Sonntag, 25. Januar 2026

 


«Wer Menschheit sagt, will betrügen»

Über die heikle Universalität eines Begriffs

Wir kennen die Politik der Menschenrechte. Sie geht davon aus, dass alle Menschen be-stimmte Rechte haben. Davon muss man die Politik des Menschen unterscheiden. Sie kämpft dafür, dass bestimmte Menschen überhaupt als Menschen betrachtet werden. Niemand hat den Unterschied schärfer ausgedrückt als Malcolm X, der schwarze amerikanische Bürgerrechtler, der 1965 erschossen wurde. In einer Rede 1964 sagte er: «Wir erklären unser Recht (..), menschliche Wesen zu sein, als menschliche Wesen geachtet zu werden, menschliche Rechte in dieser Gesellschaft zu erhalten, auf dieser Erde, an diesem Tag». 

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Malcolm X bezog sich nicht auf den biologischen Status des Menschen als Artgenossen, sondern auf den politischen Status des Menschen als Angehörigen einer Bevölkerungsgruppe der USA. Der Mensch ist keine «natürliche Art», sondern eine «künstliche». Das ist unter Anthropologen längst ein Gemeinplatz. Claude Lévy-Strauss beschreibt ihn einmal bündig so: «Die Menschheit endet an den Grenzen des Stammes, der Sprachgruppe, manchmal sogar des Dorfes, so dass eine grosse Zahl sogenannter primitiver Völker sich selbst einen Namen gibt, der ‘Menschen’ bedeutet (..), was gleichzeitig impliziert, dass die anderen Stämme, Gruppen oder Dörfer keinen Anteil an den guten Eigenschaften – oder sogar an der Natur – des Menschen haben, sondern höchstens aus ‘Schlechten’, ‘Bösen’, ‘Erdaffen’ oder ‘Läuseeiern’ bestehen.»

Der Begriff des Menschen ist per se diskriminierend. Und genau dies werfen ihm postkoloniale Kritiken auch vor. Wenn man von Menschenrechten rede, dann sei immer die dominante Stimme «des Westens» darin zu hören. Die Kritik ist alt. Schon Marx warf den Menschenrechten der Französischen Revolution vor, im Namen des Universellen partikulare Interessen zu verschleiern – damals die bourgeoisen Interessen der Privateigentümer. 

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«Wer Menschheit sagt, will betrügen» - dieser Hammersatz des umstrittenen Staatsrechtlers Carl Schmitt findet heute vor allem in rechtskonservativen Kreisen Gehör. Schmitt kritisierte einen «verlogenen» Universalismus, der aus heimlich partikularen Interessen allgemeine Ansprüche erhebt, und damit so tut, als sei er über den politischen Niederungen erhaben. Der Satz legt den polemischen Charakter des Menschheitsbegriffs offen. Menschheit meint «polemos»: Rivalität, Kampf, Krieg. 

Interessanterweise trifft sich Schmitt in seiner Kritik mit linken Denkern wie Jean Paul Sartre. Dieser schreibt im Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde: «Man (die Europäer) stiess bei der Menschengattung auf eine abstrakte Forderung nach Universalität, die dazu diente, realistischere Praktiken zu kaschieren: jenseits der Meere gab es eine Rasse von Untermenschen, die dank unserer Hilfe vielleicht in tausend Jahren unseren Status erreicht haben würden. Kurz, man verwechselte die ganze Gattung mit der Elite». 

Schmitts und Sartres Kritik weisen in politische Richtungen, die nicht gegensätzlicher sein könnten. Aber sie eint die Skepsis, wenn nicht gar Leugnung der Verbindlichkeit allgemeiner Werte oder Normen. Beide werfen dem Universalismus Deckmantel-Funktion vor: Er verschleiert den wahren Charakter des Politischen – bei Schmitt das nicht ausrottbare Freund-Feind-Denken, bei Sartre das Denken in Hierarchien.  

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Nun ist «der» Mensch tatsächlich eine Idee – in der Erfahrung gibt es «nur» Menschen. Darin liegt der gedankliche Kern der Universalitätsfeindlichkeit – nicht in der Polarität von rechts und links, sondern in jener von konkret und abstrakt. Die Abstraktion ist nicht unschuldig. 

