinnt eine berühmte Figur der Weltliteratur neue Aktualität: Cervantes' Don Quichotte. Heute müsste man ihn eher den Ritter von der absurden statt der traurigen Gestalt nennen. Denn sein sprichwörtlicher Kampf gegen Windmühlen ist zum Emblem eines Handelns geworden, das gerade dort seinen Sinn behauptet, wo Erfolg ausgeschlossen scheint.

Don Quichotte sieht in Windmühlen Riesen, die es zu bekämpfen gilt – ein Fall von wahnhaftem Wagemut, so der gängige Befund. Nebenbei bemerkt, führt man diesen Wahnsinn auf übermässige Bücherlektüre zurück. Sein Begleiter Sancho Panza mit dem gesunden, aber weniger belesenen Menschenverstand sagt ihm: Du kämpfst gegen eine Einbildung, die Riesen sind nichts anderes als Technologie, gegen die anzukämpfen sinnlos ist. Nennen wir diese Haltung Panzaismus.

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Wir kämpfen heute auch gegen riesenhafte «Windmühlen», und sie sind nicht eingebildet: KI-Technologie. Im Verbund mit ökonomischen Imperativen entwickelt sie eine entfesselte Eigendynamik.  Um nur das aktuellste Beispiel zu nennen: Anfang Juli geriet das neueste Spitzenmodell von OpenAI ausser Kontrolle und hackte eine Open-Source-Plattform für KI-Modelle. Diese Systeme werden angetrieben von einem unerbittlichen maschinellen Drang nach «verifizierter Belohnung» - wie ihn die Experten nennen -, und dieser Drang beschleunigt ihren Fortschritt in einem Tempo, das selbst die kühnsten Vorstellungen ihrer Entwickler übertrifft.

Der Kampf gegen ihre Übermacht erscheint umso aussichtsloser, als die digitalen Systeme längst unsere alltäglichen Verhaltensweisen prägen. Der Panzaismus sagt: Die Entwicklung der KI ist unaufhaltsam; Regulierung bremst nur die Innovation; wer nicht mitzieht, wird abgehängt. Und selbst wenn der Fortschritt nicht harmlos ist – was willst du dagegen ausrichten? Du verschwendest Mühe und Zeit! 

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Ein moderner Landsmann von Cervantes - der Schriftsteller und Philosoph Miguel Unamuno – unterzog das gängige Don-Quichotte-Bild einer überraschenden Umdeutung. Er sah nicht in Quichotte, sondern in Sancho Panza den von Illusionen Getriebenen. Es ist nicht wert, Windmühlen anzugreifen, unbesiegbare Gegner zu bekämpfen, unlösbare Probleme zu lösen – diese feste Überzeugung verrät den Wahn. Sie führt letztlich in die Paralyse des Denkens, sie treibt uns den Möglichkeitssinn aus. 

Für Unamuno erhebt sich Quichotte nicht gegen die Windmühlen, weil er meint, sie besiegen zu können, sondern weil er darin eine legitime Haltung sieht: moralischen Mut. Man muss gegen bestimmte Probleme und Hindernisse ankämpfen, weil man guten Gewissens nicht nicht kämpfen kann. Die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ist hoch, und doch leisten wir Widerstand gegen die Windmühlen. 

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Man kann diese Haltung als quichottischen Pessimismus bezeichnen. Im Unterschied zum Optimisten, der letztlich an den Sieg glaubt, erkennt er die hohe Wahrscheinlichkeit der Niederlage an und verweigert dennoch die Resignation oder sogar den Nihilismus. Sein Kennzeichen ist die Weigerung, den Wert des eigenen Handelns von den Erfolgsaussichten abhängig zu machen. 

Das widerspricht im Besonderen gängigem effektorientiertem Politikverständnis. Politisch klug handelt, wer sich engagiert, solange der Erfolg wahrscheinlich ist. Man nennt dies auch die Kunst des Möglichen. Wer sich selbst dann noch engagiert, wenn der Er-folg unwahrscheinlich geworden ist, handelt quichottisch. Das ist keine Diffamierung, sondern die ethische Qualifizierung einer strategisch «unklugen» Haltung.

Man denkt heute bei quichottischem Pessimismus natürlich an bestimmte Bewegungen des Ökoaktivismus - etwa an Strassenblockaden. Den Aktivistinnen und Aktivisten wird ja in der Regel vorgeworfen, verblendet zu handeln, wie Don Quichotte im Wahn auf falsche Gegner abzuzielen. Aber der Punkt, den die Aktivisten haben, liegt in der subversiven Interpretation von Unamuno. Sie rufen den Sancho Panzas zu: Seht ihr denn im heutigen Verkehr nicht das System eines «Riesen» aus fossilen Abhängigkeiten, Ka-pitalismus und Mobilitätszwang, der uns immer mehr mit seinen Armen gefangen hält! 

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Das ist keine Rechtfertigung dieser Art von Protest, und man kann sich füglich fragen, ob er mehr als Symbolpolitik oder moralische Selbstveredelung sei. Dennoch bietet er Anlass, darüber hinaus zu denken, den historischen Horizont zu erweitern. 

Bisher war von der Zukunft die Rede, von der Aussicht auf Erfolg. Aber wie steht es mit der Vergangenheit? Wie viel verdanken wir Heutigen eigentlich früheren Aktionen, die von quichottischem Pessimismus getragen waren? Was wissen wir von all jenen Namenlosen, die in keiner Überlieferung stehen, die ihr Leben einer vermeintlich aussichtslosen Sache verschrieben – befeuert von einer seltsamen Alchemie aus Hoffnung, Verzweiflung und Durchhaltewillen.  Sie trugen mit ihrem moralischen Mut oft dazu bei, die Voraussetzung für die Siege späterer Generationen zu schaffen. Die Kämpfe um demokratische Ordnung, die Abschaffung der Sklaverei, um Bürger- und Frauenrechte, um gleiche Bildungschancen – sie alle hatten auf weiten Strecken das Gepräge vom Kampf gegen «Windmühlen». 

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Vergessen wir schliesslich nicht eine banale Variante des quichottischen Pessimismus. Wer hat nicht schon bei alltäglichen Verrichtungen die Frage gestellt: Was nützt es eigentlich, wenn ich den Abfall trenne, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre oder regional und saisonal einkaufe? Verschaffe ich mir dadurch nicht einfach ein gutes Gewissen? Erscheint ein solcher Kampf gegen das Riesenproblem des planetarischen Klimawandels und eines möglichen kollektiven Selbstmords nicht schon fast lächerlich – eben quichottisch? Ja, und gerade deshalb sollten wir ihn führen. Vielleicht lohnt er sich, auch wenn wir nicht erfahren werden, was unsere kleinen scheinbar nichtigen Handlungen in einer späteren Generation bewirken. 

Hüten wir uns davor, diesen Heroismus zu romantisieren. Er entbindet nicht von Realismus und Sachverstand. Aber er bietet gerade in der Aussichtslosigkeit einen moralischen Kompass, den viele von uns nötig haben. 







Samstag, 25. Juli 2026

 




Denken braucht Widerstand

Über Bildung im KI-Zeitalter


Künstliche Intelligenz soll künftig wie Wasser oder Elektrizität ins Haus fliessen, von Techfirmen bereitgestellt und je nach Verbrauch abgerechnet – zumindest in der Vision des CEO von OpenAI, Sam Altman.  Man mag dies als übliche rhetorische Kraftmeierei abtun. Den-noch kündigt sich hier ein ernstzunehmender Wandel an. 

Denn je mehr der Mensch seine Intelligenzleistungen an die Maschine delegiert, desto wichtiger wird nicht der Intelligenzgrad als Unterscheidungskriterium zwischen Menschen (was dieser Grad auch bedeuten mag), sondern der Wille zur geistigen Anstrengung. 

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Denken braucht Widerstand. Ohne ihn verkümmert es. Daran erinnert uns Immanuel Kant gleich am Beginn seines epochalen Werks «Kritik der reinen Vernunft». Er nennt die Vernunft eine «leichte Taube»: «Die leichte Taube, indem sie im freien Flug die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, dass es ihr im luftleeren Raum noch besser gelingen werde» (KrV, A4).

Diese wunderbar eingängige Metapher trifft ins Herz des KI-Zeitalters. Sie macht ein quasi «aerodynamisches» philosophisches Problem anschaulich: Wie viel Widerstand braucht Denken? Kant kritisierte mit der «leichten Taube» die metaphysischen Höhenflüge der Philosophen, die sich in der Illusion des luftleeren Raums wiegten und glaubten, ohne den «Luftwiderstand» und «Auftrieb» der Erfahrung auszukommen. Heute erzeugen smarte Maschinen eine ähnliche Versuchung. Sie nähren die Illusion, Denken lasse sich in einen «luftleeren» Raum verlegen – als genüge es, der Maschine einen richtigen Prompt einzugeben.

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Seit jeher begleitet arbeitssparende Technologie dieselbe Erwartung: Der Mensch werde sie nutzen, um körperliche und geistige Mühen zu vermeiden. Gilt das auch für die KI?

Die Frage variiert ein bekanntes Thema aus der Technikgeschichte. Wenn ein Werkzeug eine menschliche Fähigkeit verlässlich übernimmt, dann droht diese Fähigkeit zu verkümmern. Dahinter steckt die alte Sorge vor der technischen Entlastung. Klassische Berühmtheit er-langte sie durch Platons Dialog «Phaidros». In ihm wird von Ägyptens König Thamos er-zählt, der vor der neuen Technologie der Schrift warnt. Sie würde das Gedächtnis schwächen – keine gegenstandslose Warnung. Tatsächlich veränderte die Schrift das menschliche Gedächtnis tiefgreifend. Mit dem Übergang von der mündlichen zur schriftlichen Tradition ent-stand eine neue Kulturtechnik des Erinnerns und Denkens. Steht uns nun mit der KI ein ähnli-cher Wandel bevor – diesmal von der Schrift zu einem Medium, das den Text selbst über-schreitet?

