NZZ, 6.3.26
Wissenschaft made in China
Gentechnologie und die «Entwestlichung» der Forschung
Die Computertechnologie ist zur Arena eines globalen Machtkampfs geworden – vor allem zwischen China und den USA. Doch ein anderes Wettrüsten vollzieht sich auf einem ungleich heikleren Terrain: im Erbgut selbst. Die Weltöffentlichkeit wurde darauf erstmals durch einen «Skandal» aufmerksam. 2018 veränderten der chinesische Biophysiker He Ji-ankui und sein Team das Genom menschlicher Embryonen, um sie gegen HIV immun zu machen. Der Eingriff war fachlich umstritten, ethisch hochproblematisch – und er löste weltweit Empörung aus. He Jiankui wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, wegen illegaler medizinischer Eingriffe. Natürlich beeilte sich die chinesische Regierung, den Fall als individuelle Abweichung vom bestehenden forschungsethischen Konsens darzustellen. Die nationale Ethikkommission für Wissenschaft und Technologie gab 2024 sogar neue Richtlinien heraus, speziell für menschliche Genomeditierung.
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Doch der Fall Jiankui ist mehr als ein Regelverstoss. Er markiert eine tiefer liegende Dynamik: eine Umorientierung des Projekts Wissenschaft im 21. Jahrhundert. Klassisch versteht sich Wissenschaft als ein universalistisches intellektuelles Unternehmen: als Wahrheitssuche, abgesichert durch methodische Strenge und Distanz zu politischen Interessen. Im 17. Jahrhundert, im Entwurf der Statuten der ersten neuzeitlichen Wissenschaftsinstitution – der Royal Society - , schreibt der Universalgelehrte Robert Hooke, Ziel sei es, «Maschinen und Erfindungen durch Experimente zu verbessern – ohne sich in (..) Politik einzumischen».
Dieses Ideal bröckelt heute. Globalisierung und multipolare Weltordnung stärken nationale Denkweisen - auch in der Wissenschaft. Der Bioethiker Jing Bao Nie von der University of Otago sieht im Fall He Jiankui das Symptom einer Ideologie: des «Bionationalismus» . Er fragt: «Wie und warum konnten He und sein Team das Experiment überhaupt durchführen? Und warum ausgerechnet in China? Welche entscheidenden gesellschaftspolitischen Faktoren prägten Hes genetisches Vorhaben?» Als Antwort stellt Jing Bao Nie eine so klare wie beunruhigende These auf: Ein Nationalismus befeuert ideologisch Chinas kollektives Streben nach dem Status einer wissenschaftlichen Supermacht.
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Die Gentechnologie besitzt heute ein politisches Potenzial, das sie nahezu zwangsläufig in die Logik des Wettrüstens treibt. Dabei wirkt eine andere Ideologie mit: der Szientismus - die Überzeugung, Wissenschaft liefere die besten Antworten auf alle Fragen, und Technologie die besten Lösungen aller Probleme. Nationalisiert man Wissenschaft und Technologie, entsteht ein national gefärbter Szientismus – im Falle Chinas ein Sino-Szientismus. Er bleibt zwar erkenntnisorientiert, steht aber unter einem spezifischen Vorzeichen, nämlich dem Streben nach globaler Vormachtstellung im Wissen und Können. Die Avantgarde setzt auch die Normen, das heisst, definiert die Rennregeln.
Unverblümt formuliert das etwa Wang Jian – Tech-Milliardär und Mitbegründer des Beijing Genomics Institute, eines der grössten Gentechunternehmen der Welt: «In den Vereinigten Staaten und im Westen habt ihr eine gewisse Art zu leben. Ihr glaubt, ihr seid fortschrittlich und die Besten. Blah, blah, blah. Ihr folgt all diesen Regeln und habt all diese Protokolle, Gesetze und Vorschriften. Jemand muss das ändern. Es in die Luft jagen.» Implizite verkündet Wang Jian die Botschaft: Lange habt ihr im Westen das Spiel Wissenschaft und Technologie definiert und so getan, als seien dessen Regeln universell. Nun tun wir es.
