Mittwoch, 13. April 2016

Zur Angst abgerichtet

NZZ, 22.3.2016



Das Mögliche ist ungeheuer, schrieb Dürrenmatt. Nichts Reales bedroht uns nachts im Wald; aber wir sehen im Wurzel- und Astwerk das Mögliche: Schemen und Schraten; und hinter den Stämmen könnte uns ein Tier auflauern. Wir haben Angst. Wir wandern über einen Berggrat, links und rechts fallen die Flanken schroff ab. Wir sind gut gesichert durch ein Drahtseil, aber wir haben Angst. Wir könnten abstürzen. Mir gegenüber im Zug sitzt ein junger Mann von arabischem Aussehen. Er macht einen freundlichen Eindruck und lächelt mich an. Aber könnte das so ein Exemplar des „afroarabischen Sexterroristen“ sein, wie die Pegida-Rampenfrau Festerling den Typus mit taxonomischem Feingefühl bezeichnet hat?

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Furcht empfinden wir vor einer akuten Bedrohung, vor etwas, das da ist. Angst empfinden wir vor einer möglichen Bedrohung, vor etwas, das nicht da ist, aber da sein könnte. Furcht bezieht sich auf ein reales Objekt. Angst ist ein unbestimmter, deswegen nicht weniger realer psychischer Zustand; sozusagen eine Erregtheit auf der Suche nach ihrem Erreger. Haben wir in der gegenwärtigen Migrationssituation Grund zur Furcht? Die Lage ist ernst, gewiss, aber das Vertrackte ist ja, dass wir keinen Massstab für diesen Ernst haben. Kaum eine objektive Warte existiert im wirren und verwirrenden Palaver. Und es verstärkt eine elementare menschliche Disposition: Wir verwischen leicht die Grenze zwischen Wirklichem und Möglichem. Darin liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr: Mit dem Konjunktiv lässt sich der Mensch manipulieren und indoktrinieren. Mystagogen und Demagogen haben sich dieses wirkungsvollen Mittels immer schon bedient, indem sie uns mit dem, was sein könnte, zu verführen oder zu ängstigen versuchen. Der Konjunktiv ist der Adjutant der Angstmache.

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Eine seiner wichtigsten Waffen ist das Unwahrscheinliche. Eine Atmosphäre der Angst bauscht es auf. Es nistet sich in meiner Wahrnehmung ein wie der graue Star. In einer kleinen Gemeinde im Berner Oberland stimmten über 90 Prozent für die Durchsetzungsinitiative. Die Gemeinde zählt gerade mal drei Bewohner ohne Schweizerpass. Die Wahrscheinlichkeit der Ausländerkriminalität ist also verschwindend klein. Aber es könnte ja sein, dass... Und das Perfide des real „vagabundierenden“ Terrors liegt darin, dass er mit jedem neuen Schlag dieses verschwindend Kleine zu einer unverhältnismässigen Grösse aufbläst: eben zum möglichen Terror. Er düngt in einer verängstigten Öffentlichkeit den Nährboden für das Verdächtige, Spekulative, ja, auch Wahnhafte. Die Angst schafft sozusagen einen Möglichkeitsraum, in dem das Potenzielle fast das gleiche Gewicht erhält wie das Aktuelle. Der Brandherd ist bereits der Grossbrand. Terrorismus, Geheimwaffen, böse Algorithmen, laxer Strafvollzug, Wirtschaftskrise, politische Kabalen, Klimawandel, Giftstoffe in Luft, Wasser, Nahrungsmittel, Aliens auf Monsterasteroiden, invasive Spezies (Pflanzen,Tiere, Menschen) –  das ideale Treibhaus, um mit der Grundbefindlichkeit der Angst Wucher zu treiben.

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Angst kann gelernt werden. Aus der Geschichte der Psychologie ist das Little-Albert-Experiment notorisch, durchgeführt vom Vater der Verhaltenstechnologie John B. Watson. Er liess ein neun Monate altes Baby – „Little Albert“ – mit einer weissen Ratte vergnüglich spielen. Das Kleinkind zeigte keine Furcht vor der Ratte, wohl aber vor lautem Geräusch. Nach einiger Zeit des Spielens schlug Watson mit einem Hammer auf eine Stahlplatte hinter dem Rücken von Little Albert, als dieser nach der Ratte griff. Der Kleine erschrak, fiel vornüber auf die Matratze, vergrub sein Gesicht in ihr. Nach einigen Wiederholungen fürchtete er sich vor der Ratte, ohne Lärmstimulus; und nicht nur vor ihr, sondern auch vor anderen rattenähnlichen Reizen, etwa vor Hasen, Pelzmänteln oder einer Maske des Weihnachtsmanns. Ein klassischer Fall von Konditionierung. Little Albert wurde zur Angst vor etwas abgerichtet, das er vorher gar nicht fürchtete.

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Die Schläge auf die Stahlplatte: das sind die Terrorattacken, die Gewaltvideos, die Androhungen. Sie jagen uns Furcht und Schrecken ein, mit dem insidiösen Effekt, dass wir wie Little Albert, ohne die Quellen auszumachen, eine Angst vor allem entwickeln, was aussieht wie eine „Ratte“. Angst macht bekanntlich unfrei. Sie richtet uns ab zu kollektiver Zwangs-Wahr­nehmung. Zum Wir-ihr-Denken. Zu einer Mobifizierung der Politik. Das wissen auch die Konditionierer der Angst. Ihre narrative Wühlarbeit zersetzt die res publica wie die Terrorattacken. Vermutlich sogar wirksamer. Wenn das Mögliche ungeheuer ist, könnte es also von Vorteil sein, dass wir das Sensorium für das Wirkliche nicht verlieren. Und das heisst unter anderem, den wieseligen Angstkonditionierern in Politik und Medien genauer aufs Maul zu schauen.


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