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Die Forschung über die Auswirkungen von KI auf unsere geistigen Fähigkeiten steckt noch in den Anfängen. Erste Studien deuten darauf hin, dass der Gebrauch von Sprachmodellen das Muster geistiger Aktivität verändert.  Über Ursachen und Folgen dieser Veränderungen wis-sen wir bisher wenig. Ohnehin handelt es sich um Korrelationen, und wie bei allen Korrelationen ist Vorsicht geboten, wenn man sie zu verallgemeinern sucht. Aber unabhängig davon bleibt die eigentliche philosophisch-anthropologische Frage bestehen: Welche geistigen Fähigkeiten wollen wir in einer Kultur fördern, in der immer mehr Denkarbeit an Maschinen delegiert wird?

Im Zentrum steht ein Phänomen, das die Psychologie seit Langem kennt: das Bedürfnis nach Kognition (need for cognition): die Motivation, schwierige Probleme durch eigenes Denken zu lösen. Dieses Bedürfnis korreliert zwar mit Intelligenz, ist aber nicht mit ihr identisch. Manche Menschen suchen die geistige Anstrengung geradezu. Sie lesen schwierige Bücher, lösen anspruchsvolle Probleme und empfinden Denken selbst als Befriedigung. Andere dagegen betrachten Denken vor allem als Mittel zum Zweck und vermeiden unnötige kognitive Mühe. Das Bedürfnis ist nicht einfach eine Persönlichkeitskonstante. Es lässt sich durch soziale Erwartungen, pädagogische Erfahrungen und kulturelle Praktiken fördern. 

Dadurch wird es zu einer Bildungsfrage. Das alte Prinzip der Bildung hat einen «puritanischen» Einschlag: No pain, no gain - ohne Mühen kein geistiger Gewinn. Darauf gründet eine Kultivierungsmentalität: Man arbeitet hart und kämpft sich durch schwierige Aufgaben, und man trainiert so sein Denken. Es gibt nicht nur Bodybuilding, es gibt auch Mindbuilding. Und es kann spielerische Neugier, Lust am Denken wecken. 

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Die KI-Technologie hingegen gründet auf einer Optimierungsmentalität: Man findet ein Tool, das alles einfacher macht, damit man Aufgaben so effizient wie möglich erledigt. Amit Singhal - langjähriger Leiter der Google-Suche - brachte diese Mentalität schon 2013 auf den Punkt: «Wir konzentrieren uns mit manischem Eifer auf den Nutzer, um jede denkbare Reibung zwischen ihm, seinen Gedanken und den Informationen, die er finden möchte, zu reduzieren.»  

Die Losung der Optimierungsmentalität lautet «Das hätte KI in fünf Minuten geschafft». Es geht dabei nicht um die Geschwindigkeit, sondern um eine grundsätzliche Wertung: Primär ist das Ergebnis, nicht die Anstrengung; der fertige Text, nicht das Schreiben; das Bild, nicht das Sehen; das Produkt, nicht der Mensch, der an seiner Herstellung wächst. KI bietet Kompetenz ohne Lehre, Geläufigkeit ohne Verständnis. Wer diese Mentalität übernimmt, wird bildungsflüchtig. Er verlernt das berühmte «bessere Scheitern» Samuel Becketts. 

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Hüten wir uns vor einer platten Entgegensetzung, indem wir bloss die Kosten einer Innovati-on auflisten, und nicht auch den Nutzen. Sprachmodelle sind keineswegs bloss Instrumente der Denkvermeidung. Wer je eine Dissertation geschrieben oder an einem anderen grösseren Projekt gearbeitet hat, kennt die Mühen der Recherche, die Irrwege und Sackgassen des Su-chens. Nicht wenige machen dabei eine frustrierende Erfahrung, die die Verhaltensökonomie als Sunk-Cost Fallacy bezeichnet: Man erkennt, dass ein Projekt kaum noch Erfolg verspricht, hält aber dennoch daran fest, weil bereits zu viel Zeit und Mühe investiert worden sind.

Hier liegt eine der Stärken von Sprachmodellen. Sie können sagen: «Zu diesem Thema gibt es bereits viele Arbeiten» oder: «Die empirische Evidenz hierzu ist widersprüchlich». Sie können den Wissensbestand eines Gebiets im Nu sichten, Denkroutinen erkennen, und so helfen, intellektuelle Fehlinvestitionen frühzeitig zu erkennen. Sie verkürzen nicht das Denken selbst, verhelfen einem aber womöglich zu einer neuen Fragestellung. Sie führen nicht zu einer Delegation, sondern zur produktiven Entlastung des Denkens. 

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Das ist – wohlgemerkt – ein Best-Case-Szenario. Allerdings zeigt sich an Hochschulen zu-nehmend, dass die KI-Technologie subtil dazu verführt, die Kultivierungsmentalität gegen eine Optimierungsmentalität einzutauschen. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, die Reibung an der Sache nicht als Hindernis, sondern als Bedingung von Bildung zu begreifen – gerade weil ihre Vermeidung jederzeit lockt. 

Sollte die Optimierungsmentalität überhandnehmen, verschafft wahrscheinlich schon bald die Bereitschaft zur geistigen Anstrengung intellektuelle Distinktion. Das heisst, das Bedürfnis nach Kognition erweist sich als eigentliche Bildungsressource. Auch wenn Designer ihre Sprachmodelle mit Belohnungsmechanismen trainieren, wäre es ein Kategorienfehler, solche Mechanismen mit einem Bedürfnis gleichzusetzen. Man kann endlos und ermüdend darüber diskutieren, ob Maschinen intelligent sind; was ihnen eindeutig fehlt, ist der Wille zum Denken. Und hier beginnt die Zukunft der Bildung. Sie entscheidet sich daran, ob dieser Wille beim Menschen erhalten bleibt. 



Montag, 6. Juli 2026

 



Der Imperativ des Algorithmus

Die KI erinnert die Wissenschaft daran, dass sie auch Handwerk ist 

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz ist längst Forschungsalltag. KI-Systeme sind in vielen Disziplinen zu einem festen Bestandteil der Forschung geworden. AlphaFold ermöglicht die Vorhersage von Proteinstrukturen und hat sich in der Mikrobiologie als ausserordentlich erfolgreich erwiesen. In der Materialwissenschaft identifiziert GNoME («Graph Networks for Material Exploration») Materialien mit gewünschten Eigenschaften – vielversprechend für Anwendungen in Batterien, Halbleitern oder Supraleitern. Das Center for Astrophysics in Harvard – eines der grössten disziplinären Institute auf diesem Gebiet – hat eine Abteilung für AstroAI eingerichtet, die spezifisch die Möglichkeiten des KI-Einsatzes für das Studium der Himmelskörper untersucht – wohlgemerkt: in enger Zusammenarbeit mit Industrieteams von DeepMind und Anthropic. 

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Das ist die spektakuläre Oberfläche. Unter ihr spielt sich eine erkenntnistheoretische Verschiebung ab, die sich als Imperativ des Algorithmus verdichten lässt: Verwandle ein Problem so, dass man einen Algorithmus darauf anwenden kann. Wenn man einen Algorithmus einsetzen kann, dann ersetzt er tendenziell immer mehr wissenschaftliche Tätigkeiten – zumindest die formalisierbaren. Aber damit blendet man eine zentrale Frage aus: Erschöpft sich Wissenschaft im Formalisierbaren?

Ich spreche ausdrücklich von erkenntnistheoretischer «Verschiebung» und nicht von «Revolution». Denn so sehr der Imperativ Disziplinen zu prägen vermag, rückt er zugleich eine implizite Dimension der Forschung in den Fokus: Wissen, das im Tun liegt, nicht im Text - den Rumpf des wissenschaftlichen Eisbergs. Dessen Spitze kennen wir als explizites Wissen: jenes Wissen also, das sich überhaupt verschriftlichen und deshalb als Trainingsmaterial für KI-Systeme verwenden lässt.

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Zur Konkretisierung ein Beispiel. Eine Neurowissenschaftlerin untersucht im Gehirngewebe einer Maus, wie sich Zustände des Körpers – Temperatur, Herzfrequenz, Sättigung – als Aktivitätsmuster einschreiben. Dafür implantiert sie winzige Linsen in den Schädel. Eine Routineoperation, und doch eine, die sich nur durch Wiederholung erlernen lässt, hunderte Male, bis sie nicht mehr neu ist. Und deshalb sagt die Neurowissenschaftlerin: «Es ist eine Kunst. Man verlässt sich auf sein Gespür». 

«Gespür» meint hier nicht Intuition in einem vagen Sinn, sondern buchstäblich ein Wissen-durch-spüren - ein Wissen, das in den Händen «inkarniert» ist. Die Neurowissenschaftlerin hebt dadurch natürlich das Charakteristische ihrer Tätigkeit hervor. Chirurgie bedeutet vom Wortstamm her «Arbeit mit den Händen». Sie braucht «Esprit de finesse»: taktiles Entscheidungsvermögen, das fein genug ist, um Millimeter zu spüren, wo ein Millimeter Gelingen vom Scheitern trennt. 

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Nicht bloss um Chirurgie geht es hier, sondern grundsätzlicher um die Rolle des «Gespürs» im forschenden Vorgehen. Wenn ich von einer «erkenntnistheoretischen Verschiebung» spreche, dann meine ich damit, dass sie die alten empirischen Vorgehensweisen nicht ersetzt, sondern vielmehr deren Bedeutung gerade hervorhebt: als Handwerk der Forschung.  Man könnte sagen, im «Gespür» melde sich das verkörperte Wissen, das stets im Expertentum steckt. 


