Sonntag, 19. Juni 2016

Im neuronalen Wartezimmer des Bewusstseins





Bewusstsein beruht auf Gehirnprozessen. Soweit, so klar. Aber was für Prozesse sind das? Die Hirnforscher winden sich. Nun, eigentlich handelt es sich nicht direkt um Bewusstseinsprozesse, sondern um hirnphysiologische Vorgänge, die sich abspielen, wenn ich etwa einen Wutanfall oder Schmerzen habe, in jemanden verliebt bin, ein Gedicht schreibe oder beabsichtige, im Sommer nicht in die Ferien zu reisen: neuronale Korrelate von Bewusstsein, wie der Fachterminus heisst. Und was genau darf man sich darunter vorstellen? Hier winden sich die Hirnforscher noch mehr: Nun, eigentlich haben wir bloss Vermutungen, und zwar ziemlich viele. Eine kleine Auswahl gefällig? 40-Hertz Oszillationen im zerebralen Cortex, intralaminare Nuklei im Thalamus , wiederverwendbare Schleifen im thalamokortikalen System, erweiterte Aktivität im retikulär-thalamischen System, Neuronen im inferioren temporalen Kortex , Neuronen in der Area striata des visuellen Kortex’, die auf präfrontale Areale projizieren, visuelle Informationsverarbeitung im ventralen System.

Das genügt. Alles klar?  Gewiss nicht. Muss auch nicht.


Es kommt einem mitunter vor, als sässen alle die ausgeklügelten Hypothesen über die neuronalen Korrelate des Bewusstseins in einem Wartezimmer, um Einlass zu bekommen ins Sprechzimmer des Bewusstseins. Die Erwartung ist dabei, dass das Bewusstsein bestimmte Hypothesen gutheissen würde, andere nicht. Idealerweise würde eine Erklärung übrigbleiben, der Hirnschlüssel zum Bewusstsein. - Aber die Türe zum Sprechzimmer öffnet sich nicht, lässt sich nicht öffnen. Die Wissenschaft sitzt nach wie vor geschäftig im Wartezimmer. Viele Forscher harren aus, weil sie dafür Geld kriegen. Einige haben das Wartezimmer freilich schon verlassen. Und ein paar wenige fragen sich, ob es überhaupt eine Türe gibt.

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