In diesem Sinn ritt Armin Mohler - einer der Vordenker der Neuen Rechten Deutschlands - in den 1990er Jahren seine Attacke gegen den Universalismus. Aus der Nähe betrachtet gibt es nur den «konkreten» Menschen, und das heisst: den in seiner spezifischen Gemeinschaft verwurzelten und ihr auch schicksalsmässig verbundenen Menschen. Am Menschen haftet immer der Boden, auf dem er aufgewachsen ist. Das Individuum mit seiner Würde als unveräusserlichem Wert sind «abstrakter Humanismus», eine unter Liberalen verbreitete «Geisteskrankheit». Mohler sah im Individuum die schlimmste Abstraktion, das eigentliche Erzübel liberalen Denkens. Er diagnostizierte an ihm einen Verfall, der schon in den Idealen der Aufklärung angelegt ist. Sie waren vielleicht gedacht für alle, zahlten sich aber nie für alle aus. Die weltweite Entwicklung der Industrialisierung und Globalisierung in den letzten zwei Jahrhunderten machte aus immer mehr Menschen «abstrakte» Wesen – sie riss sie aus ihren angestammten Habitaten, und sie schuf neue Unfreiheiten, Ungleichheiten und Unterordnungen. 

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Diese gegenaufklärerische Denkfigur geistert heute in vielen Köpfen herum. In Deutschland führt zum Beispiel Benedikt Kaiser, ein Vordenker der AfD, die Mohlersche Kritik fort: «Die Westbindung, wie sie durch linksliberale und christdemokratische Kräfte implementiert wurde, hat Generationen von Deutschen nicht nur relativen ökonomischen Wohlstand und liberale Freiheit gebracht, sondern – auf einer geistigen und kulturellen Ebene – organisch gewachsene Bestände abgetragen und durch andere ersetzt. Das ‘Wir’, über Jahrhunderte gewachsen, gilt seither als ‘kollektivistisch’; das ‘Ich’ hingegen als das Mass aller Dinge.»

Die Metaphorik verrät die übliche Vorliebe rechten Denkens für das Biologische, Verwurzelte, das «natürlich» Hierarchische. Daraus lässt sich leicht ein Universalismus ableiten, der nicht auf Menschheit im Grossen ausgerichtet ist, sondern auf Menschheit im Kleinen - auf Gemeinschaft, Volk, Nation, Stamm; auf historisch gewachsene  Ordnung und konkrete Loyalität. Menschheit im Kleinen definiert ein «Wir», das ein «Nicht-wir» braucht. 

Darin steckt die unheimliche Brisanz des Satzes von Schmitt. Meint ein ethischer Universalismus, wie ihn das Menschenrechtsdenken voraussetzt, nicht immer eine Menschheit im Kleinen?  

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Die Frage ist gerade heute, vor dem Hintergrund der Identitätsdebatte, äusserst aktuell. Denn die Debatte verschärft das alte Problem des Universalismus, statt es zu lösen. Wo der abstrakte «Mensch» als Betrug entlarvt wird, treten konkrete Identitäten an seine Stelle: kulturelle, nationale, religiöse, ethnische, geschlechtliche. Sie definieren sich über Differenz und Diversität, also genau über Menschheiten im Kleinen - im Extremfall über «Dorfgemeinschaften», von denen Lévy-Strauss sprach. 

Das Problem ist verzwickt, weil zwiespältig. So mag man sicher begrüssen, dass Minoritäten in liberalen Gesellschaften ein Recht auf Anerkennung haben und eines entsprechenden Schutzes bedürfen. Das kann aber dazu führen, dass eine Gesellschaft mit dem Anwachsen der Minoritäten sich sozusagen an deren Diversität verschluckt. 

Hinzu kommt: Identitäten können repressiv sein. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen hat deshalb von der «Identitätsfalle» gesprochen. Identität kann einen Menschen in seiner «Konkretheit» festschreiben – in seiner Herkunft, Ethnie, Kultur oder seinem Geschlecht. Gerade deshalb muss man eine Lanze für die Abstraktion einlegen. Die Pointe der Menschenrechte ist ja, dass sie «den» Menschen als «blossen» Jemand schützen. Und darin liegt das befreiende, emanzipatorische Potenzial der Abstraktion. Sie sieht eine verletzbare Person, und allein dieser Status verleiht ihr eine nicht verhandelbare Würde. Wenn eine besondere Kultur oder Sitte solche Verletzungen gutheisst – zum Beispiel Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Ehrenmord, öffentliche Körperstrafe - , dann tritt ihr die Abstraktion entgegen: Hier hat «der» Mensch geschützt zu werden! Aus diesem Grund sprach der Soziologe Emile Durkheim von der säkularen «Heiligkeit» der Person. Sie ist Grundlage des Menschenrechtsdenkens – und sie muss als Grundlage der Zivilisiertheit verteidigt werden. Was «der» Mensch ist, mag vage und umstritten bleiben. 

Aber wer Menschheit sagt, will zivilisieren. 


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