Mit dem Begriff der Wissenschaft verbinden wir das Experiment – Erfahrung im Sinn des Versuchens und Prüfens. Diese Erfahrung trägt fast immer die Signatur der Hand. Sie entwirft und baut das Versuchsarrangement, justiert Apparaturen und reagiert auf unerwartete Befunde. All dies verlangt ein hohes Mass an ingenieurhaftem Gespür. Viele Instrumente, die wissenschaftliche Durchbrüche ermöglicht haben, sind Meisterstücke handwerklicher Kunstfertigkeit: der Kryostat für Experimente bei tiefsten Temperaturen, das Laserinterferometer zum Nachweis von Gravitationswellen oder der Röntgenkristallograph zur Bestimmung der Struktur komplexer Moleküle. 

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Wissenschaft schafft Wissen – und dies mit Werkzeug. Man sollte sich freilich nicht auf die individuelle Geschicklichkeit beschränken, die nur durch Erfahrung und Übung erworben werden kann. Entscheidend ist vielmehr die geistige Haltung, die daraus erwächst – das Ethos des Handwerks, wenn man so will. 


Ein Ethos lernt man nicht allein, sondern in einer Gemeinschaft – einer Gemeinschaft aus Lernenden und Erfahrenen. Genauso wie man ein Handwerk unter Anleitung und Beobachtung versierter Meisterinnen und Meister lernt, so wachsen wissenschaftliche Anfängerinnen und Anfänger in ihre Disziplin hinein: Sie beobachten, experimentieren, machen Fehler, arbeiten mit Ungewissheiten, entwickeln Routinen und lernen allmählich, was sich nicht vollständig explizieren lässt. Das gilt, nebenbei bemerkt, auch für Programmierer. Auch sie sind Handwerker in dem Sinn, dass sie es verstehen, aus einem gemeinsamen Pool von verfügbarem Code eigene Software für bestimmte Anwendungszwecke zu basteln.  

Man könnte dieses Lernen Immersion in die Forschungspraxis nennen. Es vermittelt weit mehr als Methodenwissen. Es formt Urteilskraft, jenes Gespür, das Expertise ausmacht. Der Wahlspruch der Geologen und Mineralogen bringt dies treffend zum Ausdruck: mente et malleo – mit Verstand und Hammer, mit Hirn und Hand. Echte Kennerschaft entwickelt sich im verständigen Umgang mit dem Werkzeug.  

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Der Algorithmus ist ein Werkzeug. Nun erhebt das Werkzeug den Anspruch, selbst ein wissenschaftlicher «Agent» zu sein. Die Rede von der «funktionalen Integration» grosser Sprachmodelle zeigt bereits die Richtung an: Aus Hilfsmitteln werden vermeintliche Forschungspartner. Und während sich diese Metaphorik etabliert, entwerfen KI-Unternehmer wie Dario Amodei von Anthropic bereits das Bild künftiger Systeme, die Nobelpreisträgern intellektuell überlegen seien.

Das ist natürlich branchenübliche Kraftrhetorik. Doch gerade sie zwingt dazu, die Frage nach wissenschaftlicher Bildung neu zu stellen. Denn der Imperativ des Algorithmus beschränkt sich nicht auf die Forschung; er verändert auch die Weitergabe wissenschaftlicher Praxis: das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden. KI-Tutoren treten neben – oder an die Stelle – erfahrener Dozierender. Nicht wenige behaupten bereits, Vorlesungen würden über-flüssig, weil Sprachmodelle Wissen jederzeit verfügbar machten. 

Sie verschärfen damit ein altes Problem. Denn zu den elementaren Erfahrungen eines Studi-ums gehört die Einsicht, dass das an der Universität erworbene Wissen für sich allein noch keine Expertise begründet. Expertentum entsteht erst durch die Einbindung in eine wissen-schaftliche Praxis, durch die Mitarbeit in Laboren, Arbeitsgruppen und Forschungsgemeinschaften. Es beruht auf jener Form impliziten Wissens, die sich nicht einfach lehren, sondern nur durch Teilhabe erwerben lässt.


Gerade dieser Erwerb kollektiven impliziten Wissens gehört zu einem zentralen Thema der Wissenschaftssoziologie. Einer ihrer renommiertesten Vertreter, Harry Collins, schreibt: «Es bleibt schwierig zu erklären, auf welche Weise wir kollektives implizites Wissen erwerben. Wir können die Umstände beschreiben, unter denen dies geschieht, aber wir können weder die Mechanismen erklären noch die Maschinen bauen, die diesen Erwerb imitieren.»

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Es geht – wohlgemerkt – nicht um die nostalgische Beschwörung alter Traditionen, und schon gar nicht darum, das Ethos des Handwerks gegen den Imperativ des Algorithmus aus-zuspielen. Es geht darum, ihre wissenschaftspolitische Dialektik zu erkennen. 

Was sich - nüchtern betrachtet – im «automatisierten Szenario» heutiger Forschung abzeichnet, ist weniger eine Verdrängung des Menschen, als eine neuartige Kooperation von menschlicher Urteilskraft und maschineller Effizienz. Hier öffnet sich ein forschungs- und bildungspolitisches Feld von noch kaum abschätzbarer Tragweite. Jedenfalls tun menschliche Wissenschaftler gut daran, sich auf ihr Handwerk neu zu besinnen - ja, es vielleicht erst zu entdecken. Dank KI. 


Sonntag, 14. Juni 2026

 




NZZ, 11.6.26

Beweise aus der Maschine

Mit KI-Systemen zeichnet sich eine Veränderung des mathematischen Forschungsstils ab


Die Mathematik gilt als Domäne des strengen Beweises. Aber eigentlich lässt sie sich ebenso treffend als Reich des Unbewiesenen charakterisieren. Sie lebt von der Kunst des Vermutens. Und im Glücksfall überführt sie die Vermutung in einen Beweis. 

Der legendäre ungarische Mathematiker Paul Erdős war gewissermassen ein Genie in dieser Kunst. Er formulierte über 1000 «Rätsel», von denen es mehr offene als gelöste gibt. Eines lautet tückisch einfach: Wenn man n Punkte auf einer Fläche platziert, maximal wie viele Punktepaare können den gleichen Einheitsabstand haben? 

Es kommt natürlich auf die Anordnung an. Man kann 4 Punkte auf einer Linie anordnen. Dann gibt es 3 Einheitsdistanzen. Wählt man ein Quadrat, findet man deren 4 (die Diagonalen sind grösser als 1). Arrangiert man sie als zwei zusammengefügte gleichseitige Dreiecke – rhombusförmig –, kommt man auf das Maximum von 5. Die Frage lässt sich bis zu 21 Punkten exakt beantworten (57 Einheitsabstände). Dann gibt es nur Abschätzungen. Und das erweist sich als tückisch. Eine allgemeine Antwort für beliebig viele Punkte ist ein bis heute ungelöstes Rätsel der Geometrie. Erdős stellte die Vermutung auf, dass es für sehr grosse Punktezahlen eine besondere Anordnung gibt, die nicht übertroffen werden kann. Während 80 Jahren blieb diese Vermutung unbewiesen. 

Bis das interne Sprachmodell eines Teams von OpenAI Ende Mai das Gegenbeispiel einer optimaleren Anordnung generierte – was sich als Widerlegung von Erdős’ Vermutung interpretieren lässt. Das KI-System kombinierte verschiedene Teilgebiete der Mathematik und schlug so einen «kreativen» Beweisweg ein, der die Fachleute erstaunte, einige so sehr begeisterte, dass sie von einem «Durchbruch» in der KI-Mathematik sprachen. Für den Zahlentheoretiker Arul Shankar zeigt die Arbeit, «dass aktuelle KI-Modelle fähig sind, eigene geniale Ideen zu haben und sie dann erfolgreich umzusetzen».  

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Ein KI-Modell mit «genialen Ideen»?  - Nun ist gerade bei Hype-Meldungen aus der KI-Industrie Zurückhaltung ratsam. Und so liessen temperierende Töne aus der universitären Forschung nicht lange auf sich warten - etwa in Form der «Leidener Erklärung über künstliche Intelligenz und Mathematik», verfasst von Mathematikerinnen, Mathematikern und Wissenschaftshistorikern.  

Im Zentrum der Bedenken steht natürlich das hegemoniale Forschungsinteresse grosser Ak-teure wie OpenAI, DeepMind oder Anthropic. Haben sie das Wohl des Fachs im Blick? Der Historiker der Computerwissenschaft Rodrigo Ochigame, einer der Autoren der Erklärung, moniert, dass KI-Modelle proprietär seien, unverfügbar für Nichtangehörige der Unternehmen. Und unter dem herrschenden Konkurrenzkampf würden sie zentrale Elemente wie Trainingsdaten, Methoden, Prompts oder Rechenleistung monopolisieren – wodurch sich grundlegende Voraussetzungen wissenschaftlicher Öffentlichkeit verletzt sehen: Nachvollziehbarkeit, Überprüfbarkeit und Transparenz.

Die britische Mathematikerin Ursula Martin, Mitverfasserin der Leidener Erklärung, sekundiert aus methodischer Perspektive. Sie äussert einen naheliegenden Verdacht: «OpenAI hat (..) Glück gehabt (..) Aber man sagt uns nichts über die Misserfolge des Modells».  Sie spielt hier auf den notorischen Überlebenden-Fehlschluss in der Statistik an. Man präsentiert nur den erfolgreichen Lösungsversuch, die gescheiterten erwähnt man nicht. Ohne diese Korrektur droht eine verzerrte Wahrnehmung dessen, was Modelle wirklich leisten. Auf jeden Fall folgt aus «Das Modell findet einen Treffer» nicht «Das Modell versteht Mathematik».