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Das hat Folgen. Gerade Eingriffe in die Keimbahn lassen kulturelle Differenzen scharf her-vortreten. So kennt man in China zum Beispiel das Konzept der «guten» oder «gesunden» Geburt: yousheng. Das Wort hat im Chinesischen die Konntotation von «hochwertig», suggeriert also semantisch die Nähe von «gesund» und «besser tauglich». Das war ja auch He Jiankuis ausdrückliches Ziel: die «Tauglichkeit» von Embryonen im Sinne einer HIV-Immunität.
Er vertritt damit einen Designer-Standpunkt: Nicht Menschen heilen, sondern Menschen besser machen (enhance). Der gentechnische Eingriff war nicht von medizinischer Notwendigkeit motiviert, vielmehr vom Konzept wünschbarer, planbarer Eigenschaften. Das Wort shengchan, das He Jiankui im Zusammenhang mit seinen geneditierten Embryos verwendet, kann sich sowohl auf das Entstehen von Leben wie auf das Herstellen von Produkten im industriellen Prozess beziehen. Und diese Ambiguität ist ethisch äusserst brisant.
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Man vernimmt häufig das Argument, China stelle den kollektiven – «patriotischen» - Nutzen über individuelle Autonomie. Das erleichtere manchen Forschern, riskante Projekte zu rechtfertigen, wenn sie gesellschaftlichen Fortschritt und nationales Prestige versprechen. Und oft zielt das Argument auf den Vorwurf ab, menschliches Leben zähle in Autokratien wie China nicht viel. Aber man macht es sich zu einfach, China auf diese Weise zum wissenschaftlichen Paria zu stempeln. Ideen, wie sie He Jiankui hegt, dürften längst weltweit in Forscherköpfen zirkulieren - nicht zuletzt mit Blick auf die Vermarktung. In den USA will zum Beispiel ein Biotech-Unternehmer eine Firma gründen, zur Erforschung sicherer Methoden für die Erzeugung genetisch veränderter Babys. Wir sollten uns mit anderen Worten klar sein darüber, dass die Gentechnologie in guter wie schlechter Absicht eine verführerische Idee propagiert: die Instrumentalisierung des Menschen im Labor der Gesellschaft.
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Die Virulenz dieser Idee ist nicht zu unterschätzen. Aber der kritische Blick auf den Sino-Szientismus sollte nicht asymmetrisch bleiben. Der Westen kennt auch seine Spielart. Francis Bacons Aphorismus «Wissen ist Macht» stammt aus einer Epoche, in der sich Europa zum kolonialen Zentrum der Welt aufschwang. Und die eurozentrische Weltsicht verleitete dazu, andere Wissenstraditionen zu marginalisieren. Nichteuropäische Kulturen interessierten Bacon kaum, obwohl man im 17. Jahrhundert ausgiebig Kenntnis hatte von ihrem Wissen.
Das ändert sich jetzt dramatisch. «Der tiefere Schock für die Psyche des Westens liegt in der Erkenntnis, dass die Moderne inzwischen keine Hervorbringung des Westens mehr ist, die andere bloss von ihm übernommen haben», schreibt der chinesische Autor Kaiser Kuo. Ob Schock oder nicht - der chinesische Szientismus manifestiert eine globale Realität: Wissenschaft bleibt universal in ihren Erkenntnissen, doch partikular in ihren Institutionen und politischen Einbettungen.
Und deshalb besteht die vordringlichste forschungsethische Aufgabe im schonungslosen Aufdecken der instrumentellen Vernunft, wie sie in bestimmten gentechnologischen Projekten sichtbar wird; in der kritischen Analyse eines globalen Wettlaufs nach Fortschritt und Macht, der immer haltlosere Formen annimmt und den Planeten mit langfristigen sozialen und ökologischen Folgen bedroht. Universalismus ist nach wie vor eine tragfähige Idee, aber in einer multipolaren Welt müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie als fragile, kooperative Errungenschaft ständig und offensiv verteidigen – in China, in den USA, Europa oder wo auch immer. «Transkulturelle Übereinkunft» nennt sie der Bioethiker Jing Bao Nie.
Schön wäre es, wenn ein solcher «dritter Weg» zumindest auf geistiger Ebene existierte. Ob er aus der Wettrüstungslogik herausführt, bleibt offen - offen wie die Pandorabüchse der Gentechnologie.

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