Montag, 16. Januar 2012

Slow School

Aus dem Kantimagazin KS Olten 2010-2011





Fast wie der Kriegsruf einer gegenkulturellen Bewegung ertönen heute die Konterwörter „slow“ oder „Entschleunigung“ gegen den Verfall der Sitten: Slow Food, Slow Travel, Slow City, Slow Business, Slow Money, Slow Community, Slow Reading, Slow Sex – warum dann nicht auch schön neudeutsch Slow School?

Was könnte das bedeuten? Der „Slow School“ müsste ja logischerweise eine „Fast School“ vorausgehen, so wie Slow Food eine Reaktion auf Fast Food markiert. Den Begriff prägte Carlo Petrini, ein italienischen Journalist, als 1986  in Rom ein McDonald-Imbiss eröffnet wurde. Was als Aktion zur Verteidigung der italienischen Produkte und Küche gegen die Überhand nehmende globalisierte Industria­lisierung der Ernährung begann, wuchs sich aus zu einer weltweiten Bewegung, die in der Bewahrung traditioneller Esssitten nichts weniger als eine gastronomische Rettung der Kultur sah. Slow Food soll den Gaumen gegenüber dem restlichen Verdau­ungstrakt rehabilitieren. Und Slow School?

Die Analogie erscheint so abwegig nicht. Zunächst geht es sicher um geistigen Stoffwechsel. Wir nehmen beim Lernen Wissenstoff auf und geben ihn z.B. bei Prüfungen wieder ab. Das kann „fast“ oder „slow“ erfolgen. Ich vermute, die gängige Praxis der Prüfungsvorbereitung fällt grösstensteils in die erste Kategorie. Der Wissensstoff wird als Schnellfutter verzehrt, das man in sich hineinstopft und nach der Prüfung möglichst umgehend wieder entsorgt: Hamburger-Wissen.

Die Analogie reicht indes tiefer. Es gibt eine Art von Kulinarik – „Kochkunst“ - des Wissens. Sie besteht darin, die Mittel kennen zu lernen, wie man Wissen in den verschiedenen Disziplinen präpariert, konsumiert und verdaut. Das geschieht in der Geschichte anders als in der Physik. So oder so handelt es sich um einen langwierigen, oft auch umwegigen Prozess, um das Gegenteil von direktem Wissen-in-sich-hinein-stopfen. Ihn müsste eine „Slow School“ umso mehr pflegen, als uns heute digitale Suchmaschinen und Enzyklopädien in der Illusion wiegen, Wissen sei auf die Schnelle zu besorgen wie der Hamburger bei McDonald. Dagegen führt man sich bei einem guten Essen nicht einfach nur Nahrungsstoff zu, man geniesst ihn, man schätzt seine Zubereitung, man achtet die Tradition. Die Verteidiger der Haute Cuisine mögen ja durchaus als elitär, versnobt, vielleicht auch als retro erscheinen. Aber Gourmet, Connaisseur, Kenner verkörpern eine Art von Wissen, das man sich nicht aus Lehrbüchern oder aus der Wikipedia holt, sondern in der langsamen Auseinandersetzung mit dem Stoff gewinnt. Es ist ein Wissen, das in einem sedimentiert. Genau das kennzeichnet ja die Lehrperson: Sie ist „expertus“, das heisst: sie hat das Wissen selbst – man könnte sogar sagen: am eigenen Leib - erfahren.
Zur „Slow School“ gehört im Besonderen die Routine. Sie steht heute nicht hoch im Kurs. Wiederholen, Auswendiglernen – das ist doch der alte geisttötende Drill der pädagogischen Feldweibel. Heute   übernimmt der Computer die Routine. Stattdessen propagiert der pädagogische Mainstream selbständiges Lernen, Kreativität, Interaktivität, eigene Sinnfindung und dergleichen mehr. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange man gleichzeitig bedenkt, dass Kreativität und Verständnis gerade aus der Routine wächst, aus einem Gespür für die Sache: aus Kennerschaft. Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine liegt nicht zuletzt darin, dass menschliche Routinen eingeübt, maschinelle programmiert werden. Wer etwas von Mathematik verstehen will, muss mathematische Operationen üben. Wer ein Gespür für die Feinheiten einer Sprache entwickeln will, muss auch Wörter büffeln. Im Gegensatz zur Maschine kann der Mensch aus Routinen ausbrechen. Und genau diese Befreiung aus Selbstverständlichkeiten charakterisiert echtes Verständnis: Man erkennt gewisse Dinge, die einem zuvor nur bekannt waren. Und dadurch erweist sich Bildung letztlich immer als Persönlichkeitsbildung, als Arbeit an sich selber. Eine solche Arbeit erfordert Zeit und Musse, weil sie sich nicht wie ein Modul von heute auf morgen in mich einbauen lässt. Wissen und Bildung, die sich nicht in der Person „setzen“, bleiben auf halbem Weg stecken – als Halbbildung, die sich heute gern mit Etiketten wie „Best Practice“ und „Wissensportfolio“ schmückt.
Auf das Risiko hin, mit einem kleinen bildungsbürgerlichen Abstecher zu langweilen, sei auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Schule“ hingewiesen. „Scholé“ im Griechischen bedeutet „Musse“: Innehalten der Arbeit. Nicht faulenzen, sondern sich auf etwas konzentrieren, etwas von allen Seiten betrachten. Bezeichnenderweise definierte man Arbeit ex negativo, als nicht mussevolles Tätigsein. Sie wurde von Unfreien, von Sklaven verrichtet. Auch das lateinischen Wort „otium“ für Musse deutet dies an. Aus seiner Negation leitet sich „negotium“ her: geschäftige Arbeit, die Not und Mühe um des Lebensunterhalts willen.