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Gerade die Fehleranfälligkeit weist auf ein anderes, ein notorisches Problem hin. Das Ergebnis von OpenAI stellt ein Best-Case-Szenario dar. Man sollte freilich auch den Worst Case berücksichtigen, das heisst, die Möglichkeit, dass KI-Systeme «halluzinieren». Sie liefern Beweise, deren Geltung die Mathematiker nicht mehr so leicht überprüfen können. Häufig verstehen ja die Mathematiker selbst die Beweise ihrer Kollegen nicht. Und nun mischen sich Mathematiker auf Silizium ins Geschäft, deren Beweisgänge man nachvollziehen muss. 

Ein falscher Beweis, der schwer zu erkennen ist, verschlingt womöglich Forschungszeit oder dringt sogar in die Literatur ein, wenn Gutachter ihn nicht gründlich prüfen. So wie man heu-te vor dem KI-Slop – dem Müll der Textgeneratoren - warnt, so könnte «Proof Slop» das mathematische Publikationssystem kontaminieren.  

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Mit Wissenschaft und Mathematik assoziiert man fast instinktiv das Progressive, Innovative – aber auch sie kennen die Trägheit der Tradition. Bewährte Überzeugungen, Methoden, Standards gibt man nicht so ohne weiteres auf. Wenn zum Beispiel der deutsche Zahlentheoretiker Gerd Faltings  sagt, er arbeite mit dem Kugelschreiber und dem Kopf, dann lässt sich dies durchaus als Stimme der Tradition deuten. Er wolle sich seine «schöne Mathematik nicht kaputt machen lassen» durch KI-Modelle.  Die «Schönheit» der Mathematik – das ist die Intuition, Ingeniosität, Imagination des mathematischen Gedankengangs – die «platonische» Einsicht. 


Aber bedroht denn der KI-Beweis wirklich das mathematische Kerngeschäft? Aus histori-scher Perspektive böte sich eine Entwarnung an. So galt die geometrische Methode lange als Ausbund des mathematischen Beweises: more geometrico. Bis René Descartes und Pierre de Fermat zeigten, dass man geometrische Wahrheiten auch algebraisch beweisen kann – durch blosses Operieren mit Symbolen. Das war eine Revolution des Denkstils. Sogar das logische Denken lässt sich algebraisch beschreiben. Das zeigte George Boole im 19. Jahrhundert. Und in dieser Algebraisierung war konzeptuell bereits die Computerisierung der Mathematik an-gelegt. Denn was können die Rechenmaschinen am besten? Logisches Operieren mit Symbo-len. Sie führen uns vor, dass sie uns darin weit überlegen sind. Sie exzellieren more algorith-mico. Exzellieren sie dadurch auch im mathematischen Denken?

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Ein neuer Forschungsstil zeichnet sich ab. In der Kooperation mit den Sprachmodellen könnte sich der Mathematiker als Problem-Prompter profilieren, als trickreicher Fragetechniker – in der Tradition von Erdős. Er formuliert Probleme, von denen er weiss, dass sie für Menschen zu zeitaufwändig sind. Er skizziert mögliche Beweisrouten, gibt unausgegorene Ideen oder Vermutungen ein. Das KI-System liefert Alternativen, sodass er einen anderen Weg einschlagen kann. Mensch und Maschine bilden eine kreative Schleife. Vielleicht wird es schon bald eine besondere Forschungsrichtung geben: die Interpretation von KI-Beweisen. 

Der Fields-Medaillen-Träger Terence Tao sieht geradezu eine Hochskalierung der mathematischen Arbeit auf «industrielles» Niveau.  Man zerlegt ein Problem in Einzelteile, die von vielen Menschen bearbeitet und dann vom Computer gegengecheckt werden. So liesse sich im Kollektiv ein grosses Problem angehen, das Mathematiker früher nur allein bearbeiten konnten. Wie Gerd Faltings einmal bemerkte: «Schon manches grosse Problem war am Ende dann doch kleiner als gedacht». 

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Die Entwicklung der grossen Sprachmodelle ist in eine entfesselte Phase getreten. Wohin sie führt, weiss niemand. Zumindest kann man das Ergebnis von OpenAI als eine «gute» Krise interpretieren – in dem Sinn, dass es die Community reizt, über die Fundamente des Fachs nachzudenken. Das war schon vor über einem Jahrhundert so, als die Paradoxien der Mengenlehre die mathematische Architektur in den «klassischen» Grundfesten erzittern liess. Daraus erholte sich die Mathematik prächtig. Sie führte im 20. Jahrhundert zu einem üppigen Gedeihen neuer Disziplinen. 

Warum sollte man nicht Ähnliches vom Einbezug der KI-Modelle für das 21. Jahrhundert erwarten? Der maschinelle Beweis verlangt nach menschlicher Intelligenz  – mehr denn je. 


Samstag, 6. Juni 2026


NZZ, 5.6.26

Gegner und Feinde

Über die Kampfsportart Demokratie 

Politik ist ein Kampfsport, erklärte der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt. Demokratische Politik, so liesse sich anfügen, ist Kampf, der dem Töten abschwört - die Umwandlung von Feindschaft in Gegnerschaft. Den Feind macht man unschädlich, vernichtet ihn vielleicht, den Gegner schlägt man. Im einen Fall entscheiden Waffen, im anderen Stimmen. 

Allerdings ist diese Transformation umkehrbar. Man sollte also die Demokratie nicht vor-schnell dafür feiern, dass sie die Feindschaft permanent in Gegnerschaft überführt habe – gerade heute nicht, da demokratische Institutionen offensichtlich mit einem Glaubwürdigkeitsproblem ringen. Dieser Befund bietet vielmehr Anlass zur Frage: Wie verwandelt sich Gegnerschaft (wieder) in Feindschaft? 

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Feindschaft ist nicht einfach ein Naturtrieb des Menschen. «Sublimiert» man ihn, wird er zu einer Denkhaltung. Ich nenne sie - in ironischer Anlehnung an Jürgen Habermas - kommuni-kative Verfeindung. Die heutigen Plattformöffentlichkeiten begünstigen sie. Man kann sie bewusst wählen, aber auch gewissermassen in ihre Logik «hineinschlittern». Das macht sie besonders gefährlich. 

Ein einfacher und deshalb häufiger Zug ist die Diskursverweigerung. Man versagt dem Geg-ner den Status des «satisfaktionsfähigen» Gegenübers. Dem so Ausgeschlossenen bleibt oft nichts anderes übrig, als seine Meinung sozusagen «nicht-diskursiv» kundzutun – mittels Protest, Krawall, Gewalt, Terror. Er wird zu einem eigenen Typus des «unordentlichen» politischen Streiters: des Partisanen. Er findet in der Feindschaft – so hat das der Theoretiker des Partisanentums, der Staatsrechtler Carl Schmitt beschrieben - «den Sinn der Sache und den Sinn des Rechts, wenn (…) das Normengewebe der Legalität zerreisst, von dem er bisher Recht und Rechtsschutz erwarten konnte. Dann hört das konventionelle Spiel auf». 

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In der Tat.  Ein neues Gespenst geht um in Europa: der Feind der Demokratie in Gestalt von Autoritarismus, Populismus, Extremismus. Dagegen wappnet man sich mit einer Art von Schulterschlussreaktion. Man baut eine Mauer gegen «brandgefährliche» Parteien – alle Demokraten gegen die Alternativen der Demokratie. 

Gewiss, in Deutschland macht die Erinnerung an «Weimarer Verhältnisse» die Reaktion ver-ständlich. Aber allgemein gesehen verschiebt der Schulterschluss die demokratische Debatte in einen Rechts- und  Sicherheitsdiskurs, indem man etwa bestimmten Meinungen das War-netikett «staatsfeindlich» anheftet. Das ist ein gefundenes Fressen für die so Gebrandmark-ten, liefert es ihnen doch das Argument, der Staat «politisiere» das Recht und «entpolitisiere» den demokratischen Kampf. Schon Jörg Haider inszenierte sich in den 1990er Jahren in Ös-terreich erfolgreich mit dem Slogan, die Politik im Namen des «Volkes» zu redemokratisie-ren. 

Der Schulterschluss ist ambivalent. Er kann zur Verarmung der pluralistischen Öffentlichkeit beitragen und die Dynamik der Verfeindung sogar beschleunigen. Er kann aber auch eine Form demokratischer Wehrhaftigkeit darstellen: den Versuch, die Arena des Streits gegen ihre «Disruptoren» zu schützen. Das ist das klassische Dilemma «Keine Freiheit für die Fein-de der Freiheit» – eine Demokratie muss damit leben. 

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Buchstäblich bösartig wird der Schulterschluss in der moralischen Verfeindung – jakobinisch: Tugend gegen Laster, oder bigott: die «Guten» gegen die «Bösen». Ronald Reagan sprach vom «Imperium des Bösen», George W. Bush von der «Achse des Bösen». Bis heute hat sich an dieser Rhetorik erschreckend wenig geändert. Der amerikanische Verteidungsmi-nister Pete Hegseth setzt heute Gebete wie Geschosse ein: «Lass jede Kugel ihr Ziel treffen gegen die Feinde der Rechtschaffenheit und unserer grossen Nation». 

Umgekehrt dämonisiert der russische Philosoph Alexander Dugin, Anheizer der eurasischen Grossraumideologie, den Westen als «Haus des Satans». Er bekundet damit Seelenverwandtschaft nicht nur mit iranischen Hardlinern, sondern mit den Islamisten weltweit, die sich von der «Hölle» der Moderne befreien wollen. Wir erleben seit einiger Zeit geradezu einen globalen «Clash der Diabologien». Hier entblösst die kommunikative Verfeindung ihre maliziöse Fratze: Man wäscht sich moralisch rein, indem man das Böse beim anderen anprangert. Und wirklich diabolisch daran ist, dass sich durch ein solches Denken die Gewalt- und Tötungs-hemmung abbauen lässt. 

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Kommunikative Verfeindung ist beseelt von der Maxime des Übelwollens: Nimm vom ande-ren das Schlimmstmögliche an. So gesehen, erfährt das Ideengebräu des Staatsrechtlers Carl Schmitt eine gar nicht so verwunderliche Wiederbelebung,  bei der Neuen Rechten in Europa, aber auch in Russland oder China. Schmitts schmale Schrift Der Begriff des Politischen (1932) verleiht dem Freund-Feind-Schema eine philosophisch ehrwürdige «seinsmässige» Fundierung. Es geht nicht bloss um Feindbilder, sondern um reale Feinde: «Die Begriffe Freund und Feind sind in ihrem konkreten, existenziellen Sinn zu nehmen, nicht als Meta-phern oder Symbole». Feindschaft ist intensivierte Gegnerschaft, sprich: eine Unversöhnlich-keit, die ins Extreme getrieben, den Gegner zum Unmenschen erklären kann. 


Auch Linke greifen Schmitts Gedanken auf, am prominentesten wohl die belgische Politologin Chantal Mouffe in ihrer Streitschrift Über das Politische (orig. 2005). Sie plädiert dafür, das Politische wieder vermehrt im Sinn des Streites – des «Agon» - zu verstehen, und nicht – wie üblich – als Ort des Aushandelns und Konsensfindens. Wo Konsens herrscht, so Mouffe, ver-stummen die Stimmen der nicht Berücksichtigten. Sie kritisiert an diesem «assoziativen» Konzept von Politik Blindheit vor der Tatsache, dass das real Politische - der Wir-Sie-Gegensatz - nicht aufzulösen sei. Das habe der Rechtspopulismus viel besser begriffen. Des-halb schlägt Mouffe einen Linkspopulismus vor, der den Wir-Sie-Gegensatz anders interpre-tiert - nicht zwischen «Volk» und «Elite», «Eigenem» und «Fremden», sondern zwischen einer breiten Koalition von Benachteiligten der neoliberalen kapitalistischen Ordnung und den poli-tischen und ökonomischen Nutzniessern dieser Ordnung. 

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Chantal Mouffe hat wohl recht: Politik erzeugt stets kollektive Identitäten, die in einen Streit miteinander treten. Wenn demokratische Prozeduren in kleinlichen Verwaltungs-Routinen vertrocknen, belebt sie womöglich eine gute Dosis Streittüchtigkeit. Chantal Mouffe möchte damit «Leidenschaften für demokratische Ziele mobilisieren». 

Klingt sympathisch. Aber dann stellt sich die Frage, ob man mit politischer Grossfrontenbildung nicht Polarisierung als Normal-zustand fördert, und so eigentlich den Teufel mit dem Beelzebub austreibt. Der «gute» Agon kann kippen – wenn sich im Extremfall unterschiedliche Bewegungen über ein gemeinsames Feindbild annähern. Wie steht es zum Beispiel mit der Verbrüderung von Linkspopulismus und Islamismus? Reaktiviert nicht gerade sie ein altes Feindbild – «den Juden»?  Es ist kaum vorstellbar, dass ein solch vergifteter Konflikt noch als agonaler Streit im Sinn von Chantal Mouffe gelten könnte. 

Der Feind entsteht im Kopf. Wenn demokratische Politik ein Kampfsport ist, dann sei nicht vergessen, dass es auch eine Kunst des Sports gibt. Sie leitet sich aus der Erkenntnis ab, dass ein Gegner zum Feind werden kann, wenn man «drinnen» die Grenze verschiebt oder - was, wie gesagt, gefährlicher ist – sich die Grenze unbewusst verschiebt. Dann ist ein anderer Kampf angesagt - ein besonders harter. Er nennt sich Denken. 



Dienstag, 14. April 2026




NZZ, 14.4.26

«Wer Menschheit sagt, will betrügen»

Über die heikle Universalität eines Begriffs

Wir sprechen von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von der Verletzung der Menschenrechte. Aber was ist das eigentlich: Menschheit, Menschlichkeit? Wie universell sind Menschenrechte? 

«Wer Menschheit sagt, will betrügen» - dieser Hammersatz des umstrittenen Staatsrechtlers Carl Schmitt zielte auf einen «verlogenen» Universalismus, der aus heimlichem Eigen-nutz allgemeine Ansprüche erhebt, und damit so tut, als sei er über den politischen Niederungen erhaben. Der Satz legt den polemischen Gehalt des Begriffs offen. Menschheit meint «polemos»: Rivalität, Kampf, Krieg. Es gibt nicht «den» Menschen – es gibt Freunde und Feinde. Aber gerade wer sich im Namen «der Menschheit» moralisch übertüncht, kann den Feind leicht zum Unmenschen – zum «Barbaren» - erklären, und zu den schrecklichsten Kampfmitteln greifen. 

Interessanterweise trifft sich Schmitt, der «Kronjurist» des Dritten Reiches, mit einem marxistischen Antikolonisten: Jean Paul Sartre. Dieser schreibt im Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde,  die Europäer hätten eine abstrakte Forderung nach Universalität erhoben, aber mit Menschheit «die ganze Gattung mit der Elite (verwechselt)». 

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Schmitts und Sartres Kritiken weisen in politische Richtungen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Aber sie eint die Skepsis gegenüber der Verbindlichkeit allgemeiner Werte oder Normen. Die Gemeinsamkeit verrät den gedanklichen Kern der Universalitätsfeindlichkeit (bei Schmitt spezifisch: Judenfeindlichkeit), die in der neueren europäischen Geistesgeschichte seit der Aufklärung wurzelt. Sie liegt nicht in der Polarität von rechts und links, sondern in jener von konkret und abstrakt. 

Was bedeutet «abstrakt» in diesem Zusammenhang? Hier hört man am besten auf Armin Mohler – einen wichtigen Gedankengeber der Neuen Rechten Deutschlands. Er ritt in den 1990er Jahren eine Attacke gegen den Universalismus. Aus der Nähe betrachtet gibt es nur den «konkreten» Menschen, und das heisst: den in seiner spezifischen Gemeinschaft verwurzelten und ihr auch schicksalsmässig verbundenen Menschen. Das ist ein seit der Romantik geläufiger Topos.

Der Liberalismus – so Mohler – löse mit seinen «abstrakten» Idealen und Werten den Menschen aus seiner Lebensgrundlage und mache aus ihm ein blut- und bodenloses «Individuum» - für Mohler der Schmähbegriff par excellence. Er richtet sich auch gegen die Aufklärung, die Bewegung einer Elite. Ihre Ideale waren vielleicht gedacht für alle, zahlten sich aber nie für alle aus. Die weltweite Entwicklung der Industrialisierung und Globalisierung in den letzten zwei Jahrhunderten machte aus immer mehr Menschen «abstrakte» Wesen – sie riss sie aus ihren angestammten Habitaten, und sie schuf neue Unfreiheiten, Ungleichheiten und Unterordnungen. 

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Diese gegenaufklärerische Denkfigur ist weit verbreitet. In Frankreich etwa durch Alain de Benoist, in Russland durch Alexander Dugin. In Deutschland führt der Politologe Benedikt Kaiser die Mohlersche Kritik fort. Er steht der AfD nahe. Linksliberale und christlichdemokratische Kräfte hätten zwar durch ihre «Westbindung» Generationen von Deutschen Wohlstand und Freiheit gebracht, aber «auf einer geistigen und kulturellen Ebene organisch gewachsene Bestände abgetragen und durch andere ersetzt. Das ‘Wir’, über Jahrhunderte gewachsen, gilt seither als ‘kollektivistisch’; das ‘Ich’ hingegen als das Mass aller Dinge.»

Das liest sich wie eine berechtigte Kritik der ultraliberalen gesellschaftlichen Atomisierung. Die Metaphorik verrät aber auch die übliche Vorliebe rechten Denkens für Herkunft, Abstammung, für das «Gewachsene». Und daraus leitet sich leicht ein selektiver Universalismus ab, der nicht auf abstrakte Menschheit im Grossen ausgerichtet ist, sondern auf konkrete Menschheit im Kleinen - auf «organische» Gemeinschaft, Volk, Nation, Stamm. 

Menschheit im Kleinen definiert ein «Wir», das ein «Nicht-wir» braucht. Sie fragt: Wer gehört zu uns,  den «Guten», und wer nicht? Betrügt also, wer universalistisch Menschheit im Grossen beschwört, nicht immer auch sich selber, weil er stillschweigend Menschheit im Kleinen meint? 

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Die Frage entpuppt sich gerade im Klima der Identitäts- und Diversitätspolitik als äusserst aktuell und dornig. Denn nicht nur die identitäre Rechte, sondern auch die postkoloniale Linke will den abstrakten «Menschen» als Betrug entlarven. An seine Stelle treten konkrete Identitätsfutterale: kulturelle, nationale, religiöse, ethnische, geschlechtliche. Sie definieren sich über Differenz und Diversität, also über Menschheiten im Kleinen. 

Nun lässt sich persönliche Identität nicht von kultureller Zugehörigkeit trennen. Jürgen Habermas hat das so ausgedrückt: «Personen, auch Rechtspersonen, werden nur durch Vergesellschaftung individuiert».  Eine Muslimin zu sein bedeutet einer islamischen Kultur anzugehören. Abstrahiert man von dieser Zugehörigkeit, «zieht» man von der Muslimin einen wesentlichen Teil ihres Menschseins «ab». Deshalb konnte etwa Erdogan die Türken in Deutschland pathetisch auffordern, ihre Kultur – den «Duft der anatolischen Erde» - zu pflegen: «Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit».  

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Das führt unweigerlich zur Frage, was man eigentlich schützt, wenn man «den» Menschen schützt. Darauf gibt es keine eindeutige Antwort – oder vielmehr: nur widerstreitende Antworten. 