Daraus liesse sich ein paradox anmutender Gedanke spinnen: Schule als Ort der mussevollen Mühe; als Ort, wo man sich entspannt anstrengt, das heisst, nicht immer gleich fragt, wozu denn die Anstrengung diene, was sie „bringe“. Man kommt sich heute, lässt man diesen Gedanken etwas im Kopf kreisen, schnell einmal wie im falschen Film vor. Überall Hektik, Stoffdruck, Zeitnot, überall die Zwänge eines ökonomisch überhitzten Lebens im „negotium“. Allein von Bildung zu reden bringt einen in den verstaubten Geruch des Gestrigen. Nietzsche nannte schon zu seiner Zeit solche Institutionen „Anstalten der Lebensnoth“. Heute ist Wissensmanagement gefragt, die operative Handhabung des Wissens. Ein Modul hier, ein Modul da, und schon ist man gerüstet für die freie Wildbahn des Arbeitsmarktes. War das Gymnasium früher Reproduktionsanstalt für die Bildungsbürgerelite, so mutiert es heute zur „Fast School“, zum Humannachschub-Versorger für die Dienstleitungs- und Medien­gesell­schaft. Was soll da Bildung?
Ich stimme kein Klagelied auf den Niedergang von Schule und Bildung an. Ich plädiere für eine Aufwertung der Schule als Ort des Erinnerns - analog zur Aufwertung der guten Küche, die ja auch unser Gedächtnis wachhält für die Traditionen der Speisezubereitung, für die „Weisheiten“ des Genusses. Und schliesslich: Sollten wir vergessen haben, dass Wissen vom lateinischen Wortstamm her – sapere – auch Schmecken bedeutet? Für eine Schule, die in ihrem Leitbild ausdrücklich die „Freude am Lernen“ anführt, könnte dies also auch heissen: Geschmack finden am Lernen. Der Kreis zum Kulinarischen schliesst sich. Ich schlage vor, „Slow School“ gewissermassen als leises Memento zu begreifen, das unseren Unterricht stets begleitet: Nimm dir Zeit für das, was du lehrst und lernst - nimm dir die Musse dazu - wie bei einem guten Essen. Wer fragt sich bei einem geselligen und lukullischen Mahl: Wozu dient das?
„Es gilt als ausgemacht, dass die Glückseligkeit sich in der Musse findet“, sagte Aristoteles. Man ersetze probehalber „Musse“ durch „Schule“. Und mache sich dann in aller Musse seine eigenen Gedanken. Guten Appetit!

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