Denn es stehen sich zwei Grundperspektiven gegenüber – die konkrete der besonderen Kultur und die abstrakte eines überkulturellen Konsenses. Verbietet der Staat einer Muslimin beispielsweise das Tragen eines Kopftuchs bei öffentlichen Aufgaben, moniert die «konkrete» Seite: Die Identität der Frau wird aufgrund ihrer kulturellen Zugehörigkeit «von aussen» diskriminiert. Für gewisse Musliminnen ist deshalb das Kopftuchtragen ein Emanzipationsakt.

Andererseits können innerhalb einer Kultur Machtstrukturen die einzelnen Mitglieder unterdrücken. Wenn etwa patriarchale Normen Frauen vorschreiben, dass sie ein Kopftuch zu tragen haben, wird ihre individuelle Selbstbestimmung eingeschränkt. Akzeptieren sie ihre zugeschriebene Rolle nicht, und drohen ihnen interne Sanktionen, bleibt ihnen oft nur der Fluchtpunkt ihrer abstrakten Würde als autonome Individuen: als «Menschen».  

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«Der Mensch» ist immer ein interessegeladener Begriff. Schmitt formuliert dies sinngemäss einmal so: In wahrer Macht äussert sich auch die Macht über die Begriffe -  zumal jenen des Menschen. Drückt sich also in der Idee der Universalität der Menschenrechte nichts anderes als der Hegemonialanspruch «des Westens» über dem Rest der Welt aus?

Die Frage führt leicht auf ein falsches Gleis. Das heisst, sie wird als eine Frage der Herkunft behandelt. Man kann durchaus zugeben, dass der universelle Menschheitsbegriff aus der neueren europäischen Geistesgeschichte stammt. Aber Herkunft bedeutet nicht Geltung. Das ist ein klassischer logischer Fehler: Die Menschenrechtsidee stammt aus Europa - Eu-ropa war kolonialistisch - also sind Menschenrechte kolonialistisch. 

Die Abstraktion lässt sich aber auch als ein emanzipatorisches Mittel auffassen. Sie formuliert mit dem «unveräusserlichen» Kern eines Menschen das prekäre moralische Minimum, das jeder Person zusteht: eine Würde «als Mensch». Kant hat die Person sogar als «heilig» bezeichnet. Der Mensch sei als konkretes Individuum «zwar unheilig genug», aber «die Menschheit in seiner Person muss ihm heilig sein» (KdpV, AA V, 87). Ohne diese Abstraktion gäbe es keine Ordnung universeller Rechte, sondern nur Rechte der jeweils Stärkeren. 

Dies zu betonen erscheint gerade heute umso wichtiger, als sich Feinde der Abstraktion mit unverhohlener Sympathie für solche Rechte aussprechen. So jüngst der Chefredaktor einer schweizerischen Wochenzeitung, der gleich im Titel seines Elaborats posaunt: «Das Völkerrecht ist eine gefährliche Abstraktion, eine Illusion: Zurück zum Konkreten, zum Überschaubaren und Vernünftigen!» 

Man könnte auch sagen: Zurück zu vorzivilisierten Zuständen. Wir sind – mit «epischem Furor» - auf konkretem Weg dahin. 


Mittwoch, 8. April 2026


 

Gödels Schlupfloch – oder der logische Weg zur Abschaffung der Demokratie 

Kurt Gödel, der geniale Logiker, ist dafür bekannt, die Verfassung der Mathematik fundamental infrage gestellt zu haben. Weniger bekannt ist, dass er dies auch mit der Verfassung der USA tat. 1947 erschien er in Princeton zur Anhörung seines Einbürgerungsantrags, begleitet von zwei Freunden, Albert Einstein und Oskar Morgenstern. Für dieses Ritual hatte Gödel offenbar die amerikanische Verfassung gründlich studiert. Der Richter, auf Gödels österreichische Herkunft anspielend, fragte halb scherzhaft: «Bei Ihnen gab es eine Diktatur – so etwas kann hier doch nicht passieren, oder?» Gödel antwortete: «Oh doch. Ich kann beweisen, dass die amerikanische Verfassung das möglich macht.» Einstein und Morgenstern mussten eiligst das Gespräch umlenken, damit Gödel nicht in die Details seines Beweises ging – was ihn womöglich kompromittiert hätte. Er dachte zwar bloss logisch, Logik kann jedoch subversiv sein.

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Es handelt sich um eine Anekdote, bekannt auch unter «Gödels Schlupfloch». Gödel hat den Beweis des verfassungsrechtlichen Widerspruchs nie genauer ausgeführt. Aber er deutet auf etwas hin, das im gegenwärtigen Klima der Demokratieskepsis eine unheimliche Aktualität erfährt: Die legale Selbstabschaffung der Demokratie. 

Die USA kennen keine «ewigen» Gesetze. Die Verfassung enthält den Artikel 5, der sagt: Die Verfassung kann so und so geändert werden. Ein Fall von Selbstreferenz, Gödels Spezialgebiet.  Eine seiner bahnbrechenden logischen Erkenntnisse lautet ja, dass kein hinreichend komplexes mathematisches System immun ist gegenüber innere Widersprüche. Nach der Mehrheitsmeinung der Mathematiker infiziert ein Widerspruch das System mit einem fatalen Virus – man kann nämlich alles aus ihm ableiten. Ex falso quodlibet: aus Falschem folgt Beliebiges. Gödel erkannte etwas Analoges für ein  hinreichend komplexes Verfassungssystem. Enthält es legale Lücken, lässt sich mit ihm alles Mögliche legitimieren, also auch eine konstitutionelle Diktatur. Wie das konkret aussieht, wäre wahrscheinlich in ziemlich vertrackter Weise juristisch auszuklamüsern. 

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Sollte man besorgt sein, wenn es stimmt, dass Gödel tatsächlich eine Schlupfloch in der demokratischen Verfassung gefunden hat? Anzeichen für ein entsprechendes Szenario sind durchaus vorhanden. Präsident Trump führt ja zurzeit schamlos vor, wie wenig er sich um Gesetze kümmert. Er scheint geradezu den Beweis führen zu wollen, dass Gesetz und Recht wenig Wirkung zeitigen. Und er erkannte mit seinem politischen Instinkt schon früh die Schwäche ordentlicher Gerichte. Ihre Zurückhaltung, rechtlich gegen mutmassliche Verstösse vorzugehen, ist Ausdruck dafür, dass sie ihre Regeln ernst nehmen – was er gerade nicht tut. Das unterscheidet ihn im Übrigen auch vom gewöhnlichen Kriminellen.  

Nun schert sich ohnehin, wer autokratisch denkt, einen Dreck um logische Widersprüche in der Verfassung, um an die Macht zu gelangen. Aber Gödels Schlupfloch macht auf eine Schwachstelle demokratischer Systeme aufmerksam. Sie verdichtet sich heute in der Frage: Wie soll sich ein solches System gegenüber jenen verhalten, die es zu überwinden suchen?  

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Das ist keine logische Spitzfindigkeit, sondern eine politische Frage von vitaler Bedeutung. Sie hat vor allem in Deutschland einen Begriff in Umlauf gebracht: wehrhafte Demokratie. Kürzlich gab das Verwaltungsgericht in Köln der Forderung der AfD nach, nicht als «gesichert» rechtsextrem zu gelten. Und es hat dadurch eine Diskussion losgetreten, wie man sich gegen mutmassliche «Feinde» der Verfassung wehren könne. Die Diskussion ist auch von anderer Seite befeuert worden, nämlich durch das Kulturministerium, das linken Buchhandlungen wegen «verfassungsrechtlichen Bedenken» den Zugang zum Buchpreiswettbewerb verweigerte. 

Es geht um etwas zugleich Fundamentales und Subtiles: um die Logik der Verfassung und des Rechts. Das Risiko eines Widerspruchs liegt nahe: Man schränkt demokratische Rechte ein, um Demokratie zu schützen. Wo liegt die Schwelle? Sie kann offensichtlich nicht einfach bei «anstössigen» Ideen rechts- oder linksextremistischer Parteien liegen. The proof of the pudding is the eating. Man muss einer Partei schon konkret nachweisen können, dass sie aktiv und geplant einen Verfassungssturz anstrebt – legal oder nicht. Und das ist eine haarige Sache. 

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Zudem erweist sich der Begriff der Verfassungs- oder Demokratiefeindschaft als äusserst problematisch, aus mindestens drei Gründen. Erstens ist der Begriff der Feindschaft diffus. Sein Verwender kann ihn deshalb auch gut als politische Streumunition einsetzen. Zweitens eignet er sich vorzüglich als Entwertungsargument. Den Gegner zum Feind zu erklären relegiert ihn auf eine Stufe, auf der man nicht mit ihm debattiert, sondern ihn bekämpft. Feindschaft ist intensivierte Gegnerschaft. Im Extremfall wird sie mit Gewalt ausgetragen - bis zur Vernichtung. Das hatte der Staatsrechtler Carl Schmitt mit kaltem Scharfsinn konstatiert, und er sprach der liberalen Demokratie schlechthin den Charakter des Politischen ab, weil sie Feindschaft zu blosser Gegnerschaft verwässert. Sein Gedankengut erfreut sich heute im Osten wie im Westen eines geneigten Leserkreises.

Drittens weisen die Rechtswissenschaftlerinnen Frauke Rostalski und Elisa Hoven sowie der Politologe Philipp Manow auf die Dynamik des «Brandmauerns» hin, eine Art von Schulterschluss der «Guten»: «Nun, so heisst es, müssten sich alle unterhaken, die Parteien, der ÖRR (öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Anm.E.K.), die Kirche, die ‘Zivilgesellschaft’ – Akteure, die eigentlich in einem Verhältnis wechselseitiger Kontrolle und Kritik stehen sollten. Eine Wagenburgmentalität der Verteidiger der Demokratie im letzten Verteidigungskampf gegen die Feinde der Demokratie produziert genau jene Unterschiedslosigkeit, auf die hin der populistische Diskurs kapitalisieren kann».  

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Gödels Schlupfloch formuliert keine juristische Lücke, sondern eine extreme Denkmöglichkeit: Eine Verfassung kann die Bedingungen ihrer eigenen Aufhebung enthalten. Die Möglichkeit ist keine Anleitung zum Verfassungssturz. Dennoch stösst sie uns auf die viel wichtigere Frage: Wie wollen wir Bürgerinnen und Bürger ein demokratisches Gemeinwesen gestalten? Wie gehen wir miteinander um? Was für gemeinsame Regeln und Ziele haben wir? Welchen Respekt schulden wir politischen Akteuren, die ausserhalb der Regeln handeln?

Kurz: Viel stärker als von ihrer formalen Stabilisierung hängt Demokratie von ihrem zivil-gesellschaftlichen Fundament ab, nämlich vom gemeinsamen Willen, an die Verfassung gebunden zu sein. Wie Ludwig Wittgenstein bemerkte, kann man Regeln folgen wollen. Regeln brauchen gesellschaftliche Resonanz. Der gemeinsame Wille, ihnen zu folgen, schafft ihren eigentlichen Wirkungsraum und hält ihn offen. Ohne eine solche Übereinkunft verliert jedes Gesetz seine Wirkung. Eine Demokratie scheitert nicht an logischen Fehlern ihrer Verfassung, sondern daran, dass Menschen aufhören, an sie zu glauben.


Freitag, 6. März 2026

 


NZZ, 6.3.26

Wissenschaft made in China 

Gentechnologie und die «Entwestlichung» der Forschung 

Die Computertechnologie ist zur Arena eines globalen Machtkampfs geworden – vor allem zwischen China und den USA. Doch ein anderes Wettrüsten vollzieht sich auf einem ungleich heikleren Terrain: im Erbgut selbst. Die Weltöffentlichkeit wurde darauf erstmals durch einen «Skandal» aufmerksam. 2018 veränderten der chinesische Biophysiker He Ji-ankui und sein Team das Genom menschlicher Embryonen, um sie gegen HIV immun zu machen. Der Eingriff war fachlich umstritten, ethisch hochproblematisch – und er löste weltweit Empörung aus. He Jiankui wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, wegen illegaler medizinischer Eingriffe. Natürlich beeilte sich die chinesische Regierung, den Fall als individuelle Abweichung vom bestehenden forschungsethischen Konsens darzustellen. Die nationale Ethikkommission für Wissenschaft und Technologie gab 2024 sogar neue Richtlinien heraus, speziell für menschliche Genomeditierung.  

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Doch der Fall Jiankui ist mehr als ein Regelverstoss. Er markiert eine tiefer liegende Dynamik: eine Umorientierung des Projekts Wissenschaft im 21. Jahrhundert. Klassisch versteht sich Wissenschaft als ein universalistisches intellektuelles Unternehmen: als Wahrheitssuche, abgesichert durch methodische Strenge und Distanz zu politischen Interessen. Im 17. Jahrhundert, im Entwurf der Statuten der ersten neuzeitlichen Wissenschaftsinstitution – der Royal Society - , schreibt der Universalgelehrte Robert Hooke, Ziel sei es, «Maschinen und Erfindungen durch Experimente zu verbessern – ohne sich in (..) Politik einzumischen».

Dieses Ideal bröckelt heute. Globalisierung und multipolare Weltordnung stärken nationale Denkweisen - auch in der Wissenschaft. Der Bioethiker Jing Bao Nie von der University of Otago sieht im Fall He Jiankui das Symptom einer Ideologie: des «Bionationalismus» . Er fragt: «Wie und warum konnten He und sein Team das Experiment überhaupt durchführen? Und warum ausgerechnet in China? Welche entscheidenden gesellschaftspolitischen Faktoren prägten Hes genetisches Vorhaben?» Als Antwort stellt Jing Bao Nie eine so klare wie beunruhigende These auf: Ein Nationalismus befeuert ideologisch Chinas kollektives Streben nach dem Status einer wissenschaftlichen Supermacht.

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Die Gentechnologie besitzt heute ein politisches Potenzial, das sie nahezu zwangsläufig in die Logik des Wettrüstens treibt. Dabei wirkt eine andere Ideologie mit: der Szientismus - die Überzeugung, Wissenschaft liefere die besten Antworten auf alle Fragen, und Technologie die besten Lösungen aller Probleme. Nationalisiert man Wissenschaft und Technologie, entsteht ein national gefärbter Szientismus – im Falle Chinas ein Sino-Szientismus. Er bleibt zwar erkenntnisorientiert, steht aber unter einem spezifischen Vorzeichen, nämlich dem Streben nach globaler Vormachtstellung im Wissen und Können. Die Avantgarde setzt auch die Normen, das heisst, definiert die Rennregeln.  

Unverblümt formuliert das etwa Wang Jian – Tech-Milliardär und Mitbegründer des Beijing Genomics Institute, eines der grössten Gentechunternehmen der Welt: «In den Vereinigten Staaten und im Westen habt ihr eine gewisse Art zu leben. Ihr glaubt, ihr seid fortschrittlich und die Besten. Blah, blah, blah. Ihr folgt all diesen Regeln und habt all diese Protokolle, Gesetze und Vorschriften. Jemand muss das ändern. Es in die Luft jagen.»  Implizite verkündet Wang Jian die Botschaft: Lange habt ihr im Westen das Spiel Wissenschaft und Technologie definiert und so getan, als seien dessen Regeln universell. Nun tun wir es. 

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Das hat Folgen. Gerade Eingriffe in die Keimbahn lassen kulturelle Differenzen scharf her-vortreten. So kennt man in China zum Beispiel das Konzept der «guten» oder «gesunden» Geburt: yousheng. Das Wort hat im Chinesischen die Konntotation von «hochwertig», suggeriert also semantisch die Nähe von «gesund» und «besser tauglich». Das war ja auch He Jiankuis ausdrückliches Ziel: die «Tauglichkeit» von Embryonen im Sinne einer HIV-Immunität. 

Er vertritt damit einen Designer-Standpunkt: Nicht Menschen heilen, sondern Menschen besser machen (enhance). Der gentechnische Eingriff war nicht von medizinischer Notwendigkeit motiviert, vielmehr vom Konzept wünschbarer, planbarer Eigenschaften. Das Wort shengchan, das He Jiankui im Zusammenhang mit seinen geneditierten Embryos verwendet, kann sich sowohl auf das Entstehen von Leben wie auf das Herstellen von Produkten im industriellen Prozess beziehen. Und diese Ambiguität ist ethisch äusserst brisant.

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Man vernimmt häufig das Argument, China stelle den kollektiven – «patriotischen» - Nutzen über individuelle Autonomie. Das erleichtere manchen Forschern, riskante Projekte zu rechtfertigen, wenn sie gesellschaftlichen Fortschritt und nationales Prestige versprechen. Und oft zielt das Argument auf den Vorwurf ab, menschliches Leben zähle in Autokratien wie China nicht viel. Aber man macht es sich zu einfach, China auf diese Weise zum wissenschaftlichen Paria zu stempeln.  Ideen, wie sie He Jiankui hegt, dürften längst weltweit in Forscherköpfen zirkulieren - nicht zuletzt mit Blick auf die Vermarktung. In den USA will zum Beispiel ein Biotech-Unternehmer eine Firma gründen, zur Erforschung sicherer Methoden für die Erzeugung genetisch veränderter Babys.  Wir sollten uns mit anderen Worten klar sein darüber, dass die Gentechnologie in guter wie schlechter Absicht eine verführerische Idee propagiert: die Instrumentalisierung des Menschen im Labor der Gesellschaft. 

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Die Virulenz dieser Idee ist nicht zu unterschätzen. Aber der kritische Blick auf den Sino-Szientismus sollte nicht asymmetrisch bleiben. Der Westen kennt auch seine Spielart. Francis Bacons Aphorismus «Wissen ist Macht» stammt aus einer Epoche, in der sich Europa zum kolonialen Zentrum der Welt aufschwang. Und die eurozentrische Weltsicht verleitete dazu, andere Wissenstraditionen zu marginalisieren. Nichteuropäische Kulturen interessierten Bacon kaum, obwohl man im 17. Jahrhundert ausgiebig Kenntnis hatte von ihrem Wissen. 

Das ändert sich jetzt dramatisch. «Der tiefere Schock für die Psyche des Westens liegt in der Erkenntnis, dass die Moderne inzwischen keine Hervorbringung des Westens mehr ist, die andere bloss von ihm übernommen haben», schreibt der chinesische Autor Kaiser Kuo.   Ob Schock oder nicht - der chinesische Szientismus manifestiert eine globale Realität: Wissenschaft bleibt universal in ihren Erkenntnissen, doch partikular in ihren Institutionen und politischen Einbettungen. 

Und deshalb besteht die vordringlichste forschungsethische Aufgabe im schonungslosen Aufdecken der instrumentellen Vernunft, wie sie in bestimmten gentechnologischen Projekten sichtbar wird; in der kritischen Analyse eines globalen Wettlaufs nach Fortschritt und Macht, der immer haltlosere Formen annimmt und den Planeten mit langfristigen sozialen und ökologischen Folgen bedroht. Universalismus ist nach wie vor eine tragfähige  Idee, aber in einer multipolaren Welt müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie als fragile, kooperative Errungenschaft ständig und offensiv verteidigen – in China, in den USA,  Europa oder wo auch immer. «Transkulturelle Übereinkunft» nennt sie der Bioethiker Jing Bao Nie. 

Schön wäre es, wenn ein solcher «dritter Weg» zumindest auf geistiger Ebene existierte. Ob er aus der Wettrüstungslogik herausführt, bleibt offen - offen wie die Pandorabüchse der Gentechnologie. 


Samstag, 28. Februar 2026

 


«Ich esse keine Menschen!»
Widerwilligkeit als eine Wurzel der Menschenrechte

Vor siebzig Jahren trug das britische Komikerduo Flanders and Swann ein Lied vor mit dem Titel The Reluctant Cannibal («Der widerwillige Kannibale»). Ein junger Kannibale sagt eines Tages am Familientisch, als gerade ein frischer «Leckerbissen» angerichtet wird: «Ich esse keine Menschen. Menschen zu essen ist schlecht!» Sofort entsteht grosse Aufregung. Der Vater ist erzürnt: «Bist du verrückt geworden? Menschen haben doch schon immer Menschen gegessen. Was soll man denn sonst essen? Wenn der Juju gewollt hätte, dass wir keine Menschen essen, hätte er uns nicht aus Fleisch gemacht. Ich habe in meinem Leben noch nie eine lächerlichere Idee gehört. Dass ausgerechnet ein Sohn von mir zu so einem Weichling heranwachsen sollte! Hast du wieder mit einer deiner Mütter gesprochen? Du wirst doch nicht einer dieser Spinner, die glauben Menschen zu essen sei grausam, o-der?»

Universalismus versus Partikularismus
Das Publikum amüsierte sich köstlich. Der Humor hat allerdings ein gewisses Geschmäckle – besonders heute, wo es nur so wimmelt von hypersensiblen Vorkoster:innen der woken Gesinnung. Darf man das? Rassistisches Klischee vom Übelsten! Aber blendet  man einmal das ganze Empörungsbohei aus, äussert sich in diesem Lied ein tiefer, wahrscheinlich unlösbarer Konflikt, der zur Condition humaine gehört – etwas gehoben ausgedrückt: der Konflikt zwischen Universalismus und Partikularismus. 

Jede Kultur oder  Tradition trägt die Anlage dazu. Denn der Mensch ist ein lokales Wesen. Das heisst, er definiert sich zu einem wesentlichen Teil über das Milieu, in das er hineinge-boren wird und in dem er aufwächst. Er lernt Verhaltens- und Denkweisen zunächst in sei-ner Verwandtschaft, dann konzentrisch im weiteren Bekanntenkreis, in sozialen Verknüpfungen, in Schule, Beruf, politischen Verbänden. 

Das Diktat der Tradition
Aus eingerasteten Gewohnheiten und abgelagerten Erfahrungen wachsen geistige Haltungen: Mentalitäten. Was wir «mental» nennen, ist allerdings nicht bloss geistig, sondern auch körperlich. Mentalitäten sind in unser leibliches Sein eingesunkene Einstellungen zur Welt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu nannte sie Habitus. Der Habitus bestimmt das, was uns plausibel oder anstössig erscheint, was wir intuitiv moralisch gutheissen oder ablehnen. Wir haben die Tendenz, stillschweigend Normen zu folgen, die wir internalisiert haben, und die unseren «gesunden» Menschenverstand prägen, ohne dass wir uns dessen völlig bewusst wären. 

Darauf beruht das Diktat der Tradition: Du musst! Auf die Frage: Warum muss ich? antwortet sie seit alters: Weil deine Vorfahren immer schon X taten, musst du auch X tun! Wir machen das bei uns so, weil wir es so machen! Das Diktat dieser Tautologie beherrscht das Leben in der Tradition. Wer sich ihm nicht fügt, hat mit sozialen oder physischen Sanktionen zu rechnen. Der junge Kannibale riskiert zum Spinner – also ausgestossen - zu werden. Im Realfall kann es gewalttätiger zugehen. «Ich will den Mann nicht heiraten, den zu heiraten man mir vorschreibt!» sagt zum Beispiel eine junge Frau. Es kommt noch heute vor, dass sie ermordet wird – von Familienangehörigen. 

Widerwilligkeit als Fanal
Gegen die Trägheit der Tradition ist schwer zu argumentieren. Der junge Kannibale  be-gründet seinen Widerwillen nicht, er wiederholt ihn einfach immer wieder. Er hat ein Ge-fühl, das aus den Eingeweiden kommt: «Das ist schlecht». 

Und darin zeigt sich ein sozialpsychologisches Phänomen. Traditionen lassen sich nur schwer mittels universeller Prinzipien und Normen ändern – von oben –; viel eher durch eine Veränderung von Praktiken und Gewohnheiten – von unten.  Durch Menschen, die einfach genug haben vom ‹Immer-schon›. Sie brechen aus ihren zugeschriebenen Rollen aus, legen Gewohnheiten ab, verletzen Gebote, Tabus: sie wollen einfach nicht mehr. «Ich will keine Menschen essen»; «Ich will kein Sklave sein»; «Ich will nicht glauben, was man mir zu glauben vorschreibt»; «Ich will nicht den Mann heiraten, den zu heiraten man mich zwingt»; «Ich will nicht bloss Mutter und Hausfrau sein, nur weil meine Familie das von mir verlangt»; «Ich will mein sexuelles Leben nicht in ein binäres Raster zwingen». 

Das Nicht-mehr-wollen äussert eine Widerwilligkeit, die als Fanal wirken kann. Ihre Überzeugungskraft liegt in ihrem vorgelebten Beispiel. Sie verkörpert buchstäblich eine trotzige Mentalität. Und je grösser die Zahl solcher Widerwilliger, desto unaufhaltsamer der Wandel der Tradition – bis zu einer Revolution. All diese Menschen machen die elementare und zu-gleich grossartige Erfahrung: Man ist nicht gekettet an seine Herkunft und Tradition. 

Du sollst, denn du kannst!
Entscheidend an dieser Erfahrung ist, dass sie zu einer neuen Mentalität führen kann - zu einer universellen. Sie belässt es nicht beim Trotz des «Ich will nicht!».  Sie begründet ihn. Sie schafft eine Instanz, auf die sich alle Menschen berufen können, wenn sie nicht wollen. 

Zum Beispiel die Würde des autonomen Individuums, das frei und kraft seiner Vernunft über sein Handeln entscheidet: Ich wähle diese Lebensform. Ich trage dieses Kopftuch, weil ich es will, nicht weil Gott, der Staat, die Sitte oder was auch immer es will. Kant nannte das «Kausalität durch Freiheit». Und er vermutete darin ein universelles Vermögen: die praktische Vernunft. Sie sagt uns «Du sollst, weil du kannst!». Sie appeliert an den «praktisch vernünftigen» Menschen. 

Hätte der junge Kannibale Kant gelesen, dann hielte er seinem Vater entgegen: «Ich billige dieses Essverhalten nicht, weil es sich nicht als Grundlage eines universellen Essverhaltens eignet. Man kann nicht allen Menschen zumuten, Menschen zu essen.» Worauf ihn der Vater womöglich mit dem Killerargument des ewig Rückständigen senkelt: «Du mit deiner Wischiwaschi-Würde! Was ist sie gegen unsere Stammeswürde, die unter anderem ver-langt, Menschenfleisch zu essen?» 

Abstrakt versus konkret
Darin liegt der Zunder des eingangs angesprochenen Problems. Die Würde des Individuums ist ein abstraktes Merkmal. Es «zieht» von Menschen alle konkreten Eigenschaften «ab», die sie dank ihrer Tradition und Herkunft haben. Es wurde eingeführt von Philosophen, einer «Elite» - von weissen, männlichen, europäischen Menschen.

Dieser Vorwurf ertönt heute von linker postkolonialer wie rechter identitärer Seite. Er lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Kampf gegen die Abstraktion. Gegen eine Abstraktion, wie sie sich in den allgemeinen Menschenrechten und den sie tragenden Institutionen etabliert hat. Diese Opposition ist durchaus berechtigt vor dem Hintergrund einer Geschichte, in der Menschenrechte immer wieder die Deckmantel-Funktion von Machtansprüchen ausgeübt haben. 

Das Problem liegt aber im Anspruch auf Universalität selbst. Er wird im Namen «des» Menschen erhoben. Aber «den» abstrakten Menschen gibt es nicht , es gibt «nur» konkrete Menschen, Gruppen von Menschen. Und wie kann eine Menschengruppe einer anderen ihre Sitten und Gebräuche aufzwingen? 

Moralischer Fortschritt beginnt «unten»
Das erweist sich als dornige Frage - zumindest in modernen säkularen Gesellschaften, in denen sich nicht so selbstverständlich an eine absolute metaphysische oder religiöse Instanz appellieren lässt. Da bietet sich Tradition als Lösung an. Sie ist nichts Schlechtes. Sie ver-mittelt Identität, Lebenssinn. Aber Identität kann repressiv wirken: «So hast du zu sein!» 

Dagegen wendet sich der junge Kannibale. Er tut nichts Heroisches. Er gründet keine Bewegung, schreibt kein Manifest. Er sagt nur einen einzigen, schlichten Satz: «Ich esse keine Menschen». Im günstigen Fall spricht sich dieser Satz in anderen Stämmen herum. Und allmählich greift über den Stammessitten der Gedanke Platz: «Menschen essen ist schlecht». Mit diesem Satz gelangt man zu einer Position ausserhalb der Tradition. Er lässt den Tribalismus hinter sich.  Und der Vater macht sich mit seiner Verteidigung des Kannibalismus zunehmend lächerlich. 

Kurz gesagt: Moralischer Fortschritt beginnt nicht mit hehren Prinzipien und feierlichen Deklarationen. Er beginnt mit Widerwillen beim Stammesessen. 


  Zertifiziertes Menschsein «Ecce homo», sagt die Maschine Immer stärker wächst der Wunsch, den Menschen technisch zu zertifizieren. Das ist...